Kapital & Arbeit
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strassenarbeiter_niosh09.07.2010: Gerade einmal sieben Prozent der Leiharbeitnehmer schaffen den Sprung in eine Festanstellung. Das ist ein Ergebnis der Studie des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg, das die Erwerbsbiografien von Leiharbeitnehmern aus dem Jahr 2006 untersucht hat. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam vor kurzem auch die Bertelsmann-Stiftung.

Seit Anfang der 90er Jahre wurde die Leiharbeit nach und nach stark „dereguliert“, zuletzt im Zuge der Hartz-Reformen. Zwischenzeitlich haben Leiharbeiter kaum noch Rechte und können beinahe nach Belieben nicht nur zur Abarbeitung von Auftragsspitzen sondern immer mehr als billiger, rechtloser Ersatz für Kernbelegschaften eingesetzt werden. Begründet wurden und werden diese Maßnahmen immer wieder besonders zynisch: Arbeitslose würden so die Chance bekommen, wieder in eine Festanstellung (Beschäftigungsbrücke) zu gelangen.

Dies haben Gewerkschaften und Betriebsräte schon immer bezweifelt. Die aktuellen Studie des belegt nun anschaulich, dass diese „Beschäftigunsgbrücke“, manchmal auch als „Klebeffekt“ bezeichnet in der Praxis keine Bedeutung hat. Zwar schreiben die Autoren in ihrer Studie noch beschönigend statt „Beschäftigunsgbrücke“: „Zumindest ein schmaler Steg“. Doch die von ihnen ermittelten Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Vor Beginn eines Leiharbeitseinsatzes sind 43% Prozent aller Betroffenen entweder arbeitslos oder bereits als Leiharbeiter eingesetzt – danach sind es 48%.

Zwar schaffen es so einige weniger von der Arbeitslosigkeit zumindest in weitere Leiharbeitseinsätze, aber mit jedem Leiharbeitseinsatz steigt die Zahl der Leiharbeiter/Arbeitslosen, statt zu sinken – eine verheerende Abwärtsspirale für die Betroffenen.

Da Leiharbeiter weniger soziale Sicherheit, ein geringeres Einkommensniveau und vor allem auch weniger betriebliche Rechte haben (Sie werden nicht einmal von den Betriebsräten vertreten), erfüllt die Leiharbeit exekt den ihr von den Herrschenden zugedachten Efekt: Weniger Einkommen, weniger Rechte – das Herz des Kapitalisten lacht. Dies sehen und kritisierenm auch die Gewerkschaften. Dazu schreibt zum Beispiel die IG Metall desillusioniert in Ihrem Informationsdienst direkt (09/21): „Den häufig beschworenen »Klebeeffekt« gibt es nicht.“

Doch noch tun sich die Gewerkschaften schwer damit, der Leiharbeitswelle eine wirkungsvolle Politik entgegenzusetzen. Es gibt Forderungen nach mehr Zuständigkeiten für Betriebsräte, doch die werden nicht offensiv eingefordert. Für die Gewerkschaften ist die Leiharbeit altuell eher eines von vielen Übeln. Die Erkenntnis, dass dieses Übel eine immer wichtigere Funktion im Ausbeutungs- und Unterdrückunsgkonzept des „modernen“ Kapitalismus einnimmt, hat sich noch nicht genügend durchgesetzt. Leiharbeit ist so ziemlich exakt das Gegenteil von „Guter Arbeit“. So schreibt die DKP in ihren „Politischen Thesen“:

„Im Unterschied zu früheren Phasen kapitalistischer Entwicklung ist heute die prekäre Beschäftigung nicht mehr Ausdruck der Rückständigkeit, sondern Ausdruck der „Modernität“ des Kapitalismus. Wurden früher die prekären Arbeitsverhältnisse v. a. von Frauen, Nebenerwerbslandwirten, ImmigrantInnen, etc. tendenziell in tariflich geschützte Normalarbeitsverhältnisse überführt, so führen die flexible Produktionsweise des heutigen Kapitalismus, die verschärfte Konkurrenz der Arbeiter um Arbeitsplätze und die Politik der Deregulierung der Arbeitsbeziehungen heute dazu, dass prekäre Beschäftigung (Leiharbeit, selbstständige Arbeit, befristete Beschäftigung, Niedriglohn, Teilzeitarbeit, Arbeit in Bereichen ohne Tarifverträge, usw.) das tariflich geschützte Normalarbeitsverhältnis immer mehr verdrängt. Prekarität bestimmt aber nicht nur die Arbeitsverhältnisse, sondern ausgehend von der prekären Beschäftigung in der Fabrik, dominieren Prekarität und Unsicherheit das gesamte Leben und unterminieren den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Prekäre Beschäftigung ist eine Folge des Strukturwandels des Kapitalismus und deshalb nicht ohne grundlegende gesellschaftliche Veränderung rückgängig zu machen. Aus diesem Grunde kommt es darauf an, die prekär Beschäftigten zu organisieren, was hierzulande von den Gewerkschaften und Betriebsräten bisher kaum angegangen worden ist. Auch Kern- und Stammbelegschaften kommen unter den Druck der Prekarisierung und der kapitalistischen Globalisierung. “

Ein wesentliches Druckmittel ist die Leiharbeit. Sie sollte in den kommenden Auseinandersetzungen stärker ins Blickfeld rücken.

Text: CR / Bild: Niosh