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Syrien Rojava green again 0"Sie versuchen, uns zu begraben. Sie wissen nicht, dass wir der Samen sind."  

06.02.2018: Während die Türkei Afrin bombardiert, startet die Internationalistische Kommune von Rojava die Kampagne "Make Rojava Green Again" ++ Die Kampagne soll Antworten auf die drängenden ökologischen Probleme Nordsyriens finden ++ Rund 50.000 Stecklinge sollen dieses Jahr gepflanzt werden ++ Ziel ist ökologisches Wirtschaften in Rojava: Recycling- Abwasser und Abfallsysteme, dezentrale und ökologische Energieproduktion, …

Einige Minuten Schlaglochpiste östlich der nordsyrischen Kleinstadt Derik heben sich die Umrisse von einigen Rohbauten von einem Hügel ab. Die Internationalistische Kommune von Rojava, ein Zusammenschluss von Linken aus verschiedenen Teilen der Welt baut hier, nahe der türkisch-syrischen Grenze eine zivile Akademie auf. "Am Anfang war es für uns Internationalist*innen schwierig, unseren Platz in den gesellschaftlichen Arbeiten zu finden", erklärt Alessandra, die bereits seit einigen Monaten in Rojava ist. Die Kommune soll genau das ändern, sie soll Menschen aus aller Welt einen ersten Anlaufpunkt zur Verfügung stellen. Das Ziel: Internationalist*innen, die nach Rojava kommen, auf die Unterstützungsarbeit in der Gesellschaft vorzubereiten und einen Ort des Austausches zwischen Revolutionär*innen aus aller Welt zu schaffen.

In diesen Tagen startet die Internationalistische Kommune von Rojava ihre erste große Kampagne: "Make Rojava Green Again".

Syrien Rojava green again 2Die Kampagne soll Antworten auf die drängenden ökologischen Probleme Nordsyriens finden, auf die Verpestung von Böden, Wasser und Luft durch Ölwirtschaft und brennende Müllkippen. Auf die Wasserknappheit und die zunehmende Versteppung der Region. "Neben der ständigen militärischen Bedrohung durch Dschihadisten und Erdogan ist die zerstörte Natur hier eines der größten Probleme", erklärt Alessandra. Sie hilft mit, "Make Rojava Green Again" mit anderen ökologischen Kampagnen und Projekten in Europa und andere Teilen der Welt zu vernetzen. "Wir sind Syrien Rojava green again 3hier, um die Selbstverwaltung dabei zu unterstützen, diese Probleme anzugehen" so die ehemalige Biologiestudentin.

Hinter dem Rohbau der Akademie erstrecken sich viele hundert Quadratmeter Ackerfläche, im Frühjahr werden dort in einer Baumschule tausende Stecklinge hochgezogen, gemeinsam mit den Ökonomie- und Ökologiekomitees des selbstverwalteten Rojavas werden die Stecklinge dann verkauft – nach Selbstkostenpreis, versteht sich. Die Bäumchen sollen Städte und Land wieder grün werden lassen. Rund 50.000 Stecklinge wollen die Kommunard*innen in diesem Jahr pflanzen.

Monokultur und ökologische Probleme

Rund um Derik erstrecken sich über hunderte von Kilometern Weizenfelder, nur Acker und Himmel, dazwischen nichts. Es ist eine Kulturlandschaft die vom Kolonialismus des Assad-Regimes geprägt ist. Im baathistischen Staat kam dem kurdischen Norden die Rolle des Weizenlieferanten zu, für Ackerflächen wurden Waldbestände systematisch gerodet, vom Regime eingesetzte Verwalter bestimmten was angebaut wird, in vielen Gebieten war unter anderem der Gemüseanbau untersagt. Die jahrzehntelange systematische Entwaldung Rojavas und die Monokulturen, im Osten der Weizen, weiter im Westen endlose Olivenhaine, führen heute zu großen ökologischen Problemen, die Böden sind ausgezehrt, die Landschaft verödet. Die Wasserknappheit ist zu einem drängenden Problem geworden. Sie hat auch starke Auswirkungen auf die Qualität des Trinkwassers, Durchfallkrankheiten machen sich breit, gerade Kinder sind davon betroffen.

Verstärkt wird dieses Problem von der kurdenfeindlichen Politik des türkischen Staates, der systematisch den Zustrom von Wasser aus Flüssen aus dem Norden Rojavas mit Staudämmen zurückhält. Und auch der Klimawandel macht sich in Rojava bemerkbar, es wird immer trockener, ganze Regionen, die früher noch Wald waren, werden zur Steppe.


Die dramatische Naturzerstörung ist auch Ergebnis der durch imperialistische Staaten, der Türkei, Saudi-Arabien und dem Iran sowie von internationalen Machtblöcken, allen voran der Nato, vorangetriebenen Kriegen um Hegemonie, Ressourcen, Handelswege und Absatzmärkte.

 

 

Syrien Rojava green again 5Gerade die Konflikte im Nahen Osten zeigen, dass die Kämpfe gegen Imperialismus und Krieg und der Einsatz für die natürlichen Lebensgrundlagen zusammengehören. Die dramatische Naturzerstörung ist auch Ergebnis der durch imperialistischen Staaten wie der Türkei, Saudi-Arabien und dem Iran sowie von internationalen Machtblöcken, allen voran der Nato vorangetriebenen Kriegen um Hegemonie, Ressourcen, Handelswege und Absatzmärkte. Die Kriegsschäden werden zumeist in Toten, Verwundeten oder zerstörten Gebäuden beziffert. Über die Zerstörung der Natur wird selten berichtet. Schäden durch Öl, Chemikalien und Landminen sind oft für lange Zeit nicht zu beseitigen. Und mit der Verseuchung von Luft, Wasser und Boden wird den Menschen ihre Existenzgrundlage geraubt.

Krieg und ökologische Zerstörung

Krieg ist immer auch Krieg gegen die ökologischen Existenzgrundlagen und die Natur. Ein krasses Beispiel dafür liefert der Irakkrieg 2003: Der Qualm der während des Einmarsches des US-Militärs angezündeten Ölquellen enthielt mehrere Tonnen Schwefeldioxid, Stickstoffoxide und Kohlenmonoxid. Hinzu kamen krebserregende Schwermetalle wie Cadmium, Chrom und Blei. Flächenbombardements trafen irakische Industrieanlagen: Raffinerien, Pipelines, Chemie- und Düngerfabriken, Staudämme und Elektrizitätswerke. In der Folge starben hunderttausende Schafe und zehntausende Kamele an Luft- und Wasserverschmutzung. Und nicht zuletzt die tonnenweise verschossene Uranmunition belastet bis heute Wasser und Boden. Bis heute liegen in irakischen Kliniken tausende von an Krebs erkrankten Kindern, deren Erkrankung auf die Verstrahlung durch die Überreste von Uranmunition zurückzuführen ist.


"Uns allen ist klar, dass der US-Imperialismus nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems ist und er sich früher oder später gegen den revolutionären Aufbauprozess in Rojava stellen wird"

 

 

Und auch in Syrien zerstört der Krieg die ökologischen Lebensgrundlagen der Menschen. Gerade chemische Kampfstoffe wie weißer Phosphor, das von der US-Armee eingesetzt wird, hinterlässt verwüstete Landstriche. Die kurdische Freiheitsbewegung, die im Kampf gegen Daesh auf unterstützende Luftschläge angewiesen ist, übe scharfe Kritik an diesen Methoden, erklärt Alessandra. "Uns allen ist klar, dass der US-Imperialismus nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems ist und er sich früher oder später gegen den revolutionären Aufbauprozess in Rojava stellen wird".

Syrien Rojava green again 1Um diese Zusammenhänge zwischen kapitalistischer Gesellschaft, Imperialismus und Naturzerstörung herauszuarbeiten, hat die Internationalistische Kommune eine 50-Seitige Broschüre zusammengestellt, darin geht es auch um Vorschläge für den Aufbau ökologischer Strukturen. Denn die Baumschule die auf dem Acker hinter der Akademie aufgebaut wird ist nur der Anfang. Gebildet werden sollen auch ökologische Recycling- Abwasser und Abfallsysteme. "Wir wollen die Selbstverwaltung in den Städten und Dörfern dabei unterstützen, dezentral und ökologische Energie herzustellen", erklärt Alessandra. Dafür sei die Internationalistische Kampagne aber auf Unterstützung angewiesen: "Wir brauchen Genoss*innen die hier her kommen um zu arbeiten, Expert*innen die uns mit Fachwissen unterstützen und Menschen, die spenden und Solidarität zeigen".

Text und Fotos: Anselm Schindler


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