Literatur und Kunst
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Peter Handke17.10.2019: Der österreichische Autor Peter Handke erhält den Literaturnobelpreis 2019.

Peter Handke polarisiert seit Jahrzehnten mit seinen Werken und seinen politischen Positionierungen. Er verurteilte den Angriffskrieg der NATO und ihre Bombenangriffe auf Serbien und stellte sich auf die Seite Serbiens. In dem Essay »Gerechtigkeit für Serbien«, das 1996 in der Süddeutschen Zeitung erschienen ist, kritisierte Handke die damalige Berichterstattung über die Rolle der Serben im Jugoslawienkrieg als einseitig.

Dies und seine kritische Haltung zum Kriegsverbrechertribunal in Den Haag, aber insbesondere seine Teilnahme bei der Beerdigung von Slobodan Milošević am 18. März 2006 wurden zum Anlass genommen, ihn als Schriftsteller und Person zu diskreditieren. Dabei wurden seine Motivationen, die zur Erklärung dieses durchaus eigentümlichen Handelns angeführt werden können, nicht oder kaum berücksichtigt. Handke denkt historisch und kennt die historischen Wunden Serbiens, die leider in der Politik des serbischen Nationalismus überlebt haben. Er war von seinem Verständnis her nie »pro-serbisch«, sondern »mit den Serben«.

Mit am meisten Aufregung hat sein Buch »Eine winterliche Reise zu den Flüssen Donau, Save, Morawa und Drina oder Gerechtigkeit für Serbien« hervorgerufen. Doch wer sich in der aufgebauschten Diskussion die Mühe macht, den so inkriminierte Text wirklich zu lesen, wird ins Zweifeln kommen, ob die aktuelle Aufgeregtheit gerechtfertigt ist. Der Autor berichtet darin vor allem von seinem Unbehagen über eine Berichterstattung in Worten und Bildern, die er als einseitig empfand.
Handke wettert gegen Kommentator*innen, die ihre Weisheit mit Löffeln gefressen hatten und die von Anfang an ausschließlich die Serben als Aggressor in der undurchsichtigen jugoslawischen Auseinandersetzung hinstellten, die Bosnier und Kroaten jedoch stets nur als Opfer. Dabei sieht Handke leidende Zivilist*innen auf beiden Seiten, wirft den Serben auch vor, gemordet zu haben ('Srebrenica war das schlimmste Verbrechen gegen die Menschlichkeit') wie er natürlich auch Gräueltaten ihnen gegenüber erwähnt. Diese Skepsis, und dass er abweicht von der verbreiteten Meinung, dass er tiefer blickt, Unbehagen benennt, muss einem Schriftsteller zugestanden werden. Ja es ist von ihm zu erwarten.

"Zu sehr bin ich über die Jahre daran gewöhnt, wie jeder meiner Sätze zu Jugoslawien [...] als ein regelrechtes Delikt bewertet wird."
Peter Handke

In einem Artikel in der Süddeutschen Zeitung appellierte Handke an ein gegenseitiges Zuhören und schreibt: "Lassen wir, was die Kriege in Jugoslawien angeht, alle Vergleiche und alle Parallelen sein." Er besteht auf eine "gerechte" Be-und Verurteilung des Geschehenen. "Wahr ist: Es gab zwischen 1992 und 1995 auf dem Gebiet der jugoslawischen Republiken, vor allem in Bosnien, Gefangenenlager, und es wurde in ihnen gehungert, gefoltert und gemordet. Aber hören wir auf, diese Lager in unseren Köpfen mechanisch mit den Bosno-Serben zu verbinden: Es gab auch kroatische und muslimische Lager, und die dort und dort begangenen Verbrechen werden im Tribunal von Den Haag geahndet. Es gab bosno-serbische, muslimische, kroatische Massaker, die mit diesem Terminus bezeichnet werden können." Dabei stellt er abermals klar: "Ich wiederhole aber, wütend, wiederhole voller Wut auf die serbischen Verbrecher, Kommandanten, Planer: Es handelt sich bei Srebrenica um das schlimmste »Verbrechen gegen die Menschlichkeit«, das in Europa nach dem Krieg begangen wurde." (Süddeutsche Zeitung, 31.5.2006: "Am Ende ist fast nichts mehr zu verstehen")

"Es handelt sich bei Srebrenica um das schlimmste »Verbrechen gegen die Menschlichkeit«, das in Europa nach dem Krieg begangen wurde."
Peter Handke

Den Literaturnobelpreis erhält Handke aber nicht für seine politische Haltung, sondern für seine literarische Leistung. Die Jury des Literaturnobelpreises lobt ihn für seine erzählerische Kunst.

Peter Handke schreibt seit den sechziger Jahren Romane, Dramen und Essays. Bekannt wurde er mit »Publikumsbeschimpfung« und »Die Angst des Tormanns beim Elfmeter«. Im Jahr 2017 erschien der Roman »Die Obstdiebin«.

Handke Immer noch Sturm suhrkampIm Jahr 2010 wurde »Immer noch Sturm« veröffentlicht, in dem Handke den Zweiten Weltkrieg aus Sicht der unterdrückten Kärntner Slowen*innen zeigt. 1941 hatten sich im Bundesland Kärnten im Süden Österreichs Mitglieder der slowenischen Volksgruppe zu bewaffneten Kadern zusammengeschlossen. Bauern, junge Frauen, aber auch zwangsrekrutierte Soldaten auf Heimatbesuch flohen in die Wälder, um dem deutschen Militär Widerstand zu leisten. Peter Handke hat diesen Freiheitskämpfer*innen ein literarisches Denkmal gesetzt.

Günther Stamer hat das Buch im Dezember 2012 für kommunisten.de beschrieben: "Immer noch Sturm" - Peter Handke setzt Partisanen literarisches Denkmal