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SisyphosFrank Deppe: "Sozialismus. Geburt und Aufschwung - Widersprüche und Niedergang - Perspektiven"  

Gibt es angesichts der aktuellen Entwicklungen in Richtung eines "autoritären Kapitalismus", Hochrüstung und neuen Kriegsgefahren noch Raum für Gedanken an einen "Sozialismus im 21. Jahrhundert", fragt sich Günther Stamer und sucht Antworten im Buch von Frank Deppe, dessen Anliegen es ist, ausgehend von einem historischen Rückblick, die Potenziale für eine mögliche Wiederbelebung des Sozialismus auszuloten.

 

 

Da wird auf der einen Seite in Berlin im repräsentativen Deutschen Historischen Museum aktuell mit der Ausstellung "Karl Marx und der Kapitalismus" einer der Gründerväter des "Sozialismus" gewürdigt (www.dhm.de/marx) - Auf der anderen Seite durchlebt die Partei, die den "Sozialismus" in ihrem Parteiprogramm als Ziel postuliert (DIE LINKE), gerade eine existenzielle Krise. Ganz zu schweigen von dem reaktionären gesellschaftlichen Umbau vor dem Hintergrund des Ukraine-Krieges. Der marxistische Politologe Frank Deppe beschreibt die gegenwärtige Situation jüngst: "Was wir jetzt erleben, ist eine Neuformierung des Westens, in der die osteuropäischen Staaten eine führende Rolle bei der Formulierung eines aggressiven Kurses gegenüber Russland spielen werden. Gleichzeitig werde in Deutschland die neue Welle der Aufrüstung konservative Kräfte stärken. Diese sagen nun: Jetzt rollen wir alles ab, was uns bislang nicht gepasst hat: pazifistische Grundeinstellungen, das Primat des Ökologischen gegenüber dem Militärischen." (der Freitag 5.5.2022).

Gibt es angesichts dieser europaweiten Entwicklungen in Richtung eines "autoritären Kapitalismus" noch Raum für Gedanken an einen "Sozialismus im 21. Jahrhundert", einen, der Antworten auf die Herausforderungen der Gegenwart liefern kann?

Bücher über das Thema Sozialismus/Kommunismus füllen ganze Regalwände in den Bibliotheken. Ein bedeutendes Werk hat der österreichische Marxist Julius Braunthal 1974 verfasst. Darin heißt es über die Geschichte des Sozialismus, dass "keine soziale Bewegung in der Geschichte der Menschheit eine Analogie bietet. Die Geschichte kennt keine geistige oder religiöse Bewegung, die eine ganze Menschheit in allen ihren Kulturen ergriffen hätte. Die sozialistische Idee aber hat alle Kulturkreise durchdrungen, ist das Gesellschaftsprinzip von Staaten geworden, in denen ein Drittel der Menschheit lebt. Sie wirkt als Dynamik im Prozess der Umwandlung der hochkapitalistischen Gesellschaftsordnung Europas wie der vorkapitalistischen Gesellschaftsordnung der von der Kolonialherrschaft befreiten Völker Asiens und Afrikas." Als gemeinsame "sozialistische Idee" bezeichnet Braunthal die "einer klassenlosen Gesellschaft von Freien und Gleichen, emanzipiert von jeder Form ökonomischer und politischer Versklavung." [1]

Knapp fünfzig Jahre später und nachdem vor dreißig Jahren die "Sozialistische Staatengemeinschaft" in Europa aufgehört hat zu existieren, hat Frank Deppe im Herbst letzten Jahres ein weiteres "Sozialismus" - Buch beigesteuert, das einen weiten Bogen über "Geburt und Aufschwung, Niedergang und Perspektiven" des Begriffs und der daraus resultierenden politischen Praxis der gesellschaftlichen Akteure schlägt.

Die Inhalte des Buches

Deppes Anliegen ist es, ausgehend von einem historischen Rückblick, die Potenziale für eine mögliche Wiederbelebung des Sozialismus auszuloten. Das Buch gliedert sich in in drei große Abschnitte:

Zunächst im Rückblick auf die Geschichte des modernen Sozialismusbegriffes, wie er von den "utopischen" Sozialisten (vor allem von Robert Owen und Charles Fourier) geprägt und im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts von sozialistischen Parteien in die politische Praxis des Klassenkampfes zum allgemeinen Bezugspunkt wurde.

Teil zwei beschäftigt sich - ausgehend vom politischen Desaster der sozialistischen Parteien der II. Internationale zu Beginn des 1. Weltkrieges und der siegreichen Oktoberrevolution in Russland - schwerpunktmäßig mit dem Realsozialismus des 20. Jahrhunderts und der Diversifizierung des Sozialismusbegriffes in Westeuropa, Lateinamerika und China.

Der dritte Teil befasst sich mit möglichen "Sozialismus-Perspektiven" im 21. Jahrhundert. Drei Jahrzehnte nach der welthistorischen Wende 89/90, fünfzehn Jahre nach dem großen "Finanz-Crash" und aktuell mit der sich beschleunigenden Klimakatastrophe und den weltweiten Verwerfungen durch die Corona-Pandemie stehende grundlegende Fragen der gesellschaftlichen Entwicklung nachdrücklich auf der Tagesordnung.

Alte Fragen - Neue Fragen

Deppe hebt in seinem Buch hervor, dass man sich bei einer "Geschichte des Sozialismus" von Geschichtskonzeptionen eines gleichsam unaufhaltsamen Aufstieg des Sozialismus als auch von allen Versuchen, die Vielfalt dieser Wege auf ein allgemein gültiges "Modell" zu reduzieren, verabschieden müsse.

Sozialistische Ideen und deren praktische Umsetzung haben sich von Anfang an auf vielfältige Weise ausdifferenziert – und in jeder geschichtlichen Epoche müssen sich die Akteure, Organisationen und Bewegungen im Kampf für sozialistische Perspektiven neu aufstellen.

Das durchgängig notwendige "Alte" für Sozialisten sieht der Autor in der Rolle der "Fundamentalopposition" in Gesellschaften mit kapitalistischer Produktionsweise sowie in der nüchternen Auswertung der Erfahrungen des Realsozialismus des 20. Jahrhundert.

In Hinblick auf das "Neue" referiert und kritisiert Deppe aktuelle linke Theoretiker und deren Vorstellungen für ein "Sozialismus im 21. Jahrhundert" - so z.B. Hardt/Negri ("Empire"), Immanuel Wallerstein, Noam Chomsky, Stuart Hall oder Thomas Piketty und bietet den Leser*innen anhand des umfangreichen Literaturverzeichnisses die Möglichkeit, sich vertiefend zu informieren.

Äußerst bedenkenswert findet der Autor den Ansatz der us-amerikanischen Philosophin Nancy Fraser. In einer 2019 veröffentlichten Publikation heißt es: "So schlage ich für den Sozialismus ein umfassenden Verständnis vor, das mit dem gängigen Ökonomismus früherer Ansätze bricht. Da ich die kapitalistische Wirtschaftsweise nicht losgelöst, sondern im Zusammenhang mit ihrem widersprüchlichen und zerstörerischen Verhältnis zu ihren ‚nicht-ökonomischen‘ Voraussetzungen betrachte, steht für mich fest, dass Sozialismus mehr leisten muss, als nur die Sphäre der Produktion zu verändern. Er muss darüber hinaus einen grundlegenden Wandel in Bezug auf die Bereiche und Bedingungen herbeiführen, die die kapitalistische Produktion erst ermöglichen. Ich spreche hier von der Reproduktionssphäre, der Staatsmacht, der nicht-menschlichen Natur und von Formen des Reichtums, die außerhalb des formalen Zugriffs des Kapitals und trotzdem in seiner Reichweite liegen." (S. 303).

Von der Notwendigkeit, aus der Geschichte zu lernen

Ein kurzes Fazit von mir: Das umfassende Thema des Buches zwingt naturgemäß dazu Schwerpunkte zu setzen was zu Folge hat, dass dem einen Leser/ der anderen Leserin Aspekte fehlen, anderes zu ausufernd dargelegt wird.

Für meine Erwartung etwas zu karg geraten sind die Ausführungen zu den Anfängen des "Sozialismus" durch englische, französische und deutsche Frühsozialisten und ihre zwar utopischen aber Teile des Handwerksproletariats und radikal-bürgerlichen Intellektuellen inspirierenden Zukunfts-Gesellschaftsmodelle, die sich nicht nur darauf beschränkten, die "Ausbeutung" abzuschaffen, sondern Vorschläge für ein anderes Arbeiten und Wohnen, für andere Erziehung, Lernen, eine andere "Kultur" – kurz: für ein anderes Leben modellierten.

Ebenfalls fällt eine gewisse Eurozentriertheit ins Auge. Über afrikanische, lateinamerikanische oder asiatische Sozialismusvorstellungen ist leider wenig zu finden. Selbst wichtige Bezugspunkte für heutige Linke wie Kuba und China werden eher beiläufig behandelt und der Autor hält sich mit persönlichen Wertungen zu den dortigen Wegen und Inhalten des/zum Sozialismus zurück.

Dagegen wird sehr ausführlich der Zeitraum des letzten Drittels des 19.Jahrhunderts in der europäischen Arbeiterbewegung abgehandelt, in dem die sozialistischen Massenparteien entstehen. Idealtypisch wird dies dargestellt an der deutschen Sozialdemokratie und ihren Differenzierungen anhand der drei prägenden Strömungen / Personen um Bernstein - Kautsky – Luxemburg. Ergänzt wird dies durch Hinweis auf Untersuchungen des Soziologen Robert Michels (1876-1936), der in seiner "Soziologie des Parteiwesens" feststellt, dass bei der Sozialdemokratie durch die Mitgliedergewinnung und die Wahlerfolge ihr revolutionärer Anspruch zerstört wird; "die Organisation" an sich wird zum ausschlaggebenden Lebensnerv.

Allen drei Kapiteln ist gemein, dass der Autor seine Sozialismus-Betrachtung in erster Linie auf das ökonomisches System und die Negierung des Privatbesitzes von Produktionsmitteln als ausschlaggebend beschreibt. Fragen der Ökologie, alternative Arbeits- und Lebensformen, der Ausbau demokratischer Beteiligungs- und Entscheidungsmöglichkeiten oder Wachstumskritik als wichtige Elemente in einer "sozialistischen Perspektive" werden hingegen allein in der Einleitung und im Ausblick thematisiert.

Eine Festschrift, die 1991 für Deppe verfasst worden ist, trägt den vielsagenden Titel: "Der Trümmerhaufen als Aussichtsturm". Abschließen muss festgestellt werden, dass der Trümmerhaufen, von dem die Linken auf die Welt blicken, leider weiter wächst. Die Corona-Pandemie hat in kürzester Zeit die Gesellschaften radikal verändert (Ausbau der exekutiven Gewalt gegenüber demokratischen Entscheidungsrechten, Ausbau von Überwachungssystemen, Einschränkung von Demonstrations- und Freiheitsrechten). Der Krieg um die Ukraine lässt Weltkriegs-Szenarien wieder aktuell erscheinen, lässt die Rüstungsausgaben explodieren und leistet einer weiteren Militarisierung der Gesellschaft Vorschub. Von einer Wiederbelebung russo- und sinophober Ressentiments ganz zu schweigen Alles keine günstigen Bedingungen für eine antikapitalistische, antinationalistische, antirassistische, emanzipatorische - also sozialistische Politik.

Lassen wir Frank Deppe zum Schluss noch einmal zu Worte kommen: "Für die sozialistische Linke im 21. Jahrhundert ist ein unhintergehbarer Grundsatz, dass sie ihre Ziele stets mit der Verteidigung der Demokratie und der Menschenrechte, mit der Ausweitung der Wirtschaftsdemokratie und der Schaffung von sozialen Räumen der Selbstverwaltung und der Autonomie (d.h. mit der Rücknahme des Staates in der Gesellschaft) verbinden muss… Den Verlauf dieser Wege können wir nicht voraussagen. Die Dogmatiker, die die reale Analyse durch den Glauben an geschichtliche Gesetzmäßigkeiten ersetzen wollen, werden immer wieder enttäuscht" (S.342/ 351).

txt: Günther Stamer

Frank Deppe


Frank Deppe stellt sein Buch "SOZIALISMUS - Geburt und Aufschwung - Widersprüche und Niedergang – Perspektiven" vor
zum Video hier

 

 

Buch Deppe Sozialismus zugeschn

Frank Deppe
SOZIALISMUS
Geburt und Aufschwung – Widersprüche und Niedergang – Perspektiven
368 Seiten | 2021 | EUR 29.80
ISBN 978-3-96488-116-8
Leseprobe und Bestellung: https://www.vsa-verlag.de/nc/buecher/detail/artikel/sozialismus/

 

 

 

 

Anmerkungen

[1] Julius Braunthal, Geschichte der Internationale, Band 3. Berlin/Bonn 1974, S. 565/566

Globale Gerechtigkeit statt G7 –
Klima schützen statt aufrüsten

Logo G7 Proteste2022Infos hier
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Demokratie und Sozialstaat bewahren -
Keine Hochrüstung ins Grundgesetz!

Logo Der Appell 1hier unterzeichnen: https://derappell.de/

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