Literatur und Kunst

nackt unter woelfen unidoc 197517.04.2015: Bruno Apitz' Roman über Buchenwald, das Schicksal des kleinen Jungen und die Selbstbefreiung des KZ Buchenwald haben mich neben anderen wichtigen Ereignissen geprägt. Als der Film 1962 bei der DEFA erschien, war der Kalte Krieg allenthalben wahrnehmbar. Kommunisten saßen wieder in Gefängnissen, das KPD-Verbot wurde brutal durchgesetzt. Die Folgen betrafen nicht wenige, die vor 1945 in KZs und Zuchthäusern unter unmenschlichen Bedingungen eingesperrt waren. Die Bundeswehr wurde streng nach dem Feindbild gegen Osten ausgerichtet, alte Nazigeneräle wollten ihren Krieg noch gewinnen.

 

Die DDR war Haßobjekt, wurde als Sowjetzone nicht als Staat anerkannt. Die gesamte Macht der NATO-Staaten war auf die Vernichtung des Sozialismus auf deutschem Boden ausgerichtet. Antifaschistische Filme aus bundesdeutscher Produktion waren mir kaum bekannt. Der Nazi Lembke war Ministerpräsident Schleswig – Holsteins. Der politische Überbau war mit Nazis durchsetzt.

Ganz anders die DDR. Antifaschismus war von Anfang an prägende Grundsäule der Gesellschaft. Hier war der Faschismus Gegenstand gesellschaftlicher Debatten, die zu Schlußfolgerungen für die Zukunft führten. Der Film „Nackt unter Wölfen“ zeichnet dieses Denken nach.

Wenn jetzt zum 70. Jahrestag der Befreiung dieser Roman neu verfilmt wurde, dann geht es auch um Korrekturen und Neubewertungen. Dabei nicht in erster Linie um sicher notwendige Korrekturen als Konsequenz neuer Erkenntnisse, sondern eher darum, Grundsätzliches in Frage zu stellen bzw. durch Entpolitisierungen und Dramatisierungen von drastischen Situationen das Verbrecherische am Faschismus zu verschleiern. In der anschließenden TV - Diskussion zum neuen Film wurde auch die Rolle der Kommunisten im KZ Buchenwald und die Selbstbefreiung thematisiert. Es ging um die Analyse des Faschismus als System, das auf der Grundlage des Kapitalismus wirkte.

In der Neuverfilmung wurden politische Inhalte deutlich anders interpretiert:

  • Die Kommunisten lösten die Kriminellen in den Strukturen der Häftlingsorganisationen ab. Das war ein notwendiger politischer Schritt, um den Kampf ums Überleben und zum Widerstand wirkungsvoll zu entwickeln. Das entsprach der politischen Einsicht, alles zu tun, um diesen Faschismus letztendlich zu besiegen. Es geschah in Solidarität mit allen Häftlingen, egal welcher Nationalität und politischer oder weltanschaulicher Herkunft. Organisation war ein Schlüsselelement im Kampf gegen die Willkür der NS – Mörder. Wenn in der Nachbetrachtung des Films durch 'Experten' diese Erkenntnisse angezweifelt oder gar mit dem Tenor umgedeutet wurden, dass Kommunisten zwar auch Helfer waren, in erster Linie aber sich selbst schützten, so ist das eine Infamie. Weitergedacht wiederholt es die Extremismusbehauptung, nach der rot und braun zwei Spielarten gleicher verbrecherischer Politik wären.
  • Als eine Historikerin in der Nachbetrachtung zum Film einbrachte, dass die Tatsache, dass lediglich  72 Kommunisten in Buchenwald ermordet wurden, Beweis dafür wäre, dass die Übernahme von Verantwortung vor allem dem Selbstschutz der Genossen diente, verschlug es mir fast die Sprache. Bruno Apitz' Roman, die Bücher von Willi Bredel und Anna Seghers und vieler anderer beschreiben doch immer wieder, wie durch politische Überzeugungen auch Handlungen möglich wurden, die über normale menschliche Kraft weit hinausgehen. Sie beschreiben, wie das gemeinsame Denken und Handeln unter schwierigsten Bedingungen Möglichkeiten suchten und fanden, wenn es um Leben und Tod ging. Das  heißt nicht, dass Schwächen, Fehlverhalten und auch Verrat unter Kommunisten nicht vorkamen, aber es war nicht prägend für das bleibende Mahnmal eines wirklich heroischen Kampfes.
  • Die Neuverfilmung zeigt allerdings Darstellungen und dramatische Effekte, die durchaus Grausamkeiten bis zum Unerträglichen nachzeichnen. Dadurch entsteht aber auch der Eindruck, dass dieser mörderische Sadismus eher durch menschliche Abgründe und ideologische Verführung zu erklären sei. Politische Zusammenhänge bleiben fast völlig unerwähnt.
  • KZs hatten vielfältige Funktionen. Sie dienten auch der Sklavenarbeit, der schlimmsten Form der Ausbeutung, der Kriegsvorbereitung und -führung, der Terrorisierung der gesamten Bevölkerung durch Angst und Repression, der Vernichtung von Leben, das aus Sicht der Nazis lebensunwert war. Durch KZS wurde verdient und sich bereichert. Siemens, IG Farben u.s.w. bereicherten sich durch Mord, und die Verantwortlichen wußten das. Wenn diese fundamentalen Grundtatsachen total ausgeblendet bleiben, hat das auch seinen Sinn und trägt objektiv zur Verharmlosung faschistischer Gefahren für die Zukunft bei.

In Buchenwald existierte ein internationales Lagerkomitee nicht nur aus Kommunisten. Diese Erfahrung der internationalen Solidarität ist auch für heute und die Zukunft eine Anregung, sich nicht auf nationale, rassische oder religiöse Diskriminierungen einzulassen, sondern immer die Solidarität und das Gemeinsame zu entwickeln.

Wenn ich diesen Film in der Neufassung kritisiere, so wünschte ich mir dennoch, dass er in vielen Schulen gezeigt wird und z.B. dadurch antifaschistisches Interesse geweckt oder weiterentwickelt wird, dass auch Schlußfolgerungen für die Zukunft gegen Ausländerfeindlichkeit, Rassismus und Faschismus entwickelt werden.

Ich wünschte mir einen offenen ehrlichen Dialog zwischen Kommunisten und Kommunistinnen und anderen politisch interessierten Menschen. Ich bin sicher, wir können aus aufrichtigen Debatten weiteres lernen. Aber auch unsere Partnerinnen und Partner in der Diskussion würden davon profitieren.

Insofern war es notwendig, diese Neufassung des Films zu sehen. Das schreibe ich, obwohl es zunächst meine Meinung war, diesen Film keinesfalls anzuschauen, weil ich mir sicher war, dass die Fassung von Frank Beyer wahrhaftiger ist. Zumindest diese Bewertung bleibt für mich!

Text: Heinz Stehr                  Foto: Unidoc-Katalog 1975

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Ratschlag marxistische Politik:

Gewerkschaften zwischen Integration und Klassenkampf

Samstag, 20. April 2024, 11:00 Uhr bis 16:30 Uhr
in Frankfurt am Main

Es referieren:
Nicole Mayer-Ahuja, Professorin für Soziologie, Uni Göttingen
Frank Deppe, emer. Professor für Politikwissenschaft, Marburg

Zu diesem Ratschlag laden ein:
Bettina Jürgensen, Frank Deppe, Heinz Bierbaum, Heinz Stehr, Ingar Solty

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