Aus Bewegungen und Parteien

14.09.2023: Seit dem ersten Klimastreik im März 2019 haben sich die Bedingungen drastisch geändert: Die Klimakatastrophe ist Realität und neue Normalität. Das Pariser Klimaziel ist nicht mehr zu erreichen ++ Die für die nächsten drei Jahrzehnten geplanten Öl- und Gasförderungserweiterungen reichen aus, um die globalen Temperaturen weit über den Grenzwert von 1,5 Grad Celsius zu treiben ++ Dass die Emissionen nicht gesunken sind, sondern immer weiter steigen, liegt nicht daran, dass die Dringlichkeit nicht klar wäre – sondern dass dem systemische Ursachen entgegenstehen, allen voran der ökonomische Wachstumszwang des kapitalistischen Systems.

Globaler Klimastreik von Fridays for Future am Freitag, 15. September – der dreizehnte. Der erste fand am 15. März 2019 statt. Über zwei Millionen Menschen nahmen den Demonstrationen teil.

Seit dieser Zeit haben sich die Bedingungen einschneidend geändert. Die Welt hat ein neues Kapitel in der Klimageschichte aufgeschlagen, die Klimakatastrophe ist nicht mehr eine Erzählung über der Zukunft, sondern Gegenwart. Nicht mehr nur im globalen Süden, sondern auch in Nordamerika und in Europa. Die Folgen des Klimawandels sind bereits eindeutig nachweisbar: Hitzewellen und Starkregen rund um den Globus.

"So viele Negativ-Rekorde wie in diesem Jahr gab es noch nie: bei den Wassertemperaturen der Ozeane und bei den Temperaturen an Land. Die Sommermonate waren global die mit Abstand heißesten Monate seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Die Auswirkungen der Klimakrise erleben wir gerade so massiv wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte", heißt es von Fridays for Future.

In den letzten Monaten jagte eine Klimakatastrophe die nächste. Erstmals haben im Juni die globalen Temperaturen die Schwelle von 1,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau überschritten. Nach einem Hitzesommer voller Waldbrände nun sintflutartige Regenfälle: Es sind apokalyptische Bilder, die uns aus Libyen erreichen. Vorher verheerende Starkregen und Überschwemmungen in Italien, Spanien, Österreich und Slowenien. Eine verheerende Flutkatastrophe hat das griechische Urlaubsparadies an der Mittelmeerküste in eine gigantische Schlamm-Landschaft verwandelt. Dramatische Ernteausfälle sind eine der Folgen. Aber auch in Brasilien, China, Hongkong, ... die schlimmsten Niederschläge der vergangenen Jahrzehnte. Millionen haben ihr Zuhause, den Zugang zu Nahrung und Wasser und ihre gesamte Lebensgrundlage aufgrund der sich verschlechternden und häufigeren Klimakatastrophen verloren.

Sagte UN-Generalsekretär Antonio Guterres bei der Weltklimakonferenz COP27 im November vergangenen Jahres noch "Wir sind auf dem Highway zur Klimahölle mit dem Fuß auf dem Gaspedal", so stellte er im Juni fest, dass die globale Antwort auf Klimawandel "erbärmlich" sei. "Die Klimakrise verschärft sich dramatisch, aber der kollektiven Antwort fehlt es an Ehrgeiz, Glaubwürdigkeit und Dringlichkeit", sagte Guterres beim G20-Gipfel in Neu-Delhi. Er verstärkte seine Forderungen nach einem Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen und warnte vor "moralischem und wirtschaftlichem Wahnsinn".

Wie die USA die Welt in die Hölle des Klimawandels führen (The Guardian)

Die britische Zeitung Guardian berichtete am 12. September [1] wie die Gas- und Ölförderländer – allen voran die USA - die Welt in die Hölle des Klimawandels führen. Die Zeitung bezieht sich auf einen Bericht von Oil Change International, der aufzeigt, dass allein die zusätzlichen Treibhausgasemissionen der gesamten in den nächsten drei Jahrzehnten geplanten Öl- und Gasförderungserweiterungen mehr als ausreichen, um die globalen Temperaturen weit über den Grenzwert von 1,5 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau zu treiben. Dabei entfallen auf die USA mehr als ein Drittel der bis Mitte des Jahrhunderts geplanten Ausweitung der weltweiten Öl- und Gasproduktion, obwohl sie sich als Vorreiter in Sachen Klimaschutz bezeichnen.
Kanada und Russland haben die nächstgrößeren Expansionspläne, berechnet auf der Grundlage der Menge an Kohlendioxid, die durch neue Erschließungen wahrscheinlich produziert wird, gefolgt von Iran, China und Brasilien. Die Vereinigten Arabischen Emirate, die in diesem Jahr den jährlichen UN-Klimagipfel Cop28 im November in Dubai ausrichten werden, stehen auf der Liste an siebter Stelle.
Die Daten in einem Bericht zeigen auch, dass fünf Länder des "globalen Nordens" - die USA, Kanada, Australien, Norwegen und das Vereinigte Königreich - für etwas mehr als die Hälfte aller geplanten Erweiterungen neuer Öl- und Gasfelder bis 2050 verantwortlich sein werden. [2],

Klimaziele werden nicht erreicht. Ursache: Wachstumszwang der kapitalistischen Produktionsweise.

Schien es beim ersten globalen Klimastreik 2019 noch möglich, das Pariser Klimaziel von 1,5 Grad Celsius zu erreichen, so wurde diese Chance seit dem vertan.

Die Erde hat sich in den letzten Jahren stärker erhitzt als zuvor angenommen – auch, weil es bisher nicht gelungen ist, die Emissionen zu senken. Laut Weltklimarat hat sich die Erde gegenüber der vorindustriellen Zeit bereits um 1,1 Grad erwärmt. Bis Ende des Jahrhunderts werden es derzeitigen Prognosen zufolge zwei bis drei Grad sein. Das in Paris 2015 gefasste Ziel, die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen, dürfte kaum noch zu erreichen sein.

In einem heute veröffentlichten UN-Bericht [3] wird festgestellt, dass die Weltgemeinschaft weit davon entfernt sei, ihre Klimaziele zu erreichen. Was Regierungen bislang an Reduktionen von klimaschädlichen Treibhausgases empfohlen hätten, reiche nicht aus, um die Ziele des Pariser Klimaabkommens zu erreichen.

Klimawissenschaftler:innen haben in den letzten Jahren immer eindringlicher gewarnt, dass weltweit Systeme existieren, die durch die derzeitige Erwärmung in einen Zustand gebracht werden, der nicht mehr umkehrbar ist – und einige dieser Punkte bereits überschritten sein könnten. Dies scheint jetzt der Fall zu sein.

"Wir rasen sehenden Auges auf eine Katastrophe zu - mit zu vielen, die auf Wunschdenken, auf unerprobte Technologien und Wunderlösungen setzen."
Antonio Guterres, UN-Generalsekretär

Konnte man zum Zeitpunkt des ersten Klimastreiks (mit sehr gutem Willen oder einer gewissen Naivität) noch davon ausgehen, dass es sich bei dem fehlendem Klimahandeln der Regierungen um ein Wissensproblem handelt, und die Politik aufgefordert wurde, "auf die Wissenschaft zu hören", so gilt dies heute nicht mehr. Dass der menschengemachte Klimawandel stattfindet und verheerende Folgen hat, wird von niemandem mehr ernsthaft bezweifelt. Dass die Emissionen dennoch nicht gesunken sind, sondern immer weiter steigen, liegt nicht daran, dass die Dringlichkeit nicht klar wäre – sondern dass dem systemische Ursachen entgegenstehen, allen voran der ökonomische Wachstumszwang der kapitalistischen Produktionsweise.

Das ist allerdings ein Aspekt, den die Klimawissenschaftler: innen und Teile der Klimabewegung immer noch ignorieren.

 

Je reicher desto CO2: Wer den Klimawandel anheizt

Hitzewellen in Indien und China, Waldbrände in Kanada, Überschwemmungen durch Starkregen in Italien und Kongo: Die Katastrophenmeldungen über Extremwetterereignisse sind in diesem Sommer bereits unüberschaubar geworden. Inzwischen ist klar: Dass solche Ereignisse gehäuft – und immer heftiger – auftreten, ist eine Folge der Erderwärmung. Weniger bekannt ist, wie krass ungleich die Verantwortung für den Klimawandel in der Welt verteilt ist. Im Zeitraum von 1850 bis 2015 waren die USA allein für nicht weniger als 40 Prozent der weltweiten Emissionen verantwortlich, die Länder der EU für 29 Prozent. Der Globale Norden insgesamt, der nur 19 Prozent der Weltbevölkerung ausmacht, hat 92 Prozent der durch den Klimawandel verursachten Schäden verursacht. Was im globalen Maßstab gilt, stimmt auch individuell: je reicher desto klimaschädlicher. Aktuell sind einer Oxfam-Studie zufolge allein 125 Milliardär*innen im Durchschnitt für so viele Emissionen verantwortlich wie eine Million Menschen aus den ärmeren 90 Prozent der Weltbevölkerung. Das reichste eine Prozent der Menschheit – weniger Menschen als Deutschland Einwohner*innen hat – emittieren deutlich mehr als die ärmere Hälfte (ca. 4 Milliarden Menschen) zusammen. Und blickt man auf den Globalen Norden, so ist auch hier eine extrem ungleiche Verantwortung auszumachen. Während die ärmere Bevölkerungshälfte in Deutschland 2019 etwa sechs Tonnen CO2 pro Jahr emittiert, waren es beim reichsten Prozent etwa 105 Tonnen – fast das 18-fache. Die reichsten 0,001 Prozent in Deutschland, etwa 800 Menschen, emittieren tausendmal so viel Treibhausgase wie der Durchschnitt: 11.700 Tonnen. Überraschung: Seit 1991 ist die Emissionsungleichheit noch deutlich gestiegen. All das wird in der gegenwärtigen Klimapolitik nicht berücksichtigt. Die Folgen der Erderwärmung treffen dagegen vor allem die Länder des Globalen Südens und dort vorwiegend wiederum die Ärmeren.
Analyse & Kritik ak, 20.6.2023, Wenn alles kippt | https://www.akweb.de/ausgaben/694/wenn-alles-kippt-klimawandel-kipppunkte-planetare-grenzen-wo-stehen-wir/

 

Klimakrise ist Systemkrise

Insofern hat Tomasz Konicz recht, wenn er schreibt:
"Nur, das große Problem bei dem ganzen Gerede von Klimagerechtigkeit besteht schlicht darin, dass die Klimakrise keine Verteilungskrise ist, sie folglich auch nicht durch das Aufwerfen der sozialen Frage beantwortet werden kann. Die Klimakrise ist eine Systemkrise, die zwangsläufig die Systemfrage aufwirft. Das Kapital als der sich selbst mittels Warenproduktion verwertende Wert muss die Ressourcen der Welt verbrennen, es muss der Menschheit die ökologischen Lebensgrundlagen entziehen, um seine uferlose Verwertungsbewegung aufrechtzuerhalten. Die ewige Plusmacherei ist das Wesen der fetischistischen Kapitaldynamik. Und sie muss in Geschichte überführt werden – oder sie wird den Zivilisationsprozess in Barbarei umschlagen lassen. Es ist keine Frage des 'Lastenverteilung', sondern des Kampfes um eine lebenswerte Systemalternative. Konkret: Es geht darum, die Warenform emanzipatorisch zu überwinden, in der Bedürfnisse nur befriedigt werden, sofern sie noch eine Marktnachfrage generieren. Es geht nicht darum, die ökologisch ruinöse Warenproduktion, die nur Ausdruck des Verwertungsprozesses des Kapitals ist, gerechter zu verteilen, sondern diese zu überwinden, bevor sie in Barbarei umschlägt."[4]

Antonio Guterres ruft auf, es sei an der Zeit aufzuwachen und aufzustehen.
Also am 15. September mit Fridays for Future auf die Straße!

 


Anmerkungen

[1] The Guardian, 12.9.2023: "US behind more than a third of global oil and gas expansion plans, report finds"
https://www.theguardian.com/environment/2023/sep/12/us-behind-more-than-a-third-of-global-oil-and-gas-expansion-plans-report-finds

[2] Oil Change International, 12.9.2023: "Planet Wreckers: How 20 Countries’ Oil and Gas Extraction Plans Risk Locking in Climate Chaos"
https://priceofoil.org/2023/09/12/planet-wreckers-how-20-countries-oil-and-gas-extraction-plans-risk-locking-in-climate-chaos/

[3] World Meteorological Organization (WMO), 14. September 2023: Climate change undermines nearly all sustainable development goals
https://public.wmo.int/en/media/press-release/climate-change-undermines-nearly-all-sustainable-development-goals

[4] Tomasz Konicz, 6.9.2023: Unwort Klimagerechtigkeit | konicz.info

 

 

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Es referieren:
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Frank Deppe, emer. Professor für Politikwissenschaft, Marburg

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