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Engels Ausstellungs WerbungZur Aktualität des Revolutionärs Friedrich Engels aus Anlass seines 200. Geburtstages. Ein Gespräch mit Georg Polikeit      

2020 ist ein Friedrich Engels-Jahr: 200. Geburtstag (28.11.), 125. Todestag (5.8.) und vor 175 Jahren Veröffentlichung seines Buches "Die Lage der arbeitenden Klasse in England".

 

Über Friedrich Engels, die Haltung der Stadtoberen Wuppertals zu ihrem bekanntesten Sohn und welche seiner Erkenntnisse für die gegenwärtigen Kämpfe der Linkskräfte von Bedeutung sind – darüber sprachen wir mit dem Wuppertaler Kommunisten Georg Polikeit. Er gehörte im Sommer 1968 zu der kleinen Gruppe von westdeutschen Kommunisten um Kurt Bachmann, die die Neukonstituierung der DKP als legale kommunistische Partei in der damaligen BRD vorbereiteten und dann auch durchführten und damit das KPD-Verbot durchbrachen. Später war er mehr als 16 Jahre bis 1988 Chefredakteur der UZ, der Zeitung der DKP, und Mitglied des DKP-Parteipräsidiums. Er ist Mitglied der Marx-Engels-Stiftung.

Frage: Bei unserer Ankunft in Wuppertal waren wir schon überrascht, dass die Stadt sowohl optisch durch Fahnenschmuck und Werbung für die Engels-Ausstellung als auch durch ein breites Veranstaltungsprogramm der Person Friedrich Engels große Aufmerksamkeit zollt. Ist dieses Interesse neu oder hat das Tradition?

Georg Polikeit: Ich kann mich noch gut erinnern, wie 1970 Engels‘ 150. Geburtstag begangen wurde. Man kann sagen, dass dieses Jahr eine Wende in der Haltung der Stadtoberen zu Engels markierte. Es gab zwar auch vorher schon die Friedrich-Engels-Allee, aber man sprach nicht über ihn, die Stadt wollte mit ihm nichts zu tun haben.

1970 änderte sich das. Das hatte sicherlich auch damit zu tun, dass die DDR damals viele Veranstaltungen zu Engels‘ 150. Geburtstag machte und auch die DKP hier in Wuppertal eine Reihe von Veranstaltungen organisierte. Man wollte Friedrich Engels nicht den Kommunisten überlassen.

 

"… der "Ritterschlag", mit dem Friedrich Engels in Wuppertal von einer Unperson zum berühmten Sohn der Stadt erhoben wurde"

 Treibende Kraft waren die Wuppertaler Sozialdemokraten, die sich natürlich weniger auf den Revolutionär als auf den angeblichen "Sozialreformer" Friedrich Engels bezogen. Sie sorgten dafür, dass das Engels-Haus in Barmen, das ja nicht das Geburtshaus von Friedrich Engels ist, sondern das Haus des Großvaters - das Geburtshaus ist im Zweiten Weltkrieg zerstört worden – ab 1970 als städtisches Museum eingerichtet und dem Publikum zugänglich gemacht wurde.

Außerdem führte die Stadt im Mai 1970 mit Hilfe der Friedrich-Ebert-Gesellschaft der SPD eine große internationale Engels-Konferenz mit Experten aus ganz Europa durch, die durch Johannes Rau, den damaligen Oberbürgermeister, eröffnet wurde. Fünfzig Gesellschaftswissenschaftler aus 15 Ländern, die vor allem die bürgerliche und sozialdemokratische Sichtweise darstellten, diskutierten dort. Es waren aber auch Wissenschaftler aus der UdSSR und der DDR eingeladen und auch Jupp Schleifstein vom DKP-nahen Frankfurter "Institut für Marxistische Studien und Forschungen" (IMSF).

Höhepunkt der Engels-Feierlichkeiten war ein Festakt am 27. November 1970 in der Wuppertaler Stadthalle, auf dem der damalige Bundeskanzler Willy Brandt über "Friedrich Engels und die Soziale Demokratie" sprach. Das war quasi der "Ritterschlag", mit dem Friedrich Engels in Wuppertal von einer Unperson zum berühmten Sohn der Stadt erhoben wurde.

Frage: Und wie hatten sich die linken Kräfte in die Diskussion eingebracht?

Georg Polikeit 2020Georg Polikeit: Es gab eine Diskussion, ob die Wuppertaler Universität den Namen "Friedrich Engels" führen solle. Diese Forderung konnte sich aber nicht durchsetzen. Es gibt bis heute nicht einmal eine Schule in Wuppertal, die seinen Namen trägt. Diese Anliegen waren im Stadtrat bisher nie mehrheitsfähig.

Die DKP veranstaltete im November 1970 ebenfalls eine internationale Konferenz mit Wissenschaftlern aus den damals sozialistischen Staaten sowie aus Frankreich und anderen westeuropäische Ländern. Auf einer Fest- und Kulturveranstaltung in der Stadthalle sprach der damalige DKP-Vorsitzende Kurt Bachmann. Anschließend fand ein sehr eindrucksvoller Fackelzug von 3. – 4.000 Teilnehmer*innen von der Stadthalle in Elberfeld bis zum Engels-Haus in Barmen statt.

Im "Haus der Jugend" in Barmen, in dem in diesem Jahr die städtische Engels-Ausstellung zu sehen war, hatte die DKP 1970 eine eigene Engels-Ausstellung präsentiert. Diese befasste sich aber nicht nur mit Engels als Person, sondern stellte praktisch die ganze Geschichte der Arbeiterbewegung seit Marx und Engels bis in die Gegenwart dar.

 

"… gleich zwei Aufführungen dieses Revolutionsstückes zu Ehren von Friedrich Engels"

Diese Ausstellung war dann jahrelang im Marx-Engels-Zentrum in der Gathe 55 zu sehen. Die Marx-Engels-Stiftung veranstaltete Führungen und Diskussionen. Es kamen nicht nur DKP- und SDAJ-Gruppen, sondern auch Besuchergruppen der Sozialistischen Jugend – Die Falken, der Jusos, der Gewerkschaftsjugend und anderer Organisationen, manchmal auch ganze Schulklassen im Rahmen ihres Geschichtsunterrichts. 1990 musste diese Ausstellung dann abgebaut werden. Zum einen, weil der Inhalt, speziell die Darstellung der Ausbreitung des "realen Sozialismus" in der Welt nicht mehr mit den neu entstandenen politischen Realitäten übereinstimmte. Zum anderen, weil auch die personelle Betreuung und die finanziellen Unterhaltskosten nicht mehr aufgebracht werden konnten.

Zum DKP-Programm zum 150. Geburtstag von Engels gehörte auch eine Aufführung des Bertolt-Brecht-Ensembles aus Berlin/DDR mit dem Brecht-Stück "Die Tage der Commune" unter der Intendantin Helene Weigel im Wuppertaler Stadttheater. Die Stadt Wuppertal hatte die Vermietung des Stadttheaters an die DKP an die Bedingung geknüpft, dass die Stadt selbst ebenfalls eine Aufführung mit diesem Ensemble und Stück durchführen könne. So fanden gleich zwei Aufführungen dieses Revolutionsstückes zu Ehren von Friedrich Engels statt. Sie waren beide ausverkauft. Das waren meines Wissens die ersten Brecht-Aufführungen in Wuppertal überhaupt.

Frage: Kommen wir zur Gegenwart. Was hatte und hat die Stadt Wuppertal zu Engels 200. Geburtstag geplant und durchgeführt?

Georg Polikeit: Die Stadt hatte eine breite Palette von Veranstaltungen unter dem Motto "Engels: Denker, Macher, Wuppertaler" geplant. Leider konnten sie dann Corona bedingt nur eingeschränkt durchgeführt werden. Vor allem ist der Touristenzustrom ausgeblieben, auf den das Stadtmarketing gehofft hatte. Dabei hatte man auf viele Touristen aus der Volksrepublik China gesetzt, Doch die sind nun fast zur Gänze ausgeblieben.

Dass die Stadt den Engels-Geburtstag so groß feiern wollte, war sicher damit verbunden, dass sie das Ereignis zur touristischen Werbung für die Stadt nutzen wollte, ähnlich den Trierer Erfahrungen vor zwei Jahren mit dem Marx Geburtstag.

 

"Die Vielfalt der Ideen für thematische Veranstaltungen wie auch für öffentlichkeitswirksame Aktionen zur Werbung für das Engels-Jahr ist beeindruckend"

 

Dennoch haben sich die Mitarbeiter des Historischen Zentrums der Stadt, das das Engels-Haus und das Museum für Frühindustrialisierung betreut und in dessen Händen die ganze Planung, Vorbereitung und Organisierung des städtischen Programms lag, meiner Meinung nach durchaus Verdienste erworben. Die Vielfalt der Ideen für thematische Veranstaltungen wie auch für öffentlichkeitswirksame Aktionen zur Werbung für das Engels-Jahr (Engels-Bilder ans Häuserwänden, an der Schwebebahn u.a.m.) war beeindruckend.

Ein wenig unverständlich ist in diesem Zusammenhang allerdings, dass das Engels-Haus in diesem Jahr gar nicht für Besucher geöffnet ist. Das Haus, das sich im städtischen Besitz befindet, beherbergte im unteren Teil u.a. ein originales Wohnzimmer im Stil des "Bergischer Barock", wo auch kleine Veranstaltungen durchgeführt werden konnten, was auch die Marx-Engels-Stiftung gelegentlich genutzt hat. In der oberen Etage war eine städtische Engels-Ausstellung mit alten Fotos, Dokumenten und Anschauungsstücken aus der Zeit von Engels, alten Zeitungsausschnitten und historischen Ausgaben des "Kommunistischen Manifests" installiert.
Seit etwa zwei Jahren konnte man das Engels-Haus aber aus Brandschutzgründen nicht mehr betreten. Die Engels-Ausstellung wurde ins hinter dem Gebäude liegende Museum für Frühindustrialisierung verlegt. Aber die Renovierungs- und Sanierungsarbeiten begannen viel zu spät, um das Haus schon zu Beginn des "Engels-Jahres" 2020 für Besucher, die zu diesem Anlass nach Wuppertal kommen, wieder zugänglich zu machen.
Vor wenigen Tagen teilte das städtische Gebäudemanagement aber jetzt mit, dass die Sanierungsarbeiten abgeschlossen seien und das Haus wieder an das Historische Zentrum übergeben wird. Dort soll nun in den beiden ersten Etagen eine neu konzipierte Dauerausstellung über Friedrich Engels aufgebaut und am 28. November zum 200. Geburtstag von Engels eröffnet werden.

Auf dem Platz vor dem Engels-Haus befindet sich übrigens auch das sehenswerte Hrdlicka-Denkmal der Proletarier, die ihre Ketten zerbrechen ("Die starke Linke"), das 1975 von der Stadt in Auftrag gegeben und leider erst 1981 nach einigem Hickhack um Gestaltung und Kosten eingeweiht wurde. Ein paar Meter davon entfernt steht das überlebensgroße Engels-Denkmal, das die Volksrepublik China der Stadt geschenkt hat.

Hrdlicka Die starke Linke Engels Denkmal

 

Frage: Die Sonderausstellung "Friedrich Engels – Ein Gespenst geht um in Europa" sollte eines der großen Highlights des Engels-Jahres 2020 sein. War sie auch für Dich ein Highlight?

Georg Polikeit: Die Ausstellung, die vom 15. Mai bis zum 20. September in der Kunsthalle Barmen zu sehen war und laut städtischer Mitteilung unter Corona-Bedingungen von etwas mehr als 4.000 Menschen aus dem In- und Ausland besucht worden war, ist Ausdruck dessen, wie die Stadtoberen mit Engels umgehen wollen. Da wurde Friedrich Engels vor allem biographisch als Sohn der Stadt und als historische Persönlichkeit dargestellt. Im Mittelpunkt stand seine Biographie, und dabei vor allem der junge Engels mit seinen Bezugspunkten zu seiner Familie und zu Wuppertal.

 

"… wurde auch kaum dem nachgespürt, was Engels der heutigen Generation noch zu sagen hat"

Dabei hat Engels ja bestenfalls bis 1849 wirklich in Wuppertal gelebt.
Ab 1838 schon mit großen Unterbrechungen: 1838 – 1841 drei Jahre in Bremen zur Ausbildung als Handlungsgehilfe, 1841/42 in Berlin zur Ableistung seiner Militärdienstpflicht, danach 1842 – 1844 schon der erste zweijährige Aufenthalt in Manchester in dem Unternehmen "Ermen und Engels", bei dem sein Vater Teilhaber war. Dort sammelte er das Material über die Lebensumstände des mit der kapitalistischen Industrialisierung entstandenen Proletariats, das er dann nach der Rückkehr aus Manchester im heimischen Wuppertal 1845 in seinem Werk "Die Lage der arbeitenden Klasse in England" verarbeitete.
Auch danach lebte er aber eigentlich nur noch sporadisch in Wuppertal. Er war in Brüssel und Paris für das zusammen mit Marx gegründete kommunistische Korrespondenz-Komitee tätig. Nach Beginn der 48er-Revolution in Deutschland kam er nach Köln, um bei der "Neuen Rheinischen Zeitung" zu arbeiten. Mit der kurzfristigen Episode seiner Tätigkeit als "Barrikadeninspekteur" im Mai 1849 beim Elberfelder Aufstand endete sein Leben in Wuppertal endgültig. Abgesehen von wenigen kurzen Besuchen zu Anlässen wie dem Tod seines Vaters und seiner Mutter.

Das heißt, den größten Teil seiner Lebenszeit hat Friedrich Engels nicht in Wuppertal verbracht. Nach der Teilnahme am pfälzisch-badischen Aufstand 1849 zog er über den Umweg der Schweiz wieder nach Manchester. Dort verdiente er gezwungenermaßen seinen Lebensunterhalt wieder im Unternehmen "Ermen und Engels", an dem er später Teilhaber wurde, bis er 1869/70 den "hündischen Kommerz" endlich aufgeben und in die Nähe von Marx nach London ziehen konnte. Die berufliche Tätigkeit in Manchester ermöglichte ihm auch, der Familie Marx immer wieder finanziell kräftig unter die Arme greifen zu können. Ohne die finanzielle Hilfe von Engels hätte Marx das "Kapital" vielleicht gar nicht schreiben können.

Dass aber ein international agierende Revolutionär wie Friedrich Engels, ein führender Mann der internationalen Arbeiterbewegung, in einer Ausstellung, die wesentlich auf Wuppertal und die Familie beschränkt ist, nicht ausreichend gewürdigt werden kann, liegt auf der Hand. Deshalb blieb in dieser Ausstellung die politische Dimension seines Wirkens weitgehend ausgespart, und vor allem wurde auch kaum dem nachgespürt, was Engels der heutigen Generation noch zu sagen hat.

Trotz dieser Kritik: Die von manchen vorgetragene Meinung, dass die Stadt ohnehin nur einen "verfälschten Engels" darstellen wollte, halte ich für überspitzt. Bei der Ausstellung und den Veröffentlichungen dazu konnte viel Systemkritisches letztlich nicht ausgespart werden, wenn es natürlich auch im Rahmen einer reformistischen Sicht blieb.

Dass das kapitalistische System nicht einfach, wie es heute ist, weiter fortgesetzt werden kann, wird heute wohl von vielen Menschen nicht mehr ernsthaft bestritten. Aber die Vorstellungen von Alternativen beschränken sich mehr oder weniger auf Reformmaßnahmen an diesem System, haben eine grundlegende revolutionäre Umgestaltung der wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse, wie sie Friedrich Engels verfocht, nicht im Blick. Dementsprechend soll Engels passend zur heutigen sozialdemokratischen und auch grünen Ideologie "weichgespült" werden.

Dennoch halte ich das heutige Verhalten der Stadt gegenüber Engels für einen Fortschritt gegenüber früher, wo die "Stadtelite" in den 50er und 60er Jahren versuchte, Engels einfach aus der Erinnerung zu verdrängen und antikommunistisch zu blockieren. Da ergeben sich heute doch viele wichtige Anknüpfungspunkte für weiterführende Diskussionen.

Übrigens gehört zur Engels-Rezeption der Stadt auch, dass man Wert darauf legt, dass Engels nicht nur der Freund und Gehilfe von Marx war, sondern ein eigenständiger Denker, der sich nur aus Bescheidenheit zur "zweiten Violine" erklärt hat. Das heißt aber doch, dass seine Tätigkeit, seine Schriften wie seine Praxis, auch heute noch wie die eines großen Denkers studiert werden sollten.

Frage: Warum ist es aus Deiner Sicht wichtig, sich mit Engels zu befassen, und welche seiner Erkenntnisse können für die Linkskräfte in den gegenwärtigen Kämpfen von Bedeutung sein?

Georg Polikeit: Stichwortartig fallen mir dazu gleich mehrere Punkte ein:

  • sein dialektisch-materialistisches Geschichtsverständnis,
  • die Kritik der kapitalistischen Wirtschaftsweise und die Begründung der Notwendigkeit eines wissenschaftlichen Sozialismus,
  • Engels‘ Warnung von 1893 vor einem "allgemeinen Vernichtungskrieg" infolge des immer weiter vorangetriebenen Wettrüstens der Großmächte und damit verbunden das Prinzip seiner Idee von einer allgemeinen und gleichgewichtigen Abrüstung schon unter den heutigen kapitalistischen Bedingungen,
  • Engels‘ Realismus, das heißt seine Fähigkeit, immer wieder die sich verändernden realen Verhältnisse zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen zu machen und sich nicht zu scheuen, auch von ihm selbst früher vertretene Ansichten hemmungslos über Bord zu werfen oder zu korrigieren, wenn sie sich im Lauf der realen Entwicklung als falsch oder als durch den historischen Prozess überholt erwiesen haben.

".. dass dieses System nicht auf Dauer fortbestehen kann, dem, glaube ich, werden viele Menschen schon heute zustimmen"

Die Corona-Pandemie zeigt gerade, dass ein privatisiertes, profitorientiertes Gesundheitswesen nicht der Weisheit letzter Schluss ist. Da fehlen dann plötzlich Schutzmasken, Beatmungsgeräte und Krankenhausbetten. Daraus erwächst eine Gefahr für viele Menschen, für die Allgemeinheit. Ebenso zeigt die Klimakrise, dass diese kapitalistische Wirtschaftsordnung nicht nur krisenhaft, sondern in höchstem Maße für die Menschheit gefährlich ist. Insofern stimmt also das von Marx und Engels entwickelte Konzept, dass eine grundlegende revolutionäre Veränderung der Gesellschaft vorgenommen werden muss, immer noch.

Das Wort "revolutionär" werden gegenwärtig vermutlich noch nicht viele Menschen übernehmen. Aber dass die Gesellschaft, das Wirtschaftssystem verändert werden muss, dass dieses System nicht auf Dauer fortbestehen kann, wie es bisher war, dass der jetzige Zustand nicht das "Ende der Geschichte" ist - dem, glaube ich, werden viele Menschen schon heute zustimmen.

Die dialektisch-historische Betrachtungsweise, die Engels ganz wesentlich mit entwickelt hat, ist immer noch die einzige, die auch heute zu sinnvollen Ergebnissen bei der Betrachtung der Weltereignisse führt. Gerade auf diesem Gebiet hat Engels im Zusammenspiel mit Marx weit mehr geleistet, als nur "die zweite Violine" zu spielen. Die Kernaussagen, die Engels trifft, sind nach wie vor gültig. Ebenso die daraus folgende Erkenntnis, dass dieses Gesellschaftssystem überwunden werden muss, dass an seine Stelle ein anderes Wirtschafts- und Gesellschaftssystem treten muss, das von anderen Prinzipien als dem Profit des Kapitals, der möglichst hohen "Rendite" geleitet wird.

Frage: Und welche Schlussfolgerungen zieht der realistische Kommunist Polikeit daraus?

Georg Polikeit: Wenn Du die Leute fragst: Die meisten finden nicht, dass dieses Wirtschaftssystem das Beste ist, das sie sich denken können. Viele äußern große Kritik daran. Aber den Schritt, es grundlegend verändern, durch ein grundlegend anderes Wirtschafts- und Gesellschaftssystem ersetzen zu wollen, den gehen sie noch nicht. Davor scheuen sie zurück. Oder sie halten es für nicht erreichbar, für unrealistisch, für zu unüberschaubar, was am Ende dabei herauskommt.

 

"… aber die Schlussfolgerung zu ziehen: Wir brauchen ein anderes System und welches andere, ist unklar."

Das hat nicht zuletzt auch damit zu tun, dass der Zusammenbruch des "realen Sozialismus" in den Köpfen noch nicht bewältigt ist. In früheren Zeiten war der Begriff "Sozialismus" für viele ein Begriff für Hoffnung und Zukunft, also etwas Erstrebenswertes. Wenn man heute den Begriff Sozialismus zur Diskussion stellt, gibt es wenige, die sagen, ja das ist richtig. Die Mehrheit sagt: Das hat doch auch nicht funktioniert.

Insofern ist der Begriff Sozialismus heute nicht mehr für sich selbst werbend. Es herrscht vielmehr die Meinung vor: so wie dieser Sozialismus mal war, kann er nicht wieder gemacht werden. Er muss anders gemacht werden. Aber wie anders, und wie wir heute überhaupt wieder in eine Situation kommen, in der er anders gemacht werden könnte, das ist die große Diskussionsfrage. Da werden viele unterschiedliche Ansichten vorgetragen und es ist derzeit noch nicht möglich, übereinstimmende Meinungen zu erreichen.

Erschwerend kommt natürlich hinzu, dass die Meinungsmacher des herrschenden Systems, die vorherrschenden Massenmedien ständig alles tun, um den gewesenen Sozialismus in den schwärzesten Farben zu malen.

Gerade anlässlich des 30. Jahrestages der "Wiedervereinigung" ließen die herrschenden Medien wieder nichts unversucht, um den DDR-Sozialismus in Gänze zu diskreditieren. Der ideologische "kalte Krieg" wird munter weitergeführt, Tag für Tag. Vielleicht auch, weil die Verantwortlichen selbst das Gefühl haben, dass sie ihn noch immer nicht wirklich gewonnen haben. Und damit haben sie letztlich ja auch recht: sie können ihn gar nicht endgültig gewinnen. Weil der Kapitalismus, je länger er fortbesteht, immer wieder und immer mehr Gründe liefert, dass seine Zeit abgelaufen ist und er überwunden werden muss.

Dabei sollten wir aber nicht übersehen: auch in unserem Land funktioniert der Kapitalismus für viele Menschen zwar nicht ideal, aber er funktioniert im Vergleich zu großen Teilen der übrigen Welt immer noch relativ gut. Die Milliardengelder, die die Herrschenden jetzt zu Zeiten von Corona aus den Taschen zaubern, um "die Wirtschaft" zu beleben, werden zumindest kurzfristig durchaus auch positive Auswirkungen haben.

Der staatsmonopolistische Kapitalismus zeigt seine Widerstandskraft und es gelingt ihm, die Krisenprozesse zumindest abzubremsen und weiter in die Zukunft zu verschieben. Wir als Marxisten wissen, dass das nicht auf Dauer funktionieren kann, dass damit kein einziges Problem grundsätzlich gelöst ist – aber für den Augenblick funktioniert es für große Teile der Bevölkerung doch immerhin noch einigermaßen. Das gilt auch für Teile der Arbeiterklasse, die mit staatlicher Subventionierung in Form des Kurzarbeitergeldes immerhin ihren Arbeitsplatz und damit ihre Existenz wenigstens für die nächste Zeit erhalten sehen.

 

"Die Menschen müssen selbst entsprechende Erfahrungen machen und in ihren Köpfen auch verarbeiten."

Und damit sind wir auch wieder bei Engels. Engels hatte eine ganz andere Arbeiterklasse im Blick. Bei ihm war es die Arbeiterklasse der aufsteigenden Industrialisierung. Das war die Arbeiterklasse konzentriert in großen Fabriken und mit teilweise sich spontan entwickelndem Solidaritäts- und kollektivem Klassenbewusstsein. Die heutige Arbeiterklasse ist viel differenzierter, vielfach in der Produktion viel vereinzelter und in sehr unterschiedlichen Funktionen tätig, Ihre Existenzbedingungen und damit auch ihre Denkweise sind viel differenzierter.

Meine Schlussfolgerung: Ich sehe, dass viele Leute heute eine kritische Sicht auf Aspekte des heutigen Systems haben – aber die Schlussfolgerung zu ziehen: Wir brauchen ein anderes System und welches andere, ist unklar. Deshalb ist heute wieder einmal Geduld die Tugend des Revolutionärs. Erkenntnisse und Erfahrungen entwickeln sich nicht so rasch, wie es objektiv nötig und vor allem wünschenswert wäre. Das ist auch nicht allein oder in erster Linie eine Sache der "Aufklärung" von außen. Die Menschen müssen selbst entsprechende Erfahrungen machen und in ihren Köpfen auch verarbeiten. Wir können vielleicht ein wenig dazu beitragen, aber nur, wenn wir nicht wie die Schulmeister der Nation agieren.

Zu glauben, radikale Worte und Parolen könnten uns helfen, schneller voran zu kommen, ist ein Fehlglaube. Die kommunistische Bewegung hat in ihrer ganzen Geschichte oft und lange genug unter linksradikalen Fehlern und Irrwegen gelitten, die durch "revolutionäre Ungeduld" verursacht waren. Da müssen wir heute dazu lernen, vor allem nach dem historischen Scheitern des "realen Sozialismus" in Europa.

Frage: Zum Schluss: Welche Engels-Lektüre würdest Du empfehlen?

Georg Polikeit: Da ist natürlich zu aller erst das "Kommunistische Manifest" zu nennen, an dem Engels ganz wesentlich mitgeschrieben hat.
Engels Die Entwicklung des SozialismusWenn man mich nach meinem Engelsschen "Lieblingswerk" fragt, würde ich "Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft" nennen. Diese Schrift war und ist für mich eine verständliche Erklärung, wie sich die kommunistische Weltanschauung entwickelt hat. Ich halte sie nach wie vor für ein grundlegendes Schulungsmaterial.

Daneben gibt es natürlich viele andere Engels-Werke, die in ihren Grundaussagen und historischen Darstellungen keineswegs von der Geschichte überholt sind. Da sind seine durchaus auch heute noch lehrreichen historischen Darstellungen wie "Der deutsche Bauernkrieg" und "Revolution und Konterrevolution in Deutschland", in denen er die frühbürgerliche Revolution um 1525 und die 1848er Revolution ausführlich auf der Grundlage des historischen Materialismus analysiert. Es lohnt sich aber auch immer noch, in den "Anti-Dühring" zu schauen, der Ende des 19. Jahrhundert in der revolutionären Sozialdemokratie quasi "das Lehrbuch des Sozialismus" war. Eine ganze Reihe weiterer Werke wäre hinzuzufügen, etwa "Anteil der Arbeit bei der Menschwerdung des Affen" und "Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates"- auch wenn das eine oder andere Detail in diesen Texten durch aktuellere Forschungsergebnisse heute vielleicht überholt ist bzw. vergenauert oder ergänzt worden ist.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch führten Günther Stamer und Bettina Jürgensen

 

„Friedrich Engels – Ein Gespenst geht um in Europa“

Die Sonderausstellung „Friedrich Engels – Ein Gespenst geht um in Europa“ des Historischen Zentrums Wuppertal ist – neben der Wiedereröffnung des Engels-Hauses zum 200. Geburtstag am 28.11. – das große Highlight des Engelsjahres 2020. Die Ausstellung war vom 15.5. bis 20.9.2020 in der Kunsthalle Barmen zu sehen.

 

Video-Einblick in die Engels-Sonderausstellung

 
   

 

 

Aktualität eines Revolutionärs
Konferenz aus Anlass des 200. Geburtstags von Friedrich Engels

Samstag, 7.11., 10:00 - 17:30 Uhr, Wuppertal, Alte Kirche Wupperfeld, Bredde 69

Gemeinsam veranstaltet von Marx-Engels-Stiftung (Wuppertal), Heinz-Jung-Stiftung (Frankfurt/M.) und Rosa- Luxemburg-Stiftung NRW aus Anlass des 200. Geburtstags von Friedrich Engels am 28. November 1820 in Barmen.

Engels Flyer Konferenz

Abendliches Vorprogramm
Freitag, 6. November 2020, 19:00 Uhr

„Lizzy will es wissen“

Uraufführung eines zum 200-Jahre-Jubiläum von Engels geschriebenen neuen Stücks des Weber-Herzog-Musiktheaters, Berlin.
In humorvollen wie gedankenreichen Spielszenen, Liedern und Dialogen zwischen Engels und seiner Lebensgefährtin Lizzy Burns, einer irischen Arbeiterin, zeigt das Stück Engels als eine umfassend gebildete wie auch eingreifende und kämpferische Persönlichkeit.
Durch ihre zu packende Art bringt Lizzy Burns Friedrich Engels dazu, kom plizierte wissenschaftliche Zusammenhänge und philosophische Themen in einer anschaulichen Weise zu erklären.


Konferenz
Samstag, 7. November 2020

10:00 Begrüßung

10:15 – 11:45 Vortrag mit anschließender Diskussion
Engels und die Linke – Geschichte und Gegenwart
Prof. Dr. Frank Deppe, Marburg

12:00 – 13:00 Mittagsimbiss

13:00 – 14:45 Panel 1
Engels’ Subjekt der Geschichte: Arbeiterklasse und Lohnabhängige heute
Mit Achim Bigus (Werkzeugmacher und Sprecher der IG Metall-Vertrauensleute bei VW Osnabrück), Prof. Dr. Klaus Dörre (Soziologe, Universität Jena), Prof. Dr. Nicole Mayer-Ahuja (Arbeitssoziologin, Direktorin des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen) und Nihat Öztürk (ehem. Geschäftsführer der IG Metall Düsseldorf-Neuss)
Moderation: John Lütten (Hamburg/Jena, Redaktion „Z“)

15.00 – 17.00 Panel 2
Utopie und Wissenschaft: Sozialistische Perspektive heute. Klassenfrage – Naturverhältnis – Geschlechterverhältnis
Mit Dr. Eva Bockenheimer (Köln, Philosophin und gewerkschaftliche Bildungsreferentin), Ellen Brombacher (Berlin, Sprecherrat der Kommunistischen Plattform in der Partei DIE LINKE), Prof. Dr. Marcel van der Linden (Historiker, Forschungsdirektor am Internationalen Institut für Sozialgeschichte Amsterdam) und Ingar Solty (Sozialwissenschaftler, Institut für Gesellschaftsanalyse der RLS Berlin)
Moderation: Dr. Arnold Schölzel (Marx-Engels-Stiftung)

Eintritt frei. Für die Tagungsteilnahme ist eine Anmeldung erforderlich. Anmeldung unter Angabe des Namens und einer Mailadresse unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

Flyer zu den beiden Veranstaltungen als PDF: http://www.marx-engels-stiftung.de/files/20201107_Engels-Veranstaltung.pdf

 

 

European Forum 2020 LogoThe Covid-19 pandemic challenges humanity: REFOUNDING A EUROPE OF SOLIDARITY!
You can register here: https://europeanforum.eu/online-2020/registration-2020/
more Information: https://europeanforum.eu/

first workshop organized by the Women Assembly will take place Friday, October 30
Information and registration here

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