Literatur und Kunst

Handke_Immer_noch_Sturm_suhrkamp25.12.2012: In den vergangenen Tagen las ich Peter Handkes "Immer noch Sturm". All denen, die noch einige Tage Muße vor sich haben und mal etwas anderes als Schweden- Dänen- oder Italienkrimis lesen möchten, kann ich nur zuraten, dieses Buch zur Hand zu nehmen – es zu lesen ist sowohl literarisch als auch zeithistorisch ein Gewinn.

Handke, im Dezember 70 Jahre alt geworden, wurde in den siebziger Jahren als einer der Superstars des bürgerlichen Feuilleton gefeiert und als Gegenpart zu den gesellschafspolitisch engagierten Literaten (wie z.B. Peter Weiss, Heinar Kipphardt, Uwe Timm oder Gerd Fuchs) als Repräsentant einer "neuen Innerlichkeit" und des "apolitischen" hochstilisiert. Lassen wir einmal dahin gestellt, dass diese Etikettierung schon damals mehr eine Wunschvorstellung war, als dass sie den Texten Handkes gerecht wurde. In den 90er Jahren wurde Handke dann vom bürgerlichen Literaturbetrieb unisono mit einem Bann belegt – hatte er es doch gewagt, im NATO-Krieg gegen Jugoslawien Partei für den angegriffenen Staat zu ergreifen. "Serbenfreund" und "jugophil" sind noch die harmloseren Attribute, mit denen er sich seither tituliert sieht.

Handke, unehelicher Sohn einer Kärntner Slowenin und eines Wehrmachtssoldaten, geht in "Immer noch Sturm" seiner Familiengeschichte nach und verwebt dabei kunstvoll Wahrheit mit Fiktion. Heraus kommt dabei etwas sehr Eigenwilliges: Es ist sowohl Theaterstück in Prosaform, ein Tagtraum als auch eine längere Erzählung.

Ein namenloser Ich-Erzähler, unschwer als Handke zu erkennen, gedenkt der verstorbenen Verwandten. Vor seinem geistigen Auge laden die Ahnen zum Gespräch ein: die Großeltern mütterlicherseits, seine Mutter, sowie die Schwester und die drei Brüder seiner Mutter.

Er lässt sie in den Jahren 1936 bis 1945, und in den späten Fünfzigerjahren an sich vorbeiziehen. Sie erzählen ihm in grandiosen Monologen vom Schicksal der slowenischen Minderheit im Süden Österreichs, von ihrer systematischen Unterdrückung und ihrem mutigen Partisanenkampf. Zwei Onkel des Erzählers werden zum Militärdienst in die faschistische Wehrmacht gepresst und  fallen im Krieg, einer (Gregor), sowie seine Tante (Ursula) schließen sich den "Grünen Kadern", den Partisanen in Kärnten an. Ursula stirbt unter faschistischer Folter, Georg aber kann den 8. Mai 1945 als siegreicher Résistance-Kämpfer feiern. „Gregor: Der achte Mai des Jahres neunzehnhundertfünfundvierzig war der glücklichste Tag meines Lebens, und nicht nur für mich, sondern für alle, die in den Wäldern der Saualpe, der Petzen, der Karawanken für unsere Heimat das Ende des Krieges erkämpft haben.“

Damit setzt Handke dieser größten und wirkungsvollen Widerstandsbewegung innerhalb der Grenzen des sog. "Dritten Reichs" literarisch ein gebührendes Denkmal. 1941 schlossen sich im Bundesland Kärnten im Süden Österreichs Mitglieder der slowenischen Volksgruppe zu bewaffneten Partisanengruppen zusammen. Bauern, junge Frauen, aber auch zwangsrekrutierte Soldaten auf Heimatbesuch flohen in die Wälder, um dem deutschen Militär Widerstand zu leisten.

Nach dem Sieg hoffen die slowenischen Kämpfer auf Anerkennung von Seiten Österreichs - und werden erneut enttäuscht und geächtet. "Georg: Und wir, gerade noch die Freiheitskämpfer (...) werden in eine Zelle gesperrt mit den aus Jugoslawien geflüchteten Weißgardisten und den Heimwehrleuten und Ustascha, die für Ahi mordeten. Und weißt du, was dabei in mir vorgeht? Ich denke an unsere Toten auf der Saualpe und wünsche mir, bei ihnen zu sein, tot, unter meinen Toten, den Meinigen." So kommt der einzige überlebende Onkel zu einem düsteren Fazit: "Wir haben doch verloren."

Das Fazit des Buches lautet illusionslos: Die Konflikte, die während der „Heim-Ins-Reich-Ära“ zwischen der deutschsprachigen Mehrheit und den Slowenen in Kärnten ausbrachen, sind keineswegs beigelegt. Die Vergangenheit ist nicht vorüber, es herrscht "Immer noch Sturm". Wie Literaturnobelpreisträgerin Elfriede Jelinek sieht auch Peter Handke die Fortdauer faschistoiden Denkens in der österreichischen Gegenwart: Nicht von Ungefähr war Jörg Haider über Jahre Landeshauptmann (Ministerpräsident) von Kärnten, und auch gegenwärtig regiert dort ein Parteigänger der Haiderschen „Freiheitlichen“. Gegen Ende des Buches sagt der Ich-Erzähler: „Schluss mit mir dem Träumer, derwelcher machtlos zuschaut, was und wie ihm träumt. Ich bin erwacht. Ich bin die Macht (…) Ich bin's, der bestimmt...“

Text: Günther Stamer   Foto: Suhrkamp-Verlag

Peter Handke. Immer noch Sturm. suhrkamp taschenbuch 2012,166 Seiten, 8,99 €

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Farkha Festival Komitee ruft zu Spenden für die Solidaritätsarbeit in Gaza auf

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Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge

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