marxistische linke - Partnerin der Europäischen Linken

24.08.2026: Ein Reisebericht zum 29. Farkha-Festival 2026 von Kerem Schamberger

 

Es ist drei Jahre her, seitdem wir zuletzt in Farkha waren. Drei Jahre, in denen sich die Welt verändert hat. Mehr als 75.000 namentlich bekannte Palästinenser:innen wurden von Israel alleine in Gaza ermordet, in der Westbank sind es mehr als 1.240. Täglich werden es mehr. Die Besatzung ist überall ausgeweitet, auch im Libanon und Syrien. Der bisherige Status quo des Nahen Ostens ist nicht mehr existent und Israel versucht mit aller Gewalt zur Regionalmacht zu werden. In dem kleinen palästinensischen Dorf Farkha hingegen leisten sie noch immer Widerstand. Inmitten von Hoffnungslosigkeit, Trauma und Emigration.

Farkha2026 OekogartenDer Ökogarten in Farkha wird immer größer und trägt buchstäblich Früchte. Auf dem Farkha-Festival haben wir in den letzten 15 Jahren zur Terrassierung des Gemeinschaftgartens beigetragen.

Farkha: ziviler Widerstand eine Frage des Überlebens

Für die Bewohner:innen von Farkha ist die Frage des zivilen Widerstands keine Entscheidung, sondern eine Frage der Notwendigkeit, des Überlebens. Koloniale Siedler aus Israel greifen mittlerweile wöchentlich die Bauern Farkhas auf ihren Feldern an. Sie haben einen neuen kolonialen Außenposten auf einem Hügel gegenüber dem Dorf errichtet, mit dem Ziel, zwei illegale Siedlungen im Norden des Westjordanlandes, Ariel und Barkan, miteinander zu verbinden und damit einen weiteren Keil von West nach Ost durch die Westbank zu treiben, die Palästinenser:innen in kleine Bantustans einzupferchen und ihr Leben immer weiter zu verunmöglichen.

Ariel, das ist eine der größten Siedlungen in der Westbank. Sie hat mehr als 20.000 Einwohner:innen und sogar eine eigene Universität. Gegründet wurde sie bereits 1978. Wer über die Stacheldrahtzäune hinweg auf sie blickt, bekommt den Eindruck einer Kleinstadt. Westlich davon gelegen, befindet sich Barkan, eine Siedlung mit großem Industriepark und dutzenden Unternehmen, die dort auf völkerrechtswidrig besetztem Gebiet Produkte herstellen und auch ins Ausland exportieren.

 

Erschwerte Bedingungen: Armut und Einschränkung der Bewegungsfreiheit

Nun, nach drei Jahren Genozid, findet das Festival erneut statt. Es war eine bewusste Entscheidung der Genoss:innen vor Ort, trotz alledem eine solche Veranstaltung durchzuführen. Sie macht deutlich: Wir sind immer noch hier, wir geben nicht auf, wir werden nicht weichen. Doch die Durchführungsbedingungen sind um einiges schwerer.

Die Armut ist massiv gewachsen, nachdem viele Menschen ihre Jobs in Siedlungen oder im 1948-Gebiet – so wird Israel von den meisten bezeichnet – verloren haben.

Die überausbeutbare palästinensische Arbeitskraft – vor dem 7. Oktober rund 200.000 Menschen, die vor allem im Bauwesen, Landwirtschaft, Hotelgewerbe und Industrie eingesetzt wurden – wurde nach und nach durch ausländische Arbeiter:innen ersetzt. Für die Anwerbung neuer Arbeitskräfte wird vor allem auf bilaterale Abkommen gesetzt: Israel bemüht sich um Vereinbarungen mit Ländern wie Indien, Thailand, Malawi und Sri Lanka. Alleine aus Indien sollen mehr als 100.000 Menschen angeworben werden, vor allem für den Bau- und Pflegesektor. Bis Mitte 2025 waren es bereits 20.000 Menschen, die aus dem vom Israel-Freund Narendra Modi autokratisch regierten Land nach Israel kamen.

Zu den erschwerten Bedingungen hinzu, kommt die immer weitergehende Einschränkung der Bewegungsfreiheit in den letzten drei Jahren. 1.200 Checkpoints gibt es mittlerweile in der Westbank, vor den Ein- und Ausgängen vieler Städte und Dörfer wurden Schranken installiert, die durch die Besatzungsmacht willkürlich geschlossen und geöffnet werden. Innerhalb von nur wenigen Minuten lässt sich so das Leben der 2,5 Millionen Palästinenser:innen in der Westbank zum Stillstand bringen.

Hinzu kommen 105 neue, nach israelischem Recht bereits "legalisierte" sowie 300 noch irreguläre Außenposten von Siedlungen, die zu den bereits vor dem 7. Oktober mehr als 130 existierenden Siedlungen hinzukommen. Die Kolonisierung palästinensischen Landes schreitet voran und schränkt die Bewegungsmöglichkeiten für Palästinenser:innen immer weiter ein.

Freude über das Wiedersehen

Unter diesen Bedingungen ist es alles andere als normal, dass solch ein Festival stattfinden kann. Die jungen palästinensischen Genoss:innen, viele von ihnen Teil der Jugendorganisation der Palestinian Peoples Party (früher: Palästinensische Kommunistische Partei), haben sich teilweise seit Jahren nicht mehr treffen können und die Freude über das Wiedersehen ist umso größer. Es herrscht jedoch auch Trauer, da Islam Abu Zant, ein Genosse und regelmäßiger Festival-Teilnehmer aus Tulkarm, nicht mehr unter uns ist. Er wurde im Oktober 2023 vom israelischen Militär erschossen. Ein großes Bild auf dem Festivalgelände erinnert an ihn.

Farkha2026 Arbeit2Unsere Arbeitsgruppe, benannt nach dem von Israel 1972 in Beirut ermordeten Schriftsteller Ghassan Kanafani, arbeitet heute auf dem Friedhof des Dorfes. Wir bauen eine Mauer, um den Hang abzustützen.

Aus ganz Europa sind fast drei Dutzend Internationalist:innen aus unterschiedlichen Bewegungen angereist, um am Festival teilzunehmen, Freiwilligenarbeit zu leisten und den palästinensischen Kampf kennenzulernen.

Eigentlich sollten es noch mehr sein, doch einigen von ihnen wurden ohne Angabe von Gründen die Einreise verweigert. Dabei wurde unter anderem mit KI-Anwendungen (u.a. ChatGPT) und Gesichtserkennungssoftware gearbeitet, um mögliche politische Aktivitäten in Europa festzustellen. Die Grenzübergänge sind so zugleich Einsatz- und Testorte für Überwachungstechnologien, die von Israel gerade weltweit vermarktet werden.

Farkha2026 Arbeit1


Auch aus Israel befanden sich diesmal palästinensische und antizionistische jüdische Genoss:innen und Freund:innen vor Ort, unter anderem von Mesarvot, einer Bewegung von jungen Refusniks, also Menschen, die den Dienst in der Armee verweigern und dafür oft monatelang in Militärgefängnisse eingesperrt werden. In den letzten Monaten wurde ein enges Vertrauensverhältnis zwischen den Bewohner:innen von Farkha und ihnen aufgebaut, weil sie bei Siedlerangriffen oft präsent sind und helfen, diese abzuwehren.

Farkha2026 Abschluss1

 

"Ich hatte das Ehren, an der Abschlussveranstaltung des Festivals in der ökologischen Gemeinde Farkha auf der besetzten Westbank teilzunehmen. Das Festival und das mitzugehörige Freiwilligenlager finden jedes Sommer statt und werden von Palästinenser, Mitgliedern des palästinensischen Nationalfonds und internationalen Aktivisten besucht.
Trotz der brutalen Besetzung und der anhaltenden Angriffe von Siedlern auf seine Bewohner bleibt die Gemeinde standhaft, klammert sich an ihre Erde und sehnt sich nach einem Leben in Frieden und Partnerschaft.
Lang lebe Farkha, die Hauptstadt der Freiwilligenarbeit!"
Ofer Cassif, Knesset-Abgeordneter der linksgerichtete Koalition Hadash; im Foto oben: 2. von rechts

Farkha2026 KinderfestKinderfest

Nur wenige Kilometer entfernt der Völkermord in Gaza

In den vielen Gesprächen mit palästinensischen Genoss:innen wird klar, wie groß das gesellschaftliche Trauma durch den Genozid in Gaza ist. Ein Leben zu führen, das sich als normal darstellt – so "normal", wie es unter einer Besatzungsmacht eben sein kann – , während nur wenige Kilometer entfernt Hunderttausende Hunger leiden und Zehntausende getötet werden, ist nicht möglich.

Eine junge palästinensische Genossin aus Israel berichtet von ihrer Hoffnungslosigkeit und ihrem Schmerz. Im Coffeeshop, in dem sie arbeitet, verbirgt sie ihre palästinensische Identität so gut es geht und muss auf Anweisung ihrer Chefin israelische Soldat:innen in Uniform, die den Laden betreten, kostenlos bedienen. In ihren kurzen Pausen zieht sie sich in den Hinterraum zurück und sieht die Nachrichten aus Gaza auf ihrem Smartphonebildschirm.

Auswanderung

Auch wenn damit die israelische Besatzungsmacht gewinnt: Für viele ist Emigration ins Ausland mittlerweile eine realistische Option. Die Financial Times titelte am 14.8. einen Artikel über die Massenauswanderung aus Israel mit "Der Exodus aus Israel". Während des Festivals telefonieren wir immer wieder mit früheren Teilnehmern, die in den letzten drei Jahren ausgewandert sind. Unsere Videoanrufe gehen nach Spanien, Deutschland und in die USA. Wir sehen sie an ihren neuen Arbeitsstätten, als Koch im Restaurant oder Verkäufer im Supermarkt, und ihre Augen drücken aus, dass sie gerade um so vieles lieber in Palästina wären. Auch wir müssen uns nach dem Auflegen oft die Tränen verkneifen.

Israelisches Wirtschaftsmodell steuert auf Krise zu

Mudar Kassis, marxistischer Philosophieprofessor an der Birzeit-Universität, ist in seinem Vortrag auf dem Festival dennoch vorsichtig optimistisch. Er definiert Israel als Speerspitze des Imperialismus, sieht aber Anzeichen dafür, dass das Wirtschaftsmodell des Landes auf eine große Krise zusteuert. Derzeit werde versucht, die wirtschaftlichen Einbußen seit dem 7. Oktober (unter anderem im Tourismus) durch den Export von Sicherheits-, Überwachungs- und Rüstungstechnologie auszugleichen. Dies habe aber seine Grenzen, da die Käuferländer sich schnell an die Kopie dieser Technologien machen würden und somit der Markt für Israel nicht auf Dauer Bestand haben könne.

Viele Gesprächspartner betonten auch, dass nur Druck von außen noch etwas ändern könne, zum Beispiel Sanktionen der Europäischen Union, denen sich die Bundesregierung bis heute widersetzt. Auch die veränderte Stimmungslage in den USA gegenüber Israel, auch unter jüdischen Amerikaner:innen, mache vielen Hoffnung. Wenn von dort genügend Druck auf den "51. Bundesstaat" ausgeübt werde, könne sich etwas ändern. Für uns vor Ort ist die Fragilität des Projektes auch an den tausenden israelischen Fahnen deutlich geworden, die zum Jahrestag der israelischen Staatsgründung im Mai in der besetzten Westbank an fast allen Siedlerstraßen gehisst wurden. Je mehr Staatssymbolik, desto weniger Substanz dahinter.

Farkha2026 Adel Amer7.8.2026: Adel Amer, der Vorsitzende der Kommunistischen Partei Israels, spricht auf einer Veranstaltung des Farkha-Festivals über die Stärkung der Verbindungen zwischen Palästinenser:innen in den 1948-Gebieten und der Westbank. Er redet u.a. über die Notwendigkeit bei den kommenden Wahlen die faschistische Regierung Israels zu stürzen. Und er berichtet von der Repression des Staates gegen die Partei, die seit 3 Jahren an vorderster Stelle gegen den Genozid auf die Straße geht.


Siedlerbewegung und die israelische Armee arbeiten in der Westbank Hand in Hand.

Dennoch ist das koloniale Siedlungsprojekt in der Westbank real. Was viele Entscheidungsträger in Deutschland nicht sehen wollen, liegt vor Ort völlig klar auf der Hand. Die Siedlerbewegung und die israelische Armee (IDF) arbeiten in der Westbank Hand in Hand.

Ohne die Rückendeckung der Armee hätten faschistische Bewegungen wie die Hilltop Youth, die eine Avantgarde der kolonialen Landnahme darstellen, keine Chance. Sie nehmen ein, besetzen und vertreiben. Dabei versuchen sie so viele Palästinenser:innen wie möglich, die dagegen aufbegehren, mithilfe der Soldaten ins Gefängnis zu verfrachten.

Während die IDF fast jede Gewalt- und Unrechtstat der Siedler durchgehen lässt, werden Palästinenser:innen sofort festgenommen, wenn sie auch nur die Hand erheben.

Ein konkretes Beispiel aus Farkha, das uns Mustafa berichtet, der die letzten fünf Jahre als Bürgermeister von Farkha gearbeitet hat: Ein Bauer wird auf dem Weg zu seinen Feldern im Auto von einer Gruppe von Siedlern gestoppt und am Weiterfahren gehindert. Sie fangen an, seine Reifen mit Messern zu zerstechen. Als er aussteigt und droht, sich zur Not mit einem Stein in seiner Hand zur Wehr zu setzen, machen sie ein Foto von ihm und schicken es direkt an die IDF.
Das Ergebnis: Der Bauer wird festgenommen und sitzt sechs Monate in Administrativhaft, ohne Anklage und Verurteilung. Eine Maßnahme, die die Besatzungsmacht gegen tausende Menschen einsetzt. Im August 2026 saßen laut der Menschenrechtsorganisation Hamoked 3.200 Palästinenser:innen in Administrativhaft.

Unter diesen Bedingungen hat das 29. Farkha-Festival also stattgefunden. Auch wenn die Sorge um nächtliche Überfälle der Armee oder Angriffe von Siedlern während unserer Arbeit auf den Feldern groß war, am Ende konnte es fast ohne Störungen durchgeführt werden (die Überwachungsdrohnen, die uns an mehreren Tagen des Festivals von oben gefilmt und fotografiert haben, wurden einfach ignoriert). Ein Erfolg und Ausdruck der Widerstandsfähigkeit und Resilienz der Palästinenser:innen. Trotz alledem.

PS: Vielen Dank an alle Freund:innen und Genoss:innen, die mit ihrer Spende das Farkha-Festival erst ermöglicht haben.


zum Thema

Geschafft: Auch Deutschland überspringt die Schwelle
Trotzdem weiter unterzeichnen

EBI Assoziierungsabkommen EU Israel klein

Europäische Bürgerinitiative "Gerechtigkeit für Palästina" erreicht mehr als 1 Million Unterschriften  ++ Schwelle in elf Ländern übersprungen, Deutschland schwach ++ Italien setzt Verlängerung des Verteidigungsabkommens mit Israel aus ++ EU will Sanktionen gegen Israel erörtern – neue Position der ungarischen Regierung steht noch aus
weiterlesen und unterzeichnen hier 

+++++++++++++++++++++++++++++++

Neues von der Solidaritätskampagne: Abdeckplanen zum Schutz vor Regen. Gaza wird nicht vergessen!

Gaza Soliaktion Regenplanen 2025 12 2
zum Text hier
+++++++++++++++++++++++++++++++

EL Star 150

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.