10.07.2026: Während die Rede von einem Waffenstillstand einen Großteil der internationalen Medien dazu veranlasst hat, den Blick auf andere Regionen zu richten, prägen Tod, Vertreibung und Entbehrung weiterhin den Alltag im Gazastreifen. Wer gibt den Kindern die Kindheit zurück, die sie nie gekannt haben, fragt Dr. Ezzideen, der in Gaza als Arzt arbeitet:
Heute habe ich beobachtet, wie vier Kinder, von denen keines älter als zwölf war, einer Frau die Straße entlang folgten, obszöne Beleidigungen riefen und sexuell anzügliche Bemerkungen machten. Einige von uns griffen ein, um sie davon abzuhalten, doch sie antworteten uns mit derselben Sprache, als wäre Obszönität ihre Muttersprache geworden.
Für einen Moment war ich wütend.
Dann sah ich sie an. Sie waren barfuß. Ihre Haut war von der Sonne verbrannt. Sie kamen aus den Zeltlagern, wo die Kindheit durch das Überleben ersetzt worden war. Was ich sah, war keine Unschuld. Aber es war auch kein gewöhnliches Böses.
Was ist ein Kind, das Obszönitäten vor Freundlichkeit gelernt hat?
Was wird aus einem Gewissen, dem nie die Chance gegeben wurde, sich zu entwickeln?
Ab wann bleibt Schuld persönlich, und ab wann wird sie zum Spiegelbild einer Gesellschaft, die vergessen hat, wie man seine Kinder schützt?
"Wir kontrollieren 60–70 % des Gazastreifens, wir zerstören seine gesamte Struktur, die ganze Welt weiß, was das bedeutet. Gaza wird in Trümmern zurückbleiben, und die Bewohner werden auswandern müssen, weil dort in den nächsten Jahrzehnten nichts mehr zum Leben sein wird."
Bezalel Smotrich, israelischer Finanzminister, 19.6.2026
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Ein Kind ist für seine Taten verantwortlich.
Doch kein Kind entwickelt diese dunklen Seiten aus sich heraus. Jemand bringt sie ihm bei. Wenn nicht die Eltern, dann die Straße. Wenn nicht die Straße, dann der Krieg selbst.
Diese ist die Seite des Krieges, die in keinem Opferbericht festgehalten wird.
Wir zählen die Toten, weil sie leichter zu zählen sind als die Lebenden, die sich grundlegend verändert haben.
Wir vermessen die zerstörten Gebäude, weil Beton einfacher wieder aufzubauen ist als eine menschliche Seele.
Wir sprechen vom Wiederaufbau, als reiche es aus, Mauern wieder aufzurichten.
Doch wer baut die moralische Welt eines Kindes wieder auf? Wer lehrt einer Generation Respekt, die das Überleben vor dem Mitgefühl gelernt hat? Wer gibt denen die Kindheit zurück, die diese nie gekannt haben?
Kinder wachsen noch immer in Zelten auf, während mehr als neunzig Prozent der Schulen in Gaza in Trümmern liegen und während der Schulunterricht seit Jahren unterbrochen ist.
Ein Zelt mag einen Körper beherbergen. Es kann keinen Menschen großziehen.
Und was schaffen wir, wenn Kinder in eine Welt hineingeboren werden, in der Überleben die erste Lektion und Würde die letzte ist?
Die Menschen fragen, ob der Krieg vorbei ist.
Ich frage mich, ob sie verstehen, was Krieg wirklich zerstört. Nicht nur Häuser. Nicht nur Krankenhäuser. Nicht nur Leben. Sein tiefster Sieg besteht darin, dass er Kinder nach und nach davon überzeugt, eine Dunkelheit zu erben, die sie sich nie ausgesucht haben.
Wie kann man das Ende eines Krieges verkünden, wenn seine Ruinen gelernt haben zu sprechen, zu gehen und eines Tages vielleicht selbst Eltern zu werden?
Dr. Ezzideen auf X folgen: https://x.com/ezzingaza
Craig Mokhiber war Leiter des UN-Menschenrechtsbüros in New York und ist aus Protest gegen die Untätigkeit der UNO angesichts des Völkermordes in Gaza von seinem Posten zurückgetreten
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