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alt28.01.2012:  Drei führende Aktivisten der andauernden Protestbewegung aus Chile begannen am gestrigen Freitag eine Rundreise durch Europa. Zum Auftakt äußerten sich Camila Vallejo (Vizepräsidentin des chilenischen Studentenverbandes FECH und Mitglied der Kommunistischen Jugend), Karol Cariola (Generalsekretärin der Kommunistischen Jugend Chiles - JJCC) und Jorge Murúa (Mitglied im Vorstand der Metallarbeitergewerkschaft CONSTRAMET) in einem Exklusivinterview mit amerika21.de und dem Video-Portal weltnetz.tv zu der Motivation ihrer Rundreise.

"Es geht uns darum, die Vielfalt der chilenischen Protestbewegung darzustellen", sagte Camila Vallejo, die als "Gesicht" der Protestbewegung weltweit bekannt geworden ist. Chile sei immer als "Beispielmodell" für Lateinamerika dargestellt worden. Im Land bestehe jedoch nach wie vor eine "von der Diktatur geerbte politische Institutionalität", die sich hartnäckig gegen jeden Wandel stelle. "Ziel unserer Protestbewegung ist es nicht allein, das Bildungssystem zu reformieren", sagte die 23-jährige. Vielmehr gehe es darum, das institutionelle System des Landes zu verändern und einen "Wandel in der politischen Kultur Chiles" zu erreichen. Die Massenproteste des vergangenen Jahres haben in diesem Bereich schon viel erreicht, so Vallejo. "Nun beginnt nach den Protesten auf der Straße eine neue Phase, in der es darum geht, die Bewegung neu zu organisieren", fügte sie an.

Auch Karol Cariola beschreibt die Bewegung als Höhepunkt eines "langen Prozesses", der 2011 "entfesselt" worden sei. Es handele sich dabei um eine breite Bewegung, die sich nicht allein auf den Bildungsbereich beschränke. "Es geht auch darum, die Arbeitsbedingungen der Jugend und die Überausbeutung der natürlichen Ressourcen des Landes zu thematisieren", sagte die Generalsekretärin der Kommunistischen Jugend Chiles.

Ein Erfolg der Proteste des vergangenen Jahres sei es, dass die rechtskonservative Regierung unter Präsident Sebastián Piñera ein Stück der Hegemonie verloren habe. "Chile war zu lange Zeit eine eingeschlafene Gesellschaft", so Cariola. Die jüngsten, wenn auch zögerlichen Reformen zeigten ebenso wie die niedrigen Zustimmungswerte für Piñera, dass die Menschen "aufgewacht" seien, sagte Cariola. Es herrsche jedoch eine starke Manipulation bei der Darstellung der Proteste. Sie gelte es zu durchbrechen.

Jorge Murúa, der auch Vorstandsmitglied des chilenischen Gewerkschaftsbundes CUT ist, empfindet eine Analyse der Proteste als reine Bildungsproteste als verkürzt. Es habe sich "etwas Solideres" gebildet, sagte Murúa gegenüber amerika21.de. An den Massendemonstrationen hätten sich schließlich auch viele Arbeiter, Umweltaktivisten und Vertreter anderer sozialer Bewegungen beteiligt, so der Gewerkschafter. Dies habe sich zum Beispiel in dem Bündnis "Mesa Social" gezeigt. Gleichzeitig betonte er, dass man auch 20 Jahre nach dem Ende der Militärdiktatur mit "strukturellen Problemen" dieser Zeit zu kämpfen habe. Neue Gesetze wie das "Hinzpeter-Gesetz" des gleichnamigen Innenministers seien die repressive Antwort der rechten Regierung auf die Bewegungen. Weiterhin gebe es Folter und illegale Verhaftungen von Aktivisten.

Chile hat sich in den vergangenen Monaten ruckartig verändert. Die Unzufriedenheit, die sich in der Bevölkerung seit Jahren aufstaute, drückt sich nun in Form von Protesten, Streiks und lärmenden Demonstrationszügen aus. Die Jugendlichen gingen auf die Straße und forderten ein kostenloses und hochwertiges Bildungswesen. Der Konflikt überforderte die Regierung um Präsident Sebastián Piñera, der nach und nach an Beliebtheit verlor, bis er Ende 2011 nur noch auf 23 Prozent kam. Die linke Mitte, die zwanzig Jahre lang den chilenischen Präsidentenpalast La Moneda bewohnte, war gelähmt. Camila Vallejo wurde zur Symbolfigur für diese Metamorphose. Abgeschirmt von einer Gruppe Leibwächter, führte die Akademikerin mit den klaren Augen und dem Nasenpiercing Hunderte von Protestzügen an.

Die chilenische Empörung ist nicht die Folge einer Wirtschaftskrise. Dieses Land wächst um durchschnittlich sechs Prozent jährlich. Die Armut sank von 45 Prozent auf 15 Prozent zwischen 1987 und 2009. Nichtsdestotrotz, die oberen 10 Prozent der Chilenen verdienen 27 mal mehr als die unteren 10 Prozent, gemäß einem Bericht der OCDE (Organisation für Kooperation und wirtschaftliche Entwicklung). “Es gibt erhebliche soziale Ungleichheit, wenig Demokratie und eine nicht tolerierbare Menge an Missbräuchen”, sagte Camila Vallejo in einem Interview mit der Zeitschrift El Pais im Januar 2012:

"Wir arbeiten jeden Tag viele Stunden, wir sind Sklaven der Schulden, wir werden bei den Rechnungen für Licht und Wasser hintergangen und gerade weil wir keine Freizeit haben, fordern wir nicht ein, was uns gerecht zu sein scheint. In uns haben sich Frustration und Unzufriedenheit angestaut. All das brach 2011 auf los. Chile erwachte und wir sind hier um in Frage zu stellen, zu kämpfen und um nicht länger ein Zahnrädchen in diesem System zu sein", erklärte sie.

Einer kürzlich erhobenen Umfrage zufolge, sind 39 Prozent der Bevölkerung “sehr empört”. Eine der Theorien, die man in diesem Land aufgestellt hat, um die Unzufriedenheit zu erklären, bezieht sich auf das Einbrechen der Mittelschicht Chiles, welche in den letzten 20 Jahren die Armut hinter sich ließ. Die Koalition versicherte damals, dass die effektivste Lösung für die Probleme der Ungleichheit das Bildungswesen sei. Das unter der Regierung Pinochets umgesetzte Konzept brachte jedoch keine substanzielle Veränderung und die Resultate blieben mittelmäßig und ungleich. Die Leute wurden dessen überdrüssig und der soziale Konflikt brach auf. Die Familie Vallejo Dowling gehört zu diesen Leuten.

"Als meine Eltern in meinem Alter waren, waren sie arm und kämpften ums Überleben. Damals, als sie sich in der Welt des Theater kennenlernten, mussten sie Empanadas verkaufen, um von etwas leben zu können. Sie gehörten der Kommunistischen Partei an, hatten jedoch keine leitende Position", berichtete die Akademikerin. Auch wenn sie jetzt in einer Mietwohnung im Zentrum Santiagos lebt, so wuchs sie doch einst in der Gemeinde La Florida südlich von Santiagos auf. Hier lebt die Mittelschicht, trotzdem gibt es Baracken, die mit den modernen Zentren und Autobahnen einher existieren. Das war das Szenario, in dem Camila Vallejo anfing "sich über die Lage Chiles aufzuregen". Und als sie in die Universidad de Chile eintrat, die bedeutendste staatliche Universität des Landes, trat sie der Kommunistischen Partei bei.

Auch wenn sie es wohl abstreiten würde, gelegentlich erwies sie sich als eine etwas undisziplinierte Aktivistin. Nach dem Tod Kim Jongs Ils kritisierte sie beispielsweise öffentliche die Entscheidung ihrer Partei, ein förmliches Kondolenzschreiben an Kordkorea zu schicken.

Abgesehen davon, dass sie empört sind, vertrauen die Chilenen auch ihren Institutionen nicht. Eine kürzlich durchgeführte Umfrage zeigt, dass alle den Rückhalt der Bürger verloren haben. Die Streitkräfte, die katholische Kirche, die Massenmedien, die Regierung, die privaten Unternehmen, die Rechtsprechung, der Kongress und die politischen Parteien, die derzeit am geringsten geschätzt werden. Nur etwa 16 Prozent der Chilenen sind der Meinung, dass die Demokratie in diesem Land tatsächlich funktioniert.

In den kommenden zwei Wochen reisen die drei Aktivisten durch Deutschland, Schweden, Italien und die Niederlande. In Deutschland werden sie heute in Frankfurt (Main) und dann in Würzburg (29.1.), Saarbrücken (30.1.), Hamburg (31.1.), Dortmund (1.2.), Braunschweig (2.2.) und München (7.2.) sprechen. Die drei Aktivisten befinden sich auf Einladung der Rosa Luxemburg Stiftung (RLS) und der Bildungsgewerkschaft GEW in Europa.

Quelle: div. Artikel aus Lateinamerikaportal amerika21.de

 

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