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16.08.2011: Wenn die Hälfte aller Jugendlichen im Alter von 15 bis 24 Jahren in ihrem Land keinen Arbeitsplatz finden, verdient das sicher zu Recht die Bezeichnung „Katastrophe“. Genau dies ist aber bittere Realität im EU-Staat Spanien – ohne dass sich bisher ein Sturm der Entrüstung darüber in den etablierten Medien oder bei den dominierenden Politikern erhoben hätte. Die jugendlichen „Indignados“ („Empörten“), die seit dem 15. Mai immer wieder mit Platzbesetzungen und Protestcamps in spanischen Städten auf die unhaltbare Situation hinwiesen, wurden Anfang August in Madrid mit Polizeigewalt vertrieben, damit die Bilder vom anstehenden Papstbesuch in der Stadt nicht von diesen „Protestlern“ gestört werden.

In der EU insgesamt war im Juni 2011 jede(r) fünfte Jugendliche unter 25 Jahren erwerbslos. Das sind rund 5 Millionen junge Menschen ohne Einkommen und ohne berufliche und persönliche Perspektive. Allein diese Tatsache spricht ein vernichtendes Urteil über den heutigen Kurs der EU Politik.

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Die durchschnittliche Jugenderwerbslosenquote in der EU lag im Juni 2011 bei 20,5 Prozent. Das ergibt sich aus den Zahlen, die das deutsche Statistische Bundesamt (Destatis), gestützt auf Angaben des EU-Statistikamtes Eurostat, am 12. August, sinnigerweise anlässlich des „internationalen Tags der Jugend“ (!) veröffentlicht hat. Gegenüber 2008, dem letzten Jahr vor der Weltwirtschaftskrise 2009, ist die Jugendarbeitslosigkeit in der EU nach dieser Veröffentlichung um über ein Drittel angestiegen. Dabei reden Politiker und Medien schon seit Monaten davon, dass die Krise „überwunden“ und durch einen massiven „Wiederaufschwung des Wirtschaft“ abgelöst worden sei. Bei einem Fünftel der jungen Generation in den EU Staaten ist dieser „Aufschwung“ aber offensichtlich noch nicht angekommen.

Dabei sind die 20,5 % einer jener berühmten statistischen „Durchschnittswerte“, die eigentlich die Realität eher beschönigen und verschleiern helfen als verdeutlichen. Denn die Spannweite der Jugendarbeitslosenraten reicht von 7,1 % in den Niederlanden bis zur horrenden Zahl von 45,7 % in Spanien.

Nur in drei der 27 EU Staaten, außer den Niederlanden noch in Österreich und Deutschland, liegt die Arbeitslosenquote der Jugendlichen unter zehn Prozent. In den restlichen 24 EU Staaten ist der Prozentsatz zweistellig und in 16 davon, also mehr als der Hälfte, liegt er über 20 Prozent, in fünf Staaten sogar über 30 %. Dazu gehören außer Spanien Griechenland, die Slowakei und die baltischen Staaten Litauen und Lettland - dicht gefolgt von Italien, Bulgarien, Irland, Portugal, Ungarn, Polen, Schweden, Frankreich und Rumänien (siehe nebenstehende Tabelle).

Dabei ist noch zu berücksichtigen, dass es sich bei diesen Zahlen laut „Destatis“ um von den Statistikern „um saisonale und irreguläre Einflüsse bereinigte Ergebnisse“ handelt. Außerdem wurde das „Erwerbsstatuskonzept der Internationalen Arbeitsorganisation – ILO“ zugrunde gelegt. Nach diesem Konzept fallen alle aus der Arbeitslosenstatistik heraus, die in der jeweiligen  „Erhebungswoche“ wenigstens eine Stunde gegen Bezahlung „erwerbstätig“ waren. Nicht mitgezählt werden Schüler und Studenten sowie Azubis in festen Ausbildungsverhältnissen, ebenso Soldaten und Zivildienstleistende sowie Jugendliche, die als „mithelfende Familienangehörige“ in Kleinbetrieben oder als „Selbstständige“ registriert sind. Das heißt, die reale Jugendarbeitslosigkeit dürfte überall höher liegen, als es die amtlichen Zahlen aussagen.

Selbst für Deutschland kommt das Statistische Bundesamt in seiner Pressemitteilung zu der Feststellung, dass die Jugendlichen stärker von der Arbeitslosigkeit betroffen sind als die Erwachsenen. Die Erwerbslosenquote bei den jungen Menschen lag in Deutschland mit 9,1 Prozent – das sind etwa 430 000 junge Menschen – um drei Prozent höher als die Quote der Erwachsenen über 25¨Jahren (derzeit 6,1 %). Hinzu kommt, dass die Jugendlichen, die nicht als erwerbslos gezählt wurden, nach der Pressemitteilung des Statistik-Amtes auch in Deutschland häufiger „atypisch beschäftigt“ sind. Darunter verstehen die Statistiker befristete Arbeitsverhältnisse und Teilzeitbeschäftigung, Minijobs und Zeitarbeit. In solchen „atypischen Beschäftigungsverhältnissen“ waren 2010 insgesamt 36,8 % aller Jugendlichen, die nicht unter die „Erwerbslosen“ zählen, gegenüber nur 22,4 % im Gesamtdurchschnitt aller Beschäftigten. Nicht in der Arbeitslosenstatistik mitgezählt wurden auch alle Jugendlichen, die im letzten Jahr keinen Ausbildungsplatz bzw. Job fanden und deshalb in sogenannte „berufsvorbereitende Maßnahmen“ gesteckt wurden. Das waren 2010 etwa 320 000 Jugendliche, also fast noch einmal so viel wie die Jugendlichen, die offiziell als „arbeitslos“ registriert wurden.

Text: G. Polikeit       Grafik: G. Polikeit

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