12.08.2026: Am 14. August 1956 starb Bertolt Brecht. Seine Werke kreisen um die Vision einer von Ausbeutung befreiten Welt ohne Kriege. ++ Brechts "Kriegsfibel" ist ein Anti-Kriegs-Buch, dass 1955, ein Jahr vor seinem Tod, zum ersten Mal erschien. ++ Auch nach siebzig Jahren kann das Buch den Betrachter und Leser helfen, unsere Gegenwart zu verstehen.
Am 14. August 1956, vor siebzig Jahren, starb Bertolt Brecht. Der am 10. Februar 1898 in Augsburg Geborene war seit den frühen 1920er Jahren vor allem als Dramatiker und Lyriker – spätestens mit seiner "Dreigroschenoper" (1928) - ein "Blockbuster" weit über den linken Kulturbetrieb hinaus.
Unter den deutschen Schriftstellern war Bertolt Brecht der bedeutendste Kommunist - Unter den Kommunisten war er der bedeutendste Schriftsteller. Dabei war Brecht nie Mitglied einer Kommunistischen Partei. Gegenüber Wieland Herzfelde, dem Verleger des Malik-Verlages, bemerkte er: "Wenn ich nicht eintrete, kann man mich nicht ausschließen. Denn wenn ich ausgeschlossen bin, bin ich nicht einfach nicht mehr in der Partei, ich bin ein Nichts. Trete ich aber nicht ein, bin ich immer wertvoll."[1]
Und wertvoll war und ist er allemal. Denn seine Werke kreisen um die Vision einer von Ausbeutung befreiten Welt ohne Kriege. Dabei beruht seine besondere Wirkung darin, dass er als Dichter Worte, Bilder und menschliche Empfindungen zum Ausdruck bringt, die einerseits die gesellschaftliche Realität widerspiegeln und andererseits Widersprüche in sich tragen und dabei das Prinzip Hoffnung und letztendlich eine kommunistische Perspektive im Blick behalten.
"Der Weg, der in den Abgrund führt"
In unserer Zeit verbreiteter Stimmungsmache vor einer "Gefahr vor den Russen", begleitet von einer gigantischen Aufrüstung und einer Kampagne um die Erlangung einer angeblich verloren gegangenen "Kriegsfähigkeit" der Bundeswehr, ist dem Eulenspiegel-Verlag zu danken, dass er die vor siebzig Jahren veröffentlichte "Kriegsfibel" in einer Neuauflage herausgegeben hat.
Der 16jährige Gymnasiast Brecht war auch einmal kriegsbegeistert und sah im Ersten Weltkrieg die Pflicht zur Verteidigung des Vaterlands, als die russische Armee in Ostpreußen einmarschierte und man im Westen gegen den französischen "Erzfeind" kämpfte. Aber er erkannte bald seinen fürchterlichen Irrtum und schrieb alsbald Antikriegsgedichte wie "Die Legende vom toten Soldaten", die Erzählung "Der verwundete Sokrates" und später sein berühmtes Drama "Mutter Courage und ihre Kinder", "Schwejk im Zweiten Weltkrieg" und die "Kriegsfibel".
Brechts "Kriegsfibel" ist ein Anti-Kriegs-Buch, dass 1955, ein Jahr vor seinem Tod, zum ersten Mal erschien. Bertolt Brecht hatte 1938 im dänischen Exil begonnen, Fotos aus Zeitungen und Zeitschriften zu sammeln. Von besonderem Interesse waren für ihn Fotos, die den Alltag der Soldaten und der Zivilbevölkerung sowie die Zerstörung und die Opfer des Krieges dokumentierten. Dazu verfasste er vierzeilige Epigramme, die die Fotos "zum Sprechen bringen" und den dargestellten Szenen und Motiven ihre wahre Bedeutung geben sollten.
Schon den ersten Teil seiner "Svendborger Gedichte" (1938) hatte er mit "Deutsche Kriegsfibel" überschrieben.
In einem dieser Gedichte heißt es dort:
"Wenn die Oberen vom Frieden reden / Weiß das gemeine Volk / Daß es Krieg gibt.
Wenn die Oberen den Krieg verfluchen / Sind die Gestellungsbefehle schon ausgeschrieben."
Nach dem Krieg beauftragte Brecht Ruth Berlau mit der Veröffentlichung seiner Text-Foto-Sammlung. Der Münchner Verleger Kurt Desch, der bereits einige Rechte an Brechts Werk hatte, zeigte jedoch kein Interesse daran. Brecht wandte sich daraufhin an den "Kulturellen Beirat für das Verlagswesen" (Berlin/DDR), doch dieser befand, dass die "Kriegsfibel" mit ihrer "pazifistischen Tendenz" Brechts Absicht, "einen Beitrag gegen die imperialistischen Kriegstreiber zu leisten," nicht gerecht werde.
Schließlich war es der Brecht-Schüler und spätere Schriftsteller Günter Kunert (1929-2019), der als Mitarbeiter der satirischen Zeitschrift "Eulenspiegel" Brecht ermutigte, die Mappe seinem Verlag vorzulegen, der es dann 1955 veröffentlichte. Brecht wünschte sich für das Werk eine möglichst weite Verbreitung, "denn diese tolle Verdrängung aller Fakten und Wertungen über die Hitlerzeit und den Krieg bei uns muß aufhören." Das Buch verkaufte sich aber nur schleppend. War der Zeitpunkt der Veröffentlichung - zehn Jahre nach Kriegsende – zu schon spät?
In ihrem Vorwort gab Ruth Berlau als Herausgeberin der "Kriegsfibel" darauf eine Antwort: "Warum unsern Arbeitern der volkseigenen Industrie, unsern Genossenschaftsbauern, unsern aufbauenden Intellektuellen, warum unserer Jugend, die schon die ersten Rationen des Glücks genießt, ausgerechnet jetzt diese düsteren Bilder der Vergangenheit vorhalten? Nicht der entrinnt der Vergangenheit, der sie vergisst. Dieses Buch will die Kunst lehren, Bilder zu lesen."
"Ihr wärt zu mehr gut als zum blinden Welterobern"
Am Anfang der Fibel sieht der Lesende ein Foto des Redners Hitler, der – so Brecht – den "Weg, der in den Abgrund führt" ausruft. Am Ende de Buches ist wieder Hitler zu sehen, und darunter liest man die bekanntesten Verse der Sammlung:
"Das da hätt einmal fast die Welt regiert.
Die Völker wurden seiner Herr.
Jedoch
Ich wollte, dass ihr nicht schon triumphiert:
Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch."
Schlägt man die Kriegsfibel auf und nimmt die Fotos auf schwarzem Grund in den Blick, so stellt der Betrachter mit Erstaunen fest: Das visuell Dokumentierte wird begleitet mit einem lyrischen Vierzeiler, der oftmals erst bei mehrmaligem Lesen den Widerspruch zwischen Bild und Text "dialektisch aufhebt".
Die Anordnung der Bilder/Epigranne ist weitgehend chronologisch. Bebildert und kommentiert werden die Kämpfe in Polen, Frankreich, Norwegen; die Luftschlacht über England, das Ausgreifen des Krieges nach Afrika, das Ringen zwischen Japan und den USA; dann - als das Entscheidende - der Verteidigungskrieg der Sowjetunion und der Sieg über den deutschen Faschismus.
Die Bilder zeigen Leiden und Schrecken des Krieges. Die Verse lassen keinen Zweifel daran, dass Krieg nicht Schicksal ist, sondern Verursacher hat, die es zu bekämpfen gilt. Brecht betrachtet den faschistischen Krieg als eine Form bürgerlicher Herrschaft im Kapitalismus. Entsprechend verlieren die Fronten im Krieg mitunter an Eindeutigkeit: Ein Bild zeigt einen bulligen Winston Churchill mit Zigarre zwischen den Zähnen und Maschinenpistole im Anschlag. Brecht legt ihm in den Mund: "Ich kenne das Gesetz der Gangs. Ich fuhr / Im allgemeinen gut mit Menschenfressern. / Sie fraßen aus der Hand mir. Die Kultur / Find’t als Verteidiger hier keinen bessern."
Da ist einer, der sich von Göring nur wenig unterscheidet, nur durch Zufall auf die antifaschistische Seite geraten. Heute weiß man, dass der britische Premier angesichts der sowjetischen Macht nach 1945 bedauerte, das "falsche Schwein geschlachtet" zu haben.
Die Foto und Epigramme prangerten vor allem die barbarischen Kriegsführung der Nazi-Führungsriege an. Aber auch die deutschen Soldaten wollte Brecht nicht von einer Mitverantwortung ausnehmen. Er warf ihnen ihre Gehorsamkeit vor: "Ihr wärt zu mehr gut als zum blinden Welterobern".
Die 2025 veröffentlichte "Jubiläumsausgabe" der "Kriegsfibel" stellt eine Reproduktion der Erstausgabe von 1955 dar. In der Bundesrepublik erschien das Antikriegs-Werk übrigens erstmals 1968 im Frankfurter Verlag Zweitausendeins.
Diese Neuausgabe enthält auch alle Bilder und Texte, die Brecht für die "Kriegsfibel" gesammelt hatte und die dann aus verschiedenen Gründen in der Erstausgabe fehlten. Zusätzlich gibt der Literaturwissenschaftler Jan Knopf einen Überblick zur Entstehung des Werkes.
"Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit"
Auch nach siebzig Jahren kann das Buch den Betrachter und Leser helfen, unsere Gegenwart zu verstehen.
In dem vor siebzig Jahren von Ruth Berlau verfassten Vorwort heißt es: "Die große Unwissenheit über gesellschaftliche Zusammenhänge, die der Kapitalismus sorgsam und brutal aufrechterhält, macht die Tausende von Photos in den Illustrierten zu wahren Hieroglyphentafeln, unentzifferbar dem nichtsahnenden Leser."
Heute – bei einer weitaus größeren Bilderflut – trifft diese Feststellung umso mehr zu. Die Widersprüche zwischen Kriegspropaganda und Kriegsrealität, die Brecht in seinen Bild-Text-Collagen vor Augen führt, sind leider immer noch aktuell, wie ein Blick auf die unzähligen Kriegsschauplätze weltweit zeigt.
Darüber hinaus ist die "Kriegsfibel" ein Musterbeispiel dafür, wie "Lüge und Unwissenheit zu bekämpfen" seien, wie Brecht dies in seiner 1935 verfassten Schrift "Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit" forderte."
Wer heute die Lüge und Unwissenheit bekämpfen und die Wahrheit schreiben will, hat zumindest fünf Schwierigkeiten zu überwinden.
"Er muß den Mut haben, die Wahrheit zu schreiben, obwohl sie allenthalben unterdrückt wird;
die Klugheit, sie zu erkennen, obwohl sie allenhalben verhüllt wird;
die Kunst, sie handhabbar zu machen als eine Waffe;
das Urteil, jene auszuwählen, in deren Händen sie wirksam wird,
die List, sie unter diesen zu verbreiten."
Und Brechts Schlußfolgerung lautet: ""Wer den Faschismus (oder die faschistische Ideologie, gst) und den Krieg, die großen Katastrophen, welche keine Naturkatastrophen sind, beschreiben will, muß eine praktikable Wahrheit herstellen. Er muß zeigen, dass dies Katastrophen sind, die den riesigen Menschenmassen der ohne eigene Produktionsmittel Arbeitenden von den Besitzern dieser Mittel bereitet werden."
txt: Günther Stamer

Bertolt Brecht: Kriegsfibel.
Hrsg. von Barbara Brecht-Schall.
Eulenspiegel-Verlag, Berlin 2025, 208 Seiten, 25 x 30,5 cm, mit zahlr. Abb..
geb. mit Schutzumschlag, 38 Euro
bestellen: https://www.eulenspiegel.com/buecher/eulenspiegel-verlag/titel/kriegsfibel.html
Anmerkungen
[1] Wieland Herzfelde, Zum Klagen hatt’ ich nie Talent, Agimos-Verlag, Kiel 1996, S. 97
[2] Bertolt Brecht, Gesammelte Werke Bd. 18, werkausgabe edition suhrkamp 1967, S. 222 / 229




