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PW Stonewall 1"Die heutige Bewegung für Gleichberechtigung der "queers", oder "Schwulen", wie es in der mehr einengenden Terminologie der 60er und 70er Jahre hieß, gäbe es so ohne die KPUSA nicht. Das hört sich übertrieben an, aber es war kommunistische Ideologie und politische Strategie, die den theoretischen und praktischen Hintergrund der ersten Bewegung für schwule Gleichberechtigung lieferte, der "Mattachine-Gesellschaft", einer Gruppe, deren Positionen den Hintergrund aller Kämpfe und Siege des letzten halben Jahrhunderts bilden", schreibt C.J. Atkins, geschäftsführender Herausgeber der US-Zeitung "People's World ". Jürgen Köster hat den Artikel für kommunisten.de übersetzt:

 

Vorbemerkung des Übersetzers: Regenbogenfarben sind im Gespräch; weniger wegen der zur Zeit häufigen Gewitter und des danach manchmal aufscheinenden Regenbogens, sondern weil die Farben international für die Bewegungen gegen die Diskriminierung sexueller Orientierungen abseits des bisher als "normal" Geltenden stehen. Genau zur Fußball-Europameisterschaft wurde in Ungarn ein neues homophobes und krass die Menschenrechte verletzendes Gesetz beschlossen. Selbst der DFB mit seiner eigenen miserablen Menschenrechtsbilanz (Stichwort Katar) und auch die Stadt München wollten dagegen beim Spiel gegen Ungarn ein Zeichen setzen und die Allianz-Arena in den Regenbogenfarben erleuchten; das wurde vom internationalen Verband verboten, weil "politisch". Der deutsche Torwart und Kapitän Manuel Neuer tritt mit Regenbogenarmbinde an, aus der AFD in kalkulierter Provokation als Tragen der "Schwuchtelbinde" angefeindet.

Jetzt ist das Thema noch mehr in der Diskussion.

Wir veröffentlichen hierzu in Übersetzung einen aktuellen grundlegenden Artikel von der Zeitung der KP der USA, der einen Pionier dieses Kampfes aus ihren Reihen würdigt, aber auch die langjährigen Versäumnisse der Parteipolitk in dieser Hinsicht thematisiert.

Der Parteivorsitzende Joe Simms verwies in der wöchentlichen Videokonferenz "Good Morning Revolution" vom 25.6. auf den Artikel und betonte den Lernprozess der Partei hierzu.

Jürgen Köster

 

 

Vor Stonewall: Die KP-Wurzeln der Bewegung "Queer liberation"

Artikel aus "People's World " vom 24.6.2021, von C.J. Atkins, geschäftsführender Herausgeber der Zeitung.

PW Stonewall 1

Die heutige Bewegung für Gleichberechtigung der "queers", oder "Schwulen", wie es in der mehr einengenden Terminologie der 60er und 70er Jahre hieß, gäbe es so ohne die KPUSA nicht. Das hört sich übertrieben an, aber es war kommunistische Ideologie und politische Strategie, die den theoretischen und praktischen Hintergrund der ersten Bewegung für schwule Gleichberechtigung lieferte, der "Mattachine-Gesellschaft", einer Gruppe, deren Positionen den Hintergrund aller Kämpfe und Siege des letzten halben Jahrhunderts bilden.

Die Rebellion von Stonewall wird allgemein (und zu Recht) als der Moment wahrgenommen, als der Kampf für Schwulenrechte den Mainstream erreichte, angeführt von schwarzen und braunen Transsexuellen und Drag Queens in New York City. Menschen wie Marsha P. Johnson, Sylvia Rivera und andere, die zuerst den Mut aufbrachten, sich gegen die polizeiliche Unterdrückung in dieser heißen Juni-Nacht 1969 zu wehren.

Aber schon vor Stonewall (und vor den radikalen Organisationen danach wie der Gay Liberation Front, ACT UP und Queer Nation) gab es die Mattachine-Gesellschaft und Harry Hay. Mattachine war eine der ersten Gruppen, die versuchte schwule Männer und lesbische Frauen politisch zu organisieren. Gegründet in derZeit von 1948 bis 1950, einer Zeit wiederauflebender konservativer Vorherrschaft und vorortdominierter sozialer Konformität in der US-Gesellschaft. Und Harrry Hay war ein Kommunist, der Theorie und Praxis vereinte.

"Sind sie jetzt oder waren Sie jemals ein Homosexueller?"

Harry Hay wurde als schwuler Mann erwachsen, als die Vorstellung einer schwulen Identität kaum existierte; wie Hay selbst of sagte, hatten Schwule bis hahin noch nicht einmal einen Begriff für sich selbst. Homosexuelle und "Abweichler" jeglicher Art verstanden sich selbst als sexuell "süchtig", biologisch geschädigt und geistig "gehandicapped". Selbsthass und Selbstbeschimpfung reichten tief.

Hay war auch ein Kommunist - zu einer Zeit, als erst der Faschismus und dann die Kommunistenphobie- und Hatz des McCarthyismus es gefährlich machten, linke Verbindungen zu haben. Hay war als junger Mensch durch die alte IWW (Industrial Workers of the World) und in seiner Arbeit unter Wanderarbeitern auf dem Land politisiert worden, aber nach elektrisierenden Erfahrungen im Jahr 1934 radikalisierte er sich wirklich. Er wurde Augenzeuge von Polizeigewalt gegen Mütter sterbender Kinder, die gegen die Vernichtung von Milch zum Schutze der Marktpreise während der Großen Depression protestierten; Hay hob instinktiv einen Pflasterstein auf, schleuderte ihn gegen einen Polizisten und traf ihn an der Schläfe. Er mußte fliehen und fand in Los Angeles unerwarteten Schutz im Haus einer Drag Queen namens Clarabelle.

Jetzt politisch aktiv reiste er im selben Sommer nach San Francisco, um Solidaritätsaktionen für einen Generalstreik der Hafenarbeiter zu organisieren, der die Häfen an der Westküste stillgelegt hatte. Dort sah er Soldaten der Nationalgarde das Feuer auf Streikposten eröffnen; zwei Arbeiter starben auf der Stelle und die Kugeln flogen um ihn herum. Tausende nahmen am Begräbnis der gefallenen Arbeiter teil. Hay sagte später: "Man konnte das nicht miterlebt haben ohne sein Leben völlig zu verändern".

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  Über 10.000 Arbeitslose schlossen sich einem "Hungermarsch" am Los Angeles Plaza Historic District an, um den Rednern der Kommunistischen Partei in den 1930er Jahren zuzuhören. Harry Hay wurde zu dieser Zeit in Kalifornien radikalisiert und trat der CPUSA bei.  

 

Eine Menschenmenge von über 10 000 Arbeitslosen nahm an einem 'Hungermarsch' in Los Angeles teil und hörte den Rednern der Kommunistischen Partei zu. In dieser Zeit wurde Harry Hay in Kalofornien radikalisiert und trat 1938 in die KP der USA ein. In die KP eingeführt wurde er durch seinen Geliebten, den Schauspieler Will Geer (den spätere Generationen als den Großvater in der TV-Serie 'Die Waltons' kennenlernten. Mit der Zeit nahm Hays Einsatz für die Partei und ihre verschiedenen Kampagnen gegen Faschismus, für die arbeitenden Menschen und für das, was man damals 'Gleichheit der Neger' nannte Vollzeitcharakter an. Viele Jahre lang war er Lehrer in politischen Schulen der KPUSA und lokalen Arbeiterbildungsorganisationen; außerdem widmete er sich der Kulturarbeit und der kommunistisch geführten Folkmusikszene.

Hay ließ nie in seinem Engagement nach und blieb in der Partei, bis er sich gezwunden sah, seine eigene 'ehrenhafte Entlassung' im Jahre 1951 herbeizuführen, um die Partei vor Sicherheitsrisken gegenüber dem FBI wegen seiner Homosxualität zu schützen. Örtliche Parteiführer in Kalifornien wollten nicht, daß er ging, aber die offizielle Politik der KPUSA zu dieser Zeit und noch weitere Jahrzehnte war, Homosexualität als Zeichen sozialer Degeneration in der letzten Phase des Kapitalismus einzustufen und als ernstes Erpressungsrisiko. Sein Antrag auf Ausschluß wurde von der Parteiführung schließlich angenommen, aber Hay wurde als 'lebenslanger Freund des Volkes' anerkannt.

Wie sich zeigen sollte, hattte Hay recht bezüglich bezüglich möglicher Manipulationen durch die Regierung. 1955 wurde er vor das 'Komitee gegen unamrikanische Umtriebe' geladen, um über seine marxistischen Neigungen auszusagen. Die Ermittler hofften vielleicht, daß die Angst davor, als Homosexueller geoutet zu werden ihn dazu bringen würde, gegen seine alten Genossen auszusagen. Stattdessen schoss er zurück: "Es ist nicht meine Angewohnheit, mich Lockspitzeln oder ihren Helfershelfern in diesem Komitee anzuvertrauen".

Der Funken

Senator Joe McCarthy hatte mal gescherzt: "Wer gegen mich ist, muß entweder ein Kommunist oder ein Schwanzlutscher sein". Harry Hay war beides. Aber statt sein Schwulsein und sein Rotsein zu Negativposten werden zu lassen, kombinierte er beides und bereitete die Bühne für soziale und sexuelle Revolution.

Jahrzehtelang blieb die Arbeit von Hay und der Mattachine Society ziemlich unbekannt, eine kurze Episode in der schwulen Geschichte. Aber dank der Arbeit von Forschern wie Stuart Timmons und Will Roscoe, den Autoren von "The Trouble with Harry Hay" und "Radically Gay" ist ein guter Teil der Geschichte von Hay und Mattachine aus staubigen Archiven und verschlossenen Aktenschränken gerettet worden. Und die groben Umrisse von Hays Leben und die Hauptaspekte seiner Arbeit bei der Gründung von Mattachine sind kürzlich durch den Historiker Norman Markowitz in der 'People's World' veröffentlicht worden.

Weder Timmons oder Roscoe noch Markowitz haben die Bedeutung der Kommunistischen Partei für diese Geschichte heruntergespielt, aber die zentrale Rolle des Marxismus und der Volksfrontstrategie der KPUSA für diesen frühesten Versuch schwuler Befreiung wurde oft durch andere Kommentatoren, die Harry Hay 'entdecken', vernachlässigt. Seine Arbeit ist ein Teil der LGBTQ- und der KP-Geschichte, den weder Schwule noch Kommunisten genügend gewürdigt haben.

Historischer Materialismus und die 'Kulturelle Minderheit' - These

Das Thema einer Gruppierung, die speziell Schwule organisiert um für ihre Akzeptanz in der Gesellschaft zu kämpfen, wurde zuerst von Hay im Jahre 1948 angeschnitten; in Form der 'Junggesellen für Wallace' im Rahmen der Präsidentschaftskampagne der Progressiven Partei für Henry Wallace. Obwohl das nicht sehr weit führte, entwickelten sich daraus schließlich die 'Anonymen Junggesellen' (nach dem Bilde der 'Anonymen Alkoholiker' - man beachte den Beigeschmack von Sucht und medizinischer Behandlung) und dann die Mattachine Society.

Für Hay war es schwierig, viele in seinen Kreisen davon zu überzeugen, daß eine Gruppe für die Interessen von Menschen, die 'andersrum' waren, überhaupt möglich ist. Die Nachkriegsreaktion setzte ein und progressive Politik im Allgemeinen wurde angegriffen; was Hay vorschlug war ja noch subversiver, aber trotzdem fühlte er sich gezwungen, mit der Organisierung anzufangen. "Ich wußte, daß die Regierung einen neuen Feind, einen neuen Sündenbock suchte", sagte er. Diese Sündenböcke waren die Kommunisten und die Schwulen.

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  Mitglieder der Mattachine Society auf einem seltenen Gruppenfoto von einer Weihnachtsfeier 1952. Auf dem Bild: Harry Hay (oben links), dann von links nach rechts Konrad Stevens, Dale Jennings, Rudi Gernreich, Stan Witt, Bob Hull, Chuck Rowland (mit Brille), Paul Bernard.
 

 

Wenn Mattachine losstarten sollte, machte die Ausbildung in der Partei Hay und den wenigen Organisatoren, die er versammeln konnte, klar, daß sie eine theoretische Basis dafür brauchten, was sie vorhatten. Chuck Rowland, ein weiteres früheres KP-Mitglied, sagte dem Autor Stuart Timmons: "Bei meinem kommunistischen Hintergrund wußte ich, daß ich in keiner Gruppe ohne eine Theorie arbeiten konnte. Ich sagte:'Also Harry, was ist unsere Theorie?'"

Hays Jahre als marxistischer Lehrer ermöglichten ihm eine Antwort : "Wir sind eine unterdrückte kulturelle Minderheit", sagte er Rowland. Das war der Beginn der 'kulturelle Minderheit' - These. Noch ohne die passenden Worte dafür bezeichnete Hay die unterdrückte Kultur zunächst als 'androgyne Minderheit'.

Schwule als unterdrückte kulturelle Minderheit zu betrachten bezog sich auf die marxistische Analyse der Unterdrückung der Afroamerikaner und anderer Gruppen als 'nationale Minderheiten', ein Konzept mit langer Vorgeschichte im Marxismus-Leninismus, aber besonders betont nach dem 6. Weltkongress der Kommunistischen Internationale im Jahre 1928. In der ultralinken Zeit der 20 er und 30 er Jahre bedeutete das für die Kommunisten der USA, das 'Recht auf Selbstbestimmung' der Afroamerikaner im 'Schwarzen Gürtel' der USA, wo sie eine Mehrheit bildeten, zu vertreten, einschließlich des möglichen Rechtes, aus den USA auszutreten und eine neue Nation zu bilden.

Im Nachhinein war die Inspiration für die von Hay formulierte These der kulturellen Minderheit ironischerweise der sowjetische Führer Joseph Stalin, der Hauptverantwortliche für die Wieder-Kriminalisierung der Homosexualität in der Sowjetunion nach den befreienden frühen Jahren nach der Russischen Revolution.

Als Lehrer in Schulen der KPUSA hatte Hay regelmäßig Stalins Text 'Marxismus und die Nationale Frage' als Teil des Lehrplans benutzt. In dem Buch, damals unter die Kommunistischen Klassiker gezählt, definierte Stalin eine 'Nation' als eine "historisch entwickelte, stabile Gemeinschaft von Sprache, Territorium, wirtschaftlichem Leben und psychologischer Ausstattung, wie sie sich in einer kulturellen Gemeinschaft manifestiert".PW Stonewall 4

Stalins Definition ließ sich nicht leicht auf die Situation der Afroamerikaner anwenden - es gab keine abgeschlossene Schwarze Nationalökonomie und noch niemand hatte eine Schwarze Volkssprache festgestellt. Also passten die amerikanischen Kommunisten die Theorie an die Realität im eigenen Land an. Afrikanische Amerikaner waren eine Nationale Minderheit, die in einem Gebiet konzentriert war und über eine eigene Kultur verfügte, die sich im Kampf gegen die Unterdrückung herausgebildet hatte - das waren zwei von Stalins vier Kriterien.

Diesen Aspekt der Theorie weitete Hay aus und entwickelte ihn als Mittel, die Unterdrückung der Homosexuellen zu verstehen; er analysierte sie als eine Gruppe mit gemeinsamer Kultur und (mehr oder weniger) gemeinsamer Sprache. "Ich fand wir hatten zwei der vier ..., waren also eindeutig eine soziale Minderheit". Die Veröffentlichung des Kinsey Reports im Jahr 1948, der herausfand, daß 37% der Männer in den USA ein sexuelles gleichgeschlechtliches Erlebnis an einem Punkt ihres Lebens gehabt hatten und daß 10% vollständig homosexuell waren, überzeugte Hay davon, daß Millionen von Menschen potentiell organisiert werden konnten.

Chuck Rowland sagte in den 1980 er Jahren, daß unter 'Kultur', die früheren Kommunisten in Mattachine eine gemeinsame "Gesamtheit aus Sprache, Gefühlen, Gedanken und Erfahrungen" verstanden.

Als Historischer Materialist suchte Hay Nachweise für die These der kulturellen Minderheit und fand sie sowohl in den unerwarteten Gemeinsamkeiten der Erfahrungen bei den Teilnehmern der Mattachine Diskussionsgruppen als auch in historischen Beispielen der amerikanischen Ureinwohner (Menschen mit 'zwei Bewußtheiten') und in der europäischen 'Narren'-Tradition.

Es waren weniger individuelle sexuelle Praktiken, auf die er sich in seinen Untersuchungen bezog, sondern mehr die sozialen Institutionen, die in vorkapitalistischen Zeiten selbstständige Identitäten toleriert, benutzt und sogar gefördert hatten, die als einen dritten Platz zwischen Mann und Frau einnehmend gesehen werden können. Die 'Zwei Bewußtheiten' und 'Narren' waren nicht durch ihren Sex oder mit wem sie ihn hatten definiert, so Hay. Eher spielten sie spezielle Rollen bei der Aufrechterhaltung besonderer kultureller Praktiken und als Fundgruben des Wissens.

Er präsentierte seine Ergebnisse in 'Homosxuelle und Geschichte' und versuchte dabei eine dialektische Studie der Rolle derjenigen, die aus den sozial akzeptierten Gender- und Sexrollen der Vergangenheit (und der Gegenwart und Zukunft) herausfielen. Bezugnehmend auf den Fokus des Marxismus auf die Überwindung des Matriarchats und den Beginn männlicher Vorherrschaft als Teil der Arbeitsteilung und des Aufstiegs des Privateigentums argumentierte Hay, daß die Ursprünge der Unterdrückung Homosxueller eng verbunden waren mit der Unterdrückung der Frau. In anderen Worten, verbunden mit dem Aufstieg des Kapitalismus.

Der Fortschritt der Landwirtschaft und der Technologie bedeutete, daß jetzt Mehrwert produziert und akkumuliert werden konnte, was schließlich zu Privateigentum führte. Der Zusammenbruch der gemeinsamen Gesellschaft und der Aufstieg der männlich zentrierten Familienstruktur und damit das Wachsen religiöser und anderer Ideen ,die die neuen wirtschaftlichen Verhältnisse unterstützen, sorgten gemeinsam dafür, jegliche liberalen Haltungen gegenüber Formen von Sex und Gender zu unterdrücken. Kinder aufzuziehen war nun keine gemeinsame Aufgabe mehr, sondern unterlag der Familie und wurde zu einer Quelle für ausbeutbare Arbeit. Homosexuelle Beziehungen produzierten keine Kinder und so entstand die Reglementierung solchen Verhaltens mit der Reglementierung weiblicher Sexualität und der Arbeit.

Hays Theoriebildung war noch unvollständig, aber sie wurde durch spätere schwule Aktivisten verfeinert und ausgepolstert. Die Studie von Bob McCubbin ' The Gay Question: A Marxist Appraisal' (1976), die von der linken Workers World Party herausgebracht wurde, bleibt ein Bezugspunkt als historisches Dokument in der Tradition von Harry Hay.

Als die Untersuchung der historischen Wurzeln der Unterdrückung Homosexueller zumindest teilweise begonnen war, beschäftigte sich Hay besonders mit den Themen gemeinsamer Kultur und Sprache unter Homophilen, ein von Mattachine geprägtes Wort um diese sich entwickelnde Gemeinschaft zu bezeichnen. Er schrieb:

"Das gemeinsame Homophile psychologische Gebäude manifestiert sich in einer kulturellen Gemeinsamkeit, die so bemerkenswert ist, daß sie die mechanischen Barrieren formeller Sprache übersteigt und ein eigenes Sprachbenehmen herausbildet, zusätzlich zur allgemeinen Alltagssprache jeder Gemeinschaft. Sicherlich unterscheiden sich die Gemeinsamkeiten der Kultur im Detail von einem Land zum anderen. Aber sie sind sich genügend ähnlich, daß sich niemand als hilfloser Fremder fühlen muß, egal woher ein Ruf kommt."

Was er im Grunde meinte war, daß Schwule sich immer erkennen und finden werden, egal wo sie in der Welt sind, weil sie eine gemeinsame Sprache haben, die sich durch Verhalten ausdrückt, besonders durch Körpersprache. Der Wissenschaftler Will Roscoe schrieb über was Hay den "Augenblick" nannte: "Man kann einfach einen anderen schwulen Mann nicht mißverstehen, wenn er Deinen Blick ohne ein Blinzeln beantwortet". Spätere Generationen nannten das "gaydar".

Rowland, der hier wieder den Engels zu Hays Marx gibt, verlieh den Ideen des Theoretikers eine verdauliche und handhabbare Form. Er sagte in einer Mattachine-Versammlung 1953: "Wir müssen uns von der Idee lösen, daß wir uns nur in unserer sexuellen Orientierung unterscheiden und daß wir im Leben nur nach der Freiheit suchen, unsere sexuellen Bedürfnisse auszuleben. ... Die heterosexuelle Mehrheit der vorherrschenden Kultur hat uns ausgeschlossen und so haben wir uns anders als andere kulturelle Gruppen entwickelt". Rowland schloß damit, daß Homosexuelle "einen neuen Stolz entwickeln müssen, einen Stolz der Zugehörigkeit, der Teilhabe am kulturellen Wachstum und sozialer Errungenschaften der homosxuellen Minderheit".

Mit der Entwicklung der These der kulturellen Minderheit haben Hay und seine Genossen von Mattachine das Beispiel gesetzt, aus dem sich alle späteren radikalen LGBTQ und Stolz-Bewegungen dann entwickelt haben. Seit diesem Punkt gab es natürlich Rückschläge und interne Kämpfe, aber in den Worten von Timmons, die These der kulturellen Minderheit wurde zur "implizierten Grundlage des Selbstverständnisses und der Organisation der lesbisch/schwulen Gemeinschaften, wo immer sie existieren", auch wenn die marxistischen Wurzeln unbeachtet blieben.

Strategie: Die Volksfront und die Einheit der unterdrückten Völker

Wie Hay aus seiner CPUSA-Erfahrung schöpfte, als er die theoretische Basis für eine schwule Befreiungsbewegung entwickelte, so konnte er auch die politische Strategie der Mattachine Society formulieren. Schwule Politik war von Beginn an Volksfrontpolitik.

Die Volksfrontstrategie wurde in den 30 er Jahren von den Kommunisten weltweit angenommen, um den Aufstieg des Faschismus zu bekämpfen. Herzstück ist die Idee breiter Koalitionen um einige strategische Schlüsselfragen herum. Erste Frage ist, was kann das Kräfteverhältnis ändern und Fortschritt ermöglichen. Zweitens, was sind die Hauptgegner und die möglichen Verbündeten im Kampf um dieses Ziel. Das bedeutet, festzustellen, wer ein Eigeninteresse am Kampf für dieses Ziel hat und angesprochen werden kann, an diesem Kampf teilzunehmen.

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  Volksfront gegen Faschismus: Eine Phalanx von Polizisten schreitet gegen von der Kommunistischen Partei organisierte anti-Nazi-Demonstranten ein, Los Angeles, Calif., Aug. 7, 1938.  

 

Die Volksfront bedeutete für die Kommunisten den Abschied von sektiererischem und doktrinärem 'Tu's allein' Herangehen, das davon ausging, nur die organisierte Arbeiterklasse sei nötig, um den Kapitalismus zu überwinden und das nichts als die totale Revolution etwas nützen würde. Rassismus und andere Probleme würden verschwinden nach Erringung des Soziaismus; der Klassenkampf würde solche Fragen lösen. Stattdessen vertrat die Partei jetzt, daß eine Veränderung hier und jetzt erreicht werden könnte, und zwar durch den gemeinsamen Einsatz von Arbeitern, unterdrückten Gruppen und Allen, die ein Interesse am Stop des Abstiegs in reaktionäre Politik und am Kampf gegen Rassismus und gegen Spaltung haben. Das war der Weg, das Kräfteverhältnis zu ändern und den Weg zum Fortschritt zu öffnen.

Hay übernahm die Volksfrontstrategie für Mattachine. Er sah Homosexuelle als eine eigenständige kulturelle Minderheit, glaubte aber daran, daß ihr sozialer Fortschritt auf der Bildung von Allianzen mit anderen Unterdrückten des patriarchalischen Kapitalismus beruhte.

"Wir sind in der Hauptsache eine Gruppe von Individuen, die durch die Gesellschaft zusammengezwungen wurden. Die Gesellschaft greift die Homosexuellen wegen ihre Nichtkonformität in ihren sexuellen Orientierungen nur aufgrund dieses einen Kriteriums an. Diese Haltung würde sich ändern, wenn die Gesellschaft die postive Seite und die potentielle Möglichkeit für einen wichtigen Beitrag sähe", sagte er 1951 in einer Mattachine-Gruppe.

In den 1930er und 1940er Jahren begründete die Volksfront eine Erbschaft, die weit über die Kommunistische Partei hinausreicht. Der Aufbau von Koalitionen von Arbeitern, Frauen, Afrikanischen Amerikanern, Chicanos, Jugendlichen, Immigranten und schließlich auch der LGBTQ Gemeinschaft und anderen wurde zur Standardstrategie für fortschrittliche Veränderung und linke Wahlpolitik in den USA bis zum heutigen Tage.

Die Taktiken und Organisationsprinzipien der Volksfront wurden auch auf Mattachine übertragen. Die Gruppe war ähnlich organisiert wie die breiten Allianzen, die die Kommunisten in den 1930er Jahren initiiert und geführt hatten. So gilt z.B. die Los Angeles Anti-Naziliga als eine Inspiration für Mattachine. Und obwohl einige Forscher die Freimaurer erkennen, wenn sie auf die Strukturen und sozialen Ziele von Mattachine schauen, erinnen diese Strukturen eher an die 'International Workers Order', eine brüderliche Hilfsorganisation, die von KP-Mitgliedern angeführt wurde.

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  Links: Harry Hay in den 1980ern /NYPL
Rechts: Ein KPUSA-Poster aus den Regenbogen-Koalitionsjahren in den 1980ern.
 

 

Mattachines internes System abgestufter Verantwortlichkeiten und Autoritäten hatten Anzeichen von Demokratischem Zentralismus, dem Organisationsprinzip Kommunistischer Parteien. Es gab auch Vorkehrungen für legale und illegale Strukturen; das waren Lehren aus intensiven Perioden antikommunistischer Unterdrückung. Die Gruppe stellte sich drei Aufgaben: Vereinigen, Erziehen und Führen. Hay sah Mattachine vor allem als eine Vorhut um das Bewußtsein unterdrückter Homosexueller zu erhöhen und sie zur Aktion zu bewegen; was sich nicht sehr davon unterschied, was die Kommunistischen Parteien für die Arbeiterklasse insgesamt anstrebten.

Das Dokument "Aufgaben und Ziele der Mattachine Society" war in mancher Hinsicht das homosexuelle Äquivalent zu Lenins 'Was tun?', der Broschüre, die die Prinzipien einer 'Partei neuen Typs' entwickelte. In diesem Dokument schrieb Hay:

"Es reicht für eine unterdrückte Minderheit wie die Homosexuellen nicht aus, sich bewußt zu sein, zu einer Minderheitengruppe zu gehören, wenn diese Gruppe sozial nicht organisch in ihren Bestrebungen und Aktivitäten ist ... Es ist wichtig, daß die weiter Sehenden und sozial bewußten Homosexuellen der großen Masse sozialer Abweichler eine Führung geben ... Sobald Vereinigung und Erziehung fortgeschritten sind, wird es unabdingbar ... zur politischen Aktion fortzuschreiten".

Die Verbindung zischen schwuler Gleichberechtigung und anderen fortschrittlichen Themen war für die Mattachine-Gründer auch ein Schwerpunkt. Die allererste Aktion der Gruppe war eine Unterschriftensammlung für eine Friedenspetition gegen den Koreakrieg an einem schwulen Strand in Kalifornien.

In der frühen Mattachine-Gesellschaft finden wir also eine Gruppe von schwulen Kommunisten mit kleinem c (bedeutet: ohne Parteibuch, d. Übers.) die versuchten, ihre sich entwickelnde Gemeinschaft anhand wenn auch rudimentärer marxistischer Analyse ihrer Unterdückung mit den Werkzeugen zu forcieren, die sie im Kampf gegen den Faschismus gelernt hatten. Obwohl es ihnen die Umstände und Vorurteile nicht erlaubten, richtig in der Kommunistischen Partei zu sein, machten Hay, Rowland und andere Aktivisten von Mattachine kommunistische Arbeit und versuchten, die homosexuelle kulturelle Minderheit mit anderen vom Kapitalismus Unterdrückten zu verbinden, die auch ein Interesse daran hatten, diesen zu bekämpfen.

Für immer ein Genosse

Die grundlegende Rolle von Mattachine in der Theoriebildung schwuler Identität verlor sich erst im Nebel des Antikomunismus und später im Druck auf schwule Menschen, in den Standards und sozialen Strukturen der 'richtigrum'-Welt aufzugehen. Als die Unterdrückung der McCarthy-Ära zunahm, wurden Hay und andere Radikale aus Mattachine von antikommunistischen Elementen und gemäßigten Kräften innerhalb herausgedrängt.

Letztere fürchteten, daß der Marxismus von Hay ihre Fähigkeit beeinträchtigen würde, die Tolerierung der konservativen heterosexuellen Gesellschaft zu erreichen. Revolutionäre Bestrebungen sexueller Befreiung und eine Überwindung des Patriarchats waren nicht auf der Tagesordnung dieser zahmen Anpasser. Zur Zeit von Stonewall 1969 wurde Mattachine vor allem als konservative Kraft gesehen, manchmal sogar als Bremse für den Fortschritt. Ihre Kerle kamen in Anzug und Schlips, die Lesbierinnen in Kleidern und Stöckelschuhen, blickten herab auf die multirassischen und Trans-Frauen aus der Arbeiterklasse sowie den Drag Queens auf der Straße - 'Die Verdammten dieser Erde' in den Worten der alten kommunistischen Hymne 'Die Internationale'.

Hay machte weiter und gründete andere Gruppen, um den Assimilierungstrend zu bekämpfen, und er forderte über die Jahrzehnte weitere Tabus heraus. Er bemühte sich auch stark darum, den männlich zentrierten Fokus der frühen Bewegung zu überwinden und unterstützte lesbische, bisexuelle und Transpersonen ebenso wie andere, um die Grenzen schwuler Befreiung zu erweitern und so der ganzen Breite von Rassen-, Geschlechts- und Sexuallitätsthemen gerecht zu werden.

Aber Harry ließ nie den Marxismus hinter sich, den er in der KPUSA gelernt hatte; auch nicht den Einsatz für eine nachkapitalistische Welt, die die Partei in ihm ausgeprägt hat. Laut Timmons beobachtete Hay die Entwicklung der Perestroika und der wirtschaflichen Reformen mit großer Hoffnung, war aber betrübt über diejenigen, die mit der UdSSR den wissenschaftlichen Sozialismus über Bord werfen wollten.

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  Harry Hay, links, streift die Wange seines Partners John Burnside mit seiner Hand, 19. Juli 2002, in ihrem Haus in San Francisco. Hay starb drei Monate später.  

 

"Der Marxismus muß überarbeitet werden", sagte er 1990, "basierend auf neuen wissenschaftlichen Einsichten, besonders was das menschliche Verhalten betrifft ... Die grundlegende Methologie wird sich als tragfähig erweisen". Die Wissenschaft des dialektischen und historischen Materialismus, die er in der KPUSA studiert und gelehrt hatte, blieb das Herzstück seiner Gesellschaftsanalyse.

Als er die Partei 1951 verließ, hatte er die Hoffnung ausgedrückt, "daß an einem schönen Tage wir vielleicht alle wieder zusammen kommen können", aber das sollte nicht sein. Erst 2001, gerade vor dem Tod von Hays, machte die KPUSA eine offizielle Kehrtwende und begann, offen die LGBTQ-Bewegung für Gleichberechtigung zu unterstützen.

Heute setzt sich die Partei entschlossen für schwule Gleichberechtigung ein und hat viele LGBTQ- Menschen in Schlüsselpositionen in ihrer Führung und Mitgliedschaft. Das ist ein Teil des Kampfes geworden, den Harry Hay als die "heroische Aufgabe" der Bewegung schon 1950 bezeichnete: "Die Befreiung einer unserer größten Minderheiten von der Einzelhaft sozialer Verfolgung und ziviler Unsicherheit ... und die Garantierung ihrer grundlegenden und geschützten Rechte um ganz vorne dabei zu sein, wenn es um selbstrespektierende Bürgerschaft geht und darum, als sozial beitragende Individuen anerkannt und geehrt zu werden".

Wie so viele Bewegungen der Unterdrückten auf der ganzen Welt sind die theoretischen und praktischen Wurzeln der schwulen Bewegung wenigstens zum Teil Produkte der marxistischen Tradition. Es ist eine reiche Wissenschaft, die uns sagt, daß die Unterdrückung von LGBTQ-Personen weitergehen wird, so lange wie die materiellen Bedingungen vorherrschen, die echte Freiheit hemmen. Und sie sagt uns, daß die Erlangung vollstäniger sexueller Befreiung es erfordern wird, politische, ökonomische und soziale Befreiung für alle Völker zu gewinnen - es wird Sozialismus brauchen.

Quelle: https://peoplesworld.org/article/before-stonewall-queer-liberations-communist-party-roots/
Fotos: aus dem Artikel bei People's World übernommen
Übersetzung: Jürgen Köster

 

 

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