22.10.2026: Der Philosoph Paul B. Preciado: "Die Funktionen des sozialen Schutzes und der Umverteilung sind verschwunden, übrig bleibt nur noch ein Polizeistaat. .. Der ungerechtfertigte Einsatz von Gewalt schafft ein Klima der Angst und bereitet den Weg für ein faschistisches Regime."
Giansandro Merli interviewte für die italienische Zeitung il manifesto den Philosophen Paul B. Preciado. Er befand sich gerade auf einem Platz in Marseille, als er ihn am Samstag (17.10.) telefonisch erreichte. Die Zusammenstöße dauerten bereits seit einigen Stunden in ganz Frankreich an. "Mein Handy-Akku ist fast leer, und wir müssen ständig von einem Ort zum anderen rennen. So ein Interview ist ziemlich kompliziert", sagt er zunächst. Schließlich gelang es ihm jedoch trotz Tränengas und Polizeieinsätzen, alle Fragen zu beantworten.
Auf den Plätzen in Frankreich, Spanien und Albanien ist es zu Ausschreitungen gekommen. Auch in den USA und in Italien gibt es Mobilisierungen. Gibt es einen roten Faden, der diese Proteste verbindet, oder handelt es sich um voneinander unabhängige Ereignisse?
Wir könnten das Geschehen als zufällig oder fragmentarisch betrachten. Wir könnten denken, dass die Demonstrationen in Frankreich der Verbesserung der Schulbedingungen dienen oder durch den Anstieg der Preise für Konsumgüter ausgelöst wurden. Oder dass sie in Spanien mit dem Zugang zu menschenwürdigem Wohnraum zusammenhängen. Ich halte es jedoch für sinnvoller, diese Proteste als Ganzes zu betrachten: Sie sind eine Reaktion auf die wirtschaftliche Gewalt und die Zerstörung öffentlicher Dienstleistungen, verursacht durch eine Form des Kapitalismus, die einen neuen – und vielleicht letzten – Prozess der weltweiten Ausbeutung in Gang gesetzt hat.
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zum Thema Proteste in ganz Europa
In Europa haben soziale Fragen in mehreren Ländern zu Mobilisierungen junger Menschen geführt. Belgien, Spanien, Portugal, Italien, Albanien, Griechenland … Überall werden die Bedingungen im Bildungswesen, die Wohnkosten, die Preiserhöhungen im öffentlichen Nahverkehr, die niedrigen Löhne oder die Korruption angeprangert. |
Treibende Kraft hinter diesen Protesten ist eine Generation, die immer wieder als gleichgültig, benommen oder entpolitisiert beschrieben wird. Ist nun der Deckel hoch gegangen?
Die Gen Z [1] ist die Covid-Generation oder, noch besser, die Generation, die ihre Jugend in einer doppelten Form der Isolation verbracht hat: immunologisch und digital. Dies hat das kollektive Gefüge, das es einer Gesellschaft ermöglicht, Bedingungen der Unterdrückung zu widerstehen, noch weiter zerstört. Wir alle wurden atomisiert und auf isolierte Individuen reduziert, doch diese Isolation hatte für die Generation Z einen höheren emotionalen und politischen Preis.
Deshalb ist das, was gerade geschieht, so wichtig. Es ist ein Ausbruch aus der digitalen Isolation und ein Prozess des gesellschaftlichen Wiederaufbaus durch kollektiven und analogen Kampf. Mit dem Aufkommen der künstlichen Intelligenz vollzieht sich ein "Generationswechsel": Die wahren Kinder der Techno-Bros [2] sind die Maschinen, die darauf trainiert sind, das Proletariat zu ersetzen – sowohl das manuelle als auch das kognitive.
Seltsamerweise hat die extreme Rechte viel vom "ethnischen Austausch" gesprochen, um die Einwanderung zu dämonisieren, doch was gerade geschieht, ist ein maschineller und finanzieller Austausch.
Die Gen Z weiß das und fühlt sich bedroht. Für sie bleibt nichts übrig: weder Arbeit, noch soziale Leistungen, noch Bildung. Sie wird ausschließlich im Hinblick auf den digitalen Konsum betrachtet. Daher liegt der Ausweg auf der Straße. Diese kollektive Besetzung des öffentlichen Raums mit lebenden Körpern ist entscheidend, auch wenn sie mit völlig unverhältnismäßiger Gewalt konfrontiert ist. Der mit der extremen Rechten verbündete Neoliberalismus hat als einzige Antwort gewaltsame Repression parat.
Sind die Zusammenstöße auf den französischen Plätzen eine Massenreaktion auf den Macronismus oder gehen sie auf einige eingeschleuste Randalierer zurück?
Ich war bei den Demonstrationen in Paris und Marseille dabei, und die Gewalt geht von der Polizei aus. Es gibt zwar aggressivere Demonstrantengruppen, doch diese reagieren auf wirtschaftliche und politische Gewalt. Und ohnehin ist der Großteil derjenigen, die auf die Straße gehen, friedlich.
Die Wahrheit ist, dass der Staat mittlerweile vollständig durch die Technologiekonzerne und die Finanzwirtschaft ersetzt wurde: So bleibt ihm nur noch eine repressive Funktion. Die Rolle, sozialen Schutz und wirtschaftliche Umverteilung zu gewährleisten, ist verschwunden. Übrig bleibt nur noch die Polizei. In diesem Sinne ist der Staat der eigentliche Auslöser des Bürgerkriegs.
Hier in Marseille habe ich das Grauen gesehen: Die Beamten umzingeln die Menschen und schlagen auf sie ein, sie schießen ihnen Tränengas ins Gesicht. Viele Menschen haben Verätzungen im Gesicht, an den Augen, auf der gesamten Haut. Es ist der Polizeistaat gegen das Volk.
In der "Libération" wurde kürzlich geschrieben, dass diese Polizeigewalt dem Faschismus Tür und Tor öffnet.
Das Ziel ist es, die Bevölkerung darauf vorzubereiten, das Unannehmbare ohne Protest zu akzeptieren. Genau das geschieht derzeit in Frankreich und mit der ICE in den USA. In den Vereinigten Staaten gibt es zwar erheblichen Widerstand, doch im Allgemeinen schafft der ungerechtfertigte Einsatz von Gewalt gegen die schwächsten Teile der Gesellschaft ein Klima der Angst und bereitet den Weg für ein faschistisches Regime, in dem Gewalt zur einzigen Regierungstechnik wird und normalisiert wird. Es gilt, die Voraussetzungen für eine emotionale, psychische und soziale Toleranz gegenüber faschistischer Gewalt zu schaffen. Die Regierung Macron müsste nach den Ereignissen dieser Woche zurücktreten: Jugendliche wurden verstümmelt, erblindet und von der Polizei zusammengeschlagen, weil sie für bessere Bildungsbedingungen demonstriert hatten.
übernommen von il manifesto, 18.10.2026: https://ilmanifesto.it/paul-b-preciado-le-piazze-sono-una-reazione-alla-violenza-economica
eigene Übersetzung
Anmerkungen
[1] Zur Generation Z gehören in der Regel Personen, die zwischen 1995 und 2010 geboren wurden
[2] Der Begriff „Tech-Bro“ ist eine umgangssprachliche, meist abwertend gemeinte Bezeichnung für Männer, die in der digitalen Technologiebranche – insbesondere im US-amerikanischen Silicon Valley – arbeiten. Sie zeichnen sich durch arrogantes, prahlerisches oder hypermaskulines Verhalten und mangelnde soziale Kompetenzen aus.




