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Samsung SHARPS Demo 126.11.2018: Der 23. November 2018 war ein großer Tag für die Arbeiterbewegung in Korea ++ Gewerkschaftsaktivist*innen zwingen Samsung nach jahrelangem Kampf zum Einlenken ++ Samsung muss sich bei Opfern und Hinterbliebenen der krankmachenden Arbeitsbedingungen entschuldigen und zahlt Entschädigung ++ der Kampf geht weiter

Der 23. November 2018 war ein großer Tag für die Arbeiterbewegung in Korea. Samsung Electronics Co. Ltd., einer der mächtigsten und skrupellosesten Konzerne des Landes, musste sich öffentlich dafür entschuldigen, dass die gefährlichen Arbeitsbedingungen zu Krankheiten und Todesfällen von Beschäftigten geführt haben. Die Betroffenen werden finanziell entschädigt.

Damit haben die Gewerkschaftsaktivist*innen, die sich vor mehr als zehn Jahren in der Gruppe SHARPS (Supporters for the Health And Rights of People in the Semiconductor Industry, dtsch.: Unterstützer*innen für die Gesundheit und Rechte der Beschäftigten in der Halbleiterindustrie) zusammenschlossen, einen wichtigen Sieg errungen.

Samsung ist der mit Abstand größte Mischkonzern in Südkorea. In den Kernunternehmen der Samsung-Gruppe arbeiten knapp eine halbe Million Menschen, in dem ausgedehnten und verschwommenen Netzt von Subunternehmen und Zulieferern, das sich durch die ganze asiatische Region zieht, sind es insgesamt ungefähr 1,5 Millionen Menschen.

 

"Wenn Sie immer noch glauben, dass Unternehmen heute zu mächtig sind, um herausgefordert zu werden, oder Sie immer noch an der Macht der einfachen Menschen zweifeln, sich der Brutalität und dem Machtmissbrauch von Unternehmen zu widersetzen und sie zu besiegen, dann haben wir hier einige Neuigkeiten für Sie: Eine kleine Gruppe von Gewerkschaftsaktivist*innen hat gerade einem der bösartigsten und mächtigsten Unternehmen der Welt nach einem langen Kampf große Zugeständnisse abgerungen."

Erklärung von SHARPS

 

"Es ist wirklich bedauerlich, dass die Probleme der Arbeiter*innen, die durch die chemische Belastung am Arbeitsplatz krank geworden und gestorben sind, mehr als zehn Jahre lang ungelöst blieben. Nur weil sie arme Menschen ohne Geld und Einfluss waren", sagte Hwang Sang-ki, ein SHARPS-Gründer und 63-jähriger Taxifahrer. (im Foto oben mit Plakat) Seine damals 21jährige Tochter war im Jahr 2007 an Leukämie verstorben. Sie hatte in der Halbleiterproduktion von Samsung gearbeitet und sich die Krankheit durch fehlenden Arbeitsschutz beim Umgang mit giftigen Chemikalien zugezogen.

Samsung THE TRUTHZur Herstellung von Halbleitern, Mobiltelefonen und LCDs werden giftige und oft krebserregende Materialien wie Arsen, Aceton, Methan, Schwefelsäure und Blei verwendet. Samsung hielt Berichte über verwendete Chemikalien zurück und klärte die Arbeiter*innen nicht über die damit verbundenen Gefahren für die Gesundheit auf.

Trotzdem konnte SHARPS bei weiteren 320 gesundheitlich schwer geschädigten ehemaligen Samsungbeschäftigten belegen, dass deren Krankheiten durch fehlenden Arbeitsschutz verursacht sind. Von ihnen sind 118 zwischenzeitlich gestorben.

Jahrelang kämpften die Aktivist*innen von SHARPS für die Anerkennung als Berufskrankheit und für die Verbesserung der Arbeitsbedingungen. Unterstützt wurde Samsung von Regierungen und staatlichen Institutionen. Die Polizei drangsalierte die Gewerkschaftsaktivist*innen, Anti-Aufstandseinheiten verprügelten und inhaftierten sie. Aber sie gaben nicht auf.

Samsung SHARPS Gruendung

    Samsung SHARPS Han Hye kyung

Am 20. November 2007 wird SHARPS
von Hwang Sang-ki und einigen anderen Aktivist*innen gegründet.
Im unteren Bild Han Hye-kyung, die durch die arbeitsbedingte Erkrankung an den Rollstuhl gefesselt ist.

 

"Alles, was nicht zu Gunsten von Samsung war, wurde als Geschäftsgeheimnisse eingestuft und geheim gehalten", sagte Lim Ja-woon, ein Anwalt für 15 kranke Samsung-Arbeiter*innen. Sogar die koreanische Arbeitsschutzbehörde Korea Occupational Safety and Health Agency (KOSHA) erklärte, dass die Betriebsgeheimnisse von Samsung Vorrang hätten. "Wir müssen die Geheimnisse bewahren, die unseren Kunden gehören", sagte Yang Won-baek von KOSHA. (Anm.: Die Parallelen zu dem aktuellen Skandal in Deutschland und der EU zu gesundheitsgefährdenden Implantaten sind nicht zufällig, sondern systembedingt.)

Aber die SHARPS-Aktivist*innen gaben nicht auf. Im Jahr 2014 wurde ein unabhängiger Vermittlungsausschuss gegründet. Nachdem die Bemühungen von Samsung, den Ausschuss in seinem Sinne zu manipulieren, scheiterten, schied Samsung im Oktober 2015 aus dem Gremium aus. Am 8. Oktober 2015 begann SHARPS mit einem Sit-in vor der Konzernzentrale von Samsung. Das Sit-in dauerte 1.023 Tage bis Juli 2018.

Samsung SHARPS Sit In 1023 Tage Sit-in vor der Konzernzentrale

  

Samsung SHARPS Sit In Winter

 

 

Parallel startete der Internationale Gewerkschaftsverband ITUC  mit Labourstart, einem internationalen Solidaritätsnetzwerk für Arbeitsrechte, und unterstützt von IndustrialAll, eine Solidaritätskampagne, in der die südkoreanische Regierung aufgefordert wurde, inhaftierte Gewerkschafter*innen freizulassen und die Grundrechte der Arbeiter*innen zu achten.

 

siehe
Samsung: "Die Welt verbessern"- mit mittelalterlichen Arbeitsbedingungen
 

 

Samsung SHARPS Demo 3Die Aktionen von SHARPS und die internationale Kampagne, zusammen mit dem wachsenden Druck von Menschenrechtsgruppen auf der ganzen Welt, verdichteten sich zu einem kritischen Moment für Samsung, als im Oktober 2016 das Vorzeigemodell Galaxy 7 Note vom Markt genommen werden musste, nachdem bei einigen Exemplaren die Batterie explodiert war. Ein Riesenflop für Lee Jae Yong, den Sohn des Firmengründers, der dabei war, die Führung des Konzerns zu übernehmen. Noch dazu wurde im Januar 2017 gegen Lee Jae Yong ein Strafverfahren im Rahmen der Korruptionsaffäre um Präsidentin Park Geun-hye eröffnet, im August 2017 wurde er zu einer fünfjährigen Freiheitsstrafe verurteilt.

Am 10. Mai 2017 wurde der Menschenrechtsanwalt Moon Jae-in zum Präsidenten Koreas gewählt, nachdem die vorherige Präsidentin Park Geun Hye im März 2017 aus dem höchsten Staatsamt entfernt wurde. Die Ermittler beschuldigten die Clique um die Präsidentin, von Samsung Bestechungsgelder in Millionenhöhe entgegengenommen zu haben. Zwei Tage vor der Wahl unterzeichneten die Partei Minjoo des heutigen Präsidenten und SHARPS ein Abkommen, das darauf abzielt, das Berufskrankheitscluster von Samsung Electronics Co. Ltd. zu lösen. Minjoo versprach, sich dafür einzusetzen, dass die Verhandlungen zwischen Samsung und SHARPS wieder aufgenommen werden, "um eine gerechte Lösung für das Problem der Berufskrankheiten von Samsung-Arbeiter*innen zu finden".

Samsung Moon Jae in Praesident Korea

Moon Jae-in, Präsidentschaftskandidat der Partei Minjoo, traf sich am 13. März 2018 mit Han Hye-kyung, einem Samsung-Opfer, bei einer Massenkundgebung in Seoul.   

 

Unter dem wachsenden Druck unterzeichnete Samsung Electronics Co. Ltd. am 24. Juli 2018 mit SHARPS eine Vereinbarung, nach der ein externer Vermittlungsausschuss unter Leitung eines ehemaligen Richters am Obersten Gerichtshof bis Oktober einen Schlichtungsvorschlag über die Berufskrankheitscluster des Technologiekonzerns vorlegen soll. Der Vorschlag solle Samsung verpflichten, sich bei den Opfern der Gruppe öffentlich zu entschuldigen, sie nach neuen Kriterien zu entschädigen und die Maßnahmen zur Arbeitssicherheit zu überarbeiten. Samsung verpflichtete sich, den Schlichtungsspruch anzuerkennen.

Daraufhin wurde das Sit-In vor der Konzernzentrale nach 1.023 Tage beendet. Die Mauer des Schweigens über die tödlichen Arbeitsbedingungen in einem der größten und modernsten Unternehmen der Welt, das sich nach wie vor seiner gewerkschaftsfeindlichen Politik als Kern seiner Unternehmenskultur rühmt, war endgültig durchbrochen.

Samsung entschuldigt sich und bezahlt Entschädigung

Am 23. November 2018 war es so weit. Samsung Electronics Co. Ltd. entschuldigte sich öffentlich bei "den betroffenen Mitarbeitern und ihren Familien", die durch die gesundheitsgefährdenden Arbeitsbedingungen erkrankten und starben. "Unsere lieben Mitarbeiter und ihre Familien haben lange Zeit gelitten", sagte Kim Ki-nam, Direktor des Bereiches Gerätekomponenten, "aber Samsung Electronics hat sich früher darum nicht geschoren. Unsere Bemühungen waren nicht ausreichend, um ihren Schmerz zu lindern und ihn umgehend zu mildern". Er versprach, dass "Samsung Electronics als gesunder und sicherer Arbeitsplatz wiedergeboren" werde.

Samsung SHARPS 2018 11 23Nachdem er die Entschuldigung gelesen hatte, verbeugte sich der Samsung-Direktor tief und trat vom Podium, um SHARPS-Gründer Hwang Sang-ki und anderen Opfern die Hand zu geben, eines im Rollstuhl und eines mit einem weißen Stock.

Allerdings war die 929 Worte umfassende Entschuldigung nicht um ein Wort länger als von der Schiedskommission vorgegeben. Auch wurde nicht aufrichtig zugegeben, dass die Arbeitsbedingungen die direkte Ursache für Krankheiten und Todesfälle waren.

"Um ehrlich zu sein, die Entschuldigung des Direktors von Samsung, die dieser heute abgegeben hat, reicht den Opfern und ihren Familien nicht aus", sagte SHARPS-Gründer Hwang Sang-ki in seiner Antwort. "In der Tat wird keine Entschuldigung ausreichen, angesichts unzähliger Täuschungen und Beleidigungen von Seiten Samsung, und der Qualen durch Berufskrankheiten und des Schmerzes beim Verlust ihrer geliebten nächsten Verwandten." Er fuhr fort: "Ich bin froh, dass ich das Versprechen, das ich meiner Tochter Yumi gegeben habe, einlösen kann. Ich kann jedoch nicht vergessen, unter welchen Qualen meine Familie und Yumi leiden mussten. So viele Menschen haben den gleichen Schmerz."

Entschädigung

  • Samsung wird ehemalige und gegenwärtige Arbeiter*innen, die zwischen dem 17. Mai 1984 und dem 31. Oktober 2028 für mindestens ein Jahr in den Halbleiter- und LCD-Werken von Samsung und seinen Auftragnehmern beschäftigt waren, für Blutkrankheiten, Krebserkrankungen und Lungenerkrankungen entschädigen.

  • Die Obergrenze für die individuelle Entschädigung wird auf 150 Millionen Won festgelegt (ca. 132.667 US-Dollar).

  • Samsung wird bis zu 5 Millionen KRW (4.400 USD) für genetische Störungen zahlen, die beruflich verursacht wurden.

  • Samsung wird 3 Millionen KRW und 1 Million KRW für Totgeburten und Fehlgeburten zahlen.

  • Samsung stellt 50 Milliarden KRW (44,4 Millionen USD) für die Verbesserung der Sicherheit und Gesundheit der Arbeiter*innen in der Elektronikindustrie zur Verfügung; das Geld wird von der Korean Occupational Safety and Health Agency (KOSHA) verwaltet.

"Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass der Fonds aus dem Schweiß und der Mühe der Arbeiter aufgebaut ist."

Die Entschädigungszahlungen seien lobenswert, sagte SHARPS-Aktivist Hwang Sang-ki in seiner Rede, "weil es keine leichte Entscheidung für Samsung ist". Er verwies aber darauf, dass die Gelder von den Arbeiter*innen erwirtschaftet worden sind. "Wir dürfen jedoch nicht vergessen, dass der Fonds aus dem Schweiß und der Mühe der Arbeiter aufgebaut ist."

"… unerledigte Aufgaben"

Samsung SHARPS Hwang Sang kiUnd weiter sagte Hwang Sang-ki: "Wir alle haben noch unerledigte Aufgaben. Berufskrankheiten sind nicht auf die Chip- und LCD-Geräte von Samsung Electronics beschränkt. Es gibt Mitarbeiter, die durch Gefährdungsexposition bei Samsung Electro-Mechanics, Samsung SDS, Samsung SDI und vielen anderen Samsung Tochtergesellschaften erkrankt sind. Es gibt ähnliche Opfer bei Samsung im In- und Ausland. Ich hoffe, dass Samsung ein umfassenderes System für alle Opfer einführen wird. …

Bei Berufskrankheiten ist Prävention wichtiger als Kompensation. Das Arbeitsschutzgesetz muss verschärft werden, um sicherzustellen, dass die Beschäftigten und auch alle Bürger wissen, welche Chemikalien an ihren Arbeitsplätzen verwendet werden, und ein Mitspracherecht darüber haben. Es ist schwierig für die einzelnen Arbeiter*innen, die Sicherheit ihrer Arbeitsplätze zu überwachen und Alternativen anzubieten. Dies ist insbesondere an nicht gewerkschaftlich organisierten Arbeitsplätzen unmöglich. Samsung hat die Gewerkschaften im In- und Ausland unterdrückt. Samsung, muss sich auch dafür entschuldigen und versprechen, das Recht auf die Bildung von Gewerkschaften zu respektieren. Samsung und alle anderen Konglomerate haben gesundheits- und umweltgefährdende Arbeitsplätze nicht verbessert, sondern an kleinere Unternehmen im In- und Ausland ausgelagert. Um dies zu beenden, sollten die Regierung und die Nationalversammlung eine Gesetzgebung einführen, die die ursprünglichen Auftraggeber strikt zur Verantwortung zieht, und Unternehmen sollten mit gutem Beispiel vorangehen, indem sie Rechenschaftspläne für Sicherheit und Gesundheitsschutz bereitstellen."


Quellen:

 

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