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Michael Quetting Ruhebank18.10.2022: Michael Quetting macht sich Gedanken über Werte und Interessen

 

 

Es ist Krieg in der Ukraine. Manche meinen, es wäre der erste in Europa nach 1945. Stimmt allerdings nicht. Erinnert ihr Euch z. B. an Zypern. Oder an Bergkarabach, aber, da weiß man nicht so genau, ist das schon Asien oder Europa? Ja, und dann der Balkan. Im Rahmen der Nato war auch unsere Armee daran beteiligt. Es gab zwar kein UN-Mandat, dafür aber 200.000 Tote. Und was war da in der Ukraine seit 2014? 14.000 Menschen starben. Entweder haben wir das alles verdrängt oder den Krieg einfach nicht beim Namen genannt. Herr Putin ist nun ganz geschickt und nennt seinen Krieg seit Februar einfach Spezialoperation.

Wie auch immer, in Europa wird geschossen. Es gibt Tote und Zerstörungen. Die einen Beteiligten werfen den anderen Beteiligten Kriegsverbrechen vor und bedenken nicht, dass das eine Tautologie ist. Krieg ist Verbrechen. Wenn die Schuldfrage diskutiert wird, dann ist man beim Streiten nicht zimperlich. Es geht um unsere Werte, sagen die im Westen. Es geht um unsere Werte, sagen die im Osten. Fraglos geht es um Interessen, fragt sich nur welche sind berechtigt?

Nehmen wir nun den alten Carl von Clausewitz und sein berühmtes Diktum, der Krieg sei die bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Ja, es geht um Politik und Macht. Mit Gewalt will man politische Realitäten schaffen, weil man nicht in der Lage ist, die politischen Interessen friedlich zu regeln. Nun, das kostet nicht nur tausende Ukrainer und Russen das Leben. Wir wissen um die reale Gefahr eines Atomkrieges.

Ob nun durch Interessen oder durch Werte geleitet, Deutschland ist dabei und auch nicht. Auf jeden Fall liefern wir Waffen, nicht genug sagen einige. Auf jeden Fall werden die Pazifisten mal beschimpft und selten zu den Talkshows eingeladen, wo sich an Kriegsrethorik übertroffen wird. Pazifisten-Bashing ist angesagt und wer Fragen nach der eigenen Verantwortung stellt, ist gleich ein Putin-Versteher.

Während im Krieg eine Eskalation die nächste ergibt und beide Seiten sicher zu sein scheinen, dass ihnen der Sieg gehört, gibt es da noch den Krieg mit anderen Mitteln und da ist Deutschland dann durchaus führend dabei. Jahrelang war der wirtschaftliche Erfolg des Exportweltmeister u.a. auch darauf begründet, dass man Energie direkt per Röhre zur Industrie und Wohnraum geliefert bekam. Das passte natürlich jenen nicht, die auch gerne Gas und Öl verkaufen wollen, auch wenn dies deutlich schmutziger und teurer ist.

Da die Regierung nun gerne eine wertebezogene und sogar feministische Außenpolitik machen will, kappen wir die Beziehung zum Autokraten Putin und verbeugen uns vor den Scheichs in Saudi-Arabien. Die absolute Monarchie rangiert laut Global Sender Gap Report 2020 bezüglich der Gleichstellung der Geschlechter auf Platz 146 von 153. Saudi-Arabien kämpft seit 2015 mit Verbündeten im Jemen an Seite der Regierung gegen die vom Iran unterstützen Huthis. Mehr als 370.000 Menschen wurden im Jemen-Konflikt bereits getötet, Millionen mussten flüchten. Die Vereinten Nationen stufen den Krieg und seine Folgen als schlimmste humanitäre Krise der Welt ein.

Alles das hat seine Folgen. Lebensmittel, Heizen, Nebenkosten, der Weg zur Arbeit – die Preise explodieren und viele Menschen trifft das wie ein Schlag ins Gesicht. Nun, heißt es, das müsse man wegen der Werte tun, die schließlich die Ukraine verteidigen würden. Der Winter wird kalt. Soziale Kälte anstatt die Reichen zur Kasse zu bitten, das scheint die Lösungsantwort der Herrschenden zu sein. Dabei bemüht man sich, uns so über den Tisch zu ziehen, das wir die Reibungshitze als Nestwärme empfinden. Man ist recht erfinderisch und sagt, wie sollen den Waschlappen benutzen und den Pullover anziehen. Das sei solidarisch, meinen jene, die in der heißen Sauna in ihrer Villa sitzen und am Elend immer reicher werden.

Was ist überhaupt mit den Interessen? Wo ist das Interesse des russischen Bauers, der jetzt eingezogen und an die Front geworfen wird? Wo ist das Interesse des ukrainischen Arbeiters, der gerne mit seiner Familie fliehen und sich dem Zugriff seiner Armee entziehen wollte? Wo ist mein Interesse? Wir drei wollen keine Inflation, wollen eine warme Wohnung und hätten auch gerne genug zum essen. Und die Köpfe wollen wir uns auch nicht einschlagen. Das würde ich durchaus als unser gemeinsames Interesse beschreiben.

Die Waffen nieder! Das ist das gemeinsame Interesse. Ja, wird gesagt, wir würden ja gerne, wenn da nicht der Feind wäre. Frieden schaffen mit immer weniger Waffen - war also falsch? Was machen eigentlich die ganzen Diplomaten? Was ist mit der Regierung, die sagt, sie wäre die meinige? Mein Interesse heißt Frieden und Heizung, Klimaschutz und Brot. Jetzt setzt doch endlich mal meine Interessen durch.

Vermutlich, alles spricht dafür, uns aus dem Elend zu erlösen können wir nur selber tun!

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