Literatur und Kunst
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Hannes Wader23.06.2022: Hannes Wader wird 80 Jahre alt und bleibt mit seinen Liedern, seiner Musik mitten im aktuellen Geschehen.
Von Bettina Jürgensen

 

 

 

Es wird einige Geburtsgrüße geben, die sich aus Anlass des Tages mit den biografischen und künstlerischen Fakten von Hannes Wader befassen. Wer es genauer wissen möchte erfährt auf seiner Internetseite, in seiner Biografie "Trotz alledem!" und inzwischen auch über die Medien mehr zum Leben und Schaffen von Hannes Wader. Letzten Endes ist das eine Stärke seiner Arbeit, sie kommen nicht an Hannes Wader vorbei.

Auch das muss gesagt werden – die politischen Lieder des Liedermachers fanden in den letzten Jahren immer mehr Zuspruch. Hannes Wader singt nicht nur für die Alten, sondern auch für die jungen Leute. Musik und Texte von Hannes Wader sprechen für sich. Mit einer klaren und deutlichen Sprache, genauer bildhafter Beschreibung "aus dem Leben gegriffen" findet Hannes Wader (inzwischen) Zuhörer*innen jeden Alters.

Als Dekorateur ausgebildet und einige Jahre im Beruf gearbeitet, ging er in den späten 60er-Jahren nach Berlin, arbeitete auf der Bühne mit Gitarre und Gesang. Hier nahm er an politischen Aktivitäten teil, die Demonstration gegen den Schahbesuch und der Mord an Benno Ohnesorg trugen zur weiteren politischen Haltung bei.

1969 kam seine erste Schallplatte "Hannes Wader singt" heraus. Danach folgten viele weitere mit unvergessenen Liedern, die heute immer noch geeignet sind ein Stück Zeitgeschichte und Alltag von vielen Jugendlichen der 70er-Jahre zu darzustellen.

Über seine Anfang der 70er Jahre gemachten Erfahrungen mit dem Apparat der Sicherheitsbehörden schreibt Hannes Wader: "Meine Hamburger Wohnung ist als das damalige Hauptquartier der sog. Baader-Meinhof-Bande aufgeflogen. 'Hella Utesch' ist der Tarnname Gudrun Ensslins gewesen. Ein Ermittlungsverfahren wegen Unterstützung einer kriminellen Vereinigung wird gegen mich angestrengt, ich werde von Fernsehen und Funk boykottiert und erhalte in Österreich Einreiseverbot. Nicht nur ich selbst, auch meine Freunde werden abgehört, vernommen, observiert und unter Druck gesetzt. Ohne die Solidarität meiner Berliner Kollegen wäre ich als Liedermacher erledigt. Erst nach Jahren wird das Verfahren gegen mich eingestellt."

Bei den Jugendlichen dieser Zeit, die aktiv in Bewegungen für ihre Rechte an Schulen und Universitäten kämpften, aber auch bei denen in der Lehrlingsbewegung für gute Ausbildung und mehr Lehrstellen, fand Hannes Wader mit seiner schnörkellosen und direkten Sprache begeisterte Zuhörer*innen.

Hinzu kamen in den folgenden Jahren auch seine "Volkslieder", Shanties und "Plattdeutsche Lieder". Mit diesen Platten gab es für den von vielen Jugendlichen in den 60er Jahren durchlittenen Musikunterricht an den Schulen, teilweise mit dem "alten deutschen Liedgut der Völkischen", endlich die Möglichkeit sich das demokratisch geprägte überlieferte Volkslied anzueignen. Und bei Hannes Wader gab es nicht "nur" die Musik, immer gab es Zwischentexte bei den Auftritten oder Plattentexte, in denen die Entstehung und der historische Bezug dargestellt wurden.

Mit diesen Platten wurde der Weg auch zu den "älteren" Menschen gefunden, denen, die dem "Tankerkönig" und "Kokain" nichts abgewinnen konnten. Sie zog es nun zu Wader-Konzerten. Hinzu kommt: bis in die 70er Jahre hinein war die englische Sprache in diesem Land wenig und bei älteren Menschen eher gar nicht verbreitet. Ein deutschsprachiger Sänger, der nicht auf den Schlagerzug aufgesprungen ist, war eine Ausnahme.

Hannes Wader wurde politischer. Seine Lieder waren mehr als vorher Beschreibungen der Lebenssituation von arbeitenden und lernenden Menschen, in seinen Liedern wurden mehr Forderungen nach gesellschaftlicher Veränderung, nach sozialer Gerechtigkeit und Frieden gestellt. Dies wurde verstanden und geteilt.

Aus den vielen Stücken, die Hannes Wader geschrieben hat, sollen hier zwei besonders genannt werden:

Es ist an der Zeit!

Das sich die Furcht in Widerstand verwandeln wird – trotz alledem!

Diese beiden Lieder sind heute wieder besonders hörens- und singenswert.

Das erste zeigt, wie wichtig es immer noch ist die Stimme zu erheben gegen Krieg, Aufrüstung und gegen das (Ver-)Schweigen von Demokratieabbau, gegen den Versuch den Menschen schnelle Zustimmung zu 100-Milliarden-Paketen für Rüstung aufzubürden, statt sich auf den schweren Weg der Diplomatie zu begeben.

  Hannes Wader LP trotz alledem  
  LP-Hülle  

 

Das zweite Lied war der Beitrag auf dem Konzert 1977 in Hamburg gegen Berufsverbote, nach einer großen Demonstration, der das Ende der Berufsverbotspraxis von tausenden Menschen gefordert wurde. Dieser Liedtext wurde zum Titel der Solidaritätsplatte und steht wie kein anderer dafür, weshalb der Weg der Aktionen gegen Repression, Gewalt, Aussitzen/Verschleppen von Anträgen in den Behörden zum Widerstand der Vielen führen muss. Trotz alledem!

Wer das Glück hat Hannes Wader selbst zu begegnen, mit ihm zu reden und mit ihm ein Stück des Weges zu kämpfen, weiß um die Schwierigkeit des Schreibens über einen Künstler, der sich selbst nicht in den Mittelpunkt stellt und doch – als Künstler auf der Bühne, im Studio und vor den Medien – im Mittelpunkt steht.

Hannes Wader selbst schreibt: "1977 trete ich in die Deutsche Kommunistische Partei ein (…). Auf meinen Parteieintritt reagieren die Medien erneut mit Boykott, diesmal so wirksam und langanhaltend, daß die jetzige Redakteursgeneration mit meinem Namen kaum noch was verbindet. Ich betrachte das als meine Chance, von einer der nächsten Generationen wiederentdeckt zu werden. In den folgenden Jahren bin ich stark politisch aktiv, ich singe in bestreikten Betrieben, auf politischen Veranstaltungen, bin engagiert in der Friedensbewegung usw."

Hier erleben ihn viele als einen Künstler, der sich mit den Arbeitenden für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze einsetzt.

Gemeinsam gegen den Abbau sozialer Rechte, gegen Krieg und Faschismus, gegen den Abbau der Demokratie, für internationale Solidarität zu kämpfen, das wird nicht aufgegeben. Auch nach dem Austritt aus der Partei gibt er mit der Abgabe des Parteibuches nicht die politische Grundlage und Überzeugung auf, dass ein Leben in einer friedlichen Welt und ohne Rassismus und Ausgrenzung erkämpft werden muss. Dabei nutzt jede*r die Möglichkeiten, die gegeben sind. Hannes Wader seine Kultur.

Eine notwendige Stellungnahme gegen Nazis hatte Hannes Wader bereits 2004 verfasst und diese im Juli 2018 noch einmal wiederholt. Darin heißt es auch:

"Neo-Nazis singen meine Lieder. Ist das nicht auch eine Chance, mal ein klares Wort mit denen zu reden? Sind es nicht oft ganz junge Leute ohne Zukunft; verführt, irregeleitet, von Familie und Staat im Stich gelassen, denen niemand zuhört? Mag sein. Aber mit welchen, noch so profunden Argumenten sollte ich diesen Jugendlichen gegenübertreten, die andere Menschen zusammenschlagen und ermorden, nur weil sie fremd aussehen. Nein, ich spreche nicht mit Nazis und nicht mit den Mördern unter ihnen, von denen ich weiß, dass sie auch mich, ohne zu zögern aus einer Laune heraus, mitsamt meinen Liedern vernichten und dazu noch meine Refrains grölen würden."

Hannes Wader hat Jahrzehnte kunst- und kulturvoll einen nicht unerheblichen Teil dazu beigetragen, dass sich Menschen mit ihrer Situation auseinandergesetzt haben und viele dabei durch die Kultur den Zusammenhang zwischen ihren Lebens- und Arbeitsbedingungen und der politischen Lage erkannten.

Auf eine Aufzählung und Wiedergabe des Gesamtwerkes wird hier verzichtet. Nur noch dieses:

Nach einem wunderbaren, kämpferischen und auch traurigem Abschiedskonzert, so etwas hat traurig zu sein, im Tempodrom in Berlin am 30. November 2017 schrieb Hannes Wader, dass dies sein letztes Konzert sei, da er keine Kraft mehr zu den anstrengenden Auftritten und Touren habe. Dabei schränkte er jedoch ein "man soll niemals nie sagen".

In 2019 wurde Hannes Wader dann in der Feldmark seiner Heimatgemeinde Hoberge mit einem Gedenkstein mit der Inschrift "Hannes-Wader-Aue" geehrt. Aus diesem Anlass hat Hannes Wader sich in kleinem Kreis mit einem Konzert in der Wassermühle in Deppendorf bedankt, wegen der Corona-Pandemie erst 2021. Zwischen seinen Liedern hat Wader – wie üblich – Erläuterungen zu den Stücken gegeben. Als Premiere jedoch hat Hannes Wader auch aus seiner Biografie gelesen. Dieses Konzert wurde aufgezeichnet und ist als CD mit dem Titel "Poetenweg - Geschichten und Lieder an einem Spätsommerabend 2021" erschienen. Diese Platte, die Musik, reiht sich ein in die ebenfalls große Zahl der schönen Liebeslieder und alter Volkslieder die Hannes Wader herausgegeben hat.

Der Geburtstag nun soll Anlass sein, die persönliche und nach wie vor politische Verbundenheit zum Ausdruck bringen. Gemeinsam haben wir damals Flugblätter vor der Flensburger Werft verteilt, in einer Parteigruppe diskutiert, auf Pressefesten der UZ, auf den Konzerten von "Künstler für den Frieden" gearbeitet – Hannes Wader auf der Bühne, ich und andere Backstage. Die Gespräche und Diskussionen, die dabei neu aufgeworfenen Fragen, die Suche und das gemeinsame Ringen um Antworten, waren und sind ein Teil von politischer Arbeit.

Der Film "WeckerWaderVaterland" bestätigt das oben Gesagte und fügt ihm noch einige persönliche Fakten hinzu. Ein sehenswerter Film!

Die Freude an der Musik vor großem oder kleinem Publikum möge bei Hannes nicht versiegen. Mit der Musik schafft Hannes Wader es, weiter auf unserer Seite der Barrikade die Menschen zu motivieren, ihnen Lebensfreude, Nachdenklichkeit und Mut zu geben.

Dafür wünsche ich weiterhin Ideen und Kreativität, sowie Kraft und Gesundheit.

In diesen Zeiten der Kämpfe für Frieden und gegen Rüstung, gegen die AfD und Rassismus, die Digitalisierung der Arbeitswelt – da gibt es genug Themen zum Erzählen und Diskutieren. Sollte die neue Platte vielleicht doch auch live präsentiert werden, wer weiß ob es ein Treffen gibt. Und wenn pünktlich zum Geburtstag nun eine weitere Neuerscheinung bei stockfisch mit dem Titel "Noch hier – was ich noch singen wollte" erscheint, dann wird die Hoffnung der Wader-Freund*innen auf ein Wiedersehen steigen.

Bettina Jürgensen

Es ist an der Zeit

Weit in der Champagne im Mittsommergrün
Dort wo zwischen Grabkreuzen Mohnblumen blüh'n
Da flüstern die Gräser und wiegen sich leicht
Im Wind, der sanft über das Gräberfeld streicht
Auf deinem Kreuz finde ich toter Soldat
deinen Namen nicht, nur Ziffern und jemand hat
Die Zahl neunzehnhundertundsechzehn gemalt
Und du warst nicht einmal neunzehn Jahre alt

Ja, auch dich haben sie schon genauso belogen
So wie sie es mit uns heute immer noch tun
Und du hast ihnen alles gegeben:
deine Kraft, deine Jugend, dein Leben

Hast du, toter Soldat, mal ein Mädchen geliebt?
Sicher nicht, denn nur dort, wo es Frieden gibt
Können Zärtlichkeit und Vertrauen gedeien
Warst Soldat, um zu sterben, nicht um jung zu sein
Vielleicht dachtest du dir, ich falle schon bald
Nehme mir mein Vergnügen, wie es kommt, mit Gewalt
Dazu warst du entschlossen, hast dich aber dann
Vor dir selber geschämt und es doch nie getan

Ja, auch dich haben sie schon genauso belogen
So wie sie es mit uns heute immer noch tun
Und du hast ihnen alles gegeben:
deine Kraft, deine Jugend, dein Leben

Soldat, gingst du gläubig und gern in den Tod?
Oder hast zu verzweifelt, verbittert, verroht
deinen wirklichen Feind nicht erkannt bis zum Schluss?
Ich hoffe, es traf dich ein sauberer Schuss
Oder hat ein Geschoß dir die Glieder zerfetzt
Hast du nach deiner Mutter geschrien bis zuletzt
Bist du auf deinen Beinstümpfen weitergerannt
Und dein Grab, birgt es mehr als ein Bein, eine Hand?

Ja, auch dich haben sie schon genauso belogen
So wie sie es mit uns heute immer noch tun
Und du hast ihnen alles gegeben:
deine Kraft, deine Jugend, dein Leben

Es blieb nur das Kreuz als die einzige Spur
Von deinem Leben, doch hör' meinen Schwur
Für den Frieden zu kämpfen und wachsam zu sein:
Fällt die Menschheit noch einmal auf Lügen herein
Dann kann es gescheh'n, daß bald niemand mehr lebt
Niemand, der die Milliarden von Toten begräbt
Doch finden sich mehr und mehr Menschen bereit
Diesen Krieg zu verhindern, es ist an der Zeit

Ja, auch dich haben sie schon genauso belogen
So wie sie es mit uns heute immer noch tun
Und du hast ihnen alles gegeben:
deine Kraft, deine Jugend, dein Leben

(engl. Text: Eric Bogle / dt. Text: Hannes Wader)

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