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reaktor wannsee dichmachen umbruch bildarchiv17.03.2015: Keine andere Hauptstadt der Welt leistet sich einen Atomreaktor im Stadtgebiet. Der älteste der Bundesrepublik, der Berliner Experimentierreaktor II (BER II), soll jedoch noch bis 31.12.2019 weiter betrieben werden - unmittelbar nahe einem Zehlendorfer Wohnviertel. Wegen eines erheblichen, lange verschleierten Störfalls im November 2013 war er 15 Monate abgeschaltet, dann aber am 18. Februar 2015 still und heimlich wieder angefahren worden. Obwohl BER II nach heutigen Kriterien nicht mehr betriebsgenehmigungsfähig wäre, wird die Betriebsgenehmigung von 1973 nicht zurückgenommen, stellt Alf Jarosch vom Anti-Atombündnis Berlin und Potsdam fest. Deshalb hatte das Bündnis am 5. März ins Rathaus Zehlendorf zu einer Infoveranstaltung über den Katastrophenschutz eingeladen.

 

Mehr als 70 Bürger nahmen daran teil, doch kein einziger der eingeladenen verantwortlichen Politiker kam. Der Bezirksbürgermeister, der Landesbranddirektor und die zuständige Berliner Umweltsenatorin Kolat glaubten, zum Thema „Kernschmelze und kein Plan?“ hätten sie schon alles gesagt.

Kein Handlungsbedarf?

Kazagurama Demo Berlin 070315 UHikschDabei hat dieser dritte in der Bundesrepublik noch verbliebene Forschungsreaktor, verglichen mit Mainz und Garching der bei weitem gefährlichste, als einziger den Stresstest der Reaktor-Sicherheitskommission (RSK) des Bundes nicht bestanden. Im Fall einer noch immer nicht völlig ausschließbaren Kernschmelze würde immerhin ein Zehntel der radioaktiven Strahlung des Supergaus von Fukushima freigesetzt. Der Berliner Senat einschließlich Michael Müller (SPD) – damals fürs Umweltressort zuständig, heute Regierender Bürgermeister – bewertete 2012 das Ergebnis einer weitgehend geheim gehaltenen Befragung durch den TÜV Rheinland als positiv und sah keinerlei Handlungsbedarf, ebenso wenig forderte er den Betreiber zu einer eigenen Untersuchung auf.

Zu einem völlig anderen Ergebnis kam die unabhängig eingesetzte RSK: „Keiner der definierten Schutzgrade ist erfüllbar.“ Die Umweltministerin von Rheinland-Pfalz, die davon erfuhr, veranlasste umgehend für den Mainzer Forschungsreaktor eine tiefgreifende Untersuchung, die Ergebnisse sind seit einem Jahr einsehbar. Der dritte, in Garching bei München, hielte nach RSK-Maßstäben mit seiner riesigen Betonkuppel selbst den Absturz einer brennenden A 380 aus. Der Wannseereaktor befindet sich in einem nach oben hin ungesicherten 40 Jahre alten Fabrikgebäude und hat keine Betonummantelung. Beim größten anzunehmenden Unfall würden auch ohne – bisher nicht berechneten – Treibstoffbrand die Eingreif-Richtwerte für Katastrophenschutzmaßnahmen deutlich überschritten.

Binnen 20 Minuten nach solch einem Unfall, so hieß es 1994 zum Reaktor in einer Untersuchung des nach Hahn und Meitner benannten Vorgänger-Instituts, setzt die Kernschmelze ein. Das leugnet schlicht der heutige Betreiber, das aus einer Fusion hervorgegangenen Großforschungsinstitut Helmholtzzentrum Berlin für Materialien und Energie (HZB). Bei einem worst case würde Strahlung zwischen 52 000 und 72 000 Terra-Becquerel (TBq) freigesetzt. In lediglich 20 Minuten, die vom Trockenfallen der 28 Brennelemente in einem auslaufenden „Schwimmbad-Reaktor“ bis zur trockenen Kernschmelze verbleiben, lässt es sich für Berlin und Potsdam nicht umsetzen, mehr als Zehntausend Menschen aus einem Umkreis von bis zu 20 Kilometern zu evakuieren.

Ineffektiver Katastrophenschutz

reaktor wannsee evakuireungszone freiheit statt angstStephan Worseck wies für das Bündnis nach, dass selbst diese amtlich festgelegten Ausbreitungszonen zu klein sind, weil die Forschungsreaktoren bei den Strahlungsschutzanpassungen für Atomkraftwerke im Bund nach der Katastrophe von Fukushima außer Acht gelassen wurden. Dementsprechend fordert die Bürgerinitiative, die Radien für die Betroffenen von drei Gefahrenzonen in den Berliner West- und Innenstadtbezirken und Teilen Brandenburgs entsprechend um das Zwei- bis Vierfache auszudehnen. Der Durchmesser der äußeren, dann 30 Kilometer umfassenden Zone läge dann auf der Linie vom Kanzleramt bis hin nach Potsdam-Stadt. „Jedem dürfte klar sein, dass diese Empfehlung in Berlin bei mehreren Millionen Menschen nicht umsetzbar ist. Selbst die Verteilung von speziellen Jodtabletten ist kompliziert geregelt und bleibt völlig unklar.“ Damit das Sofortmittel gegen innere Verstrahlungen im richtigen Moment wirken kann, müssen kurz bevor die radioaktive Wolke die Menschen nach den jeweiligen Luft- und Windströmungen erreicht amtliche Messwerte bekanntgegeben sein.

Die vielen Fragen zu den Plänen und dem Vorgehen der Behörden dazu, insbesondere nach dem Desaster der Berliner Teilnahme an einer bundesweiten Katastrophenübung 2013, blieben hier allerdings durch die Politiker-Abstinenz unbeantwortet. „Deshalb kann es keinen wirksamen Katastrophenschutz in Berlin geben. Die einzige sichere Maßnahme ist die sofortige Stilllegung des Forschungsreaktors“, folgert das Anti-Atombündnis. Die Versammlung forderte den Senat entsprechend auf, umgehend die Betriebsgenehmigung zu widerrufen.

Forschung im militärischen Dienst?

Alf Jarosch hatte eingehend eine verharmlosende Selbstdarstellung des HZB – nach seinen Worten ein „Lügen-Video“ – widerlegt und klargestellt, dass in Zehlendorf mit analoger Technik der 70er Jahre (jedoch verdoppelter Leistungsfähigkeit) nach wie vor die Spaltung von Atomkernen und „Null medizinische Forschung“ durch Wissenschaftler und Konzerne des In- und Auslands betrieben wird. Bei den Versuchsreihen am Wannsee, im fünftgrößten Forschungsreaktor der Welt, werden am meisten Neutronenströme für eine stets nebulös gehaltene „Materialforschung“ mit einem neuen, international einzigartigen Hochfeldmagneten herausgefiltert. Sie könnten auch im militärischen Dienst stehen. Der eigentlich für die Solarforschung vorgesehene und finanzierte Supermagnet überbietet den Feldmagnetismus der Erde etwa eine Million Mal und hält Gase eingeschlossen, deren Hitze nach Millionen-Graden kein irdischer Werkstoff standhalten könnte.

Gerade diese Tatsache ist im Kontext zu der seit 2010 bekannten Rissbildung durch Materialversprödung in zwei Schweißnähten zu einer zentralen Kühlmittelleitung in der Nähe des Reaktorkerns zu sehen. Dieser Prozess, der noch 2012 im Abgeordnetenhaus „abgebügelt“ wurde, schritt bis 2013 auf zusammen fast 30 Zentimeter fort und führte zum schnellen Herunterfahren des Reaktors. Die per se anfälligen Schweißnähte sollten den Spalt zwischen der Saugleitung des Primärkreislaufs und der Trennwand zwischen den beiden Hälften des Kühlbeckens schließen. Das HZB hatte die Halbherzigkeit einer 16monatigen Reparatur im Widerspruch zur vorgeschlagenen Vorgehensweise seines ehemaligen Chefkonstrukteurs weitgehend unter den Tisch gekehrt bzw. als normale Wartung angegeben. Dieser geschaßte Mann war aber aus Gewissensgründen bereits vorher warnend in der Fernsehsendung „Kontraste“ aufgetreten und hat bis heute Recht behalten.

Sofort dichtmachen!

Jetzt wurde bekannt, die rissige Beckenhälften-Schweißnaht sei entfernt worden. (?) Stephan Worseck zitierte dazu gültige HZB-Vorschriften für die „vitale Funktion“ des Reaktors im Störfall: Das sicherheitstechnisch ausgelegte Risiko eines „Lochs“ von einem Quadratzentimeter in diesem Bereich bedeute, dass mehr radioaktiv verseuchtes Wasser austritt als nachgefüllt werden kann, damit wenigstens das spaltbare Material beherrschbar unter Wasser bleibt. Mit einem Nachpumpen von 20 Kubikmetern Wasser pro Stunde könnten nach dem Ereigniseintritt maximal noch fünf Stunden überbrückt werden.

Verniedlichte Castorroute nach Übersee

Alf Jarosch ging auch auf die alltäglichen Gefährdungen ein, die nicht länger hingenommen werden können. Im Unterschied zu den Kernspaltungsprozessen in Atomkraftwerken entstehen im Forschungsreaktor neben den benötigten Neutronen im 1:1-Verhältnis auch andere, abzusondernde Stoffe in Form von Plutonium/angereichertem Uran. Der Mengen-Vergleich besagt: Etwa vier Prozent fallen in einem AKW an, aber im BER II sind es 100 Prozent. (Im Jahr 2011 fielen am Wannsee 830 Gramm Plutonium an). Das wird so deutlich im Werbevideo des HZB nicht herausgestellt. Die Brennstäbe kommen aus den USA und werden im ausgebrannten Zustand auch wieder dorthin verbracht, teilt man allerdings verharmlosend mit. Dafür müssen sie allerdings drei Jahre lang zum Abklingen in Zehlendorf gelagert werden, bevor sie dann auf Castor-Transporter geladen und über die Schiene als gefährliche Überseefracht zum Hamburger Hafen geleitet werden. Wendland kann überall sein.

Neben diesen gefährlichen Zwischenlagerungen auf dem HZB-Gelände (ein Endlager ist nicht in Sicht) gibt es gar noch zusätzlichen „Platz“ für eine Zeitbombe in Form einer Landessammelstelle. Sie bleibt allerdings auf den laufenden Anfuhren mit leicht- und mittelradioaktivem Abfall aus der Region „sitzen“. Bei derzeit 53,7 TBq Gesamtaktivität besteht bereits ein erhöhtes Krebsrisiko. Es resultiert aus den jeweiligen Quellen täglich austretender Radioaktivität im Umkreis von mindestens fünf Kilometern um das Helmholtzzentrum. Nachweisbar sind z.B. Jod 131 (die Werte sind hier zweieinhalbmal so hoch wie am AKW Brokdorf), radioaktive Edelgase (etwa gleich hoch wie Brokdorf) und Tritium (hier sind die Werte fünfmal höher als am AKW Philippsburg 2). Sogar das Atomkraftwerk in Krümmel leitet weniger Tritium ab als der Wannseereaktor.

Da sieht es wohl spannend mit einer Antwort des Berliner Senats aus, was er qualitativ unter dem „Aufbau eines Meßnetzes“ versteht. Die schöngeredete „Akzeptanz“ einer Olympia-Bewerbung ist ihm allemal wichtiger als der umgehende Entzug der Betriebsgenehmigung: Noch einen Fünf-Jahres-Marathon – sehenden Auges mit dem Supergau – kann sich Berlin nicht leisten.

Text: Hilmar Franz
(Der Beitrag ist die erweiterte Fassung eines Beitrags für die UZ vom 13.3.2015)

Fotos: umbruch-bildarchiv / Uwe Hiksch / Freiheit statt Angst

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