Literatur und Kunst
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22.01.2015: Am Dienstag den 20.01.2015 veranstaltete das Allerweltshaus in Köln in Zusammenarbeit mit der Rosa-Luxemburg Stiftung NRW eine Diskussionsveranstaltung zu Thomas Piketty´s Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“, welches letztes Jahr auch in deutscher Sprache erschien. Als Referent war der Soziologe und Linksparteipolitiker Joachim Bischoff aus Hamburg geladen. Anspruch des Abends war es einerseits eine kurze Einführung in die wichtigsten Thematiken des Buches zu geben, und andererseits in kritischer Diskussion festzustellen wie weitreichend es wirklich ist, und ob es einem marxistischen Anspruch gerecht wird.

Kurz vor Beginn tummelten sich schon über 60 Gäste im großen Raum des Allerweltshaus im Kölner Stadtteil Ehrenfeld. Nur wenig Zeit später stieg die Anzahl auf 80 Personen, was durchaus als Zeichen dafür gesehen werden kann, welch eine Resonanz das Buch auch hier in Deutschland hatte.

Das Thema Resonanz war auch das Erste des Referenten. Auf größte Nachfrage stieß das Buch nämlich in den USA, dort wo sich die ungleichen Verteilungsverhältnisse am deutlichsten zeigen. Denn in den USA ist der Anteil der „1 Prozent“ am Vermögen zwischen 1978 und 2012 von knapp 25 Prozent auf 40 Prozent angestiegen; die reichsten 0,1 Prozent der US-Haushalte (mehr als 20 Mio. Dollar) haben zwischen 1960 und 2012 ihren Anteil an Vermögen von weniger als 10 Prozent auf über 20 Prozent verdoppelt. Dass die „Top 1 Prozent“ ihren Anteil am Vermögen in dieser Zeit steigern konnten, geht also überwiegend auf die Zunahme des Anteils der obersten 0,1 Prozent zurück.

Diese nun mit Fakten unterlegten Erkenntnisse über die USA, Deutschland, Frankreich und noch 24 weiteren Staaten sei eine der großen Errungenschaften des Buches, so Bischoff. So sei es zum ersten Mal möglich die strukturelle Verschleierung der Vermögen der oberen Zehntausend zu durchbrechen. Ebenfalls sei Pikettys Werk eine grundlegende Kritik der bürgerlichen Ökonomie, da es aufzeige, dass der Kapitalismus eben nicht sich selber im Gleichgewicht halte und im Endeffekt für Wohlstand sorge, sondern zwangsweise zu Ungleichheit, Krieg und Armut führe. Was Piketty allerdings nicht weiter analysiere ist die Art und Entwicklung der Produktion, noch die heutige Lohnstruktur. Ebenfalls außer Acht lasse er die Zinsentwicklung, welche in den letzten Jahren so weit runtergeschraubt wurde (mittlerweile auf 0,050%), dass sie die schon bestehenden großen Vermögen im Wert steigere, und somit direkt zur Vermögensungleichheit beitrage.

Später in der weiteren Diskussion wird immer klarer, dass das „Kapital im 21. Jahrhundert“ nicht unbedingt eine marxistische Analyse ist. Was aber keineswegs bedeutet, dass die Lektüre unbrauchbar oder falsch wäre, soweit sind sich Referent und Teilnehmer des Abends mehrheitlich einig. Und allerdings gibt die Lektüre Argumente und Handwerkszeug für den weiteren Weg in die Hand, um erste Bestrebungen wie die Erhöhung des Spitzensteuersatzes, die Erbschaftssteuer und eine generelle Umverteilung von oben nach unten durchzuführen. Außerdem trägt sie klar zur Politisierung breiterer Bevölkerungsmehrheiten und vor allen Dingen der öffentlichen Medien bei. Aber dass diese Maßnahmen nicht ausreichen werden für einen wirklichen Politikwechsel hin zu einer demokratischeren und solidarischeren Gesellschaft war allen klar, als der Abend sich nach zweieinhalb Stunden dem Ende neigte.

Es bleibt zu sagen, dass das Buch jedem zu empfehlen ist, und als produktiver Beitrag zur aktuellen politischen Diskussion gesehen werden sollte, auch wenn es in mancherlei Hinsicht keine wirklich nachhaltigen Alternativen bietet und es weiterhin mehr als nötig ist Marx mehr in den Mittelpunkt zu rücken.

Stefanos Kontovitsis


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