Im Interview

21.06.2023: Die Tante des 2015 ertrunkenen zweijährigen Alan Kurdi erhebt nach dem Schiffsunglück in Griechenland ihre Stimme: Das Stoppen der NGO-Schiffe ist eine unmenschliche Entscheidung. Sie bricht mir das Herz. Diese Politik muss sich ändern. Man darf nicht zulassen, dass Menschen ertrinken. Von diesem jüngsten Schiffsunglück müssen wir wissen: Wo sind die Vermissten? Wie lauten die Namen der Toten? Wer waren sie, was haben sie gemacht, wie alt waren all diese Menschen?", sagt sie.

 

"Als ich das Foto meines Neffen an diesem Strand sah, brach ich zusammen und schrie. Ich wünschte, die Welt könnte mich hören, um all dem Leid ein Ende zu setzen. Es hätte das letzte Mal sein sollen", sagt Tima Kurdi am Telefon. In Vancouver ist es noch früh am Morgen, in Italien ist es Abend am Weltflüchtlingstag. Kurdi, eine 53-jährige Syrerin und Kanadierin, ist die Tante von Alan, dem Baby, das am 2. September 2015 am türkischen Strand von Bodrum tot aufgefunden wurde. Das Foto des leblosen kleinen Körpers ging um die Welt und löste eine Welle der Empörung aus. Es trug dazu bei, die Anti-Migranten-Politik in der Ägäis und entlang der Landgrenze zwischen Griechenland und der Türkei kurzzeitig zu lockern. Sie schrieb ein Buch über ihre Familiengeschichte, "The Child on the Beach". Als sie vor einer Woche von dem großen Schiffsunglück in Pylos, nahe der griechischen Küste, hörte, empfand sie denselben Schmerz.

Tima Kurdi

Die syrisch-kanadische Schriftstellerin Tima Kurdi

Der Weltflüchtlingstag 2023 findet eine Woche nach dem Tod von fast 700 Menschen im Mittelmeer statt. Was haben Sie gedacht, als Sie davon hörten?

Tima Kurdi: Ich bin aufgewacht und habe die Tweets von Alarm Phone gesehen. Dann las ich die Details über die Hunderte von Menschen, die auf dem Schiff waren, darunter viele Kinder. Ich stellte mir vor, wie sie sinken und im Meer ertrinken. Ich dachte an diese unschuldigen Menschen, die um Hilfe schrien, als sie im Wasser untergingen. So kehrte ich an den Schauplatz meiner eigenen Familientragödie zurück, als mein Bruder versuchte, seinen Sohn und seine Frau zu retten. Sie waren lange Zeit im Wasser, weil es keine Rettungsboote gab. An diesem Tag weinte ich verzweifelt. Ich wollte der Welt zurufen: Genug ist genug. Diesmal hatte ich das Bedürfnis, etwas zu tun: Ich wandte mich an die Besatzung der Iuventa, um ihr mitzuteilen, dass ich untröstlich sei und meine Stimme erheben müsse.

Ist das Schiffsunglück von Pylos eine Tragödie oder ein Massaker?

Tima Kurdi: Krieg, Armut und Naturkatastrophen führen zu Flüchtlingen. Diese Menschen haben keine andere Wahl, als ihr Land zu verlassen. Ich mache all diejenigen verantwortlich, die über die Jahre hinweg geschwiegen haben. Wie viele unschuldige Seelen sind im Mittelmeer ertrunken, während die Welt geschwiegen hat? Alans Tod hat alle schockiert, auch die Politiker. Bei Treffen in Brüssel kamen sie auf mich zu, umarmten mich und sagten, dass es ihnen leid täte und dass diese Tragödie die letzte sein würde. Aber danach? Wie viele andere Menschen sind ertrunken? Wenn man sagt, dass in 10 Jahren 25.000 Menschen im Mittelmeer gestorben sind, kann ich das nicht glauben: so viele andere sind verschwunden, ohne dass es jemand bemerkt hat. Deshalb erhebe ich meine Stimme: Wir müssen denjenigen helfen, die an den Grenzen ankommen.

Vorgestern kritisierten Sie in einem Brief die Hindernisse für NGO-Schiffe. Die italienische Regierung gehört zu den aktivsten, die deren Aktivitäten einschränken.[1] Wie denken Sie über dieses Verhalten?

Tima Kurdi: Es bricht mir das Herz. Es ist eine unmenschliche Entscheidung. Diese Politik muss sich ändern. Man kann Menschen nicht ertrinken lassen. Es sind Menschen. Die Politiker und die internationale Gemeinschaft müssen sich an einen Tisch setzen und Lösungen finden, um in die Länder zu investieren, aus denen die Menschen vertrieben werden, und ihre Lebensbedingungen zu verbessern. Sie müssen Kriege beenden. Den Hungernden helfen. Nur dann werden die Menschen dort bleiben, wo sie sind, um ihre Länder zu verbessern. Stattdessen blockieren sie humanitäre Schiffe. Das ist falsch: Ich bin ganz auf ihrer Seite.

Schiff gesunken 2023 06 14 600Tote Pylos
Offener Brief: "Dieser Schiffbruch bringt meinen Schmerz zurück"

 

Nach Ansicht der Regierungen Griechenlands und Italiens liegt die ganze Verantwortung bei den Menschenhändlern, Schmugglern oder sogar bei den Migranten, die sich auf den Weg machen.

Tima Kurdi: Schlepper gibt es überall auf der Welt. Verzweifelte Menschen geraten in ihre Hände und bringen sich in Gefahr, weil sie weg müssen. Es ist leicht für die Machthaber zu sagen: Lasst uns eine Mauer bauen oder die Rettungsboote blockieren. Aber das sind keine Lösungen. Die Menschen leiden und werden immer einen Weg zur Flucht finden. Allen, die ich treffe, sage ich: Öffnet euer Herz, öffnet eure Türen und nehmt die Menschen auf, die kommen. Versetzen Sie sich in ihre Lage. Es gibt Millionen und Abermillionen von Flüchtlingen auf der Welt. Es könnte auch Ihnen passieren, dass Sie einer von ihnen werden.

Nach dem letzten Schiffsunglück gab es trotz der Hunderte von Toten nicht die gleiche Empörung wie nach dem Tod Ihres Neffen. Hängt das alles mit dem Foto seiner Leiche am Strand zusammen?

Tima Kurdi: Dieses Foto hat die Welt wachgerüttelt. Ich persönlich glaube, dass Gott ein Licht auf dieses Bild geworfen hat, um eine Botschaft zu senden: Zu viele Menschen ertrinken. Aber es gibt keinen Unterschied zwischen den verschiedenen Tragödien. Viele andere sind wie Alan gestorben. Von diesem jüngsten Schiffsunglück müssen wir wissen: Wo sind die Vermissten? Wie lauten die Namen der Toten? Wer waren sie, was haben sie gemacht, wie alt waren all diese Menschen? Die Geschichte wird uns für diese Fakten verurteilen. In Zukunft werden wir uns für diejenigen schämen, die nichts getan haben, um den Opfern zu helfen. Gehen Sie zu Ihren Politikern, melden Sie sich in Ihrer Gemeinde zu Wort, fordern Sie überall, dass dieser Situation ein Ende gesetzt wird.

übernommen von il manifesto, 21.6.2023
eigene Übersetzung

  Wenn Hunderte Menschen im Mittelmeer ertrinken, sind Seenotretter die Einzigen, die wirklich versuchen zu retten und dafür werden sie kriminalisiert. Wenn ein Touristen-Tauchboot mit fünf Menschen auf dem Weg zu den Wrackteilen des im Jahr 1912 gesunkenen Passagierschiffs Titanic verschwindet, wird alles versucht, um sie zu retten und "die Behörden arbeiten daran, so schnell wie möglich ein ferngesteuertes Fahrzeug (ROV), das eine Tiefe von 6.000 Metern erreichen kann, an den Einsatzort südöstlich von Neufundland zu bringen". "... nach Angaben der US-Küstenwache drei Spezialschiffe im Suchgebiet eingetroffen, die mit Sonaren ausgerüstet sind und nun Suchmuster im vermuteten Unglücksgebiet fahren. Weitere Rettungsschiffe sind auf dem Weg." (Tagesschau). Die Medien fiebern mit der Rettungsaktion und bringen die Lebensgeschichten der Untergetauchten, denn immerhin haben diese 250.000 Dollar pro Person für ihren Abenteuerausflug bezahlt; deutlich mehr als die paar Tausend Euro, die die Namenlosen für ihre Flucht vor Krieg, Verfolgung und Elend bezahlten, die im Mittelmeer ertrunken sind.
eingefügt von kommunisten.de
 

  

 

Anmerkung von kommunisten.de

[1] Auch die deutschen Regierungen versuchen immer wieder die private Seenotrettung einzuschränken und zu verhindern. 

"... Seenotrettungsschiffe, die über das Meer kreuzen. Viele davon fahren unter deutscher Fahne.
Diese Seenotrettung soll nun wohl aber weiter eingeschränkt werden: Nach Informationen des ARD-Magazins Monitor plant das Bundesverkehrsministerium unter Volker Wissing (FDP) eine Verschärfung der Schiffssicherheitsverordnung und trifft damit massive Teile der zivilen Seenotrettung im Mittelmeer. Das geht aus einem Referentenentwurf des Bundesverkehrsministeriums hervor, der Monitor vorliegt.
Laut dieses Entwurfs sollen Schiffe mit "politischen (…) und humanitären Aktivitäten oder vergleichbaren ideellen Zwecken" nicht mehr zum Freizeitbereich gehören. Die Folge wären enorme Kosten durch Umbauten, zusätzliche Technik, andere Versicherungsbedingungen und weiterer Auflagen. Betroffen sind vor allem die kleineren Schiffe, die schnell vor Ort sein können und ertrinkende Menschen aus dem Meer retten.
Seenotrettungsorganisationen sind über den Vorstoß empört: "Die Verordnung bedeutet, dass unser Schiff aus dem Verkehr gezogen wird. Das bedeutet für die Menschen in Seenot, dass sie noch ein Schiff weniger haben, was sie vielleicht rettet. Das bedeutet viele, viele Tote", sagt Axel Steier von "Mission Lifeline". Die Organisationen befürchten, dass sie durch das neue Gesetz nicht weiter retten können und ihre Arbeit vorerst einstellen müssen. ..."
Quelle: Tagesschau, Ministerium will Seenotrettung offenbar einschränken, https://www.tagesschau.de/investigativ/monitor/seenotrettung-bundesverkehrsministerium-sicherheitsvorschriften-101.html

 

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Es referieren:
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Frank Deppe, emer. Professor für Politikwissenschaft, Marburg

Zu diesem Ratschlag laden ein:
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