Literatur und Kunst
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Hanns_Eisler_Bundesarchiv_Bild_183_19204_213227.02.2013: Vier Berliner Februar-Abende „Von Hollywood nach Pankow – Hanns Eisler und die Frauen“ waren Zugnummern im Friedrichshainer Clavier-Cabinett und in der Schwartzschen Villa Steglitz. Christoph Keller, international geschätzter Eisler-Pianist und langjähriger Musikpro-duzent des Schweizer Radios, rückte nach der ersten Auftrittsserie im Zürcher „Cabaret Vol-taire“ mit sängerdarstellerischem Trio und einem Instrumentalisten den „unbekannten“ Eisler ins Rampenlicht. Musikauswahl und Szene ranken sich um private Eisler-Briefe aus den 1940er und 1950er Jahren, die Keller zusammen mit Maren Köster aus der bei Breitkopf und Härtel erscheinenden Hanns-Eisler-Gesamtausgabe zusammenstellte. Die klingenden Zutaten stammen aus reflexiven Exil-Werken „für die Schublade“, vom elegi-schen „Hollywood-Liederbuch“ und der meisterhaften 3. Klaviersonate bis zur „Römischen Kantate“, Dänemark 1937. Für das erste DDR-Jahrzehnt steht nicht das populäre Brechtlie-der-Repertoire, wie es Ernst Busch, Irmgard Arnold oder Gisela May direkt mit Eisler erarbei-teten, sondern der scharf ausgestellte Kontrast zwischen Eislers kurzlebigen Radio-Tagesliedern und seinem Credo in den „Ernsten Gesängen“.

Als Eislers verkörpertes Ich brillierte der singende Schauspieler Helmut Vogel mit Wiener Charme und Dialekt im Focus kritisch-nachsichtiger Frauen (in den Rollen Graziella Rossi, Anna von Schrottenberg).

Lotta – Hedi – Lou – Steffy. Frauen in Hanns Eislers drei Ehen, oder - Hedwig Gutmann - aus zeitweiliger Partnerschaft während der Kampfmusikzeit in Berlin. Jede von ihnen teilte die festen Überzeugungen, meist auch die Ruhelosigkeit des gescheiten Marxisten, streitbaren Komponisten, sanften Skeptikers. Sie begleiteten unterschiedliche Lebens- und Schaffenspe-rioden: die Wiener Jugend im Schönberg-Kreis eingangs der zwanziger Jahre (Charlotte geb. Demant), die produktive, exilerprobte Autorengemeinschaft mit Brecht und Eislers Arbeit am originären Filmmusikprojekt in den USA (Louise Anna geb. Gosztonyi von Abalechota), die spät beginnende Weitergabe von kollektivem u n d eigenständigem künstlerisch-ästhetischem Vermächtnis in der DDR, am Lebensende 1958-1962 (Stephanie geb. Peschel).

Der Kampf gegen Faschismus und Krieg verschlug sie alle an jeweils wechselnde, weit ausei-nanderliegende Orte in der Welt. Steffy, die Jüngste (Jahrgang 1919), wurde mit ihrem ersten Mann Otto Wolf sogar in der französischen Résistance aktiv. Lotta, die Älteste (geb.1894) war 1934 mit dem gemeinsamen Sohn Georg vor den Austrofaschisten nach Bratislava emig-riert, half anderen politischen Flüchtlingen, bevor ihr Moskau 1937/38 befristeten Aufenthalt gewährte. Aus London, wohin sie dann über Prag floh, schrieb sie Hanns am 15. Mai 1938 nach Svendborg: „Hedi ist jetzt dort (in Moskau) sehr einsam, schreibt ihr nicht, bevor sie nicht selbst geschrieben hat.“ Hedwig war nach einem gemeinsamen Arbeitsaufenthalt mit Hanns (1932) eingebürgert. Sie arbeitete beim deutschsprachigen Dienst von Radio Moskau, ab 1934 beim Marx-Engels-Institut mit, war Deutschlehrerin und geriet aufgrund von Ver-dächtigungen in stalinistische Massenrepressalien. Im Mai 1941, nur Tage vor ihrer Verhaf-tung am 23. Juni, traf auch Brecht Hedi in Moskau und signalisierte Eisler auf der Weiterreise ins USA-Exil: „Sie arbeitet schwer.“ Dass Hedi 14 Gulag-Jahre in Sibirien überlebte, erfuhren Eisler und Brecht 1955 in Berlin. Eisler unternahm sofort Schritte, um ihr die Rückkehr nach Pankow zu ermöglichen. Dort pflegten seine Frau Steffy und Hedi bald enge Freundschaft.

Es heißt, Lous prägender Einfluß auf Eisler sei dem von Brecht oder Schönberg nahegekom-men. Die Publizistin war mit Eisler in zweiter Ehe von 1937 bis 1955 verheiratet und lebte, die entscheidenden Exiljahre eingeschlossen, am längsten mit ihm zusammen. Ab 1933 blieb sie an Eislers Seite, quer durch Europa, von der Ost- an die Westküste der USA, erledigte als dessen (fremdsprachige) Sekretärin Korrespondenzen, assistierte, lektorierte und organisierte. Schließlich durchlebte sie mit Eisler den dramatischen Kampf und die Solidarität gegen seine Ausweisung aus den USA, ergangen 1948 unter McCarthy.

New York, Sommer 1942. Sichtlich genervt in einer Warteposition auf Abruf, erwartet Lou beinahe täglich hoffnungs- und womöglich liebevolle Zeilen von Hanns dem Quartiermacher im kalifornischen „Paradies“. Der lässt sich nur vage über Langweiler aus, erspart ihr, wie chancenlos vorerst der broterwerbssichernde Einstieg in die Filmbranche beim täglichen nutz-losen „Klinkenputzen“ erscheint. In dieser Situation geraten ihm die von Lou geforderten Liebesbriefe karg, nüchtern - oder gar nicht. Im abgewandelten Schiller-Zitat wünscht er sich einmal „Unter Larven die fühlende Brust“, in einem absurden Spiegelkabinett also die Nähe seiner „Katze“: das Äußerste eines abverlangten Zu-Geständnisses.

Auch als Komponist wollte Eisler nichts schreiben, was individuell nur einen begrenzten Sinn hat oder sich pathetisch gibt. Die „Kleine Musik zum Abreagieren sentimentaler Stimmun-gen“, die der Hanns 1930 seiner Hedi widmete, kündigte Christoph Keller witzig im Agit-prop-Stil an, trug aber ernsthaftem Ausdruck Rechnung. Tatsächlich sah sich Eisler stets als Boten, der im Auftrag der Arbeiterbewegung etwas Nützliches abzuliefern habe. Er hoffte schon deswegen auf einen gesellschaftlichen Sieg der Vernunft über die in Europa vorherr-schende faschistische Demagogie, über die in Klischees geronnene Musik-Sentimentalität der Hollywoodstudios, damit es vom ästhetischen, gefühlsbereinigten Kulturverständnis der neu-en, aufsteigenden Klasse aus eines Tages wieder möglich werde, „angewandte“ und zugleich kunstvolle Musik zu machen.

Öfter als die Schuhe die Länder wechselnd: Geradezu leitmotivisch hatte der Abend mit zwei Versionen von Brecht/Eislers Bitte um Nachsicht „An die Nachgeborenen“ begonnen. Die schönbergisch geschärfte Erstvertonung aus dem Exiljahr 1937 hat gegenüber der volkstümli-cheren Fassung für Ernst Busch von 1955 den haftenden Reiz des scheinbar „Neuen“. In ü-bergreifenden Programmblöcken machte es Sinn, dass die gleiche Sängerin Anna von Schrot-tenberg Eislers „Botenauftrag“ zur „Botschaft“ hin weiterführte. Die ebenfalls 1937 entstan-dene „Römische Kantate“ nach Ignazio Silone, die semantisch auch als „Moskauer Kantate“ gehört werden kann, thematisiert die um sich greifende fanatische Willkür gegen „Volksfein-de“ und erklärt sie aus einer pathologischen Angst heraus. Mit dem Ethos eines verheißenen künftigen Glücks, nämlich „leben ohne Angst zu haben“, angefüllt mit Hoffnungen nach dem „XX. Parteitag“, setzte sich Eisler 1962 im letzten vollendeten Hauptwerk, den „Ernsten Ge-sängen“, auseinander. Oft erinnerte seine Frau Steffy, der er diese vier Orchesterlieder wid-mete, an die im Opus niedergelegte Lebensbilanz, den Hölderlin-Gesang „Komm ins Offene Freund“: „Möge der Zimmermann vom Gipfel des Daches den Spruch tun, / Wir, so gut es gelang, haben das Unsre getan.“

Text: Hilmar Franz   Foto: Wikimedia


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