Literatur und Kunst

12.06.2026: Der Historiker Sven Beckert schickt die Leser:innen auf eine atemberaubende Reise durch Zeit und Raum ++ Der deutsch-us-amerikanische Historiker erzählt in diesem monumentalen 1.280 Seiten umfassenden Werk (davon über 200 Seiten Anmerkungen und Namens- und Ortsregister) die Geschichte des "Kapitalismus" über eine Raum-Zeit-Dimension, die unser Bild dieses ökonomisch-politischen Systems zwar nicht grundlegend revolutioniert aber doch viele Facetten hinzufügt.
Eine Buchbesprechung von Günther Stamer

 

"Trotz oder vielleicht gerade wegen seiner Allgegenwart wird der Kapitalismus von Vielen als selbstverständlich angesehen, nicht wenige halten ihn sogar für einen natürlichen Zustand. Was normal und scheinbar natürlich ist – die Welt, wie sie heute ist, hat eine Geschichte", schreibt der Autor in seiner Einführung.

Und er erzählt dessen Geschichte anders, als wir es gewohnt sind.

Gängige Darstellungen beginnen üblicherweise mit der Industriellen Revolution und dem Entstehen der modernen Industrie vor etwa 250 Jahren. "Ein solcher Ansatz blendet aus, wie Kaufleute die kapitalistische Revolution in Gang gesetzt haben. Stattdessen habe ich mich auf das vergangene Jahrtausend konzentriert. In diesem Zeitraum wird seine Geschichte als die allmähliche Entfaltung einer neuen Wirtschaftslogik erkennbar: Wie Inseln des Kapitals in Städten auf der ganzen Welt entstanden, sich ins Hinterland ausdehnten – und schließlich einer kapitalistischen Weltordnung den Weg bereiteten."

 

"Trotz oder vielleicht gerade wegen seiner Allgegenwart wird der Kapitalismus von vielen als selbstverständlich angesehen, nicht wenige halten ihn sogar für einen natürlichen Zustand. Er hat unsere Welt so tiefgreifend geprägt, dass es durchaus möglich ist, ihn kaum zu bemerken. Aber was «natürlich» wirkt, ist noch nicht sehr lange präsent und dazu vollständig von Menschen erschaffen.

Wenn Sie in Kairo, Guangzhou oder Florenz leben, dann befinden Sie sich an einem Ort, an dem die Anfänge des Kapitalismus ziemlich weit zurückreichen, womöglich bis zu einem Jahrtausend. Aber solche Orte sind sehr selten. An fast allen anderen Orten ist die kapitalistische Revolution höchstens ein paar Jahrhunderte alt, oft sogar viel jünger.

Aus globaler Sicht war der Kapitalismus noch um 1800 auf wenige Inseln in einem riesigen Meer des Wirtschaftslebens beschränkt, das nach anderen Prinzipien organisiert war: Produziert wurde für den Eigenbedarf, es gab Tributpflicht und fast kein Wirtschaftswachstum. Wenn Sie außerhalb der kapitalistischen Kerngebiete wohnen, insbesondere auf dem Land, ist die kapitalistische Revolution bei Ihnen vielleicht erst so jung wie das Jahrtausend, in dem wir gerade leben.

Der Kapitalismus ist ein neues Phänomen, und die längste Zeit seiner Logik nur an wenigen Orten auf der Welt anzutreffen.Vielleicht überraschender ist, dass die kapitalistische Revolution nicht nur in Bezug auf ihre räumliche Ausdehnung, sondern auch hinsichtlich ihrer Durchdringung vieler Bereiche unseres Lebens relativ neu ist."

 

Fern eurozentristischer Sichtweise

Statt den Kapitalismus, wie lange üblich, als europäisches Exportprodukt zu betrachten, erfasst er ihn in seiner von Beginn an internationalen Vernetzung. Der Autor beginnt seine kapitalistische Entwicklungsgeschichte im Jahr 1150 im Hafen von Aden. Vor 900 Jahren war die südjemenitische Hafenstadt einer der größten Handelsknotenpunkte der Welt. Die herausragende Bedeutung Adens gründete auf seiner zentralen Rolle im Handel zwischen der arabischen Welt und dem indischen Subkontinent.

"Entstehungsraum einiger der frühesten und dynamischten Knotenpunkte des Kapitals war die islamische Welt. Über mehrere Jahrhunderte lang war sie das Zentrum der Weltwirtschaft. Im Gegensatz zu den christlichen Herrschern des feudalen Europa, die sich in der Regel auf dem Land niederließen, sammelten sich die islamischen politischen und wirtschaftlichen Eliten in den Städten, und schon bald erstreckte sich ein Netzwerk von Metropolen von Nordafrika bis nach Westasien. Diese Kaufleute handelten zwischen dem Roten Meer, Indien und Ostafrika, sie organisierten Kredit, diversifizierten Risiken und entwickelten Verfahren, um Geld über große Distanzen zu bewegen. Aber: Kapitalisten waren Einzelne, kein System."

Neben Arabien/Nordafrika widmet das Buch auch den ganz eigenen Wegen Chinas, Japans, Koreas, Brasiliens, Indiens und Nigerias zum Kapitalismus große Aufmerksamkeit – fern alleiniger eurozentristischer Sichtweise. Diese "Vorgeschichte des Kapitalismus" macht das erste Drittel des Buches aus.

"Um den Kapitalismus zu begreifen, müssen wir in der Lage sein, ihn genau zu betrachten. Und das ist schwierig. Viele Menschen glauben, dass wir den Kapitalismus anhand unserer eigenen Erfahrungen verstehen können, was nachvollziehbar ist, wenn man bedenkt, wie stark er unser individuelles Leben strukturiert. Doch leider ist unsere eigene Erfahrung in diesem Fall ein schlechter Ratgeber. Wir sehen stets nur einen winzigen Teil des Ganzen, und uns entgeht die zeitlich und räumlich gewaltige Geschichte, in die der Kapitalismus eingebettet ist. Dieses Phänomen aus unserer eigenen Erfahrung heraus zu verstehen, ist so, als würde man auf einem beliebigen Standbild eines Films ein Detail betrachten und dann versuchen, die Handlung des Films aus dieser Einzelheit abzuleiten. Diese Strategie mag zwar zu einigen Erkenntnissen führen, auch zu brauchbaren, aber es ist höchst unwahrscheinlich, dass sie uns dabei hilft, das Ganze zu erkennen. Der Kapitalismus als globales Phänomen ist aus einer biografischen, lokalen oder nationalen Perspektive nicht greifbar."

Kurz zur Gliederung des Buches:

Nach dem Prolog (Inseln des Kapitals / Kapitalisten ohne Kapitalismus) ist das Buch in vier Teile gegliedert, die jeweils einen bestimmten Wendepunkt in der Geschichte des Kapitalismus repräsentieren.

Teil I beginnt um das 1500 und erstreckt sich bis kurz vor dem Beginn der Industriellen Revolution im späten 18. Jahrhundert.
Teil II beschreibt die Industrielle Revolution und ihre Auswirkungen auf Staaten und Gesellschaften.(S. 323ff).
Teil III ist dem Jahrhundert 1870-1970 gewidmet (S. 555ff).
Teil IV beschreibt die Krise des Kapitalismus nach 1970, seine Zukunftsaussichten und die Möglichkeiten nicht-kapitalistischer Zukunftsinseln (S.939ff).

Kapitalistischer Handel und Kriege - immer eng verflochten

Eine der Konstanten in der Geschichte des Kapitalismus ist der Zusammenhang von Handel und Krieg. Die europäischen Kreuzzüge schufen militärische Präsenz im östlichen Mittelmeer als Voraussetzung, dass europäische Kaufleute dort Territorien kontrollierten und Zugang zu bestehenden Handelsrouten bekamen.

Der enge Zusammenhang von Handelskapital und Kriegen setzt sich auch innereuropäisch fort: Europäische Staaten waren klein, häufig in Kriege verwickelt und daher chronisch finanzschwach. Sie brauchten die Kaufleute – etwa die Fugger, die die Monarchien und ihre Kriegszüge finanzierten. Und die Kaufleute brauchten die Staaten, um militärisch geschützt in neue Weltregionen vorzustoßen. Oft war es schwierig, die Händler von Kriegern und Quasi-Staaten abzugrenzen. Die Hanse, die Ostindien-Kompagnien der Niederländer und Engländer begriffen sich als fast eigenständige Staaten und agierten entsprechend politisch und militärisch.

Diese wechselseitige Abhängigkeit von Kapitalisten und Staaten hat sich für Beckert zu einem dauerhaften Strukturelement des modernen Kapitalismus entwickelt. Besonders anschaulich und ausführlich demonstriert er dies anhand der Zeit des deutschen und italienischen Faschismus.

Sklavenarbeit, "Freie" Lohnarbeit, Zwangsarbeit

Wie Beckert immer wieder deutlich macht, war Zwangsarbeit überall und zu fast jeder Zeit von zentraler Bedeutung für das kapitalistische Wachstum und das Generieren von Profiten. Europäische Händler brachten bis 1760 über vier Millionen versklavte afrikanische Menschen in die Neue Welt (doppelt so viele wie die europäischen Migranten, die im gleichen Zeitraum nach Amerika kamen). Die versklavten Landarbeiter:innen und Bergleute wurden auf den Zucker-, Tabak-, Reis-, und Baumwollplantagen sowie in den Silberminen des amerikanischen Kontinents eingesetzt und bildeten die Basis für den europäischen Industriekapitalismus.

"Im Jahr 1851 beschäftigte die Textilindustrie der 'Baumwollstadt' Manchester 17.771 Lohnarbeiter, eine Konzentration menschlicher Arbeitskraft, die bei den Hütern der europäischen Kultur (…) sowohl Anerkennung als auch Bestürzung hervorrief. Weniger beachtet, aber für die Entwicklung des industriellen Kapitalismus wohl ebenso wichtig, wurden die 76.337 versklavten Arbeiter im Mississippi-Delta, die die Baumwolle für die Spinnereien anbauten. Weltweit waren Mitte des Jahrhunderts etwa 2,5 Millionen versklavte Arbeiter direkt an der Produktion von Kaffee, Zucker und Baumwolle beteiligt, was den Sklavenkomplex zu einem der größten Industriezweige seiner Zeit machte. (…) Dem standen etwa 873.000 Arbeiter in Europas führender mechanisierter Fertigungsindustrie und etwa 270.000 Bergleute gegenüber. (S. 404/405)

Doch auch in Asien und Afrika waren im 19. und frühen 20. Jahrhundert Millionen von Landarbeitern in Vertragsknechtschaft, lebten in sklavenähnlichen Verhältnissen. In den 100 Jahren nach 1839 brachten die europäischen Kolonialmächte mehr als zwei Millionen solcher Arbeiterinnen und Arbeiter in die Karibik, nach Südafrika und Lateinamerika. Geschätzt über 25 Millionen südasiatischen Arbeiter:innen, wurden - meist von indischen Vermittlern - nach Burma, Ceylon und Malaysia geschickt, um Reis-, Tee- und Kautschukplantagen zu bewirtschaften.

Im faschistisch beherrschten Europa und Japan wurde Zwangsarbeit zu einem wichtigen Teil der kapitalistischen Produktion. Weit über 40 Prozent aller Arbeiter:innen im Nazi-Reich arbeiteten während des Krieges unter Zwang. Die Arbeiter:innen wurden insbesondere aus Osteuropa nach Deutschland deportiert, wo sie in Fabriken, auf Bauernhöfen oder in privaten Haushalten arbeiten mussten. Auch Japans Schwerindustrie griff auf Zwangsarbeiter:innen (vor allem aus China und Korea) zurück. Schätzungsweise schufteten 1,3 Millionen Koreaner:innen während des Krieges vor allem im Bergbau und der Bauindustrie.

Wie geht es mit dem Kapitalismus weiter?

Jenseits der überaus detaillierten Darstellung des Kapitalismus in seiner globalen historischen Entfaltung bleibt die Suche nach epochen-spezifischen Regelmäßigkeiten oder Prozesslogiken in dem Buch eher unterbelichtet. Je näher die Darstellung der Gegenwart rückt, desto mehr vermisst man auch eine Rezeption und Auseinandersetzung mit aktuellen Forschungsansätzen.

Für Beckert bleiben als grundsätzliche und alle Entwicklungsphasen übergreifende Erkenntnisse:

  • Es ist falsch, Kapitalismus als eine ausschließlich marktbasierte Gesellschaft zu betrachten. Zum einen gab es Märkte auch in nicht kapitalistischen Gesellschaften. Zu anderen sind immer auch nicht marktwirtschaftliche Kräfte integraler Bestandteil des Kapitalismus.
  • Der Kapitalismus hat historisch gesehen die Fähigkeit, unter praktisch jeder Art von politischem Regime zu existieren (mit Ausnahme des "Bolschewismus").
  • Jedes Mal, wenn in der langen Geschichte des Kapitalismus, "er sich neu erfindenden muss", spielt der Staat eine wichtige Rolle. In einigen Fällen war der betreffende "Staat" supranational, wie beispielsweise bei der Durchsetzung des "Washington-Konsens" durch den Internationalen Währungsfonds, der insbesondere im Globalen Süden eine aktive Wirtschaftspolitik immens einschränkte.
  • "Obwohl ich im gesamten Buch darauf beharre, dass die Flexibilität des Kapitalismus die Grundlage für seine immense Dynamik ist, zeigt er sich in einer Hinsicht doch dogmatisch: er beruht darauf, dass immer mehr Kapital angehäuft wird. Expansionismus ist nicht nur eine Option, sondern eine Notwendigkeit." (S. 1057)
  • "Für Moritz Schularick, den Präsidenten des Kiel Instituts für Weltwirtschaft, hat die geoökonomische Strategie wieder Bedeutung erlangt. Die Geoökonomie vereint die Wirtschaftswissenschaft mit der Untersuchung staatlicher Macht in der internationalen Arena, oder wie der us-amerikanische Sicherheitsstratege Edward Luttwak es nannte: 'Die Logik des Krieges in der Grammatik des Handels.'" (S. 1050)

"Kann dieses System, das auf unendliche Expansion angewiesen ist, in einer endlichen natürlichen Welt überleben? Das ist die große Frage. Ich habe im Buch das Bild der Supernova gewählt: ein helles Aufleuchten vor der möglichen Explosion. Je mehr Kapital existiert, desto größer der Druck, es produktiv einzusetzen. Das treibt Rohstoffverbrauch und Umweltzerstörung an. Ob der Kapitalismus sich erneut wandeln kann – oder an diese Grenzen stößt –, wissen wir nicht."[1]

"Vielleicht wird das Ende des Kapitalismus verlaufen wie seine Entstehung. Neue nicht kapitalistische Inseln werden entstehen, sich irgendwann miteinander verbinden und dann gemeinsam eine andere Art von Gesellschaft ausbilden."

Am Ende des Buches greift Beckert sein "Inselbild" von der Geburt des Kapitalismus noch einmal auf, wenn er feststellt: "Vielleicht wird das Ende des Kapitalismus verlaufen wie seine Entstehung. Neue nicht kapitalistische Inseln werden entstehen, sich irgendwann miteinander verbinden und dann gemeinsam eine andere Art von Gesellschaft ausbilden." (S. 1056)

Zum Autor

Sven Beckert ist Professor für Geschichte an der Harvard University in Cambridge (Massachusetts). Seine Forschung und Lehre konzentrieren sich auf die Geschichte der Vereinigten Staaten im neunzehnten Jahrhundert, mit besonderem Schwerpunkt auf der Geschichte des Kapitalismus, einschließlich seiner wirtschaftlichen, sozialen, politischen und globalen Dimensionen. Als Personen, die sein Denken über die Geschichte des Kapitalismus am meisten beeinflusst haben, nennt er neben Adam Smith, Karl Marx und Max Weber vor allem den französischen Historiker Fernand Braudel (dessen bekanntester Schüler Immanuel Wallerstein war).

Buch Kapitalismus Sven Beckert Cover

 

 

 

Sven Beckert: Kapitalismus. Geschichte einer Weltrevolution.

Rowohlt Verlag, Hamburg 2025,

1280 S., Abb., geb., 42,- Euro

Leseprobehttps://www.book2look.com/book/9783498005917

 

 

 

 

 

 

Anmerkungen

[1] Sven Beckert im Interview in der Frankfurter Rundschau 12.12.2025

Geschafft: Mehr als eine Million Unterschriften
Weiter unterzeichnen, damit auch Deutschland die Schwelle überspringt: Stand 11.6. nur noch 369 Unterschriften bis zum nationalen Quorum

EBI Assoziierungsabkommen EU Israel klein

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