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08.09.2023: Als vor 50 Jahren, am 11. September 1973, in Chile das Militär unter Pinochet putschte, war neben Washington auch Bonn aktiv beteiligt - mit geheimen Waffenlieferungen an die Faschisten über die berüchtigte deutsche Kolonie "Colonia Dignidad" und des deutschen Bundesnachrichtendienstes (BND)

 

"Der Neoliberalismus wurde in Chile geboren und er wird in Chile sterben", hieß es auf Plakaten chilenischer Demonstrant:innen bei ihren Protesten vor vier Jahren. Und in der Tat: Der Neoliberalismus ist unmittelbar mit dem Militärputsch vom 11. September 1973 verknüpft. Pinochet war der Kettenhund der "Chicago Boys", der radikal-liberalen ökonomischen Schule. Ohne Pinochets Mörderbande und die Rückendeckung aus Washington wäre es nicht gelungen, Chile den neoliberalen Feldversuch aufzuzwingen. Die Ergebnisse dieses Klassenkrieges dienten dann als Blaupause für Ronald Reagan, Margaret Thatcher und ab 1990 für die osteuropäischen Länder.

Als vor 50 Jahren, am 11. September 1973, in Chile das Militär unter Pinochet putschte, war neben Washington auch Bonn aktiv beteiligt. Und zwar durch geheime Waffenlieferungen an die Faschisten über die berüchtigte deutsche Kolonie "Colonia Dignidad" und des deutschen Bundesnachrichtendienstes (BND).

 

 

"Sie haben die Gewalt, sie können uns unterjochen, aber gesellschaftliche Prozesse lassen sich weder mit Verbrechen noch mit Gewalt aufhalten. Die Geschichte gehört uns und wird von den Völkern gemacht."

Am 11. September gegen zehn Uhr morgens hielt Präsident Allende seine letzte Rede im Radio. Die Luftwaffe hatte schon die meisten regierungstreuen Radiostationen bombardiert und nur noch einzelne sendeten Allendes letzte Worte an das chilenische Volk.

Chile Allende Moncada 1973 09 11

"Mitbürger, dies wird höchstwahrscheinlich die letzte Gelegenheit sein, dass ich mich an Sie wende. … Ich werde nicht zurücktreten! … In diesem kritischen Augenblick von historischer Bedeutung werde ich meine Loyalität gegenüber dem Volk mit dem Leben bezahlen. … Man kann weder durch Verbrechen noch durch Gewalt die gesellschaftlichen Prozesse aufhalten. Die Geschichte gehört uns, es sind die Völker, die sie machen. ... Das Auslandskapital, der mit der Reaktion verbündete Imperialismus haben ein solches Klima geschaffen, dass die Streitkräfte mit ihrer Tradition brechen. … Jetzt sitzen dieselben, die unsere Genossen ermorden ließen, in ihren Häusern und warten, dass man ihnen die Macht über Reichtum und Privilegien in die Hände zurücklegt. … In diesem düsteren und bitteren Augenblick, in denen sich der Verrat durchsetzt, sollt ihr wissen, dass sich früher oder später, sehr bald erneut die breiten Avenidas auftun werden, auf denen der würdige Mensch dem Aufbau einer besseren Gesellschaft entgegengeht ..."

Audio der Rede Allendes:
https://ciudadseva.com/wp-content/uploads/2016/05/salvador-allende-11-septiembre-1973.mp3
deutsche Übersetzung: https://www.fr.de/politik/letzten-worte-allendes-11729736.html

Video Floh de Cologne: Allendes letzte Rede


https://youtu.be/ZjgpVeck6X4

 

 

 

Vor vier Jahren sind die Akten der Colonia Dignidad freigegeben worden. Der bis dahin geheim gehaltene Bestand im chilenischen Nationalarchiv konnte damit erstmals ausgewertet werden. Tausende Seiten und Aktenordner aus den Siebziger - und Achtzigerjahren: Schriftverkehr, Abrechnungen, Telefonprotokolle – das Innenleben einer streng abgeschotteten Organisation.

Das Ergebnis der Auswertung hat die MDR-Sendung "Fakt" nun veröffentlicht.[1] Die Waffen wurden demnach seit 1970 ganz legal geliefert: Pistolen der Marke Walter, halb- und vollautomatische Gewehre, Magazine und auch schwere Waffen. Allein eine Bestellung, die sich in den Akten findet, hatte einen Wert von über 126.000 D-Mark. Absender der Waffen war die Firma "Siegfried Peters Electronic Krefeld". Die Lieferung erfolgte in die "Colonia Dignidad". 400 Kilometer südlich von der Hauptstadt Santiago de Chile hatte der deutsche Rassist und militante Antikommunist Paul Schäfer mit 300 Anhänger:innen im Jahr 1961 eine "Kolonie" gegründet, in der Zwangsarbeit, körperlicher und sexueller Missbrauch an der Tagesordnung waren.

Bewaffneter Widerstand gegen Volksfrontregierung über "Colonia Dignidad"

"1970 hatte die Colonia Dignidad begonnen, in der Bundesrepublik Waffen zu besorgen und nach Chile zu verschicken. Oftmals getarnt als caritative medizinische Sendungen", erklärt der Politologe Jan Stehle, der seit Jahren zu den Verbrechen der "Colonia Dignidad" forscht. "In Sauerstoffflaschen, die für das Krankenhaus der Colonia Dignidad deklariert waren, wurden Maschinengewehre und andere Waffen in die Colonia geschickt." Dort seien dann auch Waffen gebaut worden.

Ab 1996 leitete Luis Henríquez Seguel die Ermittlungen gegen die "Colonia Dignidad" im heutigen Chile. Auf deren Areal entdeckte sein Team zwei riesige Waffenlager. "Der Bau der Waffen hat nach Angaben der Colonia-Siedler genau dann begonnen, als die Regierung von Salvador Allende die Macht übernimmt", sagt Seguel. "Der bewaffnete Widerstand wurde also gezielt gegen die Regierung von Präsident Allende aufgebaut."
In einem internen Schreiben der "Colonia Dignidad" von 1970 wird klar, wofür die Waffen verwendet werden sollen: Es geht um die Vorbereitung eines Staatsstreichs. Wörtlich heißt es etwa: "… das ist durchaus möglich, dass sehr viel rotes Blut verloren ginge."

Doch geschahen diese Vorbereitungen unter Beteiligung des BND? Eine Anfrage beim Bundesnachrichtendienst von "FAKT" dazu bleibt unbeantwortet. "Der deutsche Geheimdienst BND hat vor allem observiert. Sie haben diese Transaktionen geschehen lassen, sich zurückgehalten und nicht eingegriffen", sagt der ehemalige Ermittler Seguel. "Daraus kann man schließen, dass die Waffenlieferungen und die Herstellung der Waffen ganz im Sinne des Bundesnachrichtendienstes waren."

Seguel hat ermittelt, dass auch Gerhard Mertins Waffen nach Chile geliefert hat. Mertins war ein ehemaliger SS-Mann und blieb nach dem Krieg ein überzeugter Nationalsozialist. Seit 1956 arbeitete er für den Bundesnachrichtendienst und wurde dadurch zu einem der größten Waffenhändler der Welt. Bei der Staatsanwaltschaft Bonn erklärte Mertins 1989 in einer Aussage, er sei vor dem Putsch in Chile vom BND aufgefordert worden, Kontakt zur Colonia herzustellen.

"Der chilenische Geheimdienstchef Manuel Contreras hat ausgesagt, dass Mertins ein großer Freund der chilenischen Diktatur war und dass mit seiner Hilfe Waffen besorgt wurde", sagt Jan Stehle, der am Forschungszentrum Chile-Lateinamerika der FU Berlin tätig ist. "Das heißt, es ist gesichert, dass Gerhard Mertins eine enge Beziehung zur Colonia hatte und, dass über die Colonia Dignidad mit Waffen gehandelt wurde, dass Waffengeschäfte eingefädelt wurden."

Mit den Waffen aus der "Colonia Dignidad" wurde der Putsch vorbereitet, erklärt Samuel Fuenzalida. Er war Agent der DINA, dem chilenischen Militärgeheimdienst unter Augusto Pinochet, der nach dem Putsch in Chile die Macht übernahm. "Ich hatte Kontakt mit Agenten vom FBI und von der CIA, die gekommen waren, um mich zu ehemaligen Gefangenen der Colonia zu befragen", sagt Fuenzalida. "Sie haben mir gesagt, dass die Colonia Pinochets Leute vor und nach dem Putsch unterstützt hat." Es sei auch bekannt gewesen, dass viele deutsche Offizielle in der Colonia waren.

"…endlich reinen Tisch machen"

Jan Korte von DIE LINKE, äußerte sich dazu:
"Die Bundesregierung sollte die Gelegenheit nutzen und endlich reinen Tisch machen. Alle bislang geheim gehaltenen Akten müssen jetzt auf den Tisch. 50 Jahre nach dem Putsch muss geklärt werden, wie viel Blut die damaligen Bundesregierungen und der Bundesnachrichtendienst (BND) an ihren Fingern haben. Denn die sozialliberale Bundesregierung wusste nicht nur frühzeitig von dem bevorstehenden Putsch und unterließ es, Allende zu warnen, sondern war anscheinend jahrelang in dessen Vorbereitung verstrickt. Ich erwarte, dass die Bundesregierung den Jahrestag des Putsches zum Anlass nimmt, sich offiziell bei der chilenischen Regierung dafür zu entschuldigen und nun mit Nachdruck die Errichtung einer Gedenkstätte und eines Dokumentationszentrums vorantreibt", erklärt Jan Korte, Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der Fraktion DIE LINKE.
"Nach dem Putsch, der maßgeblich mit Hilfe der CIA durchgeführt wurde, folgte die Errichtung einer der symbolträchtigsten Diktaturen der Gegenwartsgeschichte. Eine wichtige Rolle spielte dabei offenbar ein deutsches Nazi-Netzwerk aus geflohenen SS-, SA- und Gestapo-Leuten um den als Massenmörder und Kriegsverbrecher gesuchten ehemaligen SS-Standartenführer Walther Rauff. Rauff war 1958 vom BND rekrutiert worden, um ‚die Ausbreitung des Kommunismus auf dem amerikanischen Subkontinent möglichst zu verhindern‘, und wirkte laut Recherchen des WDR maßgeblich am Aufbau des später putschenden chilenischen Sicherheits- und Unterdrückungsapparats mit.
Daneben war die 'Colonia Dignidad‘ von entscheidender Bedeutung. Die deutsche Sekte des überzeugten Antikommunisten Paul Schäfer verfügte über engste Verbindungen zum Pinochet-Regime und dem chilenischen Geheimdienst DINA, der während der Diktatur ein Folterzentrum auf dem Sektengelände betrieb. Dass Sektenchef Schäfer seine Terrorkolonie ungestört betreiben konnte, lag auch am Auswärtigen Amt, das in der Angelegenheit eine erstaunliche Passivität an den Tag legte. Die bisherige Erzählung, dass deutsche Diplomaten über viele Jahre hinweg 'bestenfalls weggeschaut' und 'jedenfalls eindeutig zu wenig für den Schutz ihrer Landsleute' getan hätten, ist offenkundig verharmlosend. Denn der BND wusste nicht nur bereits seit 1966 von 'KZ-ähnlichen Methoden' in der Sekte, sondern er war demnach auch über die geheimen Waffenlieferungen an die 'Colonia Dignidad' im Bilde."[2]

txt: gst

 

Fußnoten

[1] Christian Bergmann und Tom Fugmann, MDR Investigativ, 5. September 2023: Chile: War der BND am Putsch von Pinochet beteiligt?
https://www.mdr.de/nachrichten/deutschland/chile-putsch-bnd-colonia-dignidad-waffen-100.html

[2] Jan Korte, 5.9.2023
https://www.linksfraktion.de/presse/pressemitteilungen/detail/deutsche-beteiligung-am-pinochet-putsch-in-chile-vor-50-jahren-muss-aufgearbeitet-werden/

 

 

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