Aus den Bewegungen
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26.11.205: AntifaschistInnen, KommunistInnen und andere Linke haben sich erstaunt die Augen gerieben: am 13.11. wird in der einzigen Tageszeitung Kiels über den Antrag des SPD-Ortsbeirats berichtet, eine Straße nach der Kommunistin Anni Wadle zu benennen.


Normalerweise gehen Straßenbenennungen nach AntifaschistInnen und KommunistInnen lange politische Debatten voraus. In Erinnerung ist noch der jahrelange Kampf von AntifaschistInnen für eine Ehrung von Ernst Busch, bis dies endlich mit dem „Ernst Busch Platz“ am Germaniahafen 2010 durchgesetzt werden konnte.

Ebenso lange ging die Auseinandersetzung über den Stellenwert der Roten Matrosen und ArbeiterInnen Kiels in der Novemberrevolution, bis 2011 der „Platz der Kieler Matrosen“ am Hauptbahnhof benannt wurde. Die Kieler Linken wollten einen eindeutigeren Namen zur Verbindung mit der Revolution, Matrosen gibt es viele, jedoch es kam lediglich zu einer Hinweistafel mit dem historischen Hintergrund.

Der letzte Erfolg konnte mit der Umbenennnung des „Hindenburgufers“ in „Kiellinie“ verzeichnet werden. Auch hier hatten sich die fortschrittlichen, antifaschistischen und linken Kräften einen Straßenname gewünscht, der im Gegensatz zu Hindenburg stehen sollte. Vorgeschlagen wurde ein „Popp-Artelt-Ufer“- Karl Artelt und Lothar Popp spielten eine führende Rolle im Kieler Matrosenaufstand 1918. Doch selbst der Name „Kiellinie“ und das damit stattfindende Abrücken von Hindenburg musste gegen die Stimmen der CDU und anderer reaktionärer Kräfte erkämpft werden.

Und nun bringt, ohne Forderungen oder Diskussionen von linken und antifaschistischen Organisationen, die SPD einen Antrag in die Sitzung des Ortsbeirats ein: Eine Straße soll nach der Kommunistin Anni Wadle benannt werden!

Anni Kreutzer, 1909 geboren, lebte in ihrer Kindheit und Jugend in Kiel und schloss sich früh der Arbeiter- und Friedensbewegung an, nahm 1924 im Kieler Gewerkschaftshaus an der Proletarischen Jugendweihe teil. Sie leitete Pioniergruppen des Kommunistischen Jugendverbands, war Delegierte einer Reise des KJVD in die Sowjetunion. Ihren späteren Mann Hein Wadle lernte sie durch die politische Arbeit in der KPD kennen. Beide waren antifaschistisch aktiv, nicht nur vor 1933, sondern auch in der illegalen Arbeit während des Faschismus.

Hein Wadle wird im April 1933 verhaftet, Anni kommt zunächst in Gestapo“Schutzhaft“ nach Lübeck und Berlin-Moabit, später über das KZ Fuhlsbüttel in das erste zentrale KZ für weibliche „Schutzgefangene“ Moringen. Nach vier Jahren wurde Anni entlassen, mit der Auflage keine ehemaligen Gesinnungsgenossen zu treffen.
Lebenslang war Anni gezeichnet von den Misshandlungen und der Folter, ihr Gehör blieb geschädigt, sie hatte dauerhafte Rückenschmerzen.

1938 heirateten Hein und Anni Wadle. Hein arbeitete auf der Germania-Werft, war dort in einer antifaschistischen Widerstandsgruppe tätig. Im November 1942 wurde er erneut verhaftet und erst mit dem Ende von Krieg und Faschismus befreit. Anni bekam Arbeit im Mai 1943 in einem Schuhgeschäft und hatte so zumindest Geld fürs Überleben und die Wohnung.

Nach dem Ende des Krieges waren Anni und Hein Wadle weiter politisch in der KPD, später auch in der DKP, und in der 1947 gegründeten Organisation „Verfolgte des Naziregimes“, heute VVN-Bund der Antifaschisten, aktiv. Ihren Kampf für den Frieden und gegen Faschismus führten beide gemeinsam bis an ihr Lebensende. Anni Wadle hat darüber in ihren Erinnerungen geschrieben: „Bis zu seinem 80.Lebensjahr hat Hein an allen Aktivitäten der Antifaschisten und der Friedensbewegung teilgenommen. Er war froh darüber, wenn auch noch lange nicht zufrieden, daß sich aus der Ostermarschbewegung der Atomwaffengegner eine große Friedensbewegung entwickelt hat, in der sich trotz unterschiedlicher Weltanschauung, Religion und Parteizugehörigkeit viele Menschen aus allen Schichten der Bevölkerung zusammengefunden haben.“ [1]

Anni und Hein ließen sich auch später nicht einschüchtern, sondern nahmen teil und organisierten Aktivitäten und Versammlungen für soziale Fragen, für Frieden und ein antifaschistisches Klima in diesem Land.

Auf der Internetseite der Landeshauptstadt Kiel wird Anni Wadles Leben in Grundzügen aus einem 2007 erschienenen Buch mit Frauenporträts dargestellt. [2]

Der Antrag der SPD im Gaardener Ortsbeirat brachte aufgrund der Persönlichkeit Anni Wadles nicht nur Zustimmung. Fedor Mrozek von der CDU ereiferte sich, dass mit Anni Wadle nun erneut eine „Feindin der Demokratie“ aufs Schild gehoben wird, die „leider aus der Verfolgung im Dritten Reich nichts gelernt“ habe.

Der Kreissprecher von DIE LINKE in Kiel, Florian Jansen stellt dazu in einer Pressemitteilung fest: „Anni Wadle war sowohl vor, als auch nach Ende des Krieges überzeugte Antifaschistin. Dass er der Meinung ist, die 'Besserungsanstalt' KZ hätte daran etwas ändern sollen, zeigt, dass es Herr Mrozek ist, dem es offenbar schwer fällt, die richtigen Schlüsse aus diesem entsetzlichen Kapitel der deutschen Geschichte zu ziehen!“

Der Ortsbeirat in Kiel-Gaarden ist der Argumentation der CDU nicht gefolgt und hat mit 10 gegen 2 Stimmen dem „Anni-Wadle-Weg“ zugestimmt. Jetzt muss die Ratsversammlung der Landeshauptstadt Kiel diesem Beschluss folgen. Linke, KommunistInnen und AntifaschistInnen können noch aktiv werden, die Gaardener SPD unterstützen und die Ratsmitglieder auffordern dem Ortsbeiratsbeschluss zu folgen.

 

txt: bj

Literaturangaben:

[1] Anni Wadle: Mutti, warum lachst Du nie? Erinnerungen an Zeiten der Verfolgung und des Krieges – Huba Production, 1988, ISBN: 9783924459000

[2] Nicole Schultheiß: "Geht nicht gibt's nicht ..." 24 Portraits herausragender Frauen aus der Kieler Stadtgeschichte. Kiel 2007
http://www.kiel.de/kultur/stadtgeschichte/gehtnichtgibtsnicht/Buch_21_Portraet_Wadle.php

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