Meinungen

27.05.2026: Beitrag von Timo Reuter beim Ratschlag "Kapitalistische Krise und Entwicklung nach rechts"

Knapp 200 Interessierte hatten sich am 18. April im Bürgerhaus Schönhof in Frankfurt am Main zu einem Marxistischen Ratschlag zusammengefunden. Das Thema: "Kapitalistische Krise und Entwicklung nach rechts". Veranstaltet wurde er von den vier linken und marxistischen Zeitschriften LuXemburg, Marxistische Blätter, Sozialismus.de und Z - Zeitschrift Marxistische Erneuerung.

Eröffnet wurde die Beratung von Heiz Bierbaum (ehem. Vorsitzender der Europäischen Linken sowie der Rosa-Luxemburg-Stiftung).

In insgesamt drei Panels wurde intensiv darüber diskutiert, wie die aktuelle Krise des Kapitalismus und die allgegenwärtige Rechtsentwicklung zusammenhängen und welche Gegenstrategien es gibt.

Ausgehend von der These, dass die Rechtsentwicklung Ausdruck sich verschärfender Widersprüche dieser Klassengesellschaft sei, beschäftigte sich das erste Panel mit den ökonomischen und politischen Dimensionen der Krise. Die Impulsreferate hielten Joachim Bischoff (sozialismus.de), Gerd Wiegel (Z-Redaktion), Willy Sabautzki (Marxistische Blätter), Nicole Mayer-Ahuja (Arbeitssoziologin und Professorin an der Universität Göttingen, Vertrauensdozentin der Rosa-Luxemburg-Stiftung)

Das zweite Panels mit Frank Deppe (em. Politikwissenschaftler aus Marburg, Z-Beirat und Mitherausgeber sozialismus), Alex Demirovic (Rosa-Luxemburg-Stiftung), Thomas Hagenhofer (Marxistische Blätter) behandelte die Frage "Was genau bedeutet eigentlich Rechtsentwicklung? Handelt es sich um eine Fortsetzung illiberaler Demokratie, um wiedererstarkten Faschismus oder um eine neue Konstellation der Klassenherrschaft?"

Das dritte Panel diskutierte Anknüpfungspunkte für Gegenbewegungen. Einleitende Referate kamen von Ingar Solty (Institut für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung), Lola Fischer-Irmler (Otto-Suhr-Institut an der FU Berlin), Isa Paape (Betriebsrätin bei Siemens Energy in Erlangen, Z-Autorin) und Timo Reuter.

Timo Reuter (Gewerkschafter in der Automobilindustrie, Mitorganisator der Gewerkschaftlichen Friedenskonferenz in Salzgitter und der Braunschweiger Gramsci-Tage, Mitherausgeber Marxistische Blätter) stellte in seinem Beitrag fest, dass die Aggressivität der Herrschenden zunimmt, doch ihre Hegemonie bröckelt. Aber die Subalternen hätten noch kein gemeinsames Projekt, und autoritäre Kräfte böten autoritäre Lösungen an. Reuter verwies auf die Grenzen eines "hilflosen" Antifaschismus, der oftmals nur moralisch argumentiere. Viele Anti-AfD-Demos der letzten Jahre seien so gewesen. Wir müssten auch den Blick richten auf die politischen Bedingungen, die der AfD den Aufschwung ermöglichten. Der Sozialabbau von CDU, SPD und Grünen habe diese Bedingungen mit geschaffen. Antifaschismus brauche einen Klassenstandpunkt.

Wir dokumentieren den Beitrag von Timo Reuter als Vorabdruck aus Marxistische Blätter 3_2026 (Juli). (https://www.marxistische-blaetter.de/)
kommunisten.de bedankt sich bei Marxistische Blätter für die freundlicher Genehmigung zur Vorabveröffentlichung.

"Die alte Welt liegt im Sterben …"
Krise, Monster und die Aufgabe einer gewerkschaftlichen antifaschistischen Strategie

Beitrag von Timo Reuter beim Ratschlag "Kapitalistische Krise und Entwicklung nach rechts"

Antonio Gramsci hat für historische Übergangsphasen einen Satz geprägt, der heute bedrückend aktuell ist: "Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster."

Dieser Satz ist mehr als eine kulturpessimistische Diagnose. Er beschreibt eine organische Krise der Hegemonie: Die herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse verlieren ihre Fähigkeit, Zustimmung zu organisieren – ökonomisch, politisch und ideologisch. Zugleich ist die subalterne Klasse noch nicht in der Lage, ein eigenes Projekt gesellschaftlicher Führung zu entwickeln und durchzusetzen. Die Krise ist damit offen, widersprüchlich und umkämpft.

Wie also nun aus dem Begriff der Krise etwas Positives ziehen?

Gramsci begreift Krise nicht als Ausnahmezustand, sondern als Verdichtung gesellschaftlicher Widersprüche. Gerade darin liegt ihr emanzipatorisches Potenzial. Ein positiver Krisenbegriff heißt daher nicht, Verwerfungen zu beschönigen oder Leid zu relativieren. Er bedeutet, die Krise als Moment zu begreifen, in dem sich bisherige Selbstverständlichkeiten auflösen und in dem neue politische Orientierungen möglich werden.

Für die gesellschaftliche Linke ist entscheidend, Krise nicht als rein moralisches oder kommunikatives Problem zu behandeln, sondern als Ausdruck materieller Brüche: Prekarisierung, Abstiegsängste, geopolitische Zuspitzungen, ökologische Zerstörung. Wer Krise nur beklagt oder elitär kommentiert, überlässt das Terrain jenen Kräften, die einfache Feindbilder und autoritäre Lösungen anbieten.

Ein positiver Krisenbegriff fragt daher:

• Wo bricht Zustimmung zum bestehenden System weg?

• Welche Erfahrungen von Ungerechtigkeit, Ohnmacht und Verlust treiben diesen Bruch?

• Wie kann daraus ein progressives, solidarisches Projekt entstehen?

Die Monster unserer Zeit

Die "Monster", von denen Gramsci spricht, sind keine Randerscheinungen. Sie sind heute strukturelle Antworten der Herrschenden auf den Verlust hegemonialer Kontrolle. Vier dieser Monster stechen besonders hervor:

1. Zerstörung des sozialen Zusammenhalts
Gesellschaftliche Solidarität wird systematisch untergraben: durch Konkurrenz, Standortlogik, Sozialabbau und ethnisierende Spaltung. Menschen werden gegeneinander ausgespielt – Beschäftigte gegen Erwerbslose, Inländer gegen Migrant:innen, "Leistungsträger" gegen "Kostenfaktoren".

2. Autoritärer Umbau der Gesellschaft
Sozialstaatliche Errungenschaften der Arbeiterklasse werden abgebaut, während Polizei-, Überwachungs- und Repressionsapparate ausgebaut werden. Politische Auseinandersetzung über gesellschaftliche Ziele, Alternativen und Machtverhältnisse tritt in den Hintergrund. Entscheidungen werden als technische Sachzwänge präsentiert, die lediglich noch "effizient verwaltet" werden müssten. Ingar sprach bei den Gramsci-Tagen 2024 in Braunschweig treffend vom "Postliberalen Kapitalismus", der seine einstigen Versprechen nicht mehr einlösen kann.

3. Militarisierung und Gewalt als Normalzustand
Krieg und militärische Eskalation werden erneut als legitimes Mittel internationaler Politik etabliert. Gleichzeitig werden Gesellschaften "kriegstüchtig" gemacht – ideologisch, ökonomisch und kulturell. Der Umbau auf Rüstungsproduktion wird als Beschäftigungssicherung verkauft, obwohl er langfristig Unsicherheit, Zerstörung und neue Kriege vorbereitet.

4. Klimakrise und Umweltzerstörung als systemische Sackgasse
Natur wird zur Ressource degradiert, ökologische Grenzen ignoriert, solange Wachstum, Profite und geopolitische Konkurrenz es verlangen. Anstatt die Ursachen von Klimakrise und Artensterben anzugehen, reagieren die Herrschenden mit Marktmechanismen. Die Kosten der ökologischen Zerstörung werden externalisiert – auf den globalen Süden, auf zukünftige Generationen und auf jene, die am wenigsten zu ihr beigetragen haben. So wird die Klimakrise selbst zu einem weiteren Feld sozialer Spaltung, autoritärer Politik und potenzieller Gewalt, anstatt zum Ausgangspunkt einer solidarischen gesellschaftlichen Transformation.

Diese Monster sind keine Betriebsunfälle der Geschichte. Sie sind Resultat einer Krise, in der das Alte seine Probleme nur noch durch Härte, Abschottung und Gewalt zu lösen versucht.

Vom hilflosen Antifaschismus zur materialistischen Strategie

Vor diesem Hintergrund braucht es eine gewerkschaftliche, antifaschistische Strategie, die tatsächlich dazu beiträgt, "das Neue zur Welt zu bringen". Drei Grundlinien erscheinen dabei zentral:

1. Überwindung des hilflosen Antifaschismus
Mit "Hilflosem Antifaschismus" meine ich eine Form des Antifaschismus, die Faschismus moralisch verurteilt, aber gesellschaftlich nicht erklärt: Er bekämpft Einstellungen statt Verhältnisse, verteidigt den Status quo statt ihn zu überwinden – und bleibt deshalb politisch wirkungslos. Antifaschismus wird hilflos, wenn er moralisch empört, aber keine materialistische Erklärung und keine gesellschaftliche Alternative anbietet.

Die entscheidende Frage lautet: Wie gewinnen wir diejenigen zurück, die den Bruch mit dem Status quo vollzogen haben, in ihrem Wunsch nach Veränderung aber falschen Zielen folgen?

Das verlangt eine materialistische Ansprache: Wohnen, Löhne, Arbeitsbedingungen, soziale Sicherheit, Zukunftsperspektiven. Antifaschismus muss zeigen, dass rechte Politik diese Probleme nicht löst, sondern verschärft – und dass Solidarität keine moralische Floskel, sondern eine konkrete Alternative ist. Das schwierige aus meiner Sicht: Das muss konkret erfahrbar werden.

2. Den Klassengegner nicht aus dem Blick verlieren
Antifaschistische Politik darf sich nicht nur auf die extreme Rechte verengen. Während sich alle Augen auf die AfD richten sollen, treibt der bürgerliche Block aus CDU, SPD und Grünen einen reaktionär-militaristischen Staats- & Gesellschaftsumbau voran: Sozialabbau, Aufrüstung, autoritäre Gesetzgebung, Standortnationalismus, Sanktionierung von Personen. Kurz gesagt: Die AfD macht die Hetze, die Regierung die entsprechenden Gesetze.

Was nicht passieren darf:

  • Ein ausschließlicher Fokus auf die AfD vernebelt die Sicht auf die gravierenden Verschlechterungen, die auch ohne die extreme Rechte in Regierungsverantwortung umgesetzt werden.
  • Militarisierung und Umbau auf Rüstungsproduktion sichern keine zukunftsfähige Arbeit, sondern bereiten neue Kriege vor.
  • In der Abgrenzung nach rechts dürfen wir nicht die Gesellschaft verteidigen, die wir selbst überwinden wollen.

Antifaschismus ohne Klassenstandpunkt wird hilflos. Antimilitarismus ohne Klassenstandpunkt wird blind.

3. Repolitisierung der Gewerkschaften – im Betrieb und in der Gesellschaft
Hier kommt den Gewerkschaften eine Schlüsselrolle zu. Sie müssen ihr politisches Mandat wieder ernst nehmen. Die Krise ist nicht nur tariflich, sondern ökonomisch, geopolitisch und gesellschaftlich – und sie verlangt politische Antworten.

Repolitisierung bedeutet:

  • Zuhören, wo Mitglieder stehen, welche Sorgen und Widersprüche sie bewegen.
  • Konflikte nicht zu scheuen, sondern demokratische Aushandlung zu organisieren.
  • Rechten Deutungen nicht nachzugeben, sondern ihnen eigene, überzeugende Erzählungen entgegenzusetzen.

Hans Jürgen-Urban aus dem Vorstand der IG Metall brachte dies einmal treffend auf den Punkt: "Klare Kante und offene Tür – um die rechte Mobilisierung zu stoppen, braucht es demokratische Ermächtigung in den Betrieben." Vertrauensleute sind der Schlüssel zur Repolitisierung der Gewerkschaftsbewegung, weil sie kollektive Interessen im betrieblichen Alltag verankern und aus individuellen Problemen wieder politische Fragen machen können.

Das Neue organisieren

Das chinesische Wort für Krise, setzt sich aus "Gefahr/Risiko" und "Wendepunkt/Gelegenheit/Chance" zusammen. Es symbolisiert, dass jede Krise eine gefährliche Situation ist, die gleichzeitig das Potenzial für Wandel und Chancen birgt.

Die neue Welt wird nicht von allein geboren. Sie entsteht nur, wenn wir Krise als Kampffeld begreifen – und uns nicht mit der Verwaltung des Niedergangs begnügen. Gewerkschaftliche und antifaschistische Politik müssen daran arbeiten, materielle Interessen, demokratische Praxis und eine solidarische Zukunftsperspektive miteinander zu verbinden. Das strategische Ziel muss ein nachhaltiger Sozialismus (Dörre), das Etappenziel die sozialökologische Transformation sein.

Gelingt uns das nicht, bleiben die Monster hegemoniefähig. Gelingt es, kann aus der Krise ein historisches Fenster für gesellschaftliche Erneuerung werden.

Geschafft: Mehr als eine Million Unterschriften
Weiter unterzeichnen, damit auch Deutschland die Schwelle überspringt

EBI Assoziierungsabkommen EU Israel klein

Europäische Bürgerinitiative "Gerechtigkeit für Palästina" erreicht mehr als 1 Million Unterschriften  ++ Schwelle in elf Ländern übersprungen, Deutschland schwach ++ Italien setzt Verlängerung des Verteidigungsabkommens mit Israel aus ++ EU will Sanktionen gegen Israel erörtern – neue Position der ungarischen Regierung steht noch aus
weiterlesen und unterzeichnen hier 

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Neues von der Solidaritätskampagne: Abdeckplanen zum Schutz vor Regen. Gaza wird nicht vergessen!

Gaza Soliaktion Regenplanen 2025 12 2
zum Text hier
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EL Star 150

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