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shanghai stock exchange Aaron Goodman08.09.15: Das Sommerloch wurde in diesem Jahr von den medialen Peking-Astrologen ausgefüllt. Den Crash an den chinesischen Börsen, den Exportrückgang im Juli und die Abwertung des Yuans stilisierten sie zu wahren Katastrophenszenarien in Bezug auf die chinesische Ökonomie hoch: „Der Riese stolpert“, „Chinesische Krankheit“, „Die rote Gefahr“, „Gefahr für alle“ … Eine wirkliche Katastrophe ist in der Tat das Explosionsunglück von Tianjin – auch weil sie offenbart, dass der Kampf gegen die Korruption trotz verstärkter Anstrengungen noch längst nicht gewonnen ist. Der Ausgang dieses Kampfes aber dürfte über die Zukunft der chinesischen KP entscheiden.

Das Auf und Ab an Chinas-Börsen, im Verbund mit den volatilen Bewegungen an den Effekten-Märkten der kapitalistischen Metropolen wiederum zeigt, wie eng inzwischen auch die chinesische Finanzsphäre mit den Welt-Finanzmärkten verflochten ist und damit auch zum Spielball globaler Finanz-Investoren und – Spekulanten wird. Es offenbart sich dabei auch, dass infolge der zunehmenden Polarisierung der chinesischen Gesellschaft in Arm und Reich, sich eine Unmasse von Geldvermögen in den Händen weniger angehäuft hat. Zwar besitzen nur sechs Prozent der chinesischen Haushalte Aktien – USA 25%, Japan 27%, Deutschland mit Aktienfonds 12% – aber bezogen auf die Gesamtbevölkerung sind es 80 Millionen Menschen, die von Aktienzockerei betroffen sind – soviel wie Deutschland Einwohner hat. „Chinas reichster Mann verliert 3,6 Milliarden Dollar an der Börse“, schreibt die SZ (27.8.15). Hat er nicht, im Gegenteil: Zwar haben die chinesischen Aktien mit dem Crash seit Juni 2015 etwa 40% ihres Werts eingebüßt, aber infolge des beispiellosen Höhenrausches der Vormonate sind sie immer noch um etwa 50 Prozent teurer als zu Beginn des Jahres 2014. Der Shanghai Composite stieg binnen eines Jahres um 152 Prozentpunkte. Die Kurskorrektur war überfällig, doch sie löst kein Problem.

Bleibt der Vorwurf der westlichen Wirtschaftsjournalisten, China hätte seine Währung manipuliert, eine Abwertung von knapp vier Prozent vorgenommen, um seine schwächelnden Exporte zu pushen; sie brachen im Juli um 8,3% ein. Seriösere Kommentatoren aber stellen fest, dass der Abwertungswettlauf durch manipulative Eingriffe der EZB in Bezug auf den Euro (Billionenprogramm zum Kauf von Staatsanleihen) und der japanischen Notenbank in Gang gesetzt wurde. Der starke Dollar, der schwache Euro und der niedrige Yen-Kurs sind nicht im freien Spiel der Marktkräfte, sondern durch Eingriffe der Politik entstanden. Durch die faktische Koppelung an den Dollar, hat der Yuan binnen eines Jahres um 17 Prozent aufgewertet; ein drastischer Wettbewerbsnachteil, der auch nicht durch chinesische Niedriglöhne ausgeglichen werden kann (auch gegenüber dem Dollar hatte die chinesische Führung die Währung des Landes im vergangenen Jahrzehnt um ein Drittel aufgewertet). So verfuhr auch der Hüter des Yuans, der Gouverneur der chinesischen Zentralbank, Zhou Xiaochuan, mit seiner Währung, nach der Devise eines ehemaligen US-Finanzministers: „Wir haben den Dollar, ihr das Problem“.

Dennoch malen die Medien das Bild vom schwächelnden und stolpernden Riesen. Das „niedrigste Wachstum seit 25 Jahren“ – „nur noch sieben Prozent“ (!) jeweils in den beiden ersten Quartalen. Werte, von denen westliche Ökonomien bestenfalls träumen können: Japan ist erneut in der Rezession, Euroland kommt mit Müh und Not aus dem 0-Komma Bereich heraus, lediglich die USA bringen in diesem Jahr etwas zustande, was man als Wachstum bezeichnen kann; aber mit knapp drei Prozent weniger als die Hälfte des chinesischen Zuwachses. Ohne Chinas und Indiens Wachstum würde die Weltwirtschaft knapp an der Stagnation vorbeischrammen.

Das Gezetere des Westens ob des mickrigen Wachstums Chinas hat denn auch mehr mit dem Jammer eines Junkies nach dem Entzug der Droge zu tun. Es war doch ein so schönes High-Gefühl der Harmonie. Der wachsende Verbraucher- und Binnenmarkt China versetzte die Konzerne in eine Art Rausch mit zunehmendem Suchtbedürfnis. Die Überakkumulation in Deutschland konnte bequem nach China exportiert werden. Die aufsteigende chinesische Mittelschicht in China sollte das konsumieren, was die erodierende deutsche Mittelschicht mangels Masse nicht mehr kaufen konnte. Das China-Geschäft macht zwischen 7 und 30 Prozent des Umsatzes bei einem Großteil der Dax-Konzerne aus. VW macht 36 Prozent seines Umsatzes und etwa 60 Prozent seines Gewinns im China-Geschäft. Die 5900 Euro Erfolgsbeteiligung verdanken die deutschen VW-Beschäftigten zum großen Teil den chinesischen Autokäufern. Aber bei den jetzigen niedrigeren Wachstumsraten expandiert dieses Geschäft nicht mehr so, wie es für die Auslastung der aufgebauten Kapazitäten nötig wäre. Zudem stellt bei fast allen Produkten die chinesische Konkurrenz eine zunehmende Herausforderung dar.

„Neue Normalität“ bei der Wirtschaftsentwicklung

Das niedrigere Wachstum von sieben Prozent ist nicht etwa ein Zeichen gravierender ökonomischer Schwäche, sondern Programm. Genau diese Marke steht als Jahresrate im laufenden Fünfjahrplan (2011 – 2015) – in den ersten Jahren wurde sie noch überboten. Sie ist der in eine Zahl geprägte Ausdruck der Umstellung auf ein neues Akkumulationsmodell. Die „neue Normalität“, wie sie auf dem Nationalen Volkskongress als Orientierung ausgegeben wurde. Wenn der US-Ökonom Paul Krugman in einem Kommentar in der New York Times (14.8.15) die Disproportionen und Überkapazitäten in der chinesischen Wirtschaft kritisiert und empfiehlt: „Die Lösung ist, weniger zu investieren und mehr zu konsumieren“ – dann ist festzuhalten: Zu dieser Erkenntnis ist die chinesische Führung schon vor Jahren gelangt. Ein Blick in die Parteitagsreden Hu Jintaos hätten ihn belehrt. Nur, es ist das Einfache, das so schwer zu machen ist. Das Führungsduo Xi Jinping/Li Kequiang treibt diesen Umbau zu einem konsum- und innovationsgetriebenen Wachstum mit höherem Dienstleistungsanteil jetzt verstärkt voran. Nicht ohne Erfolg. Während der Privatkonsum noch immer nur knapp 40 Prozent des BIP ausmacht, trug er im vergangenen Jahr 51,2 % zum Wirtschaftswachstum bei (chinadaily, 15.7.15). Von 2011 bis 2014 stiegen die Konsumausgaben um 43% (HB, 13.8.15). Die Einzelhandelsumsätze erhöhten sich im ersten Halbjahr 2015 um 10,4% bei einer Inflationsrate von nur 1,25% (siehe dazu auch die isw-Artikel, 23.3.15: „China baut um“ und 9.7.15: „China bleibt Wachstumslokomotive“).

Deutlich zeigt sich inzwischen auch eine Umstrukturierung der chinesischen Wirtschaft von der weltgrößten Industrienation hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft: Erstmals 2013 war der Dienstleistungsanteil mit 46,2% höher als der Industrieanteil mit 43,8%. 2014 machte der Tertiäre Sektor bereits 48,2% aus und nur noch 42,6% entfielen auf die Industrie. Im Rückgang des letzteren schlugen sich auch umfangreiche Kapazitätsstillegungen insbesondere in umweltbelastenden und energieintensiven Industrien nieder. Im ersten Halbjahr 2015 expandierte der Dienstleistungssektor mit 8,4% stärker als das Wirtschaftswachstum von 7%, der Industriesektor blieb mit einem Plus von 6,1% darunter.

Infolge dieser Umstrukturierung besitzt auch der sogenannte Kequiang-Index wie er jetzt vom Kieler Weltwirtschaftsinstitut und einem Teil der Wirtschaftspresse als Beweis für die „schwächelnde chinesische Wirtschaft“ herausgekramt wird, Null Aussagekraft, er führt in die Irre. Li Kequiang hatte 2007 (!) gegenüber US-Politikern erklärt, er halte die Indikatoren Kreditvergabe, Eisenbahnfrachtverkehr und Stromverbrauch für aussagekräftiger für die Wirtschaftsentwicklung als die statistische Größe BIP-Zuwachs. Nur, das war in der Phase einer extensiv erweiterten Reproduktion der nachholenden Industrialisierung, mit extrem hohen Investitionsanteil. Die jetzige politische Führung will aber gerade wegkommen vom primär quantitativen und umweltschädigenden BIP-Zuwachs und zu einem qualitativen, ressourcen- und energieschonenden Wachstum übergehen. Deshalb ist die Zunahme des Stromverbrauchs von nur 1,1% nicht etwa ein Indiz für die Verlangsamung des Wachstums, sondern für zunehmende Energieeffektivität und Energieeinsparung.

Die westlichen China-Auguren sollten langsam erkennen, dass hier die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt (nach Kaufkraftparitäten sogar die größte) den ernsthaften Versuch macht, zu einer intensiv erweiterten Reproduktion mit wissensbasierten und dienstleistungsgetriebenen Wachstumsfaktoren überzugehen. Diese Umstellung ist zweifelsohne mit erheblichen Anlaufschwierigkeiten und Friktionen verbunden, aber im Hinblick auf Ressourceneinsparung, Klimaschonung und weiterem Aufstieg der Schwellenländer von großer Tragweite. Eine große China-Krise wie von den westlichen Peking-Astrologen inflationär prophezeit, dürfte sich als Fehlspekulation erweisen.

Am 8. September 2015 hat die chinesische General Administration of Customs (GAC) die Außenhandelszahlen für August bekanntgegeben. Danach ging der Außenhandel im Jahresvergleich noch stärker als im Juli zurück: - 9,7% (Juli - 8,9%). Die Exporte fielen im Jahresvergleich um 6,1%, die Importe um 14,3%. In den ersten acht Monaten (Jan. - Aug.) verringerte sich der Außenhandel um 7,7% year on year, die Exporte um 1,6%, die Importe um 14,6%. Die Haupteinbrüche gab es im Handel mit der EU, Chinas größtem Handelspartner und Japan, an fünfter Stelle. Zwei Gründe: Die Stagnation in der EU und die Rezession in Japan. Dazu die starke Abwertung von Euro und Yen gegenüber dem Yuan.

Der Handel mit den USA, Chinas zweitgrößtem Handelspartner, nahm dagegen um 2 Prozent zu. Für den starken Rückgang der Importe sind der Meldung zufolge vor allem die stark gefallenen Preise für Energie- und Rohstoffe und Rohmaterialien verantwortlich.  China will Maßnahmen einleiten, um die Importe anzukurbeln u.a. durch Senkung der Zolltarife und die Öffnung von mehr duty-free-shops.

Text: Fred Schmid , isw-München         Foto: Aaron Goodman

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