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Lothar Geisler swKommentar von Lothar Geisler [1]

20.11.2019: In der internationalen Wissenschaftler-Community zeichnet sich peu à peu ein Konsens ab, die gegenwärtige erdgeschichtliche Epoche "Anthropozän" zu nennen und damit anzuerkennen, dass wir in eine neue Periode der Erdgeschichte eingetreten sind. Das Neue: "die Menschheit" hat einen entscheidenden Einfluss gewonnen auf den Zustand, die Dynamik und die Zukunft der Erde, d.h. auf Tempo und Tiefe der biologischen, geologischen, atmosphärischen Veränderungsprozesse auf unserem Planeten.

Das ist ein quantitativer und qualitativer Bruch bezüglich aller früheren geologischen Epochen mit dem Potenzial, unsere natürlichen Lebensgrundlagen als Gattung zu gefährden.

Umstritten ist noch, wann exakt diese Epoche angefangen hat. Mit der industriellen Revolution, sagen einige wenige, die den Begriff "Kapitalozän" bevorzugen. Nicht ganz falsch. Aber auch nicht ganz überzeugend. Zumindest überdeckt das dreierlei:

1.) den beachtlichen Fortschritt in der kapitalistischen Produktionsweise seit ihrer Frühphase, in der -zumindest in den Zentren- höhere Standards bezüglich Arbeits- und Umweltschutz erkämpft (!) werden konnten;

2.) die Möglichkeit - bei genügend großem Druck - noch unter kapitalistischen Verhältnissen weitere, unsere Lebensgrundlagen sichernde Fortschritte zu erreichen, womit ich weder das laue Klimapaket der Bundesregierung meine noch hochriskantes "Geo-Engineering", für das sich traditionell auch der Militärisch-Industrielle-Komplex sehr interessiert;

3.) die historische Erfahrung, dass die Lösung der Eigentums- und Machtfrage im Sozialismus eine wichtige, aber keineswegs ausreichende Bedingung für eine ressourcen- und umweltschonendere Produktionsweise ist, wenn ich so an meine Delegationsreisen als junger Chemielaborant ins Chemie-Dreieck zwischen Halle, Merseburg und Bitterfeld in der 1970ern zurückdenke.

Eine internationale Anthropozän-Arbeitsgruppe datiert den Beginn des "Anthropozän" auf Mitte des 20. Jahrhunderts und begründet das mit der großen Beschleunigung der globalen Wirtschaftsentwicklung nach dem Zweiten Weltkrieg. Diese Beschleunigung war verbunden mit enormen z.T. exponentiellen Steigerungen bei der Nutzung fossiler Brennstoffe, bei Kohlendioxidemissionen, Versäuerung des Ozeans, Artensterben (und Verlusten in der biologischen Vielfalt im Allgemeinen), Störungen des Stickstoff- und Phosphorkreislaufs (u.a. durch Überdüngung in der Landwirtschaft), Erschöpfung des Süßwassers, Waldverlust und chemischen Verschmutzungen aller Art. Das unbestreitbare Ergebnis ist eine planetarische ökologische Notlage, die allein durch Symbolpolitik, "Shame-Kampagnen", individuelle Konsumveränderung oder folgenlose Ausrufung des Klima-Notstandes nicht gelöst werden kann.

Kleiner Einschub ohne Klugscheißerei: Wir bundesdeutschen Kommunist*innen haben in den Thesen unseres 1986er (!) Parteitages in Hamburg (weit vor Tschernobyl!) formuliert: "Mit dem Voranschreiten der wissenschaftlich-technischen Revolution werden nach Art und Umfang menschliche Eingriffe in die Natur vorgenommen wie nie zuvor. Die Vorkehrungen zum Schutz der Umwelt sind dahinter zurückgeblieben. Angesichts der Begrenztheit wichtiger Naturstoffe und der begrenzten Belastbarkeit der Umwelt besteht erstmals in der Geschichte eine Gefahr für die Lebensgrundlagen der Menschheit. Eine Krise neuer Art ist entstanden: die ökologische Krise, die sich zu einer ökologischen Katastrophe auswachsen kann." (These 19 "Die ökologische Krise und die Erfordernisse einer demokratischen Umweltpolitik")

Nichts – aber auch gar nichts- von dem, was wir vor 30 Jahren zu diesem Themenkomplex weitergehend analysiert und an Forderungen für eine demokratische Umweltpolitik und für unseren Umgang mit "neuen sozialen Bewegungen" entwickelt haben, ist heute überholt! Klaro, auch wir sind nicht "am Ball" geblieben. Uns bewegten nach Tschernobyl und erst recht nach 1989/90 (zu lange) andere, spezifische Überlebensfragen.

Aber wenn heute die ökologische Krise und die Möglichkeit einer globalen Katastrophe im Alltagsbewusstsein von Millionen Menschen angekommen ist und 1,4 Millionen Bundesbürger*innen verschiedensten Alters, sozialer Herkunft, weltanschaulicher und politischer Orientierung auf die Straße gehen, um endlich politische Taten für den Erhalt unserer Lebensgrundlagen zu fordern, konkret die Umsetzung der Pariser Klimaziele, dann können wir doch als Kommunist*innen (mit Recht!) stolz auf unseren kleinen Verein sein, der in der Vergangenheit noch heute zutreffende Analysen, brauchbare Lösungsvorschläge, denkanstößige Diskussionsangebote und argumentatives Handwerkszeug erarbeitet hat. Und wir haben aus vielerlei Gründen vor Ort auf der Straße vorne dabei zu sein.

Aber zurück zum Beginn des Anthropozäns: ich persönlich bevorzuge da den August 1945. Es gibt keinen symbolträchtigeren "Geburtstag" als den doppelten US-Atombombenabwurf auf die Zivilbevölkerung von Hiroshima und Nagasaki. Da hat eine bestimmte Sorte Mensch (präziser eine bestimmte "Klasse") erstmals tatkräftig mit diesem Menschheitsverbrechen bewiesen, zu was sie bereit und in der Lage ist. Bis heute haben die Atommächte -allen voran die USA- mit weiteren 2058 Atomwaffentests (ein Viertel davon überirdisch) Luft, Wasser und Boden durch langlebige Nuklide verseucht. Ob sie damit für 430 000 oder über 3 Millionen zusätzliche Krebstote verantwortlich sind, darüber streiten die Experten.

Dass das atomare "Gleichgewicht des Schreckens" zwischen den Systemblöcken ("Wer zuerst bombt, stirbt als Zweiter") im (alten) Kalten Krieg friedenssichernd war, behaupten Militärstrategen noch heute. Unterm Strich haben wir vermutlich bezogen auf die drohende atomare Vernichtung einfach nur Glück gehabt. Aber es muss ja auch gar nicht der "Große Krieg" sein. Schon ein "kleiner" Atomkrieg z.B. zwischen Pakistan und Indien birgt die Gefahr globaler Verwüstungen durch tödlichen "Nuklearen Winter".

Und in welchem Umfang "konventionelle" Kriege mit nicht-nuklearen, auch biologisch-chemischen Waffen und Hinterlassenschaften die Erde großflächig unbewohnbar machen und das Leben nachhaltig gefährden, auch weil jeder Euro, Dollar, Rubel, Yuan, der für destruktive Rüstungsprojekte ausgegeben wird, für die konstruktiven Lösung sozialer, ökologischer Probleme und die Entwicklung einer ressourcen- und umweltschonenden Produktionsweise nicht mehr zur Verfügung steht, kann hier nicht ausargumentiert werden.

Eins ist auf jeden Fall klar: Klima- und Friedensbewegung gehören zusammen. Insofern waren viele kommunistische Friedensaktivist*innen am "globalen Klima-Streiktag" im September auch ohne "Anweisung von oben" auf der Straße. Denn (alte) Friedens- und (junge) Klimabewegung sind zwei Abteilungen der gleichen Bewegung gegen das möglich gewordene Aussterben der Menschheit. Und sie müssen und können voneinander lernen. Und aus der Geschichte, z.B. aus den Erfahrungen, des "Stockholmer Appells", der am 19. März 1950 eine weltweite Bewegung initiierte, um die Atombombe samt und sonders zu verbieten und den Ersteinsatz der Atomwaffe als Kriegsverbrechen anzuprangern.

Diese wichtigste Erfahrung war und ist für heute: gegenseitige Akzeptanz aller Aktiven, ihrer unterschiedlichen Motive, Überzeugungen, Analysen und vor allem: "Keine Sektiererei!"

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Dieser Kommentar von Lothar Geisler wurde in der Ausgabe der Zeitschrift »Marxistische Blätter« 6-19 vom 15. November 2019 veröffentlicht.

[1]   zur Person:

Lothar Geisler ist Redakteur der Zeitschrift »Marxistische Blätter« und Geschäftsführer des Neue Impulse Verlags.
1963 in Frankfurt a. Main gegründet sind die Marxistischen Blätter die älteste unter den existierenden marxistisch orientierten Zeitschriften in Deutschland. Die Marxistischen Blätter stehen in enger Verbindung mit der DKP, ohne formell und inhaltlich ein »Parteiblatt« zu sein.

Die Marxistischen Blätter erscheinen zweimonatlich, mit 112 Seiten, im Neue Impulse Verlag https://www.neue-impulse-verlag.de/


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siehe auch: Wirtschaftskrieg gegen Cuba

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