Ein chinesischer Streit um Homosexualität

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10.07.2011: Es gibt Vorgänge in bestimmten Lebensbereichen einer Gesellschaft,die schlaglichtartig den kulturellen, moralischen und sozialen Zustand und das Entwicklungsniveau erhellen und offen legen (in Deutschland z.B. der Umgang und die Einstellung vieler Menschen zu plagiativen Doktorarbeiten, besonders von Politikern). Die Haltung gegenüber der Homosexualität der Mitmenschen ist in vielen Ländern der Welt ein anderes Beispiel. Dort, wo die Ideologie der christlichen Kirchen dominiert, ist Homosexualität eine 'Sünde', ein verdammenswertes , steuer- und änderbares Fehlverhalten - jeder Wissenschaftlichkeit zum Trotz.

Mit wenigen Ausnahmen sind in muslimisch geprägten Staaten Homosexuelle von der Strafverfolgung bis hin zur Todesstrafe bedroht. Vor kurzem konnte im evangelikal dominierten Uganda durch internationale Proteste vorläufig ein Gesetz verhindert werden, welches Homosexualität mit der Todesstrafe bedrohen sollte. Weiterhin wird man wegen Homosexualität in Uganda mit bis zu 20 Jahren Freiheitsentzug bestraft. In über 70 Staaten ist bis zum heutigen Tag vor allem die männliche Homosexualität strafbar. Eine bemerkenswerte öffentliche Auseinandersetzung der anderen Art läuft zu diesem Problembereich seit eineinhalb Wochen in chinesischen Medien.

Ende Juni löste die in ganz China bekannte Schauspielerin Lu Liping eine hitzige landesweite Diskussion über ihre im Internet verbreiteten Thesen über Homosexualität aus. Ihre Popularität verdankt Lu u.a. der letztjährigen Ehrung beim Golden-Horse-Festival auf Taiwan als derzeit beste Filmdarstellerin Chinas.

Die 51-jährige Schauspielerin, eine spätberufene evangelikale Christin, hatte am Mittwoch vor einer Woche in einem eigenen Blog durch verschiedene Äußerungen und Zitate nicht nur ihre Ablehnung und Missbilligung der Homosexualität von Menschen verbreitet, sondern sich dazu verstiegen, Homosexualität als ein "von Gott verabscheutes Verbrechen" zu verunglimpfen.

So zitierte sie aus dem Römerbrief des Neuen Testamentes der Bibel (Kapitel 1, Vers 26-27): "Deswegen übergab Gott sie schändlichen Lüsten. Sogar ihre Frauen tauschten natürliche sexuelle Beziehungen gegen unnatürliche aus. Ebenso gaben die Männer natürliche Beziehungen mit Frauen auf und entflammten in der Lust nach einander. Männer begingen schändliche Handlungen mit anderen Männern, und erhielten für sich selbst die gebührende Strafe für ihren Fehler." Lu Liping fand das "sehr stark und überzeugend".

In einem anderen Eintrag in ihrem Blog druckte sie Äußerungen eines US-Priesters über die Legalisierung der homosexuellen Ehe in New York nach. Der Priester schrieb: "Inzwischen ist New York der sechste und der größte Staat in den Vereinigten Staaten, in dem homosexuelle Ehe legalisiert werden soll. Gott, verzeih bitte diesem ständig weiter degenerierenden Ort! Selbst wenn Anti-Homosexualität eines Tages ungesetzlich wird, werde ich fortfahren zu predigen: Homosexualität ist ein Verbrechen. Gott liebt Menschen, er hasst Verbrechen! Glaubt an Jesus und überwindet das Verbrechen!" Lu kommentierte: "Brüder und Schwestern, lasst dies Jedermann lesen!"

Sie führte auch ein Beispiel an, wie ein Homosexueller sich seines "Verbrechens bewusst wurde" und sich schließlich angeblich änderte, indem er "Jesus um Hilfe bat".

Die Internet-Verlautbarungen der evangelikalen Christin (einer Strömung in der protestantischen Christenheit) lösten in kurzer Zeit eine Welle von Protesten und zehntausende von fast ausschließlich heftigsten Kritiken und Kommentaren aus. Obwohl einige wenige an Lu Liping gerichtete Anmerkungen ihres Blogs im Internet ihr Recht auf freie Meinungsäußerung verteidigten, zeigten sich doch fast alle Kommentatoren erschüttert und ablehnend den Positionen von Lu gegenüber. Viele Anmerkungen drückten Zorn der Autoren über so viel Intoleranz aus, besonders weil es sich bei Lu Liping um eine Person des öffentlichen Lebens handle, deren Einstellungen und Meinungen größeren Einfluss hätten, als diejenigen von gewöhnlichen Menschen. Die chinesischen Presse (insbesondere die führenden und verbreitetsten) widmeten der Debatte und der Darstellung kritischer Meinungen in dieser Sache ungewöhnlich breiten Raum. Hier zwei Beispiele:

"Wie konnte jemand nur so grausam sein," schrieb Xiaoguo (Deckname), eine 26-jährige Homosexuelle. "Lehrt Gott sie nicht auch lieben? Kennt sie überhaupt irgendwelche homosexuellen oder lesbischen Menschen?" Xiaoguo meint, dass sich dieses Ereignis als positives erweisen könnte, wenn es das Bewusstsein der chinesischen Menschen über homosexuelle Rechte anhebt, die ihrer Meinung nach die meisten Menschen in China nicht kennen.

Li Yinhe (eine führende Sexual-Wissenschaftlerin) schrieb: "Die Aussagen von Lu Liping, sind bar jeden Wissens, rückwärts gewandt und sogar reaktionär. Sie haben die sozialen und moralischen Grenzen überschritten. Es ist verständlich, wenn eine gewöhnliche Person solche Anmerkungen macht, weil Leute verschieden sind. Einige sind konservativer und andere aufgeschlossener. Jedoch ist die Tatsache, dass Lu Liping solche abwertenden Aussagen als eine Person der Öffentlichkeit macht, unverzeihlich. Tatsächlich betrachtet das Christentum Homosexualität als Übel, aber nur äußerst konservative Christen gehen dagegen an. Die Freiheit der Religion sollte respektiert werden, aber warum beschließt Lu Liping, ein äußerst konservativer Christ ohne jegliche Toleranz zu sein? Intellektuelle sollten als Personen der Öffentlichkeit toleranter und liberal, aber nicht religiös-fanatisch und ausgrenzend sein."

Inzwischen blieb es nicht bei den Protesten von einzelnen Privatpersonen. In einem ungewöhnlich kühnen Schritt hat der Nachrichten-Moderator Qiu Qiming im staatlichen Fernsehen CCTV nach den Online-Verleumdungen der preisgekrönten Schauspielerin im Internet in einem Kommentar auf CCTV-13 Toleranz und Rücksicht gegenüber Homosexualität verlangt und Lu Liping für ihre Homophobie hart kritisiert.

Er sagte: "Wir respektieren den Glauben von berühmten Einzelpersonen, und wir erlauben ihnen, ihre eigene Ansichten zu bestimmten Problemen zu haben. Aber das bedeutet nicht, dass wir zulassen, dass eine Person solchen Einflusses die Macht haben sollte, offen gegen bestimmte Gemeinschaften in China zu entscheiden." Und Qui wies weiter darauf hin: "Es gibt keinen Zweifel, dass die sexuelle Orientierung von bestimmten Menschen in unserer Mitte vom Rest von uns verschieden ist. Aber sie tragen auch zur Gesellschaft fleißig bei. Homosexuelle Menschen wie wir, haben das Recht, zu bestehen und sich in der Gesellschaft zu entwickeln, und dieses Recht sollte durch kein anderes Konzept ausgehebelt werden."

Die homophobe Hetze von Lu Liping könnte mittlerweile sogar Auswirkungen auf ihre Karriere haben. So erklärte der Vorsitzender der Golden-Horse-Filmfestspiele und des Preis-Komitees nach der chinaweiten Welle der Empörung über Lu Liping, dass man daran denke, die Schauspielerin im Jahre 2011 von der Zeremonie und von dortigen Ehrungen auszuschließen.

Text: hth  /  Quelle: China Daily
Foto: kafka4prez (Lehre an der Fudan-Universität Schanghai - 2005 - Prof. Sun Zhongxin)

 

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