16.10.2026: Der Krieg im Jemen ist wieder voll entflammt ++ mit den jüngsten Vorstößen kontrollieren die Houthi nun die gesamte Küste des Roten Meeres im Jemen und die Meerenge ++ Willy Sabautzki beschäftigt sich mit den Hintergründen des Krieges.
Neue Eskalation
Am 10. Oktober 2026 traf eine Rakete den Flughafen von Riad: zwölf Tote, über 300 Verletzte, der schwerste Angriff auf saudischem Boden seit mehr als einem Jahrzehnt.
Bundesaußenminister Johann Wadephul verurteilte "den schweren Huthi-Angriff auf den Flughafen Riad scharf" Der Angriff sei "ein Terrorakt gegen SaudiArabien & die zivile Luftfahrt". (https://x.com/AussenMinDE/status/2109191241032245546)
Kein Wort der Verurteilung hatte er allerdings gefunden, als seine saudischen Partner am 13. Juli den Sana'a Airport unter Kontrolle der Ansar Allah (Houthi) bombardiert und damit die April 2022 Waffenruhe im Jemen in der Luft zerrissen haben – der Auslöser der jüngsten Gewaltwelle. Seit 2022 galt im Jemen-Krieg de facto ein Waffenstillstandsabkommen, das von beiden Seiten respektiert wurde.
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen stellt sich ebenfalls bedingungslos hinter Saudi-Arabien. "Wir stehen in voller Solidarität hinter der Bevölkerung Saudi-Arabiens und all unseren Partnern am Golf", schrieb sie auf X. "Angriffe auf zivile Infrastruktur sind inakzeptabel. Die Stellvertreter des Iran müssen ihre rücksichtslosen und gewalttätigen Handlungen einstellen."
"Was von der Leyen bequem nicht erwähnt hat, ist, dass die saudi-arabische Monarchie den Jemen zuerst angegriffen hat", kommentiert der Herausgeber von Geopolitical Economy Report, Ben Norton.
"Nun äußert die EU ihre »volle Solidarität« mit der saudi-arabischen Diktatur, während diese den Jemen bombardiert.
Was von der Leyen bequem nicht erwähnt hat, ist, dass die saudi-arabische Monarchie den Jemen zuerst angegriffen hat und der Jemen nur konterte.
Mit Unterstützung von USA und EU bombardiert das saudi-arabische Regime seit 11 Jahren immer wieder den Jemen. Die saudi-arabische Monarchie hat Jemeniter bei Beerdigungen, in Schulen und Wohnhäusern massakriert, während sie absichtlich Lebensmittelproduktionsstätten ins Visier nahm, um Massenhunger und Hungersnot zu verursachen und so viele jemenitische Zivilisten wie möglich zu töten.
Das Weiße Haus hat der saudi-arabischen Diktatur kürzlich grünes Licht gegeben, ihren Angriffskrieg gegen den Jemen wieder aufzunehmen.
Das saudi-arabische Regime hat wiederholt Flughäfen im Jemen bombardiert. Daher kontert der Jemen nun, indem er saudi-arabische Flughäfen trifft.
Wenn Saudi-Arabien nicht getroffen werden will, sollte es aufhören, Jemeniter zu töten. Ganz einfach."
Ben Norton, Herausgeber des "Geopolitical Economy Report“
Am 13. Oktober haben die jemenitischen Streitkräfte Saudi-Arabien gewarnt, "dass jegliche Angriffe auf die Hauptstadt Sana'a mit einer harten und schmerzhaften Reaktion in der saudischen Hauptstadt Riad beantwortet werden".
Inzwischen ist der Krieg im Jemen wieder voll entflammt. In der Nacht zum Dienstag hat die saudische Luftwaffe Ziele in der jemenitischen Provinz Saada bombardiert, der Hochburg der Ansarollah. Auch auf weitere Ziele im Norden des Landes im jemenitisch-saudischen Grenzgebiet sowie an der Rotmeerküste fielen Bomben, wie die jemenitische Nachrichtenagentur Yemen News Agency SABA (https://www.saba.ye/de) berichtete.
Die Houthi wiederum setzten ihre Angriffe auf das saudische Königreich nach eigenen Angaben fort und griffen unter anderem den König-Khalid-Flughafen in der Hauptstadt Riad erneut mit einer Rakete an. Raffinerieanlagen der saudischen Aramco wurden ebenfalls zum Ziel jeminitischer Drohnenangriffe.
Im September hatten die Houthi wichtige Städte und Positionen an der Küste des Roten Meers erobert, u.a. die Insel Majun (oder Perim), die am südlichen Ende der Meerenge liegt, die den Golf von Aden mit dem Roten Meer verbindet. Die Meerenge ist an der schmalsten Stelle etwa 20 Kilometer breit und damit deutlich schmaler als die Straße von Hormus, die etwa 50 Kilometer breit ist. Durch diese Meerenge führt die Schifffahrtsroute, die vom Mittelmeer über den Suezkanal bis in den Indischen Ozean führt und somit den kürzesten Schifffahrtsweg zwischen Europa und Asien darstellt.
Mit den jüngsten Vorstößen kontrollieren die Houthi nun die gesamte Küste des Roten Meeres im Jemen.
Seit dem Überfall der USA und Israel auf Iran wird die Meerenge als alternative Handelsroute genutzt, um Ausfälle durch die Straße von Hormus etwas zu kompensieren. Insbesondere Saudi-Arabien exportiert Teile seines Erdöls über das Rote Meer. Im Juli, nach den saudischen Angriffen auf Sana'a, haben die Houthi eine Blockade der Schifffahrt für Saudi-Arabien verhängt.
Seit dem 4. Oktober läuft eine von Riad gestützte Gegenoffensive. Etwa 200.000 Menschen wurden seither vertrieben.
Willy Sabautzki beschäftigt sich mit den Hintergründen des Konflikts.
Krieg um die Ölrente
Ölrente als Grundrente
Die Grundrente ist aus marxistischer Sicht ein Surplus-Profit, den der Eigner an einer nicht vermehrbaren Naturbedingung abschöpft. Beim Öl ist das so erklärbar: die saudischen Ölfördermengen werden zu einem günstigeren Preis als der festgelegte Weltmarkpreis abgegeben. Die Differenz fällt nicht als Profit an einen Unternehmer, sondern als Rente an den Staat der Eigentümer der Lagerstätten ist.
Diese Ölrente finanziert Königshaus, Staatsapparat und das Klientelsystem des Rentierstaats, der eine eigentümliche Klassenstruktur aufweist. Die wertschöpfende Arbeit verrichten weitgehend rechtlose Arbeitsmigranten, während den Staatsbürgern ein Teil der Rente als Gehalt, Subvention oder Pfründe zugeteilt wird. Politische Loyalität wird so gekauft, nicht erkämpft. Gerade darum ist der Rentenfluss für die Monarchie mehr als eine Einnahmequelle; er ist die Grundlage ihrer Herrschaft.
Transport-Engstelle als Machtquelle
Doch diese Rente wird erst realisiert, wenn das Barrel verkauft ist, wenn die Ware also den Sprung in die Geldform geschafft hat: Karl Marx nennt das den "Salto mortale der Ware". Dazwischen liegt die Zirkulationssphäre: Pipeline, Hafen, Tanker, Seeweg.
Der Transport ist kein Nebenaspekt, sondern als Fortsetzung des Produktionsprozesses innerhalb der Zirkulation zu verstehen.
Saudisches Öl über das Rote Meer
Seit dem Krieg der USA und Israels gegen Iran ist die Straße von Hormus weitgehend gesperrt. Saudi-Arabien pumpt sein Öl daher über die Ost-West-Pipeline nach Yanbu am Roten Meer; die Verladungen dort stiegen von rund 240.000 Barrel täglich im August 2025 auf etwa 3,5 Millionen im Juni 2026.
Für Asien bestimmte Tanker müssen aber durch Bab al-Mandab. Und genau dort setzt die Seeblockade an, die die Houthis im Juli 2026 verhängten.
So erklärt sich die Macht eines bitterarmen Akteurs über den größten Rohölexporteur der Welt: Er besitzt kein Kapital, aber er sitzt an der Ader seines Kreislaufs.
Existenzfrage des Saudischen Wirtschaftsmodells
Wer eine solche Engstelle kontrolliert, greift in den Kreislauf ein. Er kann die Realisierung verzögern: Tanker warten oder fahren Umwege, die Umschlagzeit verlängert sich. Er kann sie verteuern: Versicherungsprämien, Frachtraten und Sicherungskosten zehren an der Rente. Und er kann sie verhindern: Ein Barrel, das nicht verschifft wird, bringt keine Rente, so gewaltig die Reserven unter dem Wüstensand auch sind.
Die Rente verschwindet dabei nicht, sie wird aber umverteilt. Die Verknappung trieb Brent zeitweise auf 108 Dollar je Barrel. Davon profitieren Förderer, deren Öl ungehindert fließt. Die Kontrolle der Meerengen ist so ein Hebel im Verteilungskampf um die globale Ölrente.
Darum führt Riad diesen Krieg nicht als Grenzkonflikt, sondern als Existenzfrage seines Wirtschaftsmodells.
Wie sehr die Zirkulation den Wert der Rente bestimmt, zeigt die Reaktion des Marktes: Seit Juli wichen die meisten Tanker aus Yanbu nach Norden aus, über den Suezkanal oder eine ägyptische Pipeline ins Mittelmeer.
Die Ordnungsmacht Saudi-Arabien im US-Auftrag
Saudi-Arabien ist militärisch und finanziell als subimperiale Macht an die unter Druck geratene Hegemonie der USA gebunden und agiert als regionale Ordnungsmacht, Die Intervention im Nachbarland Jemen seit 2015 sollte eine Riad genehme Regierung sichern und das Hinterland der Rentenökonomie befrieden.
Das Staatenbündnis am Golf ist dabei aber kein geopolitisch geeinter Block. Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate zogen 2015 gemeinsam in den Jemen-Krieg, verfolgten aber verschiedene Ziele. Die Vereinigten Arabischen Emirate setzten auf Häfen und Seewege: Ihre Truppen kontrollierten Aden, Mukalla und Mokka sowie die Inseln Sokotra und Mayun in der Meerenge Bab al-Mandab. Ihr Werkzeug war der Südübergangsrat, der einen eigenen Staat im Süden anstrebte.
Riad will dagegen einen geeinten, von ihm abhängigen Jemen und sucht über die Provinz al-Mahra einen Zugang zum Indischen Ozean, auch für eine Ölpipeline an Hormus vorbei.
Im Dezember 2025 besetzte der Südübergangsrat die Provinzen Hadramaut und al-Mahra an der Grenze zu Saudi-Arabien und Oman. Riad sah darin eine Bedrohung seiner Sicherheit, bombardierte in Mukalla eine Waffenlieferung aus den Emiraten und unterstützte die Forderung nach deren Abzug binnen 24 Stunden. Die Emirate zogen ihre Truppen zurück.
Hier konkurrieren zwei Rentiermächte um dasselbe: um Häfen, Transportkorridore und Zugänge zum Weltmarkt, um jene Zirkulationswege, an denen ihre Rente hängt.
USA und Israel bombardieren
Die Houthis wehren sich gegen reale Aggression. Im April 2025 zerstörten Luftangriffe der USA das Treibstoffterminal Ras Isa; das US-Militär wollte so den Houthi den Treibstoff abschneiden.
Israel griff wiederholt die Häfen Hodeida, Salif und Ras Isa an. Über sie laufen laut UN 70 Prozent aller Importe und 80 Prozent der humanitären Hilfe. Ein Land, das über 90 Prozent seiner Nahrung importiert, wird an der Versorgung mit Lebensmitteln, Treibstoff und Geld gehindert.
Die Seeblockade der Houthis gegen Saudi-Arabien kehrt dieses Instrument um und trifft nun den saudischen Ölexport.
Als eine emanzipatorische Kraft sind die Houthis nicht einzuschätzen: Ihre Herrschaft ruht auf einer religiös-dynastischen Führung, Stammesallianzen und einer Kriegsökonomie; Gewerkschaften, Linke und Frauenorganisationen sind in ihren Aktivitäten eingeschränkt und bedroht. Die Bewegung ist Teil der iranischen "Achse des Widerstands" für die "Einheit der Fronten".
Der Konflikt hat eine lange Vorgeschichte. Die Volksdemokratische Republik Jemen im Süden war von 1967 bis 1990 der einzige sozialistisch orientierte Staat der arabischen Welt. Nach der Vereinigung und dem Krieg von 1994 wurde der Süden zur inneren Peripherie, eine Wurzel des heutigen Separatismus. Saudi-Arabien nutzte den Nachbarn zugleich als Reservoir billiger Arbeitskraft; nach dem Golfkrieg 1990/91 wies es Hunderttausende jemenitische Arbeiter aus und traf eine Ökonomie, die von Rücküberweisungen lebte.
Seit 2011 wird in Jemen um die Herrschaft gekämpft.
Im Zuge des Arabischen Frühlings ab 2011 wurden auch im Jemen Demonstrationen gegen die Politik von Langzeitpräsident Salih organisiert. Nach gewaltsamen Ausschreitungen trat dieser zurück. Im September 2014 gelang es der Ansar Allah-Bewegung (Houthi), die schon 2011 eine Allianz mit den Unterstützern des ehemaligen Präsidenten Salih gebildet hatte, die Hauptstadt Sanaa einzunehmen. Die Übergangsregierung von Präsident Hadi wurde 2015 zum Rücktritt gezwungen und ein Interim-Revolutionskomitee gebildet. Präsident Hadi und die Übergangsregierung verließen daraufhin den Jemen und gingen ins Exil nach Saudi-Arabien. Dieses ist seit 2015 im Rahmen einer Militärkoalition aktiv an dem Konflikt beteiligt.
Auf der einen Seite steht die sogenannten Huthi-Salih-Allianz, die sich aus Anhängern der Ansar Allah-Bewegung und der Partei des ehemaligen Präsidenten Salih zusammensetzt. Sie stellt gegenwärtig die Regierung im Jemen und beansprucht für sich, der legitime Träger der Staatsgewalt zu sein. International wird die Allianz nicht anerkannt.
Auf der anderen Seite steht die international anerkannte Exilregierung unter dem ehemaligen Präsident Hadi (2012-2022) sowie die von Saudi-Arabien geführte Militärkoalition. Im April 2022 wurde ein Präsidialrat unter dem Vorsitz von Rashad al-Alimi, ein langjähriger Verbündeter Hadis, eingesetzt. Der Koalition gehören neben Saudi-Arabien auch Ägypten, Bahrain, Jordanien, Katar, Kuwait, Marokko, Pakistan, Senegal, Sudan und die Vereinigten Arabischen Emirate an. Logistische Unterstützung und Geheimdienstinformationen werden unter anderem von Frankreich, Großbritannien und den USA bereitgestellt.
Gegen Jemen wurde eine Blockade verhängt. Die USA, Israel und Saudi-Arabien führten immer wieder Angriffe auf Jemen durch, bei denen zahlreiche Zivilisten getötet wurden.
Deutschland liefert die Waffen
Auf der Arabischen Halbinsel stehen sich Saudi-Arabien als Zentrum der Rentenaneignung und ein ausgebluteter Jemen an der Peripherie gegenüber im Kampf um Ölrente und Seewege.
Daraus folgt eine doppelt kritische Bewertung von Intervention, Blockade und westlichen, auch deutschen Rüstungsexporten in Kriegsregionen.
Nötig sind ein sofortiger Waffenstillstand, die Aufhebung aller Blockaden, ein Wiederaufbau ohne Vormundschaft und der Stopp der Waffenlieferungen auch jener aus Deutschland und aus anderen Ländern.
Für 2024 genehmigte die Bundesregierung Exporte nach Saudi-Arabien für über 134 Millionen Euro, in die Emirate für über 146 Millionen und nach Katar für über 107 Millionen Euro. Im ersten Halbjahr 2025 waren es rund 51 Millionen Euro für die Emirate und 26 Millionen für Saudi-Arabien.
Für die Zentren Riad, und Abu Dhabi geht es um Ölpreis, Versorgungssicherheit und Rüstungsgeschäfte, kaum um das Schicksal des ärmsten arabischen Landes. Dessen Bevölkerung und die Arbeitsmigranten am Golf haben gemeinsame Interessen, die quer zu allen beteiligten Herrschaftsprojekten stehen.



