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Jochen Steffen 1Eine Annäherung an Jochen Steffen anlässlich seines 100. Geburtstages 
von Günther Stamer 

18.09.2022: Unter dem Taufnamen Karl Joachim Jürgen am 19. September 1922 in Kiel-Gaarden geboren, prägte von Mitte der 60er bis Mitte der 70er Jahre der "Rote Jochen", Joachim Steffen, die schleswig-holsteinische SPD maßgeblich: Als Landesvorsitzender, Fraktionsvorsitzender und zweimaliger Spitzenkandidat bei Landtagswahlen. Auf Bundesebene war er als profilierter linker Sozialdemokrat seit 1973 Vorsitzender der SPD-Grundwertekommission.

 

In den Nachrufen (Steffen starb wenige Tage nach seinem 65. Geburtstag am 27.9. 1987 in Kiel) wurden dann noch einmal aus den Zeitungs-Archiven alle Attribute herausgekramt, mit denen er sich zeit seines Lebens konfrontiert sah: "Rebell“, "demokratischer Marxist“, "grüner Sozialist“, "Bürgerschreck“, "verkappter Kommunist“.

Was erinnert heute, fünfunddreißig Jahre nach seinem Tod, an Jochen Steffen?

Schon anlässlich seines Todes schrieb der "Spiegel“: "Die Spuren dessen, der am vorletzten Sonntag in seiner Heimatstadt Kiel starb, sind, wenn es je Abdrücke gegeben hat, längst verweht.“[1] Heute um so mehr. Ein Blick auf die aktuelle Politik und "Performance“ der schleswig-holsteinischen SPD - lange Zeit mir dem Label eines "linken Landesverbandes“ versehen - bestätigt dies. War es der SPD unter Steffens Ägide um eine klare politisch-inhaltliche Abgrenzung gegenüber der CDU gegangen, so agierte die SPD im zurückliegenden Landtagswahlkampf eher als blasse CDU-Kopie und erhielt die entsprechende Quittung: Lediglich noch 16 Prozent der Zweitstimmen landesweit und z.B. Verlust aller Direktmandate in Kiel).

So wenig wie eine Aufarbeitung dieses Desasters erfolgt ist (nach dem Kenntnisstand von Außenstehenden), so wenig wird der 100. Geburtstag der einstigen Leitfigur der schleswig-holsteinischen SPD offenbar für eine kritische Reflexion und Überprüfung sozialdemokratischer Theorie und politischem Handeln genutzt. Ein Blick auf das Programm der Festveranstaltung aus Anlass seines Geburtstages – ausgerichtet vom Kulturforum Schleswig-Holstein und der SPD-Landesverbandes - bietet dazu wenig Hoffnung. Die SPD-Landesvorsitzende und die Juso-Landesvorsitzende dürfen Grußworte liefern. Das Hauptprogramm: Steffens Sohn, Jens-Peter Steffen, referiert über "Der Mensch Jochen Steffen“ und liest aus Jochen Steffens Satire-Projekt Kuddl Schnööf’s "Achtersinnige Gedankens“. Einem alten Mitstreiter Steffens, Klaus Rawe, fällt die Rolle zu, über "den politischen Denker Jochen Steffen“ zu sprechen. Das hat ein bisschen vom Charakter "der rote Großvater erzählt“.

Dabei sind (auch für mich überraschend) viele Überlegungen Steffens von geradezu brennender Aktualität. So z.B., wenn er im Vorwort seines 1974 veröffentlichten Buches "Strukturelle Revolution“ schreibt: "Ich hoffe, dass dieses Buch etwas dazu hilft, dass das Wiedererwachen der existenziellen Impulse der Arbeiterbewegung nicht zu einer Reprise ihrer historischen Entwicklung mit allen Fehlern und Irrwegen führt. Während dieses Buch in den Satz geht, belehren uns die sog. Ölkrise und die politischen Reaktionen auf sie darüber, was es heißt, in einem irrationalen System zu leben, das seine Friedlosigkeit, seinen Problemdruck und die fortschreitende Unterwerfung des Menschen unter die von ihm selbst erzeugten Dinge ständig zum Ausbruch drängt.“[2]

Zutreffender kann die gegenwärtige gesellschaftliche Situation kaum beschrieben werden.

Zur Biografie und politischer Karriere

Nach dem Kriegsabitur (1941) wurde Jochen Steffen zur Marine eingezogen und musste seinen Dienst unter einem Kompaniechef namens Helmut Lemke, dem späteren Eckernförder Nazi-Bürgermeister und noch späteren CDU-Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein ableisten. Nach dem Krieg nahm er das Studium an der Kieler Universität auf (Philosophie, Soziologie). Obwohl ohne Abschluss, arbeitete er bis 1956 als Assistent von Professor Michael Freund am Institut für Wissenschaft und Geschichte der Politik an der Uni. Co-Assistent bei Freund, also "Arbeitskollege“ von Steffen, war übrigens Gerhard Stoltenberg, ebenfalls ein weiterer späterer Ministerpräsident.

Seine politische Orientierung nach dem Krieg beschreibt Steffen in seinen "Autobiographischen Texten“ wie folgt: "Ich stand ‚links‘. Und ‚links‘ hatte keine Chance ohne die Arbeiterbewegung. Wollte man in der Arbeiterbewegung mitwirken, mußte man Partei nehmen. KPD oder SPD.“ Bei Treffen mit Kommunisten und Sozialdemokraten wurde er von beiden Seiten aufgefordert, "mich ihnen anzuschließen.“ Nach ernsthaften Abwägen zog Steffen folgende Schlussfolgerung: "Die KPD nicht zu wählen, hatte wesentliche Gründe ("Wie hältst du es mit der führenden Rolle der Partei (der Sowjetunion) und dem demokratischen Zentralismus“). Gegen einen Beitritt zur SPD gab es keine solchen Gründe.“[3]

1954 wurde Steffen Juso-Landesvorsitzender und erhielt prompt ein Jahr später "Redeverbot" wegen massiver Kritik am damaligen SPD-Parteivorsitzenden Erich Ollenhauer, weil er gegen dessen Wiederbewaffnungs- und Westeuropa-Politik der SPD "immer vom Leder gezogen hatte“.[4] Das hinderte den charismatischen und Rede gewaltigen Politiker aber nicht am parteiinternen Karriersprung. Von 1965 bis 1975 war er Landesvorsitzender der SPD in Schleswig-Holstein; seit 1958 gehörte er dem Landtag an.

Jochen Steffen 2Zu den Landtagswahlen 1967 und 1971 wurde er als SPD-Spitzenkandidat nominiert. Bei beiden Wahlen gelang es ihn jedoch nicht, Ministerpräsident zu werden; er musste sich den CDU-Spitzenkandidaten Lemke und Stoltenberg geschlagen geben. Insbesondere die 71er-Wahl-Niederlage, in der er auch medienwirksam durch Bundeskanzler Willy Brandt und einer Wähler-Initiative – angeführt von den Schriftstellern Günter Grass und Siegfried Lenz – unterstützt wurde, nagte an ihm. Die CDU konnte erstmals die absolute Mehrheit erringen und erzielte mit 51,9 Prozent der Stimmen ihr bis heute bestes Ergebnis in Schleswig-Holstein. Die SPD erhielt 41 Prozent (gegenüber 39,4 bei der Landtagswahl 1967).

Kurzzeitig spielte Steffen auch bundespolitisch eine Rolle. 1973 wurde er Vorsitzender der SPD-Grundwertekommission, gab den Auftrag aber im November 1976 zurück, denn " als Mensch, als Person und auch als Politiker halte ich den Widerspruch zwischen unseren Prinzipien und unserer tatsächlichen Politik – nebst ihren propagandistischen Begründungen – nicht aus.“[5]

Dem bundespolitischen Rückzug folgte im September 1977 die Aufgabe seines Landtagsmandats. Ende 1979 trat Jochen Steffen aus der SPD aus. Doch nicht nur das – der "Kieler Jung“ verließ den hohen Norden und zog nach Niederösterreich aufs platte Land und widmete sich von dort aus seiner publizistischen Arbeit und seinen Auftritten als Kabarettfigur "Kuddl Schnööf" (für die er im übrigen auch mit dem Deutschen Kabarettpreis ausgezeichnet wurde). In dessen "achtersinnigen Gedankens“ blieb Steffen seinem politischen und aufklärerischen Anspruch treu, in dem er die aktuelle Politik bissig kommentierte. Dabei nutzte er sprachlich als Stilmittel das "Missingsch“, einem Mix von Hoch- und Plattdeutsch, als Chiffre für die Sprache der "kleinen Leute“.

Für Entspannungspolitik und einen Dialog mit der APO

Bereits auf dem Landesparteitag der SPD 1966 griff Steffen Egon Bahrs Idee des "Wandels durch Annäherung" auf und forderte mit der "Eutiner Erklärung“ die Aufnahme von Gesprächen mit der DDR-Führung. Er suchte nach Wegen zwischen den weltpolitischen Blöcken - so besuchte er neben der DDR auch Präsident Tito in Jugoslawien.

1968 plädierte Jochen Steffen für ein Bündnis der SPD mit den revoltierenden Studierenden. Dem "Spiegel“ gegenüber sagte er, dass es darum gehe, wer die zukünftige Entwicklung einer "modernen Industriegesellschaft“ richtig einschätze: "Wenn sie (die außerparlamentarische Opposition, GSt) falsche Parolen haben, auf Ho Tschi-minh schwören oder auf Che Guevara, dann muß sich die SPD als Partei der sozialen Reformen zuerst einmal fragen, warum die Studenten sich für solche Idole begeistern. Denn die Studenten haben solche Idole doch nur, weil ihnen die politischen Probleme ihrer eigenen Gesellschaft nicht konkret, sondern irrational dargeboten werden."[6]

Für Steffen lagen die Ziele der Arbeiterbewegung nicht nur in der materiell-sozialen Entwicklung des Einzelnen in einer bürgerlichen Gesellschaft, für ihn war die Arbeiterbewegung auch immer eine Emanzipationsbewegung des Individuums in einer solidarischen Gesellschaft. Mit dieser Überzeugung grenzte er sich deutlich von Teilen der außerparlamentarischen Linken ab, die leninistische Parteimodelle und realsozialistische Staaten als gesellschaftliche Alternativen ansahen. Man kann verstehen, dass seine Überzeugung, die in jeder Versammlung von ihm vehement vorgetragen wurde und eine scharfe Kritik vornehmlich an der Politik der DDR einschloss , manchen Linken nicht gerade für ihn, den "Sozi“, einnahm (“Wer hat uns verraten…) und die "Bündnisfrage“ zwischen Jungsozialisten und jungen Kommunisten oftmals in Frage stellte.

Trialektik von Mensch, Gesellschaft und Natur

Jochen Steffen galt als "Parteiintellektueller“, der sein Handeln theoretisch zu untermauern suchte. Ihm ging es dabei nie nur um die Entscheidung von aktuellen Sachfragen, sondern immer um die Lösung langfristiger oder grundsätzlicher Probleme. Und er erwies sich als durchaus lernfähig und wusste sich zu korrigieren, wenn seine Analyse nicht mehr stimmig schien. So hatte er in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre programmatisch noch ganz auf neue und angeblich zukunftsweisende Technologie gesetzt. Schleswig-Holstein sollte die modernste Infrastruktur haben: Autobahnen und Schnellstraßen, Atomkraftwerke sollten die Energie liefern. 1973 begann dann das von Steffen angestoßene Umdenken in der Landes-SPD. Steffen revidierte eine Reihe seiner Positionen und wurde z.B. zu einem entschiedenen Kritiker der Kernenergie.

Jochen Steffen 3In seinem 1974 veröffentlichten Buch "Strukturelle Revolution“ untersucht Steffen philosophisch und politisch die von ihm als "Trialektik“ bezeichnete Einheit von Mensch, Gesellschaft und Natur, ohne deren Beachtung seiner Ansicht nach sich jeder ökonomische Fortschritt aufhebt. In diesem Buch unternimmt Steffen den Versuch, theoretisch fundiert Grundlinien für eine politische Praxis zu entwerfen – jenseits vom real existierenden Kapitalismus ("des Westens“) wie des real existierenden Sozialismus ("Staatskommunismus). Dabei lässt er sich von zwei Prämissen leiten, die seinem Verständnis nach für ein "marxistisches Denken“ essentiell sind:

Erstens: Der Mensch ist ein sich selbst entfremdetes Wesen, das unter der Herrschaft der Produktion steht, die er hervorgebracht hat, statt sie zu beherrschen.

Zweitens: Die Triebkraft gesellschaftlicher Entwicklung und Veränderung ist der Klassenkampf.
"Die Veränderung der Gesellschaft auf Sozialismus hin ist die Triebkraft des Klassenkampfes. Er setzt voraus, dass die Gruppen der arbeitenden Klasse ihre Teilziele und deren Verwirklichung, ausgehend von den realen Bedürfnissen der elenden, Sprachlosen und machtlosen Minderheiten in der Gesellschaft formulieren und anstreben. Geschieht das nicht, tritt an die Stelle des Klassenkampfes um die Veränderung des Ganzen, seiner Ziele und Strukturen, der Kampf der Gruppen in der Klasse. Das würde die Voraussetzungen des Irrationalismus und der Inhumanität des jetzigen sozioökonomischen Systems zementieren.“[7]

Auf die heutige SPD als Regierungspartei angesprochen - jetzt, wo diese Zeilen geschrieben werden, sind gerade 200.000 Euro im Bank-Schließfach des Warburg-Bank-Paten und Olaf Scholz Spezies Kahrs entdeckt worden – würde er vielleicht so antworten:

"Ich versteh die Welt nich mehr. Mein Natalje sacht: ‚Nu, bist du denn vielleicht glücklich über disse Regierung?‘ Ich sach: Tschä, sach ich, tschä, weiß du...ich weiß nich...asso, gewissermaßen...ähem, ähem...“[8]

txt: Günther Stamer

 

Anmerkungen

[1] DER SPIEGEL 41/1987

[2] Joachim Steffen, Strukturelle Revolution.Von der Wertlosigkeit der Sachen. Reinbek 1974, S. 15

[3] Zit nach: Uwe Danker, Jens-Peter Steffen (Hrsg.). Jochen Steffen. Ein politisches Leben. Malente 2018, S. 276

[4] Gerd Börnsen, Erinnerungen an Jochen Steffen. In: Demokratische Geschichte. Band 20. Malente 2016, S. 312

[5] Zit. nach : Gerd Börnsen,a.a.O. S. 324

[6] DER SPIEGEL 27.5.1968

[7] Joachim Steffen, Strukturelle Revolution.Von der Wertlosigkeit der Sachen. Reinbek 1974, S. 29

[8] Jochen Steffen, Kuddl Schnööfs achtersinnige Gedankens…, Hamburg 1972, S. 163

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