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23.01.2015: Gramsci als Theoretiker in einem kurzen Text zu würdigen, geht gar nicht. Daher nur zwei Gedanken über seine besondere Stellung.
von:  Walter Baier

Gramsci als Theoretiker in einem kurzen Text zu würdigen, geht gar nicht. Daher nur zwei Gedanken über seine besondere Stellung.

Gramsci forderte in seinen, im faschistischen Kerker verfassten Notizen nicht weniger als einen Paradigmenwechsel der damals jungen kommunistischen Bewegung. Trotzdem war er kein kommunistischer Dissident, weder ein ganzer noch ein halber. Er war Mitbegründer der Kommunistischen Partei Italiens, ihr Sekretär ab 1926 und führender Vertreter der 1918 gegründeten Kommunistischen Internationale.

Mit Gramsci zu theoretisieren, bewegt sich so in einem bestimmten Rahmen. Sein Begriff der „Hegemonie“, der „das ‚kulturelle Moment‘‘(1) ins Zentrum stellt, ist verbunden mit den „gesellschaftlichen Hauptgruppen“, die Hegemonie ausüben oder um sie kämpfen. (Gramsci, der im Gefängnis schrieb, war gezwungen anstelle der verpönten Begriffe „Klasse“ und „Klassenkampf“ unverfängliche Wörter zu verwenden).

Ein häufig zitierter Gedanke seiner Staatstheorie lautet, „dass eine Klasse auf zweierlei Art herrschend sei, nämlich ‚führend’ und ‚herrschend’“(2). Bezeichnen „führen“, „Hegemonie“ ausüben, die Fähigkeit, Zustimmung zu gewinnen, so meint „herrschen“, über die staatlichen Machtmittel zu verfügen, sie auch gegen Widerstände durchzusetzen.

Diese Differenzierung führt zu einer Umkehrung eines bis dahin unter Kommunist_innen unbestreitbaren, von W.I. Lenin aufgestellten Postulats: „Die Hauptfrage der Revolution“, schrieb dieser, sei „die Frage der Staatsmacht.“(3). Das wusste Gramsci, als er seinen „allgemeinen Staatsbegriff“ in eine nicht minder einprägsame Formel fasste: „Staat = politische Gesellschaft + Zivilgesellschaft, das heißt Hegemonie, gepanzert mit Zwang.“(4)

Nicht durch Hegemonie unmerklich gemachter Zwang sondern demokratische Zustimmung ausgestattet mit Machtmitteln. Warum diese Umkehrung?

1923 war die revolutionäre Krise nach dem Ersten Weltkrieg, die zu zeitweiligen kommunistischen Regierungen in Bayern und Ungarn und zu großen Rätebewegungen in Deutschland, Österreich und Italien geführt hatte, zu Ende. Somit war Russland mit seinem sozialistischen Experiment isoliert geblieben. Mehr noch, es hatte sich das dort erfolgreiche Modell des Aufstands, aber damit die gesamte, aus dem langen 19. Jahrhundert übernommene Vorstellung der Revolution und der Diktatur des Proletariats als nicht anwendbar für die entwickelten kapitalistischen Gesellschaften im Westen erwiesen.

Darauf antwortet Gramsci. Um den Staat im Westen zu charakterisieren, schreibt er von einer „robuste(n) Struktur der Zivilgesellschaft“, die man „beim Wanken des Staats“ gewahrte, gegenüber dieser er sich nur als „ein vorgeschobener Schützengraben“ erwies, und hinter dem sich „eine robuste Kette von Festungen und Kasematten befand.“(5)

Aus der heute beinahe unverständlichen Militärsprache seiner Zeit übersetzt, meint Gramsci, dass die Gewinnung der Hegemonie, das allgemeine Prinzip jeder sozialen Transformation darstelle, während die staatlichen Machtmittel nur eines ihrer Momente wären, notwendig aber nicht hinreichend und auch nicht geeignet, das allgemeine Prinzip außer Kraft zu setzen. Jede Herrschaft, die sich nicht auf Zustimmung stützt, muss früher oder später fallen. Muss man für die Gültigkeit dieser Schlussfolgerung Beispiele zitieren?

Gramsci unterstreicht die Bedeutung der kulturellen Bildung und Erziehung. Wer aber erzieht die Erzieher_innen, fragte Marx in den Feuerbach-Thesen Die kulturelle Befreiung der „untergeordneten Gruppierung“ kann nichts anders sein als ihre (Selbst)-Transformation in eine zur Führung/Hegemonie befähigte Klasse. Das ist der von Gramsci für den westlichen Kommunismus erforderlich gehaltene Paradigmenwechsel.

Marx und Engels hatten in „Die Deutsche Ideologie“, den „Kommunismus“ nicht als einen Zustand vorgestellt, der „hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben [wird]. Wir nennen Kommunismus“, schrieben sie in dieser frühen Gemeinschaftsarbeit, „die wirkliche Bewegung, welche den jetzigen Zustand aufhebt.“(6)

Dem ist Antonio Gramscis Idee vom kulturellen Aufstieg der unterdrückten Klasse bedeutend näher gekommen als die in der zeitgenössischen Arbeiterbewegung vorherrschenden, auf den Staat fixierten Konzepte sozialdemokratischer und kommunistischer Parteien, die, wie sich bald zeigte, in die politische Niederlage oder die stalinistische Diktatur führten.

Daher interessiert Gramsci auch heute noch.

Walter Baier, 23.01.2016


Fußnoten (im Text in Klammern):

1 Gefängnishefte Bd. 6, a. a. O., S. 1335. In den anschließenden Zeilen gibt Gramsci eine bemerkenswerte Definition des Begriffes Hegemonie.

2 Gramsci, Antonio „Gefängnishefte Bd. 1“, Berlin 1991, S. 101.

3 Lenin, Wladimir Iljitsch: „Eine der Kernfragen der Revolution“, in: Lenin-Werke Bd. 25, Berlin 1974, S. 378.

4 Gramsci, Antonio: Gefängnishefte Bd. 4, Berlin 1992, S. 783.

5 Ebenda, S. 874.

6 Marx, Karl/Engels, Friedrich: „Die deutsche Ideologie“ in: dies. Werke (MEW) Bd. 3, Berlin 1969, S. 35.

übernommen von http://www.kpoe.at


Zu Gramsci siehe auch die Broschüre "Krise, Hegemonie und Transformation bei Antonio Gramsci"

bestellen bei http://www.dkp-muenchen.de/

 

 

 

 

 

 

 


  


Zeittafel zum Leben Antonio Gramscis

1891 Antonio Gramsci wird in Ales (Cagliari) als viertes von sieben Kindern geboren.

1903 – 1905 Nachdem er im Sommer 1902 die Volksschule abgeschlossen hat, ist er wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten der Familie gezwungen zwei Jahre im Katasteramt von Ghilarza zu arbeiten. Er lernt im Selbststudium weiter.

1908 – 1911 Nachdem er die mittlere Reife abgelegt hat, Besuch des Gymnasiums. Erste politische Kontakte mit der Sozialdemokratischen Partei

1911 Abiturprüfung

1911 Immatrikulation an der Philosophischen Fakultät der Universität Turin.

1912 Besuch von Vorlesungen über Sprachwissenschaft und italienische Literatur

1913 Beitritt zur Sektion der Sozialistischen Partei in Turin

1914 Beteiligung an den Demonstrationen der radikalen Arbeiter- und Studentengruppen in Turin. Eingreifen in die Debatte über die Position der Sozialistischen Partei zum Krieg.

1915 Abbruch des Studiums. Regelmäßige Mitarbeit an der Zeitung „Grido del popolo“. Eintritt in die Redaktion des „Avanti“.

1917 In mehreren Artikeln für den „Grido del Popolo“ über die russischen Revolution weist er auf Lenin hin und hebt die sozialistische Tendenz der revolutionären Bewegung hervor.
Nach dem Arbeiteraufstand (23. – 26.8.) und der folgenden Festnahme der führenden Sozialisten Turins wird Gramsci Sekretär der Provisorischen Exekutivkommission der Turiner Sektion und de dacto der Leiter des „Grido del popolo“.
Er kommentiert die Machtergreifung der Bolschewiki mit dem Artikel „Die Revolution gegen das ‚Kapital’“, der im Dezember in der Mailänder Ausgabe des „Avanti“ erscheint.

1918 Im Oktober stellt der „Grido del popolo“ mit einem Abschiedswort Gramscis das Erscheinen ein. An seine Stelle tritt die Turiner Ausgabe des „Avanti“

1919 April: Gramsci, Tasca, Umberto Terracini und Togliatti beschließen, die Zeitschrift „L’ Ordine Nuovo, Rassegna settimanale die culure socialista“ ins Leben zu rufen. Gramsci wird Redaktionssekretär. Die erste Nummer erscheint am 1. Mai mit dem Motto: „Bildet euch, denn wir brauchen alle eure Klugheit. Bewegt euch, denn wir brauchen eure ganze Begeisterung. Organisiert euch, denn wir brauchen eure ganze Kraft. Im Juni begründet Gramsci mit dem Artikel „Arbeiterdemokratie“ die Bildung der Fabrik-Arbeiterräte als Zentren proletarischen Lebens und Organe der Macht.

5 – 8. Oktober: Der Parteitag von Bologna beschließt den Beitritt des PSI zur Kommunistischen Internationale, wozu es aber auf Grund der 1920 von der Kommunistischen Internationale beschlossenen „21 Punkte“ für den Beitritt nicht kommt.

1. November: Die Vollversammlung der Turiner Sektion der Metallarbeitergewerkschaft (Fiom) billigt das Prinzip der Einführung von Fabriksräten durch Wahl von Abteilungskomissaren. Am 8.11. veröffentlicht der „L’ Ordine Nuovo“ das Programm der Abteilungskommissare.

1920 April: Generalstreik in Turin. Der von der CGL und dem PSI nicht gebilligte Streik bleibt auf Turin beschränkt und endet mit einem Sieg der Industriellen.

September: Gramsci beteiligt sich an der Bewegung der Fabriksbesetzungen

28. – 29. November: Er nimmt an der Gründung der kommunistischen Fraktion des PSI teil

1921 1. Januar: In Turin erscheint die erste Ausgabe der Tageszeitung L’Ordine Nuove

21. Januar Gründung der Kommunistische Partei Italiens. Sektion der Dritten Internationale. Gramsci wird Mitglied des Zentralkomitees.

1922 Juni: Er wird in das Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale aufgenommen. Aufenthalt in einem Sanatorium in der Nähe Moskaus, wo er im September 1923 Julia Schucht kennenlernt.

1– 4. Oktober: Der 19. Parteitag des PSI schließt die reformistische Strömung aus und bekräftigt seine Zugehörigkeit zur Kommunistischen Internationale.

28. Oktober Faschistischer „Marsch auf Rom“

1923 Gramsci übersiedelt nach Wien, wo er im Haus Josef Freis, dem Generalsekretär der KPÖ wohnt und an der Balkankonferenz der KI teilnimmt.

August: Bordiga und Grieco treten aus dem ZK der KPI aus.

1924 Gramsci wird im Wahlkreis Veneto zum Abgeordneten gewwählt.

12. Februar: In Mailand erscheint die erste Ausgabe der „Unita“

12. Mai: Er kehrt nach zweijähriger Abwesenheit nach Italien zurück.

10. Juni Ermordung des sozialistischen Abgeordneten Mateotti

1925 Verschärfung der Auseinandersetzung mit Bordiga

1926 Januar: 3. nationaler Parteitag der KPI in Lyon, auf dem Gramsci den politischen Bericht erstattet.

Oktober: Gramsci schickt im Namen des Politbüros einen Brief an das ZK der KPdSU, in dem er seine Kritik an den Flügelkämpfen innerhalb der sowjetischen KP ausdrückt.
8. November: In Folge der vom faschistischen Regime angewandten „außerordentlichen Maßnahmen“ wird Gramsci unter Verletzung seiner parlamentarischen Immunität festgenommen. Es werden ihm fünf Jahre Verbannung auferlegt und er wird auf die Insel Ustica gebracht.

1927 Jänner/Februar: Verlegung in das Mailänder Gefängnis San Vittore.

Gramsci erfährt von der Erkrankung seiner Frau.
Mai: Um sich aus der Nähe um ihn kümmern zu können, zieht seine Schwägerin Tatjana nach Mailand

1928 Vor dem Sondergerichtshof in Rom beginnt am 28. Mai der Prozess gegen Gramsci und die Führungsgruppe der KPI. Am 4. Juni wird er zu 20 Jahren, 4 Monate und 5 Tage Haft verurteilt.
19. Juli: Gramsci trifft nach zwölftägiger Reise im Sondergefängnis von Turi (Bari) ein.

1929 Januar: Er erhält die Erlaubnis im Gefängnis zu schreiben. Am 8. Februar macht er die ersten Notizen und Aufzeichnungen im ersten der Gefängnishefte. (Bis November 1933 werden einundzwanzig sein.)
Dezember: Tatjana zieht nach Turi

1930 Gramscis Gesundheitszustand verschlechtert sich.

1932 Gramsci schreibt an Tatjana: „Ich bin an einem solchen Punkt gelangt, dass meine Widerstandskräfte kurz vor dem völligen Zusammenbruch stehen, ich weiß nicht mit was für Konsequenzen.“

1933: Das Ministerium erlaubt einem Ersuchen Tatjanas entsprechend, dass Gramsci von einem Vertrauensarzt untersucht wird, Dieser erklärt: „Gramsci wird in den gegenwärtigen Bedingungen nicht mehr lange überleben können.“ Diese Erklärung wird im Mai unter anderem von der „Humanité“ veröffentlicht. In Paris konstituiert sich ein Komitee für die Freilassung Gramscis.
7. März: Schwere gesundheitliche Krise Gramscis.
Oktober: Gramsci wird von Turi zeitweilig in die Krankenabteilung des Gefängnisses von Civitavecchia verlegt. Von dort wird er am 7. Dezember in die Klinik von Dr. Cusumano nach Formio gebracht.

1934 Internationale Kampagne für die Freilassung Gramscis

Am 25. Oktober wird die Verordnung für die Freilassung auf Bewährung erlassen.

1937 April: Nach Ablauf der Bewährung erlangt Gramsci seine formelle Freiheit wider. Am Abend des 25. April erleidet er eine Hirnblutung. Zwei Tage später stirbt er.

Die Wahl zum EU-Parlament und die Europäische Linke

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