Analysen

19.04.2023: Seit Samstag kämpfen zwei Generäle - Abdel Fattah al-Burhan und Mohamed Hamdan Dagalo - um die Macht im Sudan ++ Wer gegen wen und warum? Geschichte und Hintergründe des Konflikts ++ Allianzen und die Position der revolutionären Kräfte

 

Seit Samstag (15.4.) liefern sich die sudanesischen Streitkräften (SAF) des Generals und Vorsitzenden des Regierungsrat des Landes, Abdel Fattah al-Burhan, und die Schnellen Eingreiftruppen (Rapid Support Forces, RSF) seines Stellvertreters Mohamed Hamdan Dagalo, auch bekannt als "Hemedti", schwere Kämpfe. In der Hauptstadt Khartoum finden die schwersten Zusammenstöße mit dem Einsatz von Panzern, Kampfjets und Raketen um das Generalkommando, Militärstandorte, Rundfunk- und TV-Sender etc. statt. Nach Angaben der Sudanese Translators for Change STC finden auch in anderen Teilen des Landes Kämpfe statt: etwa in der Hafenstadt Port Sudan am Roten Meer und in der Stadt Merowe, die über einen wichtigen Flughafen verfügt, in Al Fasher in Nord-Darfur, El Obeid in Nord-Kordofan, Nyala in Süd-Darfur und Kassala im Bundesstaat Kassala.

Sudan Hemedti Burhan 2

Die Bombardierungen haben nicht einmal die Krankenhäuser der Hauptstadt verschont, die sich in strategisch wichtigen Bereichen der Stadt befinden. Der Lenkungsausschuss der Ärztevereinigung im Sudan (Doctors Syndicate) berichtete gestern, dass 16 Krankenhäuser in Khartoum und anderen Städten im ganzen Land außer Betrieb sind, von denen einige bombardiert wurden. Khartoum ist nicht nur mit einer ernsten Gesundheitskrise konfrontiert, sondern auch mit einer Wasserkrise, da die Wasserversorgung der Häuser unterbrochen wurde und die Bewohner gezwungen sind, auf der Suche nach Trinkwasser auf die Straße zu gehen.

Sudan Khartoum 2023 04 15

 

Anfänglich schienen Hemedtis Milizen im Vorteil zu sein. Sie übernahmen die Kontrolle über mehrere Luftwaffenstützpunkte und verschanzten sich in den Wohnvierteln von Khartoum. Am Sonntagabend machte sich jedoch die überlegene Bewaffnung der SAF bemerkbar: Kampfjets beschossen Kasernen der RSF und vertrieben die paramilitärischen Kräfte aus ihren Stellungen in der Stadt. Nach Angaben der Sudan Tribune hat die Gegenoffensive der Armee die Kontrolle über den Osten des Landes und Port Sudan zurückgewonnen, während in Kordofan und Darfur, wo die Milizen von General Hemeti besonders stark vertreten sind, die Lage weiterhin unklar ist.

Anders als während des Staatsstreichs im Oktober 2021 funktioniert das Internet noch immer, doch es bringt wenig Klarheit. Vieles an der Situation bleibt ungewiss. Die Fakten werden durch Behauptungen und Gegenbehauptungen verdeckt, die alle über Facebook-Posts verbreitet werden. Hemeti erklärt in den sozialen Medien, dass seine Männer gegen radikale Islamisten kämpfen, die die Macht im Sudan zurückgewinnen und den Übergang zur Demokratie verhindern wollen.

2019: Sturz der Diktatur und Übergangsregierung

Im April 2019 hatte eine von den Gewerkschaften und Widerstandskomitees in den Stadtteilen getragene Bewegung die islamische Diktatur von Omar Al-Baschir gestürzt. Vorangegangen waren seit Dezember 2018 landesweite Proteste, nachdem der Diktator die Subventionen für Weizen und Treibstoff gestrichen hatte. Die Sudan Professionals Association (SPA), ein Dachverband der Angestelltengewerkschaften, und örtliche Widerstandskomitees organisierten die Proteste und forderte den Rücktritt von al-Bashir. Im Januar hatte sich die SPA mit einer losen Koalition von Oppositionsparteien und Rebellengruppen zu einer Gruppierung namens "Kräfte der Freiheit und des Wandels" (Forces of Freedom and Change, FFC) zusammengeschlossen. [1]

Sudan Game OverAm 11. April 2019 gab der sudanesische Verteidigungsminister Awad Ibn Ouf im Namen der Streitkräfte (SAF), der Geheimdienste, der Polizei und der Schnellen Eingreiftruppen (RSF) bekannt, dass die Armee den bisherigen Präsidenten Omer al-Bashir gestürzt und die Macht übernommen hat. Das Militär und die RSF entzogen zwar Omar al-Baschir die Unterstützung, weigerte sich jedoch, ihre Macht an eine zivile Regierung abzugeben. Die Anpassung der RSF- und SAF-Führung an den Lagerwechsel nach dem Sturz von Bashir am 11. April 2019 war lediglich eine Überlebensstrategie inmitten des von den revolutionären Massen ausgelösten Tsunamis. Sie hofften, dass sie durch die Absetzung al-Bashirs die Kontrolle über ihre eigenen Wirtschaftsimperien behalten könnten. Die Islamisten konnten damals fliehen und untertauchen, um ihre Reihen neu zu formieren. (siehe kommunisten.de: "Sudans Verteidigungsminister stürzt al-Bashir. Fortsetzung des alten Regimes unter neuem Namen.")

Die revolutionäre Bewegung wollte jedoch keine neue Militärdiktatur, sondern eine zivile Regierung und veranstalteten ein Sit-in vor dem Militärhauptquartier in Khartoum. Am frühen Morgen des 3. Juni 2019 versuchte das Militär, einschließlich der RSF, das Sit-in aufzulösen. Am Ende des Tages waren rund 200 Demonstrant:innen tot und etwa 900 verletzt. Dennoch gingen die Proteste weiter. Am 30. Juni, dem dreißigsten Jahrestag der Machtübernahme durch Bashir, demonstrierten eine Million Menschen gegen die Junta. Doch die politische Führung der Opposition war sich uneins über das weitere Vorgehen.

Die FFC nahm Verhandlungen mit dem Militär auf, das von den USA und Großbritannien über Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate unter Druck gesetzt wurde, eine Übergangsregierung mit Zivilisten zu bilden. Im August kam es zu einer Vereinbarung, die die FFC in eine Übergangsregierung mit dem Militär brachte, aber die wichtigsten Fragen für die Zukunft des Sudan in die ferne Zukunft verschob. Im Jahr 2022 sollten Wahlen abgehalten werden, und bis dahin sollte das Land von einem Souveränen Rat regiert werden, der sich aus Militärs und zivilen Politiker:innen zusammensetzte. An der Spitze dieses Rates der General al-Burhan und Hemedti als seinem Stellvertreter, die ein technokratisches Kabinett unter der Leitung des ehemaligen UN-Ökonomen Abdalla Hamdok leiteten. Bei seinem Amtsantritt verkündete der erste Finanzminister Ibrahim Elbadawi - ein ehemaliger Weltbanker -, dass das Ziel der Revolution darin bestehe, das Land durch den Abbau von Subventionen aus seiner Schuldenkrise zu befreien – was bedeutete, die sozioökonomischen Ziele der Revolution, die al-Bashir gestürzt hatte, mit Füßen zu treten. (siehe kommunisten.de: "Sudans Kommunist*innen lehnen Übergangsverfassung ab")

Viele der Maßnahmen der Übergangsregierung waren darauf ausgerichtet, die internationalen Geldgeber – Internationaler Währungsfond, Weltbank, US-Regierung – zufrieden zu stellen. Die Militärfinanzen fielen nicht in den Zuständigkeitsbereich des zivilen Teils der Regierung, und die Reform des Sicherheitssektors kam nie in Gang. Hemedti baute seine militärische und wirtschaftliche Macht weiter aus: Die RSF rekrutierte im ganzen Land und nicht nur in Darfur, was einige seiner Anhänger zu der Behauptung veranlasste, dass nicht die SAF, sondern seine paramilitärischen Einheiten die wahren Streitkräfte des Sudan darstellten.

Sudan Proteste Putsch 2021 10 26 2Die öffentliche Frustration über Hamdoks Regierung wuchs, es kam zu Demonstrationen, die seinen Rücktritt forderten. Gleichzeitig wuchs der Druck des Militärs. Im Oktober 2021 putschten Armee, RSF und Überbleibsel des alten Regimes gegen die Übergangsregierung. Es waren dieselben Kräfte, die auch das abgesetzte Regime von al-Bashir gebildet hatten. Die Teilung der Macht zwischen Zivilisten und Militärs, die 2019 mit der Entmachtung von Präsident Omar Al Bashir begann, funktionierte nicht mehr, weil die eine Seite, die Streitkräfte, die tatsächliche Macht in ihren Händen behalten und der anderen Seite nur kosmetische Aufgaben überlassen wollte.

Doch der Staatsstreich konnte den grundlegenden Antagonismus der sudanesischen Revolution nicht aufheben. Auf der einen Seite stand der Militärapparat, der nach dem Sturz von al-Bashir nur nominell umgewandelt wurde, auf der anderen Seite standen die städtischen Bürger:innen des Sudan, die der zivilen Herrschaft anhingen und durch die verschiedenen Widerstandskomitees vertreten wurden, während der FFC ins Abseits geriet. (siehe kommunisten.de: "Sudan: Das Volk ist stärker", "Hamdok zurückgetreten. Das Militär hat jetzt das alleinige Kommando im Sudan")

Für die us-amerikanische und die britische Regierung war eine Militärdiktatur nicht tolerierbar, so dass die Kräfteverhältnisse eine neue zivil-militärische Übergangsregierung erforderten. In diplomatischen Kreisen gilt Burhan nicht als Islamist und ist daher jemand, den der Westen tolerieren kann. Die Junta ihrerseits sah die beste Möglichkeit, den Staatsstreich aufrechtzuerhalten in der Beendigung des Staatsstreichs und der Bildung einer neuen Übergangsregierung, in der das Militär den Ton angeben, ihr aber die Schuld an der sich verschärfenden wirtschaftlichen Misere des Sudan geben konnte. Dies war der Hintergrund des am 5. Dezember 2022 unterzeichneten Rahmenabkommens, das einen Teil der FFC und einige der sudanesischen politischen Parteien in einer neuen Regierung mit dem Militär zusammenbrachte. UN-Vertreter und westliche Diplomaten äußerten sich zufrieden, während das Abkommen im ganzen Sudan auf Proteste stieß.

Seitdem wird das Land von dem sogenannten Übergangsrat kontrolliert. An dessen Spitze steht der Kommandeur der regulären Streitkräfte, General Abdul Fattah al-Burhan. Sein Stellvertreter - und nun auch Widersacher - ist der Oberbefehlshaber der RSF-Paramilitärs, Mohamed Hamdan Daglo (Hemedti). Proteste für eine Demokratisierung des Landes wurden teils blutig niedergeschlagen.

Drei Hauptakteure bedrohen den Weg der Demokratisierung

Drei Hauptakteure bedrohen den Weg der Demokratisierung im Sudan: die RSF, die Überbleibsel des alten Regimes (Islamisten und mit ihnen verbündete Gruppen) und die derzeitige Führung der sudanesischen Streitkräfte (SAF). Die drei Gruppierungen haben gemeinsame Interessen, die sie aber auch zu Gegnern machen: ihren eigenen Einfluss zu wahren, ihre Macht zu erhalten und die durch die Revolution vom Dezember 2018 verursachten politischen Veränderungen zu überleben. Diese existenziellen Interessen sind für sie wichtiger als alle unterschiedlichen Positionen, Allianzen oder Feindschaften, die sie haben mögen.

Unterschiedliche Einschätzung des Ausmaßes der Risiken für die zukünftige Demokratie und Stabilität im Sudan führten nach dem Staatsstreich vom 25. Oktober 2021 zu einer Zersplitterung der pro-demokratischen Kräfte. Diese Uneinigkeit hat interne und externe Allianzen entstehen lassen, die den Zielen und Bestrebungen der zivilen Demokratiebewegung im Sudan grundlegend widersprechen.

Der Zentralrat der Kräfte für Freiheit und Wandel (FFC-CC) - oder besser gesagt, die Gruppe von Personen, die seine Entscheidungen lenkt - sieht in den Islamisten die größte Bedrohung für den sudanesischen Übergangspfad. Islamistische Gruppen üben einen erheblichen Einfluss auf die derzeitige SAF-Führung aus, da das islamistische Militärbündnis das Land seit dem Staatsstreich von 1989 regiert, lange bevor die RSF im Jahr 2013 auftauchte. Diese Analyse veranlasste den Zentralrat der FFC zu einem unerwarteten und widersprüchlichen Bündnis mit der dritten Partei in der Machtgleichung, der RSF.

Der Zentralrat der Kräfte für Freiheit und Wandel (FFC-CC) und Hemedti

Die RSF war sowohl ein wichtiger Akteur bei der Durchführung des Putsches im Oktober 2021 wie auch bei dessen Beendigung. Als Mitglied der Quartettgruppe, zu der das Vereinigte Königreich, Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und die USA gehören, spielten die RSF eine wichtige, wenn nicht sogar die wichtigste Rolle beim Zustandekommen des Abkommens. Hemedti kritisierte den Staatsstreich und versuchte, sich näher am zivilen FFC zu positionieren. Er unterstützte alle vom FFC-CC unternommenen Schritte, wie z. B. seine öffentliche Unterstützung des Verfassungsentwurfs der sudanesischen Anwaltskammer (noch bevor er ihn, wie er selbst zugab, geprüft hatte) und seine wiederholten Erklärungen über sein Engagement für das Rahmenabkommen vom 5. Dezember 2022 als einzige Möglichkeit für eine politische Lösung.

Im Gegenzug für die politische Unterstützung durch die Schnelle Eingreiftruppen (RSF) von Hemedti unterstützte die Führung des FFC die Weißwaschungskampagne von Hemedti. Die Verleihung des Titels "Champion of the Year for Human Rights" durch die sudanesische Menschenrechtskommission einen Tag nach der Unterzeichnung des Rahmenabkommens war der Höhepunkt der Kampagne, mit der die RSF als demokratiefreundlicher Partner dargestellt werden sollte.

Hemedtis Wirtschaftsimperium und die Wagner-Gruppe

Sudan HemedtiHemedtis versöhnliche Erklärungen stehen im Widerspruch zu den Taten seiner Truppen vor Ort, insbesondere zum Anheizen der Gewalt zwischen den Gemeinschaften in Darfur.

Bekannt und einflussreich wurde der Kamelhändler vom kleinen Mahariya-Stamm der Rizeigat-Araber, die sowohl im Tschad als auch in Darfur leben, als er Anfang der 2000er-Jahre im Auftrag von al-Bashir mit seinen Milizen einen Aufstand in der Provinz Darfur niederschlug und einen grausamen Krieg gegen Rebellen und Zivilist:innen gleichermaßen führte.

Vor und nach dem Rahmenabkommen vom 5. Dezember 2022 hat Hemedti unermüdlich daran gearbeitet, seine politische, wirtschaftliche, regionale und diplomatische Macht zu stärken, von Interventionen im Tschad, im Niger, in Mali und in der Zentralafrikanischen Republik, der Entsendung von Söldnern in den Jemen zur Unterstützung der Vereinigten Emirate und Saudi-Arabiens. Er beteiligte sich auch an der Organisation der Migrantenpassage in der Sahelzone: zunächst, indem er Migrant:innen bei der Durchquerung des Landes aufhielt (ein Unternehmen, das einst von der EU finanziert wurde), und dann, indem er dieselben Migrant:innen zwang, für ihre Freiheit zu bezahlen.

Er nutzte seine Position als Chef der RSF, um ein Wirtschaftsimperium aufzubauen, gründete eine Holdinggesellschaft namens al-Jineid. Im Jahr 2018 betrieb Hemedti ein Geschäftsimperium, das neben der Kontrolle über den Goldbergbau und lukrativen Söldnerdiensten auch Immobilien und Stahlproduktion umfasste, und hatte ein Patronagenetzwerk aufgebaut, das mit dem von al-Bashir konkurrierte.

Die RSF waren reich genug, um nach der Wirtschaftskrise und den Protesten, die zum Sturz von Präsident Bashir im April 2019 führten, mehr als 1 Milliarde US-Dollar zur Stabilisierung der sudanesischen Zentralbank zu spenden. Damals behauptete Hemedti: "Wir haben 1,027 Milliarden Dollar in die sudanesische Zentralbank eingezahlt... die Mittel sind da und stehen jetzt zur Verfügung" und dass die RSF "den Staat zu Beginn der Krise unterstützt hat, indem sie die wichtigsten Ressourcen bezahlt hat: Benzin, Weizen, Medikamente."

Hemedti baute öffentliche und geheime kommerzielle und militärische Verbindungen zur russischen Wagner-Gruppe von Evgeny Prigozyn auf. Nachdem er die lukrativste Goldmine des Sudan übernommen hatte, schürft in der Nähe von Al-Ibaidiya im Nordsudan das RSF-Wagner-Gemeinschaftsunternehmen "Meroe Gold" nach Gold und trägt zum Aufbau der Goldreserven der russischen Zentralbank bei. Es wird von mindestens 16 russischen Goldschmuggelflügen aus dem Sudan nach Russland innerhalb des vergangenen Jahres berichtet. Über der Goldmine weht die Flagge der Sowjetunion.

Evgeny Prigozyn arrangierte auch Hemedtis offiziellen Besuch in Moskau am Vorabend der Invasion in der Ukraine, bei dem er die russische Invasion öffentlich unterstützte, indem er einen Tag vor dem russischen Militärangriff erklärte: "Die ganze Welt muss anerkennen, dass [Russland] das Recht hat, sein Volk zu verteidigen".

"Der Versuch, die Putschisten gegeneinander auszuspielen, um angeblich das pro-demokratische Lager zu stärken, ist eine falsche Taktik."

Sudan nein Burha Hemedti 2023 04 15"Sich auf das Bündnis mit der RSF zu verlassen, um die Islamisten zu bekämpfen, ist so, als würde man sich in den Kopf schießen, um Kopfschmerzen zu behandeln. Die Dezemberrevolution im Sudan hat die Islamisten und ihr Regime gestürzt. Die Ereignisse zwangen die Kräfte des Rückschritts, einen demokratischen, zivil geführten Übergangskurs einzuschlagen, wenn auch nur vorübergehend. Die Uhr zurückzudrehen, sollte nicht akzeptabel sein. Der Staatsapparat und das politische System bedürfen prinzipieller, umfassender und grundlegender Reformen, nachdem sie durch Bashirs Tyrannei korrumpiert wurden. …
Der Versuch, die Putschisten gegeneinander auszuspielen, um angeblich das pro-demokratische Lager zu stärken, ist eine falsche Taktik, und falsche Taktiken führen nicht zu guten Ergebnissen. Dieser Ansatz wird nur dazu führen, dass ein einzelner Gewalttäter noch mehr Brutalität in diesem Land monopolisieren kann. Was die Putschisten in ihrem Streben nach Macht eint, ist mehr als das, was sie trennt. …
Die Stärke der Revolution liegt in ihren Grundsätzen und der Unterstützung durch die Bevölkerung, nicht in der Zahl der Waffen, die sie besitzt. Dieser Indikator gibt nur Aufschluss über die Stärke einer Miliz", kritisiert der sudanesische Politiker Amgad Fareid Eltayeb.

"Die einzigen Verlierer des Krieges sind die Menschen, also lasst uns zusammenhalten, um ihn zu überwinden."
Koordinatoren der Widerstandskomitees des Bundesstaates Khartoum

Am Sonntag (16.4.) riefen die Koordinatoren der Widerstandskomitees des Bundesstaates Khartoum dazu auf, sich auf keine Seite zu stellen. "Al-Burhan und Hemedti sind Feinde der Revolution und der Revolutionäre. … Beide Kriegführenden kümmern sich nicht um die Sicherheit unseres Volkes. Wir fordern sie auf, ihre offenen Rechnungen nicht mit unschuldigen Bürgern zu begleichen. Wir rufen die Revolutionäre in den Vierteln auf, sich zu organisieren". (vollständiger Aufruf hier)

Die Sudanesische Kommunistische Partei ruft in einer Erklärung vom Samstag (15.4.) zur "Einheit des Volkes und aller nationalen Kräfte, der Kräfte des radikalen Wandels und der Widerstandskommittees auf Basis der Ziele der Revolution" auf. Die sei der "einzige Weg, um aus der aktuellen Krise herauszukommen und Frieden, Sicherheit und Stabilität herzustellen".

Sudan Wir kaempfen um Essen

Auslöser für den militärischen Zusammenstoß

Die Zusammenarbeit von FCC und RSF und der wachsende Einfluss Hemedtis beunruhigte Ägypten, das eine Marginalisierung der SAF befürchtete und deshalb in Kairo einen eigenen Verhandlungsrahmen einrichtete, an dem auch einige der bewaffneten Rebellengruppen beteiligt waren, die sich vor dem Putsch der Regierung angeschlossen hatten.

In der vergangenen Woche war eine Frist verstrichen, um einen Plan vorzulegen, wie das Land zur Demokratie zurückkehren könnte. Voraussetzung dafür sollte die Integration der RSF in die Strukturen der nationalen Armee sein. Bei den Auseinandersetzungen geht es um die Macht im Sicherheitsapparat - und damit letztlich um den Einfluss auf den Sudan insgesamt sowie die Kontrolle von Ressourcen wie Gold. Militär und RSF kontrollieren große Teile der sudanesischen Wirtschaft.

Klar ist, warum diese Konfrontation ausgebrochen ist. Die Spannungen zwischen den beiden Seiten hatten sich seit der Unterzeichnung eines Abkommens im Dezember 2022, des so genannten Rahmenabkommens, das den Weg für den Übergang zu einer zivil geführten Regierung und die Ablösung der Militärjunta, die den Sudan seit Oktober 2021 regiert hatte, ebnen sollte, verschärft. Mit dem Abkommen wurden alle schwierigen Fragen auf die lange Bank geschoben. Vor allem wurde die Integration der RSF in die Armee nicht geklärt - eine Entwicklung, für die nach Burhan zwei und nach Hemedti zehn Jahre benötigt würden.

Der mit dem Rahmenabkommen eingeleitete politische Prozess zeichnete sich dadurch aus, dass er sowohl äußerst vage als auch völlig unrealistisch war. Schwierige Kompromisse, deren Erzielung Monate gedauert hätte, wurden innerhalb von Wochen erwartet, und zwar nach einem Zeitplan, der weitgehend für die Erwartungen der internationalen Beobachter erstellt wurde. Diese Bedingungen verschärften die latenten Spannungen zwischen den beiden Seiten und veranlassten die RSF zu der Annahme, dass Ägypten - ein langjähriger Unterstützer des sudanesischen Militärs - intervenieren würde. Hemedti stationierte seine Streitkräfte zu Beginn des Ramadan in der Nähe des Luftwaffenstützpunkts Merowe und lieferte damit den Auslöser für die aktuellen Zusammenstöße.

Während vor Ort hart gekämpft wird, versuchen die großen internationalen Akteure einen Waffenstillstand zu vermitteln. Sowohl die Afrikanische Union als auch die Arabische Liga haben auf Betreiben Ägyptens und Saudi-Arabiens zwei Dringlichkeitssitzungen abgehalten, um zu einem Waffenstillstand aufzurufen. Auch die Vereinigten Staaten versuchen zu vermitteln. Und Russland hat offiziell zur Beendigung der anhaltenden Konfrontation aufgerufen. Angesichts der hauptsächlich wirtschaftlichen Beziehungen Moskaus zu den beiden Generälen und der Tatsache, dass das eigentliche Machtzentrum vor Ort seit langem die Wagner-Gruppe von Evgeny Prigozyn ist, die mit den sudanesischen Minen Goldgeschäfte macht, könnte dies noch mehr Gewicht haben.

Doch jetzt, wo die Kämpfe eskalieren, gibt es kaum Chancen auf einen Waffenstillstand in unmittelbarer Zukunft.

Für Hemedti ist dies aller Wahrscheinlichkeit nach seine erste und einzige Chance, die Macht zu übernehmen. Wird er besiegt und die RSF in der Armee aufgehen, wird seine Unterstützungsbasis erodieren und die Auflösung seines Wirtschaftsimperiums wird folgen.

Für al-Burhan, der von Ägypten unterstützt wird, gibt es noch weitere Verhandlungsoptionen. Aber der tiefe Groll der Armee gegen den Emporkömmling aus Darfur – den "Kamelhändler vom Mahariya-Stamm der Rizeigat-Araber" - sollte nicht unterschätzt werden. Trotz der Stärke der SAF - und der ägyptischen Unterstützung - ist es unwahrscheinlich, dass es ein einfacher Kampf wird. Die RSF sind in den zivilen Gebieten von Khartoum eingebettet, und einige der tödlichsten Kämpfe haben bereits in Darfur stattgefunden, in Hemedtis Heimatgebiet.

Wie auch immer der Konflikt ausgeht - und es ist wahrscheinlich, dass er verheerende Opfer fordern wird - er wird eine neue Ära für den Sudan einläuten. Die drei vorangegangenen Bürgerkriege wurden in der Peripherie ausgetragen und bewahrten die geografisch bedingten Klassenbeziehungen, die mit al-Bashir verbunden waren: Terror gegen die Bevölkerung in den Randgebieten des Landes, um mit den Einnahmen aus diesen Gebieten den Verbrauch in den Städten zu subventionieren. Im Gegensatz dazu findet dieser Bürgerkrieg - wenn er denn dazu wird - in Khartoum und seinen Satellitenstädten statt. Hemedti, der durch al-Bashirs Instrumentalisierung der Milizen zur Niederschlagung von Aufständen in der Peripherie groß wurde, hat nun ein politisches Eigenleben. Sein Außenseiterstatus ist eine Herausforderung für die sudanesische städtische Elite. 


 Sudan Widerstandskomitees Khartoum

Die einzigen Verlierer des Krieges sind die Menschen, also lasst uns zusammenhalten, um ihn zu überwinden.

Wir sind nicht neutral, weil wir uns seit der Ära des gestürzten Al-Bashir bis heute in einem friedlichen Kampf gegen die Militarisierung des Landes und die Kontrolle der Waffen auf den Straßen befinden.

Al-Burhan und Hemedti sind Feinde der Revolution und der Revolutionäre. Das ist unser Weg, den wir begonnen haben und auf dem wir gewinnen werden, denn wir sind gegen Krieg und gegen jedes Ergebnis, das daraus resultiert. Beide Kriegführenden kümmern sich nicht um die Sicherheit unseres Volkes. Wir fordern sie auf, ihre offenen Rechnungen nicht mit unschuldigen Bürgern zu begleichen. Wir rufen die Revolutionäre in den Vierteln auf, sich zu organisieren

Wir bitten die Widerstandskomitees in jedem Viertel, sich so zu verhalten, wie sie es für angemessen halten:

  • Überwachung der Situation vor Ort und regelmäßige Berichterstattung darüber, was in und um jede Nachbarschaft herum passiert, um Gerüchten vorzubeugen und die Fakten so zu übermitteln, wie sie sind, um eine zuverlässige Quelle für unsere Leute zu sein.
  • Bildung von Krankenstationen für mögliche Verletzungen und in Erwartung von Notfällen.
  • Überwachung der Lebensmittelversorgung in der Nachbarschaft, insbesondere mit der Möglichkeit, dass der derzeitige Krieg länger dauert.
  • Überwachung der Sicherheitslage in der Nachbarschaft und Sicherstellung, dass Kinder und ältere Menschen von den Konfliktgebieten ferngehalten werden.
  • Wir laden Organisationen der Zivilgesellschaft und der humanitären Gesellschaft, Organisationen des Roten Halbmonds und des Roten Kreuzes, Ärzte ohne Grenzen und das vorläufige Komitee des Sudan Doctors Syndicate ein, uns bei der Unterstützung der Verwundeten und Verletzten zu helfen, sie an sichere Orte zu bringen und Hilfe für das sudanesische Volk bereitzustellen, um diese Tortur zu überwinden.

16. April 2023
Koordinatoren der Widerstandskomitees des Bundesstaates Khartoum

Quelle: https://twitter.com/m3moracommittee/status/1647688646915399680

 

Anmerkungen

[1] Der Oppositionsblock "Kräfte der Freiheit und des Wandels" (Forces of Freedom and Change, FFC), der das Regime von Präsident Omer al-Bashir durch friedliche Proteste stürzte und anschließend den zivilen Teil des Souveränen Rates bzw. des Übergangsrates stellte, umfasst vier Allianzen:

  • "Sudan Call": Der "Sudan Call wurde am 3. Dezember 2014 in Addis Abeba gegründet und umfasst u.a. bewaffnete Rebellenorganisationen, zivile gesellschaftliche Bewegungen, die gemäßigt islamische National Umma Party (NUP).
  • "National Consensus Forces" (Kräfte des Nationalen Konsens): Die Hauptparteien der im Juli 2012 mit der Unterzeichnung der "Charta der Demokratischen Alternative" (Democratic Alternative Charter DAC) gegründeten Allianz sind die Sudanesische Kommunistische Partei (SCP) und die National Umma Party. Die Charta wurde anschließend von 19 Oppositionsparteien unterzeichnet, darunter die Arabisch Sozialistische Ba'ath Partei, die Sozialistische Partei, die Liberale Partei und Sudan Change Now.
  • Sudanese Professional Association (SPA), ein Dachverband von Gewerkschaften, zu der Ärzt*innen, Universitätsprofessor*innen, Pharmazeut*innen, Journalist*innen, Lehrer*innen und Ingenieur*innen gehören. Die SPA war die Hauptorganisatorin der Proteste, die am 19. Dezember 2018 begannen und zum Sturz von al-Bashir führten.
  • Versammlung von Gewerkschafter*innen in der Opposition

Die von ihnen unterzeichnete "Erklärung für Freiheit und Wandel" umfasst eine Reihe von Grundsätzen über ihre gemeinsame Vorstellung von Frieden, Demokratie, Gerechtigkeit, Menschenrechten und Freiheiten. Die Koalition, zu der auch bewaffnete Gruppen gehören, betonte auch, dass die friedlichen Proteste das einzige Mittel seien, um das Regime zu stürzen.


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Onlineveranstaltung der marxistischen linken
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https://us02web.zoom.us/j/82064720080
Meeting-ID: 820 6472 0080


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Ratschlag marxistische Politik:

Gewerkschaften zwischen Integration und Klassenkampf

Samstag, 20. April 2024, 11:00 Uhr bis 16:30 Uhr
in Frankfurt am Main

Es referieren:
Nicole Mayer-Ahuja, Professorin für Soziologie, Uni Göttingen
Frank Deppe, emer. Professor für Politikwissenschaft, Marburg

Zu diesem Ratschlag laden ein:
Bettina Jürgensen, Frank Deppe, Heinz Bierbaum, Heinz Stehr, Ingar Solty

Anmeldung aufgrund begrenzter Raumkapazität bis spätestens 13.04.24 erforderlich unter:
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Das UNRWA fordert den sofortigen Zugang zu humanitärer Hilfe und die Bereitstellung von Nahrungsmitteln und anderen Hilfsgütern für bedürftige Palästina-Flüchtlinge.
Dies ist ein Moment, der zum Handeln auffordert. Lassen Sie uns gemeinsam für die Menschlichkeit eintreten und denjenigen, die es am meisten brauchen, die dringend benötigte Hilfe bringen.

Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästina-Flüchtlinge

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