01.05.2026: Am 29. November 2025 fand in München das 31. Forum des Institut für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung isw unter dem Motto "Globale Brüche, neue Allianzen: Machtverschiebungen in der multipolaren Welt" statt. Die Einleitungsreferate hielten Bafta Sarbo zum Thema "Afrika in der multipolaren Welt", Ingar Solty zum Thema "Die Krise des Systems – Krieg. Sozialabbau, Rechtsentwicklung" und Leo Mayer zum Thema "Ist das Ende der Globalisierung erreicht?"
Die Phase der neoliberalen Globalisierung und ihrem Konzept der "global governance“ ist vorbei, behauptet Leo Mayer in seinem Beitrag. Doch die Fragmentierung der Produktion und die Globalisierung der Lieferketten schreitet weiter voran - trotz politischer Debatten über "De-Globalisierung". High-tech China hat den globalen Kapitalismus verändert. Die strategische Rivalität zwischen den USA und China, wirtschaftliche Fragmentierung und Bemühungen vieler Unternehmen zur Risikominimierung in Lieferketten, führen zu einer Neuausrichtung der Handels- und Investitionsströme. Dabei spielen der Nationalstaat und bilaterale Abkommen eine neue Rolle und Nationalstaaten werden im Verhältnis zum Markt und zum privaten Sektor zu einem mächtigeren Akteur.
Sein Resümee: Die staatskapitalistische Geopolitik beschleunigt nicht das Ende der Globalisierung, sondern gestaltet die Weltwirtschaft neu. Der Handel und die Kapitalströme bleiben hoch. Diese Ströme werden jedoch zunehmend durch staatliche Eingriffe in Richtungen umgelenkt, die direkten geostrategischen und sicherheitspolitischen Zielen dienen.
"Ist das Ende der Globalisierung erreicht?"
Referat von Leo Mayer
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Vorbemerkung:
Ich beschäftige mich in meinem Beitrag im Wesentlichen mit dem Aspekt der ökonomischen Globalisierung – exakter: Transnationalisierung, d.h. der Verflechtung der nationalen Kapitale durch Kapitalexport und Einlagerung in anderen Ländern (Auslandsdirektinvestitionen FDI) zur Herausbildung transnationalen Kapitals und Transnationaler Konzerne mit ihren die Welt umspannenden Produktionsnetzwerken.
Diese grenzüberschreitenden Produktionsketten treiben den Welthandel an. Wurde früher vor allem mit Rohstoffen, Agrargütern und industriellen Fertigprodukten gehandelt, so ist jetzt der Handel mit Zwischengütern - Komponenten wie Computerchips, Motoren, Displays, Stahlbleche, … - innerhalb der globalen Produktionsnetzwerke charakteristisch und ein Indikator für den Umfang und die Tiefe der Internationalisierung dieser Wertschöpfungsketten.
Der "Weltmarkt” reicht bis in die letzten Winkel; selbst die nationale Industrie, die nicht für den Weltmarkt produziert, produziert unter Weltmarktbedingungen, d.h. in Konkurrenz zu den für den Weltmarkt produzierten Produkten transnationaler Konzerne, die ihre Entwicklungs- und Produktionsketten über den ganzen Globus zerlegt haben, um die Produktionskosten zu optimieren.
In diesem Sinne handelt es sich wirklich um einen "globalen" Kapitalismus, in den allen Volkswirtschaften einbezogen werden.
"Globalisierung" ist umfassender und beinhaltet nicht nur Produktion und Handels- und Kapitalströme, sondern auch alle Folgen für Konsumtion, Politik und Staat, Krieg und Frieden, die Veränderung aller Lebensbereiche der Menschen wie Arbeit und Freizeit, Lebensstil, Bildung und Kultur.
Jetzt zum Thema: "Ist das Ende der Globalisierung erreicht?"
Es gibt inzwischen eine ganze Geschichte der Todesfälle der Globalisierung.
Für viele Kommentatoren, sowohl aus dem linken als auch aus dem rechten Lager, war die globale Finanzkrise 2007/2008 der Abgesang auf die Globalisierung. Der Welthandel brach 2009 um 22% ein, die Auslandsdirektinvestitionen gingen gegenüber 2007 um 52% zurück.
Aber schon ab 2010 ging es wieder aufwärts mit Welt-BIP, Welthandel und vor allem mit Auslandsdirektinvestitionen (FDI) – dem Indiz für die kapitalmäßige Verflechtung der Weltwirtschaft, der Einlagerung ausländischen Kapitals in die nationalen Volkswirtschaften und der Globalisierung der Wertschöpfungsketten: Der weltweite Bestand an Auslandsdirektinvestitionen (outward stock) verdoppelte sich fast, von etwas über 15 Billionen USD im Jahr 2008 auf über 28 Billionen USD im Jahr 2016. [https://unctadstat.unctad.org/datacentre/dataviewer/US.FdiFlowsStock]
Als dann die erste Trump-Regierung (2017 – 2021) unter dem Motto "Make America great again" eine handelskriegerischen Politik begann, wurde die Globalisierung erneut für tot erklärt. "In Tausend Stücke zersprungen" schrieb zum Beispiel der damalige Vizepräsident Boliviens, Álvaro García Linera. Ein Reißen und Abbrechen der "globalen Wertschöpfungsketten"; Protektionismus und Autarkie würden die bestimmenden Element in der Weltwirtschaft, so die Prognosen.
Im Handelskrieg verfolgte die Trump-Regierung jedoch entgegen der Rhetorik keinen Protektionismus, der auf die Einschränkung des Freihandels abzielt, sondern die Androhung von protektionistischen Maßnahmen waren das Mittel, um "unfaire Handelsschranken […], die US-Exporte blockieren" zu "eliminieren", und um andere Länder zur Öffnung ihrer Märkte für US-Waren- und Dienstleistungsexporten zu bringen. [https://ustr.gov/sites/ default/files/files/reports/2017/AnnualReport/AnnualReport2017.pdf]
Aber nicht nur der Freihandel zum Vorteil der US-Konzerne wurde vertieft, auch die internationale Kapitalverflechtung und die internationale Produktion nahmen zu.
So stieg während der ersten Trump-Regierung der weltweite Bestand an outward FDI von 33,5 Billionen im Jahr 2017 auf 39,5 Billionen im Jahr 2022. [https://unctadstat.unctad.org/datacentre/dataviewer/US.FdiFlowsStock]
Die nächste Sterbeurkunde wurde 2020 im Zuge der Corona-Pandemie ausgestellt, als es zu massiven Störungen im Welthandel und den globalen Produktionsketten kam. Und tatsächlich ging der Bestand an FDI leicht zurück.
Doch 2023 stiegen die weltweiten ausländischen Direktinvestitionen wieder an, so dass beim Ausländischen Kapitalstock ein Rekordwert von 42,6 Billionen US-Dollar erreicht wurde. In 2024 ein weiterer Anstieg auf 43,6 Billionen. [https://unctadstat.unctad.org/datacentre/dataviewer/US.FdiFlowsStock]
Weltweiter FDI Stock outward in Millionen USD
| 1990 | 1995 | 2000 | 2005 | 2010 | 2015 | 2020 | 2024 |
| 2 254 903 | 3 993 092 |
7 408 290 |
11 909 090 |
21 515 780 |
26 950 302 |
40 048 460 |
43 594 995 |
Quelle: UNCTAD, Foreign direct investment: Inward and outward flows and stock, annual, Last updated 01 Sept. 2025, https://unctadstat.unctad.org/datacentre/dataviewer/US.FdiFlowsStock
Jetzt in seiner zweiten Amtszeit hat Trump den Handelskrieg mit Zöllen und Sanktionen gegen den Rest der Welt wieder aufgenommen.
Trotzdem stieg das Volumen des weltweiten Warenhandels (preis- und saisonbereinigt) im ersten Halbjahr 2025 um 4,9% gegenüber dem Vorjahr an. (2022: +2.7% gegenüber 2021; 2023: Stagnation mit +0.2%; 2024: +2.8%.
Der Handel mit Zwischenprodukten, ein Indikator für die Internationalisierung der Produktion, hat im ersten Halbjahr 2025 noch stärker zugenommen: von plus 8,7 Prozent im Jahr 2023 auf plus 10,4 Prozent im 1. Halbjahr 2025.
Der Anteil von Zwischenprodukten am Welthandel liegt seit 20 Jahren wertmäßig bei ca. 50-55%. Das bedeutet: Jede zweite gehandelte Ware ist kein fertiges Produkt, sondern ein Bauteil, eine Komponente oder ein Rohstoff, der in eine weitere Produktionsstufe eingeht.
Dieser hohe Anteil spiegelt die zunehmende Fragmentierung der Produktion und die Globalisierung der Lieferketten wider. Die moderne Produktion ist extrem arbeitsteilig. Ein Endprodukt wie ein Auto oder ein Smartphone durchläuft oft Dutzende von Produktionsstätten in verschiedenen Ländern, wobei jedes Mal Zwischenprodukte gehandelt werden.
Fazit: Der Welthandel wird auch weiter von globalen Lieferketten der Transnationalen Konzerne dominiert. Der Anteil der Zwischenprodukte von ca. 50% ist ein Beleg für die tiefe Vernetzung der Weltwirtschaft und die Bedeutung globaler Produktionsnetzwerken – trotz politischer Debatten über "De-Globalisierung".
Was jedoch nicht heißt, dass sich nicht tiefgreifende Veränderungen vollzogen haben bzw. vollziehen.
Multilaterales System und Staat
Die Globalisierung wurde unter Führung durch die USA mit dem Siegeszug des Neoliberalismus ab Beginn der 1990er Jahre vorangetrieben: Handelsbarrieren wurden niedergerissen, die Märkte dereguliert und geöffnet.
In dieser neuen Ära verlagerten multinationale Unternehmen, hauptsächlich aus den USA, Europa und Japan, ihre Produktion ins Ausland, wo die Arbeitskräfte machtlos und billig waren. Sie lagerten auch an lokale Produzenten aus und schufen so komplexe, mehrstufige Produktionsnetzwerke, die wirklich global waren.
Länder, die nicht an die globalen Netzwerke angeschlossen waren, wurden als Bedrohung für die von den USA geführte internationale Ordnung angesehen, da sie nicht der Marktdisziplin unterworfen werden konnten. Sie wurden mit politischem und wirtschaftlichem Druck – bis hin zu militärischer Intervention – dazu gezwungen, ihre Grenzen für das transnationale Kapital zu öffnen.
Dabei ist einer der größten Mythen, der in diesem neoliberalen Szenario verbreitet wurde, ist, dass der Nationalstaat in dieser von einer zunehmenden Globalisierung geprägten Zeit nicht mehr die treibende Kraft sei.
Aber es war nationale staatliche Politik, die dereguliert, privatisiert und Arbeiterrechte untergraben hat, die die nationale Ökonomie in die Weltwirtschaft integriert, den Einfluss der mächtigsten transnationalen Kapitalgruppen und Unternehmen gestärkt und gefördert und aktiv das multilaterale System installiert hat.
Die zunehmende Transnationalisierung der Produktion und des Kapitals und die Einlagerung ausländischen Kapitals in die nationale Wirtschaft hat nicht nur die Wirtschaft transnationalisiert, auch die Nationalstaaten nahmen transnationale Attribute an, indem das eingelagerte ausländische Kapital Einfluss auf die nationale Politik nimmt.
Mit dem Abbau der Zoll- und Handelsschranken und der Etablierung des WTO-Regimes bildete sich ein weitgehend einheitlicher Weltmarkt heraus. Der freie Fluss von Kapital und Gütern über nationale Grenzen hinweg wurde durch ein multilaterales System garantiert. Über internationale Abkommen sollte den Staaten nur noch das Recht und die Pflicht zugestanden werden, für politische Sicherheit und ein günstiges Investitionsklima zu sorgen und den freien Gewinntransfer zu garantieren.
Zur Welthandelsorganisation mit ihren Schiedsgerichten, zu IWF und Weltbank kamen die politischen Organisationen der Transnationalen Konzerne dazu: Trilateral Commission, Business Investment Network, Transatlantic Business Dialogue, European Roundtable und viele mehr.
Das Weltwirtschaftsforum Davos ist der prägnanteste Ausdruck dieser Phase der neoliberalen Globalisierung und ihrem Konzept der "global governance“.
Diese Phase der Globalisierung ist vorbei!
Die alten Regeln in Bezug auf den freien Handel gelten nicht mehr oder nur noch eingeschränkt.
Die Welthandelsorganisation WTO ist nicht mehr der unumstrittene Dirigent des Welthandels. Ihr wichtigstes Durchsetzungsinstrument, die Schiedsgerichte, sind seit 2019 durch die USA lahmgelegt. Es gibt keine spektakulären neuen Freihandelsabkommen. Das Transatlantische Freihandelsabkommen TTIP und das pazifische Freihandelsabkommen TPP sind von Trump vom Tisch gefegt worden.
Die Ära der Globalisierung, in der der freie Fluss von Kapital und Gütern über nationale Grenzen hinweg durch westlich dominierte Institutionen mit ihren multilateralen Regeln garantiert wurde, weicht bilateralen Beziehungen in den Bereichen Handel, Kapitalflüsse, Technologietransfer.
Der Nationalstaat und bilaterale Abkommen spielen eine neue Rolle und Nationalstaaten werden im Verhältnis zum Markt und zum privaten Sektor zu einem mächtigeren Akteur.
Das liegt an der Erkenntnis, dass angesichts der Krisendynamik staatliches Handeln immer wichtiger wird - angefangen bei der Bankenrettung während der globalen Finanzkrise 2008 bis hin zu Investitionsprogrammen und aktiver Industriepolitik zur Stärkung von Konzernen im internationalen Wettbewerb und der Förderung von high-tech-Unternehmen.
Dazu kommen Sanktionen und Exportverbote, um rivalisierende Länder daran zu hindern, fortschrittliche Technologien zu erwerben.
Rivale China
Und da sind wir bei der größten Herausforderung für die westlichen Staaten und deren Kapitalgruppen: China.
Mit dem Beginn der Globalisierung wurde China mit seinem riesigen Potential an billigen Arbeitskräften zum Ziel von Auslandsdirektinvestitionen für den Aufbau von Fabriken.
FDI Inward Stock in Millionen USD:
| 1990 | 2000 | 2010 | 2024 | |
| Welt | 2 196 203 |
7 377 201 |
20 843 962 |
50 907 355 |
| China |
20 691 |
193 348 |
586 882 |
3 650 268 |
| China Hongkong |
201 653 |
435 417 |
1 067 520 |
2 350 740 |
| USA |
539 601 |
2 783 235 |
3 422 293 |
15 567 058 |
| Deutschland |
226 552 |
470 938 |
955 881 |
1 209 485 |
Quelle: UNCTAD, Foreign direct investment: Inward and outward flows and stock, annual, Last updated 01 Sept. 2025, https://unctadstat.unctad.org/datacentre/dataviewer/US.FdiFlowsStock
Vor allem US-Konzerne verlagerten ihre Produktionsanlagen nach China. Sie haben billig in China produzieren lassen und so ihre Gewinne, Aktienkurse und damit die Vermögen der Aktionäre aufgepumpt. Die Verbraucher profitierten von sinkenden Verbraucherpreisen durch billige Konsumwaren aus China.
Nach dem Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation (WTO) im Jahr 2001 nahmen die Importe chinesischer Waren in die USA massiv zu. Die billigere Konkurrenz führte zur Schließung vieler Fabriken in den USA. Der sogenannte "China-Schock" kostete die USA etwa 3 Millionen Arbeitsplätze in der Fertigungsindustrie und hat die Synergie zwischen technologischer Innovation und einem dynamischen Fertigungssektor zerstört.
Aber, wie Rosa Luxemburg schon sagte: "Die Geschichte ist eine listige Dame"
Das Gegenstück war die Superindustrialisierung Chinas, das innerhalb von nur etwa 30 Jahren den schnellsten Aufstieg in der Geschichte von einem völligen Außenseiter des globalen kapitalistischen Systems zu dessen Zentrum vollzog. Dies ging nicht nur mit einer raschen Industrialisierung einher, sondern auch mit einem schnellen Erwerb von Technologien.
Im Zuge von Pekings Beitritt zur WTO erhielten chinesische Unternehmen über Nacht Zugang zu den globalen Märkten. Aufgrund ihrer Skalen-Effekte, gemischt mit einer extrem preisgünstigen Fertigung, haben sie die Konkurrenz aus dem Westen schnell überholt und wurde zur "Werkbank der Welt".
Hatte China im Jahr 1995 nur einen Anteil von 4,5% an der weltweiten Produktion, so überholt es im Jahr 2018 mit 18,5% die USA und ist heute mit einem Anteil von 30 – 32% unangefochtener Weltmeister. China produziert mehr als die USA, Japan und Deutschland zusammen.
Umgekehrt sank der relative Anteil der USA von 20,3% im Jahr 1995 auf unter 17% im Jahr 2024. Trotz des gesunkenen Anteils bleiben die USA die zweitgrößte Industrienation der Welt hinter China und vor Deutschland und Japan.
Noch aussagekräftiger ist der Vergleich der industriellen Wertschöpfung, das ist der Wert, der in einem Produktionsprozess neu geschaffen wird.
Daran gemessen hat China die USA seit 2010 als größte Industrienation abgelöst. Das bedeutet, dass der in Chinas Fabriken neu geschaffene Wert höher ist als der in amerikanischen Fabriken, auch wenn die USA in bestimmten Hochtechnologiebereichen produktiver sein mögen.
Anteil an der globalen industriellen Wertschöpfung (Manufacturing Value Added MVA):
• Jahr 2000: China 7%; USA 26%
• Jahr 2024: China 32%; USA 16%
High-tech China
Der Aufstieg der chinesischen Wirtschaft seit den 1990er Jahren hat den globalen Kapitalismus verändert. In jedem Einkaufszentrum der Welt findet man Produkte mit dem Label "Made in China" in den Regalen. Man geht allgemein davon aus, dass etwa 70-80 % der Waren beim US-Discounter Walmart ganz oder teilweise in China produziert werden.
Das war für die USA solange kein Problem, solange es sich bei den aus China importierten Produkten um einfache Konsumgüter oder Industriegüter mit niedrigem oder mittlerem Standard handelte.
Doch heute machen Hightech-Güter – darunter Computer, Telekommunikationsgeräte, Luft- und Raumfahrtprodukte und Biotechnologie – rund 30% der chinesischen Gesamtexporte aus.
Peking arbeitet seit fast 20 Jahren daran, ökonomisch möglichst unabhängig vom Westen zu werden. So fördert der Staat die Inlandsproduktion in Schlüsseltechnologien wie Medizingüter, Halbleiter, Flugzeuge, Landwirtschaftsmaschinerie, Industrierobotik, Ausrüstung für erneuerbare Energien, E-Fahrzeuge, Künstliche Intelligenz, Kommunikationsindustrie 5G und E-Commerce.
Im Jahr 2015 verkündete die chinesische Regierung die industriestrategische Initiative "Made in China 2025" mit dem Ziel, China von der "Werkbank der Welt" zu einer globalen Führungsmacht in Hochtechnologie zu transformieren und das Innovationszentrums nach China zu verlagern.
Mit einem großen Investitionsprogramm geht es Peking darum ausländische Abhängigkeiten bei Halbleitern, KI und superschnellen Quantencomputern zu durchbrechen. Das Ziel? Die Lithografie zur Herstellung modernster Chips zu beherrschen, einheimische KI-Chips zu bauen und die Lieferketten gegen US-Sanktionen abzusichern. Hier geht es nicht nur um Forschung und Entwicklung, sondern um eine umfassende Abkopplung vom US-Tech-Ökosystem und mit der Verlagerung des Innovationszentrums nach China, insbesondere in Bereichen wie Künstliche Intelligenz (KI), Kommunikationsindustrie 5G, E-Commerce, Halbleiter und Elektrofahrzeuge.
Schätzungsweise 20–30 chinesische High-Tech-Unternehmen können heute auf Augenhöhe mit US-Unternehmen konkurrieren. Diese Unternehmen sind in der Lage, in ihren jeweiligen Branchen global zu agieren und innovative Produkte und Dienstleistungen anzubieten.
Im Jahr 1995 dominierten US-Unternehmen die globalen Top 100 in fast allen wichtigen Rankings. Die USA stellten 151 Unternehmen in den Top 500. Davon gehörten 59 zu den Top 100. (nach Umsatz, Fortune Global)
In den top 100 war kein chinesisches Unternehmen, in den top 500 waren es drei Staatsbetriebe.
Im Jahr 2024 hat sich das Bild deutlich gewandelt: In den top 500 sind nun 142 chinesische Unternehmen (Staatsbetriebe und private Technologie-Giganten wie State Grid, Huawei und JD.com.) zu 136 US-Unternehmen. In den top 100 sind 35 chinesisch zu 38 us-amerikanischen.
Geopolitische Bedeutung:
Diese Zahlen sind der fundamentale Grund für die heutigen geoökonomischen Spannungen. Chinas dominante Stellung in der globalen Produktion gibt ihm enorme wirtschaftliche und strategische Hebelwirkung, die von anderen Ländern (insbesondere den USA) als Bedrohung ihrer Führungsrolle empfunden wird.
Die Beziehungen zwischen den USA und China haben sich in weniger als einem Jahrzehnt von einer Partnerschaft zu einer Rivalität gewandelt.
Die erste Trump-Regierung brach entscheidend mit der Politik der Einbindung Chinas, indem sie China und Russland in der Nationalen Sicherheitsstrategie der USA von 2017 offiziell als Gegner definierte.
Die EU zog bald nach. 2019 bezeichnete sie die VR China als "systemischen Rivalen" und angesichts der Abhängigkeit von China gleichzeitig als "Partner".
Was als geoökonomische Rivalität zwischen den USA und China begann, hat sich auf die Europäische Union (EU) und Russland ausgeweitet und die geopolitische Rivalität ist mit voller Wucht zurückgekehrt.
Schlachtfeld High-tech und Lieferketten
Das neue Schlachtfeld dreht sich um die Kontrolle globaler Netzwerke – von Halbleiter-Lieferketten und der Produktion von Elektrofahrzeugen (EV) bis hin zu digitalen Plattformen, Verkehrsinfrastruktur und Finanzzahlungssystemen. Die Kontrolle über diese transnationalen Netzwerke ist Voraussetzung, um im laufenden Jahrhundert Macht auszuüben.
Weltweit reagieren Regierungen darauf, indem sie ihre Rolle als Akteure der Industriepolitik und als Investoren-Aktionäre ausbauen. Um die Kontrolle über kritische Knotenpunkte globaler Wirtschaftsnetzwerke auszuüben, mobilisieren sie Industriepolitik und setzen Staatsfonds, Banken, staatliche Unternehmen und andere Formen staatlichen Eigentums ein.
Mit dem Argument der nationalen Sicherheit werden Investitionen ausländischer Unternehmen verboten, Sanktionen und Ausfuhrsperren verhängt.
Huawei, TikTok und neuerdings Alibaba werden von den USA sanktioniert, weil sie angeblich die Sicherheit der USA gefährden.
Deutschland steht dem nicht nach. Vor ein paar Tagen erklärte Friedrich Merz, dass chinesische Anbieter wie Huawei aus Sicherheitsgründen von den künftigen Telekommunikationsnetzen Deutschlands (6G-Netz) ausgeschlossen werden. Außerdem sollen im bestehenden Netz chinesische Komponenten "durch Komponenten ersetzen werden, die wir selbst hergestellt haben“, sagte Merz am 13. November auf einer Wirtschaftskonferenz in Berlin.
Neuausrichtung der Handels- und Investitionsströme
Diese strategische Rivalität zwischen den USA und China, wirtschaftliche Fragmentierung und Bemühungen vieler Unternehmen zur Risikominimierung in Lieferketten, führen zu einer Neuausrichtung der Handels- und Investitionsströme.
Deshalb liegen auch die größten Veränderungen nicht im Volumen des globalen Handels, dem Anteil von Zwischenprodukten oder dem Volumen der Auslandsdirektinvestitionen, sondern in der geografische Ausrichtung.
Im Jahr 2024 gingen die bereinigten weltweiten ausländischen Direktinvestitionen um 11% zurück. Damit sind sie das zweite Jahr in Folge gesunken.
Der Rückgang ist größtenteils auf einen Einbruch der ausländischen Direktinvestitionen in Industrieländern um 22% zurückzuführen, darunter ein Einbruch um 58% in Europa. (Deutschland -89%).
Die USA widersetzten sich diesem Trend mit einem Anstieg der in die USA fließenden Investitionen um 20%, getrieben durch Megaprojekte für Halbleiter.
Die aus den USA in andere Länder abfließenden Investitionen sanken um 26%. Dies ist aber kein Zeichen von Schwäche oder eines Rückzugs aus der Welt, sondern das Ergebnis einer Neuausrichtung und Verschiebung der Prioritäten:
- Da China lange ein Hauptziel für US-Investitionen war, dämpft die strategische Rivalität mit China die gesamten FDI-Abflüsse.
- Statt neuer Kapazitäten in Niedriglohnländern wird jetzt oft in die Widerstandsfähigkeit der Lieferkette investiert, z.B. durch Verlagerung nach Mexiko oder Kanada oder Automatisierung im Heimatmarkt. Diese Investitionen zählen oft nicht als klassischer FDI.
- Gleichzeitig hat die US-Regierung mit Gesetzen wie dem Inflation Reduction Act (IRA) und dem CHIPS and Science Act massive Subventionen und Steuervorteile für Investitionen im Inland geschaffen, insbesondere in den Bereichen grüne Technologien und Halbleiterproduktion. Für viele US-Unternehmen ist es derzeit profitabler, in den USA zu investieren als im Ausland.
Trumps Zölle zielen zumindest teilweise darauf ab, verlorenes US-Kapital zurück zu holen, Chinas Position im Welthandel zu schwächen und gleichzeitig die der USA zu stärken.
Tatsächlich wurde der De-Industrialisierungsprozess gestoppt und der Anteil der Industrieproduktion am BIP hat wieder leicht zugenommen, die US-Exporte von Waren und Dienstleistungen haben zugenommen.
Die nach China fließenden Investition sanken 2024 das zweite Jahr in Folge: 2022 auf 2023: -14%; 2023 auf 2024: -29%. Der Rückgang ist vor allem auf ausbleibende US-Investitionen zurückzuführen.
Trotzdem blieb Asien die Region mit den höchsten Zuflüssen. Die ASEAN-Länder1 verzeichneten einen Anstieg um 10% und erreichten einen Rekordwert von 225 Mrd. USD an ausländischen Direktinvestitionen.
Dabei ist China einer der größten und am schnellsten wachsenden Investoren in den ASEAN-Ländern.
Die chinesischen Investitionen fließen vor allem in:
- Infrastruktur und Energie: Durch die "Belt and Road Initiative" (Neue Seidenstraße) in Länder wie Indonesien, Vietnam und Laos (z.B. Hochgeschwindigkeitszüge, Stromnetze).
- Elektronik- und EV-Lieferketten: Riesige Investitionen in Fabriken für Elektrofahrzeuge, Batterien und Elektronik, insbesondere in Thailand, Indonesien und Vietnam.
"Multinationale Unternehmen verlagern ihre Lieferketten nach Südostasien, Osteuropa und Mittelamerika (Anm: nach Lateinamerika flossen im 1. Halbjahr 2025 12% mehr Investitionen) – eine Entwicklung, die während der Pandemie begann und sich nun beschleunigt", schreibt die UN-Organisation für Handel und Entwicklung UNCTAD in ihrem World Investment Report 2025.
Vor dem Hintergrund globaler Lieferkettenkrisen (wie während der COVID-19-Pandemie), geopolitischer Spannungen und Handelskonflikten werden Lieferketten in "befreundete" Länder verlagert. Um die Lieferketten weniger störanfällig zu machen, werden regionale, räumlich nahe beieinander liegende Lieferketten angestrebt (Reshoring).
Eine weitere Veränderung in der Struktur der Lieferketten ist der Aufbau von "vertikalen Lieferketten"
Vertikale Lieferketten (engl. Vertical Supply Chains) beschreiben ein Modell, bei dem ein Unternehmen mehrere oder alle Stufen des Produktions- und Wertschöpfungsprozesses kontrolliert – von der Beschaffung der Rohstoffe bis zum Verkauf des fertigen Produkts.( Ein Automobilhersteller produziert seine eigenen Batteriezellen, anstatt sie von einem externen Spezialisten zu kaufen.
Im Gegensatz zu komplexen, global verzweigten Lieferketten, bei denen viele unabhängige Zulieferer involviert sind, strebt eine vertikale Lieferkette nach einer starken Integration und Kontrolle durch ein einziges Unternehmen oder einen eng verbundenen Konzern.
Der staatsterroristische Anschlag Israels in Libanon mit Pagern, in die irgendwo in der Produktionskette Sprengsätze eingebaut wurden, hat die Verwundbarkeit dieser global verzweigten Lieferketten mit zahlreichen Sub-Unternehmen offengelegt.
Für China bedeutet der Aufbau eigener vertikaler Lieferkette neben höherer Sicherheit, dass Chinas Importe für die Verarbeitungsindustrie von 50% im Jahr 2005 auf unter 30% der chinesischen Importe im Jahr 2024 stetig zurückgegangen sind. Mit anderen Worten: China hat seine Importe von Zwischenprodukten reduziert und damit die Abhängigkeit von ausländischen Vorleistungen verringert. [https://www.oxfordeconomics.com/resource/why-have-chinas-export-held-up-so-well-under-higher-us-tariffs/]
Diese Neuausrichtung der Lieferketten wird durch die jeweiligen Staaten massiv beeinflusst und mit Investitionszuschüssen, Sanktionen und Exportverboten gefördert. Es geht um Reindustrialisierung, Rückverlagerung strategischer Produktionskapazitäten, Widerstandsfähikeit der Lieferketten und die Sicherung der technologischen Souveränität.
Handel 2025 und der Rollentausch: China überlässt es zunehmend dem Rest der Welt, das China der frühen 2010er Jahre zu sein
Das Volumen des weltweiten Warenhandels stieg im ersten Halbjahr 2025 um 4,9% gegenüber dem Vorjahr – vor allem getrieben durch den Handel mit KI-bezogenen Gütern aus Asien.
Laut der jüngsten Prognose von Oxford Economics werden Chinas reale Warenexporte im Jahr 2025 um beeindruckende 8,3% wachsen. (https://www.oxfordeconomics.com/resource/why-have-chinas-export-held-up-so-well-under-higher-us-tariffs/ )
Der interessanteste Grund für diesen Aufschwung ist ein Rollentausch:
Früher importierte China als "Werkbank der Welt" Teile und montierte sie zu Fertigprodukten, heute produziert China die Teile, die alle anderen importieren und montieren. Mit anderen Worten: China überlässt es zunehmend dem Rest der Welt, das China der frühen 2010er Jahre zu sein. Der Rest der Welt wird zur Werkbank Chinas, während China in der Wertschöpfungskette vorgelagert ist und die Rolle seiner ehemaligen (meist westlichen und fortgeschrittenen asiatischen) Zulieferer, als Hersteller höherwertiger Vorprodukte übernommen hat.
Fast die Hälfte der gesamten chinesischen Exporte sind mittlerweile Zwischenprodukte.
Chinesische Elektrokomponenten, Leiterplatten, Hydraulik, elektrische Transformatoren und Schalter sind in jeder US-amerikanischen oder europäischen Fabrikmaschine zu finden, ebenso wie pharmazeutische Vorprodukte und chemische Zwischenprodukte, die für us-amerikanische und europäische Apotheken und Krankenhäuser unverzichtbar sind.
Gar nicht zu reden von den Seltenen Erden, bei denen China ein Monopol bei der Gewinnung, der Verarbeitung und bei Patenten hat. (Seltene Erden gibt es in vielen Ländern, aber China hat ein "Monopol der verbesserten Produktionsweise")
"Die Auswirkungen der mehrjährigen Umstellung Chinas von Endverbrauchsgütern auf Investitions- und Zwischenprodukte bedeuten, dass es für globale Hersteller immer schwieriger wird, chinesische Komponenten auszuschließen oder ihre chinesischen Partner in Lieferketten zu vernachlässigen." [https://www.oxfordeconomics.com/resource/why-have-chinas-export-held-up-so-well-under-higher-us-tariffs/]
Chinas Exportverbot für nur eine einzige Nexperia-Fertigungsanlage für ausgereifte Komponenten reichte aus, um die gesamte europäische und US-Autoindustrie lahmzulegen. Kein Auto "made in Germany" ohne Chips "made in China".
Nachdem die niederländische Regierung auf Druck der USA und unter Berufung auf Bedenken hinsichtlich der nationalen Sicherheit den Halbleiterhersteller Nexperia, die europäische Tochter der chinesischen Wingtech, im September verstaatlicht hatte und die Lieferung von Siliziumplatten (Wafer) zur Halbleiterherstellung aus Europa nach China stoppte, reagierte China mit einem Exportstopp der Nexperia-Chips aus China. Durch den Lieferstopp wurden zentrale Komponenten für die Automobilproduktion und deren Zulieferer knapp. Ein Produktionsstopp drohte.
Inzwischen gibt es eine Einigung: Die Automobilindustrie bezieht die Chips direkt aus China. China hat eine eigene Fertigung für die Herstellung von Wafer hochgezogen und sich damit unabhängig von der Zulieferung aus der EU gemacht. (genauere Information und Hintergründe sind bei www.kommunisten.de in der Rubrik Wirtschaft zu finden. 27.10.2025: "Niederlande enteignen chinesischen Chiphersteller. China antwortet mit Lieferstopp." und 5.11.2025: "Nexperia: Die Schildbürger von Nijmegen und Den Haag")
Vergangene Woche gab Renault bekannt, dass 2026 eine neue Version des Elektro-Kleinwagens Twingo auf den Markt kommt. Es ist das erste Auto, das in China entwickelt und in Europa, im Renault-Werk in Novo Mesto in Slowenien, zusammengebaut wird – eine komplette Umkehrung dessen, was früher üblich war. Wertmäßig bestehen 46% des Fahrzeugs aus Komponenten aus China, darunter die Batterie und der Motor von Shanghai Edrive. "Wir sind in aller Bescheidenheit gekommen, um zu lernen, wie man schnell vorankommt", sagte der verantwortliche Entwicklungsleiter bei Renault über die Zusammenarbeit mit dem chinesischen Autoentwickler in Shanghai. [https://techniques-ingenieur.fr/actualite/articles/la-nouvelle-renault-twingo-lelectrique-a-fabrication-europeenne-et-motorisation-chinoise-152857/]
Die politische Vorstellung der "Entkopplung" stößt auf die Realität des "Profits"
Abschließend noch einige Beispiele für die Widersprüche, die zwischen Regierungen und transnationalen Unternehmen entstehen, wenn Handels- und Investitionsbeschränkungen verschärft werden, um geostrategische und sicherheitspolitische Ziele zu erreichen.
Denn dabei stößt die politische Vorstellung der "Entkopplung" auf die Realität des "Profits".
Am selben Tag, an dem Trump wieder über eine Abkopplung von China redete, waren die Vorstandschefs von Blackstone und von Apple in China und trafen sich mit hohen chinesischen Regierungsvertretern, um die Zusammenarbeit zu vertiefen. (17.10.2025)
Die US-Regierung zwingt den US-Chiphersteller Nvidia, keine Chips der neueren Generation nach China zu liefern. Trump besteht darauf, dass die besten Nvidia-Chips nicht exportiert werden dürfen.
Doch Nvidia will China, einen der größten Märkte der Welt, nicht verlieren. In einem Interview bei dem Trump-nahen Fernsehsender Fox News bat Nvidia-CEO Jensen Huang Trump, nach China zurückkehren zu dürfen. (Fox News, 2.11.2025, https://youtu.be/3ZyZNt6aJRI)
Huang: "Wir sind zu 100 % aus China raus. Unser Marktanteil ist von 95 % auf 0 % gefallen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendein Politiker das für eine gute Idee hält."
Huang befürchtet, dass die Exportbeschränkungen der USA dazu führen könnten, dass China noch schneller eigen Chips entwickelt und andere Staaten auf chinesische KI-Produkte ausweichen. Denn die neuesten US-amerikanischen KI-Modelle seien ihren chinesischen Konkurrenten nicht weit voraus. China liege im Bereich KI nur "Nanosekunden hinter Amerika".
Die USA hätten "China unterschätzt. Jetzt stellen sie selbst Millionen von KI-Chips her. Sie brauchen uns nicht mehr“, so der Nvidia-Chef.
China auf der anderen Seite hatte Anfang September bereits die Unternehmen des Landes aufgerufen, ihre Abhängigkeit von Nvidia zu verringern und chinesische Chips einzusetzen.
Während die EU von Entkopplung und "digitaler Souveränität" spricht, geht VW den entgegengesetzten Weg. Anfang November gab VW bekannt, dass der Konzern mehr als 200 Millionen Euro in ein gemeinsames Projekt mit dem chinesischen Computing-Spezialisten für autonomes Fahren, Horizon Robotics, investieren wird. Im Wettlauf im Bereich autonomes Fahren will der Volkswagen-Konzern wichtige Chips für autonomes Fahren in China selbst entwickeln.
Bereits im Frühjahr hat Volkswagen die eigene Entwicklung für autonome Fahrfunktionen in China gestoppt und nutzt ein Assistenzsystem des chinesischen Automobilherstellers Xpeng.
[https://www.heise.de/news/Rennen-um-autonomes-Fahren-VW-baut-in-China-eigene-KI-Chips-11066492.html, https://www.automobil-industrie.vogel.de/volkswagen-autonomes-fahren-china-xpeng-xngp-2026-a-591ab91a6e2175f77b1a68e7521b30a8/ ]
Während Volkswagen erklärt, dass diese Schritte die zweite Phase seiner China-Strategie definieren - weg von der bloßen Lokalisierung der Produktion, hin zur Entwicklung zentraler Technologien mit chinesischen Partnern -, kommentiert das Handelsblatt: "Für Unternehmen geht es in erster Linie darum, Loyalität zum Standort China in konfliktreichen Zeiten zu zeigen." [Handelsblatt, 5.11.2025, https://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/autobauer-vw-investiert-in-eigenen-chip-fuer-den-chinesischen-markt/100171114.html]
Abschließende These
Da sich die Rivalität zwischen dem "Westen" und China verschärft, setzen mächtige Staaten neue staatskapitalistische Instrumente zunehmend für geopolitische Zwecke ein. So werden Handels- und Investitionsbeschränkungen verschärft und gelegentlich staatliches Eigentum (in Form von Kapitalbeteiligungen) in Schlüsselunternehmen eingebracht, um kritische Lieferketten vor ausländischer Konkurrenz zu schützen, beispielsweise im Bereich Halbleiter und EV-Batterien.
Die Definition der nationalen Sicherheit wird erweitert, so dass wirtschaftliche Konkurrenten als Bedrohung für die Souveränität und Integrität der Nation dargestellt werden können.
Auch wenn diese Trends die globale wirtschaftliche Integration nicht unbedingt verringern, führen sie doch eine politische Logik und Formen direkter staatlicher Intervention in die der Globalisierung zugrunde liegenden transnationalen Beziehungen ein.
Transnationale Unternehmen werden weiterhin einflussreiche Akteure sein, aber sie stehen anderen wichtigen Akteuren, der Staatsmacht und dem Sicherheitsapparat gegenüber – manchmal in sehr enger Zusammenarbeit, manchmal in Antagonismus.
Es geht darum, in wie weit sie sich anpassen müssen an staatliche Maßnahmen wie Reshoring und Sanktionen sowie die Verlagerung wichtiger Teile ihrer Wertschöpfungskette aus rivalisierenden Ländern. Sie können ihre Aktivitäten zunehmend nicht nur unter Berücksichtigung von Faktoren wie Arbeitskosten und Zugang zu Kundenmärkten organisieren, sondern müssen auch Gesichtspunkte der geopolitischen Rivalität und der Minimierung geopolitischer Risiken berücksichtigen.
Dies löst keinen Prozess der "De-Globalisierung" aus, also eine Verringerung der globalen Finanz-, Handels- und Dienstleistungsströme. Vielmehr geht es in den meisten Fällen darum, die globalen Wirtschaftsnetzwerke, die die Globalisierung untermauern, neu zu gestalten und zu kontrollieren.
Die staatskapitalistische Geopolitik beschleunigt also nicht das Ende der Globalisierung, sondern gestaltet die Weltwirtschaft neu. Der Handel und die Kapitalströme bleiben hoch. Diese Ströme werden jedoch zunehmend durch staatliche Eingriffe in Richtungen umgelenkt, die direkten geostrategischen und sicherheitspolitischen Zielen dienen.
Quellen
- https://unctad.org/unctad16/data-stories
- https://unctadstat.unctad.org/datacentre/dataviewer/US.FdiFlowsStock
- https://unctad.org/news/explore-global-investment-data-and-changing-trends
- https://unctad.org/publication/world-investment-report-2025
- https://unctad.org/system/files/official-document/wir2024_annex-2_en.pdf
- https://unctad.org/topic/investment/investment-statistics-and-trends
- https://unctad.org/news/global-foreign-investment-falls-3-first-half-2025-hitting-industry-and-infrastructure
- https://www.wto.org/english/res_e/booksp_e/anrep_e/ar25_e.pdf
- https://www.wto.org/english/news_e/news25_e/stat_07oct25_e.htm
- https://www.wto.org/english/news_e/news25_e/stat_07oct25_e.pdf
- https://ttd.wto.org/en/analysis/monthly-trade-dashoard
- https://english.mofcom.gov.cn/

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