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Kieler Nachrichten gst 618020.12.2014: Ende November hatte die Geschäftsführung der Kieler Nachrichten eine Weihnachtsüberraschung für ihre „lieben Mitarbeiter“ parat. Diesen wurde mitgeteilt, dass im Rahmen eines redaktionellen Umbaus mehr als 40 Stellen in der Redaktion wegfallen würden. Darüber hinaus seien weitere Stellen im Verlagsbereich ebenfalls gefährdet. Betriebsbedingte Kündigungen seien dabei nicht ausgeschlossen. Deshalb wolle man umgehend Gespräche mit Betriebsrat und Gewerkschaften – ver.di und Deutschem Journalistenverband (DJV) – aufnehmen. Als Grund für diesen „Umbau“ wurde angeführt, dass in Zukunft Artikel und ganze Zeitungsseiten bei einem Dienstleister des Madsack-Konzerns eingekauft würden. „Auch wenn die lokale Geschäftsführung die Maßnahmen verkündet - deutlich spürbar ist die Handschrift des Madsack-Konzerns.“ so ver.di. in einer Stellungnahme. Der Madsack-Konzern besitzt nämlich 49 % der Gesellschafteranteile an den Kieler Nachrichten, den Rest (also die Mehrheit) hält die Heinrich Beteiligungs GmbH. Doch die Mehrheit erhebt offenbar gegen den Madsack-Kurs keinerlei Einwände.

Zu diesem Vorgang passt, dass wenige Tage später bekannt wird, dass eben diese Heinrich Beteiligungs GmbH die Minderheitenanteile an den Lübecker Nachrichten ( 27 Prozent) übernehmen will. Mehrheitsgesellschafter bei den Lübecker Nachrichten ist - wen wundert's - ebenfalls die Madsack-Gruppe: Mit 49 Prozent ist sie direkt beteiligt und an der Verlagsholding Hanseatische Verlags-Beteiligung AG, die 24 Prozent der Anteile hält, ist Madsack mit 23 Prozent beteiligt. Die restlichen Anteile hält eine Stiftung des früheren Herausgebers Jürgen Wessel und des früheren Geschäftsführer Günter Semmerow. Und diese Anteile möchten jetzt die Kieler übernehmen. „Durch das Ausscheiden der bisherigen Minderheitsgesellschafter verschwindet eine für den Madsack-Konzern bislang ungeliebte Sperrminorität. Damit wächst die Macht des Madsack-Konzerns an der gesamten Ostsee-Küste erheblich", so ver.di-Fachbereichsleiter Martin Dieckmann.

Und nach Auffassung von Medienkennern stellt die Übernahme der Minderheitenanteile der Lübecker Nachrichten durch den Mehrheitgesellschafter der Kieler Nachrichten (KN) eine neue Runde im Zentralisierungs-Karussell im Norden dar. Bisher nützte der Madsack Mediengruppe ihre Mehrheit an den Lübecker Nachrichten wenig – wegen der besonderen Rechte des Minderheitsgesellschafters. “Die Wessel-Stiftung legte sich immer wieder quer, bremste Durchmarsch-Versuche aus und sicherte so eine gewisse Unabhängigkeit. Künftig sollen die Kieler Nachrichten – vorbehaltlich der Zustimmung des Bundeskartellamts – als „Madsack-Strohmann“ nun die LN ganz auf die Madsack-Linie bringen, was für den Hannoverander Konzern den Vorteil hat, die kartellrechtlichen Hürden leichter nehmen zu können. Eine direkte Übernahme wäre schwerer darstellbar gewesen. Der Rückzug der Wessel-Stiftung, die sich selbst die 'Förderung des Heimatgedankens in die Satzung geschrieben hat, dürfte einen Durchmarsch der Hannoveraner – mit Kieler Hilfstruppen – im bislang widerspenstigen Nord-Herzogtum ankündigen.“ (www.qualitaet-und-vielfalt-sichern.de, ein gemeinsames Projekt von DGB, ver.di und DJV-Deutscher Journalistenverband)

Radikalumbau der Presselandschaft mit dem Segen der SPD

Die Mediengruppe Madsack ist ein deutscher Medienkonzern mit Sitz in Hannover. Das Kerngeschäft bilden regionale Tageszeitungen in ganz Norddeutschland, Hessen, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Darüber hinaus engagiert sich Madsack in weiteren Mediengattungen (Anzeigenblätter, Online, Apps, TV-Produktion, Hörfunk) und Dienstleistungsbereichen (Logistik, Call-Center). Nach einer Untersuchung der Fachzeitschrift Media Perspektiven ist die Mediengruppe das viertgrößte Verlagshaus Deutschlands. Die SPD ist über ihre Medienholding ddvg (Deutsche Druck- und Verlagsgesellscghaft) mit 20,4 Prozent als größter Einzelgesellschafter an der Mediengruppe Madsack beteiligt.

Mit der Agenda „Madsack 2018“ kündigte die Konzernspitze im Oktober 2013 einen rigorosen Umbau des Konzerns an. Seitdem zieht Konzernchef Düffert ein knallhartes Sparprogramm durch, mit Stellenstreichungen, Tarifflucht und Zentralisierung nahezu aller Bereiche. So beschloss Madsack, das zum Konzern gehörende Kunden Service Center (KSC) in Hannover ganz zu schließen – den Betrieb, deren Beschäftigten 117 Tage für einen Tarifvertrag gestreikt hatten -  einer der längsten Streiks in einem Medienunternehmen.

Ein zentrales Madsack-Projekt ist unlängst mit großem Pomp offiziell eröffnet worden: Das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND), dass alle Madsack-Presseerzeugnisse mit kompletten Seiten beliefert. Diese neue Zentralredaktion soll laut Geschäftsführer Düffert „überregionale Inhalte in einer besseren Qualität bieten, als eine einzelne Regionalzeitung sie allein liefern könnte.“ Diese überregionale Berichterstattung aus den Ressorts „Medien“, „Blick in die Zeit“, „Politik“, „Sport“, „Wirtschaft“ und „Ratgeber“ liefert das RND an 35 Tageszeitungen in der Republik mit einer täglichen Gesamtauflage von mehr als 1,3 Millionen Exemplaren und einer Reichweite von 3,5 Millionen Lesern am Tag aus. „Der rund angelegte Newsroom ist eine journalistische Schaltzentrale auf dem neuesten Stand der Medien-, Büro- und Kommunikationstechnik. Produziert wird an vier crossmedial ausgerichteten Desks. Das Herzstück der Produktion ist die multimediale „Hiperwall“ (4,90 x 2,10 m), die unter anderem für die Seitenproduktion, Videokonferenzen, die Übersicht der aktuellen Nachrichtenlage oder das Abspielen von Bewegtbild parallel genutzt werden kann,“ so die Madsack-Presseerklärung.

Wow! Da war auch der per Video-Botschaft zugeschaltete Außenminister Hans-Walter Steinmeier (SPD) von der „innovativen Antwort auf die großen Herausforderungen, vor denen alle Zeitungsverlage derzeit stehen“ ganz hin und weg. Da kann dann schon mal in den Hintergrund geraten, dass in Blättern mit einer Gesamtauflage von 1,3 Millionen Exemplaren und den dazugehörigen Online-Diensten künftig nur noch journalistischer Einheitsbrei serviert wird. Im Grunde genommen kaufen die Leser zukünftig, wenn sie „ihre Zeitung“ kaufen, eine Art „Geisterblatt“: Zeitungen und Zeitschriften, die zwar wie ein normales redaktionelles Produkt daher kommen, aber keine eigene Redaktion mehr besitzen.

Neben der Verbreitung redaktionellen Einheitsbreis ist eine weitere Konsequenz, dass mehr und mehr schreibende Redakteurinnen und Redakteure vor Ort überflüssig werden. Für das „Lokale“ greift man lieber auf „freie Mitarbeiter“ zurück, mit prekären Arbeitsverträgen ohne soziale Absicherungen. Noch Mitte 2014 war der Verband der Zeitungsverleger Norddeutschlands (VZN) mit dem Versuch gescheitert, den bundesweiten Tarifvertrag für Redakteure zu unterlaufen. Unter dem Eindruck massiver Streiks bei den Kieler und Lübecker Nachrichten (KN, LN) und der Dithmarschen Landeszeitung mussten die Verleger im August einer Übereinkunft zustimmen, wonach die Beschäftigten im Norden auch künftig bezahlt werden wie ihre Kolleginnen und Kollegen im Rest Deutschlands. Der VZN war zuvor vom bundesweit geltenden, nach monatelangen Verhandlungen im April erst erzielten Tarifabschluss zurückgetreten. Er hatte von den Redakteurinnen und Redakteuren erhebliche Abstriche gefordert.

Übel spielt der Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger seinen Zeitungszustellern mit. Die rund 300.000 Kolleginnen und Kollegen sollen mindestens zwei Jahre länger auf den Mindestlohn warten. Ein Erfolg ist die Einführung des Mindestlohns auf jeden Fall für die jungen Menschen, die sich zum Teil über Jahre von Praktikum zu Praktikum gehangelt haben, immer in der Hoffnung auf einen „Klebeeffekt“, der ihnen zu einem festen Job verhelfen möge. Diesem Geschäftsmodell wird nun endlich ein Ende bereitet: Alle, die nach einem abgeschlossenen Studium ein Praktikum absolvieren, das länger als drei Monate dauert und nicht Teil einer Ausbildung ist, haben zumindest Anspruch auf die 8,50 Euro - was ja immer noch wenig genug ist. Der Wermutstropfen für den journalistischen Nachwuchs: Volontariate zählen zu den Ausnahmen.

„Pressefreiheit ist die Freiheit von 200 reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten…Da die Herstellung von Zeitungen und Zeitschriften immer größeres Kapital erfordert, wird der Kreis der Personen, die Presseorgane herausgeben, immer kleiner. Damit wird unsere Abhängigkeit immer größer und immer gefährlicher…“ schrieb Paul Sethe (einer der fünf Gründungsherausgeber der Frankfurter Allgemeinen´) schon 1965.

Fünfzig Jahre später wird der Kreis der Meinungsbilder weiter immer kleiner. Die Presselandschaft bundesweit und auch im Norden wird immer gleichförmiger – die jüngsten Ankündigungen bei der KN und LN sind dafür Beleg. Qualitativer, gut recherchierter Journalismus in den Print- wie online-medien wird auch in Zukunft seinen Leser-Markt finden. Der Rückgang der Auflagenzahlen bei den Presseerzeugnissen hat sicher auch damit zu tun, dass der Leser wenig Neigung verspürt, dasselbe an Inhalt und Darstellung zu lesen, was am Vortag bereits im Fernsehen oder Internet berichtet wurde. Es ist wie mit dem Essen: Trotz Fastfood gibt es viele Menschen, die auch gerne andere Speisen zu sich nehmen. Für ein gut zubereitetes Essen zahlt man gerne einen angemessenen Preis. Genauso ist es mit den Presseerzeugnissen.

Die Presselandschaft in Schleswig-Holstein

Ein Blick auf die Presselandschaft in Schleswig-Holstein zeigt, dass zwei Mediengruppen das Land unter sich aufgeteilt haben. Neben Madsack (Kieler Nachrichten mit einer Auflage von 96.000 Exemplare – einem Minus von 40 Prozent gegenüber 1998 und den Lübecker Nachrichten mit einer Auflage von 99.000 Exemplaren, einem Minus von 12 Prozent seit 1998) gibt es den Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlag (sh:z) mit Sitz in Flensburg. Er ist mit 15 regionalen Tageszeitungen und einer Gesamtauflage von knapp 200.000 Exemplaren der auflagenstärkste Verlag Schleswig-Holsteins. Der sh:z ist, ebenso wie der Zeitungsverlag Schwerin und die A. Beig-Druckerei in Pinneberg, eine hundertprozentige Tochtergesellschaft der medien holding:nord GmbH mit Sitz in Flensburg. Diese hält außerdem eine Beteiligung als größter Einzelgesellschafter mit 20,1 Prozent an der Regiocast, die wiederum an zahlreichen Tochtergesellschaften zum Betrieb regionaler Radioprogramme beteiligt ist (RSH, Delta-Radio, Radio NORA).

Es gibt nur wenige journalistische Inseln in dieser zweigeteilten Presselandschaft: Da gibt es die in Familienbesitz befindlichen Boyens Medien in Heide, die den Kreis Dithmarschen an der Westküste dominieren und die Flensborg Avis, die in Flensburg erscheinende Tageszeitung der dänischen Minderheit. Sie erscheint in dänischer und in deutscher Sprache. Auflage: Knapp 5.000 Exemplare. Die Flensborg Avis ist eine der kleinsten Tageszeitungen in Deutschland und konnte bis heute ihre ökonomische wie redaktionelle Unabhängigkeit wahren. Die Zeitung ist eine Aktiengesellschaft, deren Budget aus selbsterwirtschafteten Einnahmen und einem jährlichen Zuschuss der dänischen Regierung von rund drei Millionen Euro besteht. Und es gibt - als eine Art gallisches Dorf - den Gegenwind, ein seit 1988 erscheinendes politisch-kulturelles Monatsmagazin für Schleswig-Holstein, in dem Themen wie Antifaschismus, Flucht und Asyl, ökologischer Umbau des Energiesektors und Militär- und Rüstungsstandort Schleswig-Holstein regelmäßig thematisiert werden.

Text/Foto:gst

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