19.06.2026: Iran hat sich im ersten multipolaren Krieg seinen Platz als einer der Pole erworben. Die von Iran und den USA unterzeichnete Absichtserklärung zur Beendigung des Krieges ist "eine vollständige Kapitulation der USA, wie sie von den USA in ihrer gesamten Geschichte noch nie unterzeichnet wurde", meint der französische Analyst Arnaud Bertrand.
Bereits im März schrieb ich, dass der Iran am Gewinnen sei, und zwar nicht nur strategisch, sondern auch taktisch (siehe kommunisten.de, 24.03.2026: Iran: Der erste multipolare Krieg), aber ich hätte wirklich nicht erwartet, dass dies letztendlich – drei Monate später – zu einer vollständigen Kapitulation der USA führen würde.
Denn machen Sie sich nichts vor: Genau das ist das soeben unterzeichnete "Abkommen" – eine vollständige Kapitulation der USA, wie sie in ihrer gesamten Geschichte noch nie unterzeichnet wurde.
Vergleichen wir es mit den beiden anderen berühmtesten Kapitulationsabkommen der USA
Vergleichen wir es mit den beiden anderen berühmtesten Kapitulationsabkommen der USA: den Pariser Friedensabkommen mit Vietnam von 1973 und dem Doha-Abkommen mit Afghanistan von 2020.
Der wesentlichste Unterschied besteht darin, dass sowohl das Vietnam- als auch das Afghanistan-Abkommen – obwohl es sich um Dokumente handelte, in denen die USA faktisch ihre Niederlage eingestanden – zumindest einige Bestimmungen enthielten, die den USA das Gesicht wahrten.
So akzeptierte Nordvietnam im Vietnam-Abkommen beispielsweise das Fortbestehen der südvietnamesischen Regierung, versprach eine friedliche Wiedervereinigung, erklärte sich bereit, den 17. Breitengrad als Trennlinie beizubehalten, und akzeptierte internationale Aufsicht. Das waren echte (wenn auch letztlich nicht durchsetzbare und nicht durchgesetzte) Zugeständnisse.
Das Gleiche gilt für die Taliban: Sie garantierten, dass afghanisches Territorium nie wieder für Angriffe auf Amerika genutzt werden würde, und erklärten sich bereit, mit der damaligen Regierung in Kabul über eine politische Lösung zu verhandeln. Die letztgenannte Verpflichtung wurde zwar nie ernsthaft verfolgt – doch beide Zusagen existierten und lieferten den USA eine Rechtfertigung: Zumindest konnten sie behaupten, ihr Ziel nach dem 11. September sei auf dem Papier gesichert worden.
Das Abkommen mit dem Iran ist völlig anders: Es enthält kein einziges bedeutendes Zugeständnis seitens des Irans. Die Wiederöffnung der Straße von Hormus ist lediglich die Rücknahme einer Kriegsmaßnahme, die der Iran als Reaktion auf den Angriff der USA und Israels ergriffen hatte. Und die "Bekräftigung", dass der Iran keine Atomwaffen bauen wird, ist genau das: eine Bekräftigung einer Position, die Teheran seit Jahrzehnten vertritt.
Zur Erinnerung: Es gibt eine Fatwa von Khamenei aus dem Jahr 2003, die die Herstellung und den Einsatz jeglicher Form von Massenvernichtungswaffen verbietet, sodass diese "Bekräftigung" den Iran absolut nichts kostet.
Wenn das keine vollständige Kapitulation ist, weiß ich ehrlich gesagt nicht, was sonst.
Unterdessen ist die Liste der Zugeständnisse und Kosten auf US-Seite atemberaubend:
- Endgültige Beendigung des Krieges an allen Fronten, einschließlich des Libanon
- Eine Zusage der USA, die Souveränität des Iran zu respektieren und sich nicht in seine inneren Angelegenheiten einzumischen
- Vollständige Aufhebung der Seeblockade
- Abzug aller US-Streitkräfte aus der Region innerhalb von 30 Tagen nach dem endgültigen Abkommen
- Ein Wiederaufbau- und Entwicklungsfonds in Höhe von 300 Milliarden US-Dollar für den Iran
- Aufhebung aller Sanktionen: der UNO, der Internationalen Atomenergiebehörde IAEO sowie aller einseitigen US-Sanktionen, sowohl primärer als auch sekundärer Art
- Sofortige Aufhebung der Beschränkungen durch das US-Finanzministerium für iranische Ölexporte und alle damit verbundenen Bank-, Versicherungs- und Schifffahrtsdienstleistungen
- Vollständige Freigabe aller eingefrorenen iranischen Gelder und Vermögenswerte, die nach dem Ermessen der iranischen Zentralbank verwendet werden dürfen
Ganz konkret bedeutet dies also, dass die USA zustimmen,
1) den Krieg zu beenden und ihre Truppen abzuziehen,
2) alle vor dem Krieg bestehenden feindseligen Maßnahmen gegenüber dem Iran (die Sanktionen, die eingefrorenen Gelder, die Einmischung in innere Angelegenheiten usw.) zu beenden und
3) Hunderte von Milliarden Dollar zu überweisen, die faktisch Kriegsreparationen darstellen.
Wenn das keine vollständige Kapitulation ist, weiß ich ehrlich gesagt nicht, was sonst.
... ausgerechnet in Versailles
Und als Sahnehäubchen, in einem absolut perfekten Anflug historischer Ironie, unterzeichnete Trump dieses Kapitulationsabkommen in Versailles.
Die Symbolik, dass Trump ein Kapitulationsabkommen, in dem die USA zustimmen, massive Reparationen zu zahlen, am Mittwochabend während eines Abendessens mit dem französischen Präsidenten Macron ausgerechnet im Schloss Versailles unterzeichnete, ist nahezu unglaublich. Die Geschichte wiederholt sich, aber selten so deutlich – umso mehr, als der historische Versailler Vertrag von 1919 zur Beendigung des Ersten Weltkrieges ebenfalls im Juni unterzeichnet wurde!
Emmanuel Macron, 17.6.2026: "Präsident Trump hat heute Abend in Versailles das Abkommen zwischen dem Iran und den Vereinigten Staaten unterzeichnet."
https://x.com/EmmanuelMacron/status/2067400239657410963
Ich würde mich nicht wundern, wenn Macron Trumps vollständige Unkenntnis der Geschichte ausgenutzt und ihm etwas in der Art gesagt hätte: "Herr Präsident, Versailles ist der Ort, an dem der folgenschwerste Vertrag des 20. Jahrhunderts unterzeichnet wurde. Der Ihre verdient dieselbe Bühne."
Natürlich ist es berechtigt – sogar sehr berechtigt –, zu vermuten, dass Trump dieses Abkommen nicht einhalten wird.
Natürlich ist es berechtigt – sogar sehr berechtigt –, zu vermuten, dass Trump dieses Abkommen nicht einhalten wird. Wenn er in seiner politischen Karriere eines bewiesen hat, dann ist es, dass er unfähig ist, Vereinbarungen einzuhalten. Hinzu kommt die Israel-Dimension: Das Dokument besagt zwar, dass der Krieg "an allen Fronten, einschließlich des Libanon, enden" soll, aber Israel hat bereits deutlich gemacht, dass es sich nicht an das Abkommen gebunden fühlt.
Ich vermutet, dass das Abkommen in zwei Teile zerfallen wird
Daher vermute ich – wie ich bereits am Tag der Bekanntgabe der Absichtserklärung schrieb (https://x.com/RnaudBertrand/status/2066381129675096138) -, dass das Abkommen in zwei Teile zerfallen wird. Die unmittelbaren Zugeständnisse – Aufhebung der Blockade, Wiederaufnahme der Öllieferungen, Freigabe eingefrorener Gelder – werden erfolgen (einige sind bereits erfolgt) und wahrscheinlich Bestand haben, da eine Rücknahme bedeuten würde, genau den Krieg wieder aufzunehmen, den die USA auf demütigende Weise verloren haben.
Die aufgeschobenen Bestimmungen – die Verhandlungen über das Atomprogramm, der Sanktionszeitplan, der Wiederaufbaufonds – werden wahrscheinlich in eine dauerhafte Schwebe geraten, denn, wie ich damals schrieb, werden die USA keine besseren Bedingungen in der Atomfrage erzielen, nachdem sie gezeigt haben, dass sie diese auf dem Schlachtfeld nicht durchsetzen konnten. Und da die Sanktionserleichterungen und die 300 Milliarden Dollar an ein endgültiges Abkommen geknüpft sind, das die Lösung der Atomfrage erfordert, und die Atomfrage wiederum Druckmittel erfordert, über die die USA nicht mehr verfügen, ist die gesamte Struktur eine Endlosschleife.
Was die Israel-Libanon-Frage angeht, ist die Lage heikler.
Was die Israel-Libanon-Frage angeht, ist die Lage heikler. Israel befindet sich in gewisser Weise in einer Situation wie Südvietnam, da sein Schutzmacht hinter seinem Rücken eine Kapitulation ausgehandelt hat. Der Unterschied besteht darin, dass Thieu zu schwach war, um die Pariser Abkommen zu sabotieren, während Netanjahu dies nicht ist: Seine Fähigkeit, die Lage im Libanon zu eskalieren, verschafft ihm ein De-facto-Veto gegen die fragilste Bestimmung des Abkommens.
Realistisch betrachtet ist es jedoch schwer vorstellbar, dass die USA bereit wären, den Krieg wieder aufzunehmen, der ja ihre eigene Form der Abschreckung darstellt: Wenn Israel unter Verletzung des Waffenstillstands weiterhin den Libanon angreift, kann der Iran nun mit weitaus größerer Zuversicht zurückschlagen, dass die USA nicht zu Hilfe eilen werden – was Israel zum Nachdenken bringen dürfte.
Im Endeffekt bedeutet dies, dass der Sicherheitsschirm der USA über Israel gerade deutlich dünner geworden ist. Das heißt, dass Israel zum ersten Mal seit langer Zeit die Kosten einer Provokation des Iran kalkulieren muss, ohne davon auszugehen, dass die USA die Konsequenzen abfedern werden. Dies spricht für Zurückhaltung, zumindest für jeden rational handelnden Akteur. Aber andererseits war dieselbe Regierung, die die USA überhaupt erst in diesen Krieg hineingezogen hat, nicht gerade ein Musterbeispiel für strategische Rationalität.
Auf jeden Fall ist es unbestreitbar, dass der Iran gerade etwas erreicht hat, was noch keinem anderen Land jemals gelungen ist: Er hat der vollen Wucht der US-amerikanischen und israelischen Militärmaschinerie standgehalten und ein Kapitulationsabkommen erzwungen, das die Pariser Friedensabkommen im Vergleich dazu wie einen Sieg der USA erscheinen lässt.
Um auf den Titel meines früheren Artikels zurückzukommen: Dies war der erste multipolare Krieg, und der Iran hat sich definitiv seinen Platz als einer der Pole erworben.
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Iran: Der erste multipolare Krieg24.03.2026: "Ich glaube, den Leuten ist gar nicht bewusst, wie außergewöhnlich das ist, was wir gerade im Iran erleben. Historiker werden vielleicht auf diesen Konflikt so zurückblicken, wie sie auf Suez 1956 zurückblicken – nicht so sehr als militärisches Ereignis, sondern als der Moment, in dem die Realität einer neuen Ordnung unbestreitbar wurde", meint der französische Analyst Arnaud Bertrand. |
übernommen von https://substack.com/@arnaudbertrand/note/c-278304825
eigene Übersetzung
zum Thema
- Wie Teheran die Welt für sich gewann
17.06.2026: Absichtserklärung der USA und des Iran über Friedensabkommen unterschriftsreif ++ Al Arabiya veröffentlicht Schlüsselpunkte ++ Israel will Abkommen sabotieren ++ JD Vance: "Sie schlagen einen endlosen Konflikt vor." ++ Schlüsselrolle Libanon ++ Foreign Policy: Iran ist eine größere Niederlage als Vietnam





