"Aber wer liest heute noch Lenin?"

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Lenin-mit-Laptop08.08.2017: "Lenins Imperialismustheorie, geschrieben vor nunmehr einhundert Jahren, hatte klar vor Augen, dass das relativ privilegierte Leben der Lohnarbeiterschaft in den kapitalistischen Metropolen maßgeblich den geradezu märchenhaften Profiten geschuldet war, die durch die außereuropäische Kolonialherrschaft  erwirtschaftet und und in die europäischen Herrenländer zurück geschleust wurden. Aber wer liest heute noch Lenin?" stellt bedauernd Stephan Lessenich, Direktor des Instituts für Soziologie an der Universität München und Ko-Vorsitzender der Partei 'mut' in seinem aktuellen Buch "Neben uns die Sintflut" fest. (1)

 

Dass zu ändern, hat der Berliner "Verlag 8. Mai" eine kritische Neuausgabe von Lenins "Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus" herausgebracht (im Folgenden zitiert mit K.N.). Neben dem 127 Seiten Lenin-Text beleuchten zwei einleitende Essays aus unterschiedlichem Blickwinkel die Aktualität dieses Werkes. Darüber hinaus ist der vorzügliche Herausgeberkommentar hervor zu heben, der Lenins Text in den historischen und theoriegeschichtlichen Zusammenhang stellt und die Editionsgeschichte und Wirkung bis in die Gegenwart verfolgt. Ein ausführlicher Registerteil und zahlreiche Abbildungen – darunter erstmalig veröffentlichte Illustrationen aus Moskauer und Zürcher Archiven - sorgen für eine hohe Anschaulichkeit. Insgesamt erhält man beim Kauf dieser Neuausgabe ein ansehnliches 360 Seiten dickes lese-und studierfreundliches Buch, dass seine 25 Euro allemal wert ist.

Lenin analysiert die neue Etappe der kapitalistischen Entwicklung

Im August 1917, ein Jahr nachdem Lenin das Manuskript in seinem Züricher Exil abgeschlossen hatte, kann das Buch endlich erscheinen. Die bürgerlich-demokratische Februarrevolution in Russland schuf noch während des Ersten Weltkriegs die Möglichkeit der Publikation dieses Werkes, das zum Verständnis der Ursachen eben dieses Krieges entscheidend beitragen sollte. "Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus" wurde seither zu einem der Leninschen "Bestseller" und spielt auch nach 100 Jahren im heutigen polit-ökonomischen Globalisierungs-Diskurs eine gewichtige Rolle.

Zur historischen Einordnung: Spätestens ab Ende der 1890er Jahre gab es in der Sozialistischen Internationale eine lebhafte Theoriedebatte zu zentralen zeitgenössischen Phänomenen wie der chronischen Überproduktion, der wachsenden Rüstungsproduktion, der kolonialen Expansion und Ausbeutung – vor allem aber wurde über die wachsende Rolle der Monopole und des Finanzkapitals in den entwickelten kapitalistischen Staaten gestritten. Zu den Autorinnen und Autoren, die analytische Beiträge zur "Weltpolitik" und zum "Weltmarkt" - der Begriff Imperialismus war um 1900 noch nicht Allgemeingut - vorlegten, zählten u.a. der britische Ökonom John Hobson und der russische Wirtschaftstheoretiker und Revolutionär Nikolai Bucharin sowie im deutschsprachigen Raum Werner Sombart, Rudolf Hilferding, Karl Kautsky und Rosa Luxemburg.  

Lenin kommt in seiner Imperialismus-Analyse zu der Schlussfolgerung, dass mit dem Übergang zum monopolistischen Kapitalismus dieser in ein neues Entwicklungsstadium eingetreten ist. "Der Imperialismus ist der Kapitalismus auf jener Entwicklungsstufe, wo die Herrschaft der Monopole und des Finanzkapitals sich herausgebildet, der Kapitalexport hervorragende Bedeutung gewonnen, die Aufteilung der Welt durch die internationalen Trusts begonnen hat und die Aufteilung des gesamten Territoriums der Erde durch die größten kapitalistischen Länder abgeschlossen ist" (K.N. S. 128).

Lenins politische Schlussfolgerung lautet: Im imperialistischen Stadium verstärkt sich die Ungleichmäßigkeit  der ökonomischen Entwicklung zwischen den Monopolen und Staaten und mündet unweigerlich im Kampf um eine immer neu entbrennende Aufteilung der Welt in ökonomische Herrschafts- und Einflusssphären – bis hin zu imperialistischen Kriegen.

Hierin stand Lenin in schroffem Widerspruch zu Positionen zu anderen "Imperialismustheoretikern" wie beispielsweise Hilferding und Kautsky, die Anfang des 20. Jahrhunderts noch durch die Herausbildung weltweit agierender Monopole und eines "organisierten Weltkapitalismus" eine Verringerung der Kriegsgefahr prognostizierten.

So prägte Kautsky für die historische Tendenz der Internationalisierung des Kapitals und deren Auswirkungen auf die zwischenimperialistischen Beziehungen den Begriff "Ultraimperialismus"."Abstrakt" könne man sich zwar eine Phase des "Ultraimperialismus" denken, meinte Lenin, doch bevor es dazu komme, müsse der Imperialismus infolge der Widersprüche, Konflikte und Erschütterungen unweigerlich bersten (W. I. Lenin, Werke, Band 22, S. 106).

Aus heutiger Sicht ist der Kritik Lenins zum damaligen Zeitpunkt zuzustimmen, hat doch die Entwicklung des Kapitalismus im 20. Jahrhundert zu zwei Weltkriegen geführt. Aber man sollte Kautsky insofern Gerechtigkeit widerfahren lassen, als dass er in der zunehmenden Verflechtung und Globalisierung der Interessen der imperialistischen Hauptmächte eine "Möglichkeit" der Minderung einer Weltkriegsgefahr sah: "Er (der Weltkrieg - gst) kann die schwachen Keime des Ultraimperialismus völlig zertreten, indem er den nationalen Hass auch der Finanzkapitalisten aufs höchste steigert, das Wettrüsten weiter treibt, einen zweiten Weltkrieg unvermeidlich macht ... Aber der Krieg kann auch anders enden. Er kann in einer Weise ausgehen, die die schwachen Keime des Ultraimperialismus erstarken lässt." (Karl Kautsky 1915).

In einer längeren Perspektive, bezogen auf die Periode nach dem Zweiten Weltkrieg sind die Überlegungen zum Ultraimperialismus durchaus von Aktualität. Die ökonomischen und politischen Verflechtungen zwischen den imperialistischen Zentren und die gemeinsame Ausbeutung der Welt durch das international verbündete Finanzkapital haben einen solchen Stand erreicht, dass ein erneuter "militärischer Weltkrieg" zur Neuaufteilung der Welt und ihrer Märkte wenig wahrscheinlich ist.

Nebenbei angemerkt: Lenin war sich in seinem Buch durchaus bewusst, dass auch er "nur" eine "aktuelle" Imperialismus-Analyse erstellt hatte. So erfährt der Lenin-ImperialismusLeser in der jetzt veröffentlichten Neuausgabe, dass das Buch im Original den Titel "Der Imperialismus als neueste Etappe des Imperialismus" trug und der nunmehr geläufige Titel erst nach Lenins Tod gebräuchlich wurde und den Hang zur Kanonisierung (im Sinne: "mit Lenins Werk ist alles über den Imperialismus gesagt") beigetragen hat. Bis 1934 erschien der Lenin-Text beim Verlag der Kommunistischen Internationale unter "Der Imperialismus als jüngste Etappe des Kapitalismus"; erst danach wurde der Titel geändert und erschien bei der Verlagsgenossenschaft ausländischer Arbeiter in der UdSSR, Moskau, als "Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus".

Schon vor 250 Jahren wusste der große deutsche Aufklärer Georg Christoph Lichtenberg (1742-1799): "Man muss zuweilen wieder die Wörter untersuchen, denn die Welt kann wegrücken, und die Wörter bleiben stehen. Also immer Sachen und keine Wörter! Denn sogar die Wörter 'unendlich', 'ewig', 'immer' haben ja ihre Bedeutung verloren."

Lenin und Bernhard Harms vom Kieler Institut für Weltwirtschaft

Für sein Imperialismus-Buch betrieb Lenin umfangreiche Studien in der Züricher Bibliothek. Die "Hefte zum Imperialismus" (Lenin Werke Band 39) dokumentieren Auszüge aus 148 Büchern und 232 Artikeln aus Presseveröffentlichungen, die Lenin als Vorarbeit zu seinem Buch studiert und konspektiert hat. Hierin würdigt er viele Erkenntnisse bürgerlicher Wissenschaftler zu Einzelaspekten der aktuellen Erscheinungsformen des Kapitalismus. Zu diesen von Lenin wertgeschätzten Persönlichkeiten zählt auch Bernhard Harms vom Kieler Institut für Weltwirtschaft. So konspektiert er seitenlang aus Harms' grundlegendem Werk "Volkswirtschaft und Weltwirtschaft. Versuch der Begründung einer Weltwirtschaftslehre", das 1912 veröffentlicht worden war. (2)
Bernhard Harms (1876-1939) knüpft bei seinen Überlegungen zur Weltwirtschaft an den deutschen Nationalökonomen Friedrich List (1789-1846) an, dessen Hauptwerk "Das nationale System der politischen Ökonomie" 1841 erschienen war. Für List sind die Klassiker Adam Smith und David Ricardo mit ihren ökonomischen Theorien zu statisch. List interessiert demgegenüber der Entwicklungsgedanke, die bewegenden Kräfte des ökonomischen Fortschritts. Der Begriff "Produktivkräfte" ist dabei ein Schlüsselbegriff von ihm. Fünfundzwanzig Jahre später sollte Marx diesen Begriff in seinem "Kapital" endgültig als zentrale ökonomische Kategorie etablieren.

An Lists Überlegungen anknüpfend legt Harms in "Volkswirtschaft und Weltwirtschaft" datenreich dar, wie die nationalen Volkswirtschaften sich hin zu einer Weltwirtschaft entwickeln. "Weltwirtschaft ist der gesamte Inbegriff der durch hochentwickeltes Verkehrswesen ermöglichten und durch staatliche internationale Verträge  sowohl  geregelten wie geförderten Beziehungen und deren Wechselwirkungen zwischen den Einzelwirtschaften der Erde" (S. 106).

Harms unterstreicht besonders die revolutionäre Rolle der internationalen Verkehrsmittel und der Telegraphie. Harms belegt dies mit Zahlen zum Seetransport nach Eröffnung des Suez- und Panamakanals, und des Ausbaus der Überland-Eisenbahnen (Nord-und Südamerika, Trans-Sibirische-Eisenbahn, China).

"Um eine Würdigung der Telegraphie für den Weltverkehr einzutreten, darf ohne weiteres behauptet werden, daß das internationale, vor allem das Überseegeschäft weder durch die Fortschritte des Seeverkehrs noch durch das Eisenbahnwesen so sehr beeinflußt worden ist, wie durch die elektrische Nachrichtenübertragung. Das ganze internationale Handelsgeschäft hat durch das Kabelwesen einen neuen Charakter angenommen, denn für die großen Zentralprodukten-Börsen wurde erst hierdurch die Grundlage geschaffen. (S.141/43).

Lenins Analyse noch aktuell oder sind wir schon auf dem Weg zum "Postkapitalismus"?

Im Jahr 2000 veröffentlichten Michael Hardt und Antonio Negri ein unter Linken viel diskutiertes Buch, das in der Schlussfolgerung zum Urteil kam, dass die Leninsche Gesellschaftsanalyse mittlerweile überholt sei. In "Empire" (3) beschreiben die Autoren ein abstraktes Weltkapital das ein Weltimperium beherrscht. Staatenbündnisse oder Nationalstaaten mit ihren eingebundenen Kapitalfraktionen spielen in diesem theoretischen Gebäude keine Rolle mehr. Doch spätestens mit dem Finanzcrash in der westlichen Kapitalwelt (2007/08) erlebte die marxistische Kapitalismuskritik eine unverhoffte Renaissance (bei linken Kapitalismuskritikern und vor allem auch in den linksbürgerlichen Feuilletons). Dabei berief man sich dann ausgiebig auf Marx -  und ignorierte weitgehend Lenins Analyse.

Wenn man in die drei Jahre vor Lenins Schrift verfasste Imperialismusanalyse von Rosa Luxemburg ("Die Akkumulation des Kapitals") hineinschaut, so reibt man sich vor dem Hintergrund des gegenwärtigen Flüchtlingselends – als einem Bestandteil des realen Imperialismus - ob der zutreffenden Analyse verwundert die Augen: "Das Kennzeichen des Imperialismus ist nicht bloß die besondere Energie und Allseitigkeit der Expansion, sondern das Zurückschlagen aus den Gebieten, die ihr Objekt darstellen, in ihre Ursprungsländer. Der Imperialismus führt damit die Katastrophe als Daseinsform aus der Peripherie der kapitalistischen Entwicklung nach ihrem Ausgangspunkt zurück."( zit. nach K.N. S. 29)

Und Lessenich fasst das in seinem eingangs zitiertem Buch folgendermaßen treffend zusammen: "Es gibt in einem strengen Sinne gar keine gesellschaftlichen 'Binnenverhältnisse' und somit auch keine gesellschaftlichen 'Außenverhältnisse' mehr. Was es allein gibt, sind asymmetrische Weltinnenverhältnisse: eine globale Lebenswelt, die durch miteinander in Beziehung stehende Ungleichheiten strukturiert ist, und lokale Sozialräume, deren Ungleichheitsstrukturen weltgesellschaftlich eingebettet sind.." (Lessenich, S. 54/55).

Der linke Querdenker Dietmar Dath (der regelmäßig sowohl in der jungen welt wie in der Frankfurter Allgemeinen veröffentlicht) hat vor einigen Jahren ein kleines Buch veröffentlicht, in das es von Zeit zu Zeit immer mal wieder hinein zu schauen lohnt (4). Dort heißt es u.a.: "Wichtigste Daumenregel für tätige politische Vernunft im einundzwanzigsten Jahrhundert, ob nun im Kampf um Flüchtlings- und andere Weltbürgerrechte, gegen transnationale Konzerne, gegen den Militarismus, gegen das mediale Spektakel oder einfach den Imperialismus in allen seinen Erscheinungsformen: Praktische Unterstützung verdienen nur diejenigen Formen des Antikapitalismus, die nicht vorkapitalistische Zustände wiederherstellen wollen. Tribalistische, völkische, rassistische, religiöse Attacken aufs Bestehende, Rebellionen, die nach Dorfgemeinschaft, Scholle, Urkommunismus oder überhaupt der Zeit vor der entwickelten Arbeitsteilung stinken, verschärfen den katastrophischen Zerfall einer Weltgesellschaft, die das Kapital erst bewusstlos hergestellt hat und die es jetzt ebenso blindlings zerstört. (S. 84/85).

Dietmar Dath schätzt jedenfalls Lenins Imperialismus-Analyse und hat deshalb auch einen lesenswerten Einführungs-Essay zur Neuausgabe beigesteuert.

txt: Günther Stamer

Anmerkungen:

 (1) Stephan Lessenich: Neben uns die Sintflut – Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis. Hanser Verlag, München 2016
siehe auch: Leben wie Trump in "America"? Aktuelle Bücher hinterfragen die "imperiale Lebensweise"

 (2) Bernhard Harms: Volkswirtschaft und Weltwirtschaft. Versuch der Begründung einer Weltwirtschaftslehre. Jena 1912

 (3) Michael Hardt, Antonio Negri: Empire. Die neue Weltordnung. Campus Verlag, Frankfurt/Main 2002

 (4) Dietmar Dath: Maschinenwinter. Wissen, Technik, Sozialismus. Eine Streitschrift. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2008

Lenin-Imperialismus-8MaiWladimir Iljitsch Lenin, Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus. Gemeinverständlicher Abriss. Kritische Neuausgabe mit  Essays von Dietmar Dath und Christoph Türcke. Herausgegeben von Wladislaw Hedeler und Volker Külow. 357 S., Zahlreiche Illustrationen, Fadenheftung. Verlag 8. Mai, Berlin 2016, 24,90 €

 

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