Mako Qocgiri: Die kurdischen Kräfte sind die effektivste Kraft gegen den IS

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18.01.2016: Mako Qocgiri ist Mitarbeiter des Kurdischen Zentrums für Öffentlichkeitsarbeit Civaka Azad. Im September 2014 führte kommunisten.de mit ihm ein erstes Gespräch. Nun, 18 Monate später, haben wir wieder mit ihm über die aktuellen Entwicklungen in Rojava gesprochen. Es geht um Russlands Beteiligung am Syrien-Krieg, die „Demokratischen Kräfte Syriens“ (QSD) und die Lage in Westkurdistan/Rojava. Dies ist der erste Teil eines längeren Interviews. Der zweite Teil wird Anfang kommender Woche veröffentlicht.

 

Als wir im September 2014 das letzte Interview führten, stand die Stadt Kobanê kurz vor dem Fall. Dies hätte die Revolution in Rojava massiv bedroht. Heute sieht die Situation ganz anders aus, der sog. Islamische Staat konnte massiv zurückgedrängt werden. Wie ist denn der aktuelle Stand derzeit?

Wie du schon sagst, die aktuelle Situation ist eine gänzlich andere. Die größten Gebietsverluste, die der IS im vergangenen Jahr 2015 erleiden musste, wurden ihm von den Kräften der YPG/YPJ (Volksverteidigungseinheiten / Frauenverteidigungseinheiten) sowie verbündeten Gruppen zugefügt. Nach dem großen Erfolg durch die Befreiung von Kobanê konnte im Juni 2015 auch Girê Spî, oder auf Arabisch Tall Abyad, befreit werden, wodurch die Kantone Cizîrê und Kobanê miteinander verbunden werden konnten. Das war von großer Wichtigkeit, weil Kobanê nach dem Zurückdrängen des IS aus dem Stadtzentrum weiterhin von drei Seiten vom IS und vom Norden her durch die Türkei umzingelt und einem Embargo ausgesetzt war. Lebensmittel, Medizin und weitere überlebenswichtige Güter neigten sich dem Ende, wodurch praktisch keine Grundlage für eine Rückkehr der geflüchteten Menschen aus Kobanê gegeben war. Mit der Befreiung von Girê Spî konnte diese Umzinglung durchbrochen werden.

Türkei schützt aktiv den IS
Neben dem IS hat sich insbesondere die Türkei von der Befreiung von Girê Spî gestört gefühlt. Während unter IS-Herrschaft der Grenzübergang zu der Stadt geöffnet war, entschlossen sich die Verantwortlichen in der Türkei nach der Vertreibung des IS die Grenze dicht zu machen. Viele IS-Kämpfer flüchteten nach der Befreiung der Stadt in die Türkei. Kaum einer von ihnen wurde festgenommen. Auch die Verantwortlichen für die Anschläge des Islamischen Staates in Suruc am 20. Juli 2015 und in Ankara am 10. Oktober 2015, gehörten zu denjenigen IS’lern, die in jenen Tagen aus Girê Spî in die Türkei geflohen waren, ohne mit irgendwelchen Konsequenzen rechnen zu müssen.

Auf die Befreiung von Girê Spî folgte die Befreiung weiterer strategisch wichtiger Städte wie Ain-Issa und Heseke (al-Hasakah) im Süden des Kantons Cizîrê oder Sirrîn im Süden von Kobanê. Der IS selbst verübte im Gegenzug zu diesen Gebietsverlusten immer wieder Racheaktionen durch Selbstmordattentate, die sich direkt gegen die Zivilbevölkerung richteten. Der größte dieser Anschläge ereignete sich Ende Juni 2015 in Kobanê. Bei diesem Angriff kamen mehr als 200 Menschen ums Leben. Dem IS gelang es, sich einerseits über den Süden in die Stadt einzuschleichen. Andererseits gelangten sie – vermutlich mit Unterstützung türkischer Verantwortlicher – über die türkische Grenze vom Norden her in die Stadt.

Doch auch diese Verzweiflungsaktionen des IS konnten den Vormarsch der Kräfte der YPG und YPJ nicht stoppen. Zuletzt konnten die Demokratischen Kräfte Syrien (QSD), zu denen die kurdischen Verteidigungseinheiten gehören, die Tischrin Talsperre erobern. Durch die Eroberung dieses strategisch wichtigen Punkts konnten die Kräfte erstmals auch vom Osten her den Euphrat überqueren.

Für die Türkei ist dies ein absoluter Alptraum. Denn sie hatte zuvor bereits mehrfach erklärt, dass man einen Vorstoß der YPG von Kobanê aus in Richtung Westen nicht dulden werde. Ministerpräsident Davutoglu erklärte im Oktober gar, dass von der türkischen Grenze aus zwei Mal auf die YPG geschossen worden sei, als diese versucht habe von Kobanê aus den Euphrat in Richtung Dscharablus zu überqueren. Die Stadt Dscharablus wird derzeit noch vom IS kontrolliert, was so viel bedeutet wie, dass die türkische Armee aktiv den IS vor der YPG geschützt hat. Die Befürchtung der AKP ist es, dass mit der Vertreibung des IS aus Dscharablus auch der Kanton Afrin im Nordwesten Syriens mit den beiden anderen Kantonen verbunden werden könnte. Dann wäre Rojava ein zusammenhängendes Gebiet und der einzige Nachbar der Türkei jenseits der syrischen Grenze. Davor hat die AKP höllische Angst. Doch nach der Einnahme der Tischrin Talsperre wird es wohl nur noch eine Frage der Zeit sein, bis ein Vorstoß in Richtung Dscharablus und dann weiter in Richtung Afrin gewagt wird.


Nicht nur die US-geführte internationale Koalition bombardiert den IS, sondern nun auch Russland. Die internationalen Großmächte mischen inzwischen direkt militärisch mit. Davon profitieren auch die kurdischen Volks- und Frauenverteidigungseinheiten (YPG/YPJ). Gleichzeitig wächst damit aber auch das Risiko im Interessenskonflikt der Imperialisten zerrieben zu werden. Die KurdInnen haben da ja bereits in der Vergangenheit entsprechende Erfahrungen gemacht. Wie nutzt die kurdische Freiheitsbewegung diese divergierenden Interessen aus, ohne sich selbst von einer Seite vereinnahmen zu lassen?


Zunächst einmal müssen wir festhalten, dass sich der Kampf der kurdischen Verteidigungseinheiten gegen den IS deutlich schwerer gestaltet hätte, wenn es die Luftangriffe der Internationalen Koalition unter der Führung der USA nicht gegeben hätte. Dies zu leugnen, wäre Selbsttäuschung. Denn aus waffentechnischer Sicht führt die YPG/YPJ gegen den IS einen ungleichen Krieg. Der IS hat immer zahlreiche Waffenarsenale der syrischen und irakischen Armee erbeutet, die kampflos ganze Gebiete den Islamisten überlassen hatten.

Auf der anderen Seite darf man aber auch nicht außer Acht lassen, dass die westlichen Mächte über eine lange Zeit in Syrien versucht haben, eigene bewaffnete Gruppierungen erst im Kampf gegen Assad, später auch im Kampf gegen den IS aufzuziehen. Darin sind sie allerdings grandios gescheitert.

Erst mit dem Widerstand von Kobanê und mit dem Druck, der durch die wirklich breite internationale Solidarität im Zuge dieses Widerstands entfacht wurde, sah sich die Internationale Koalition praktisch gezwungen, den Kampf der YPG und YPJ gegen den IS von der Luft aus zu unterstützen. Davor hatte sie sich lange gesträubt. Zum Einen, aufgrund der kurdenfeindlichen Haltung des NATO-Partners Türkei. Zum Anderen, und das ist der wichtigere Grund, weil das Projekt Rojava schlichtweg nicht vereinbar ist mit den Umgestaltungsplänen des „Greater Middle East Projects“ der USA.

Doch auch die westlichen Mächte mussten sich eingestehen, dass der Kampf gegen den IS – ein Monster, das erst aufgrund der verfehlten Mittelost-Politik der USA so gedeihen konnte – nun Priorität haben muss. Und die kurdischen Kräfte sind letztlich die effektivste Kraft in Syrien gegen den IS.

Die Zusammenarbeit ist also letztlich taktischer Natur. Und beide Seiten werden versuchen, ihre Vorteile daraus zu ziehen.

Einmischung Russlands eröffnet weitere taktische Möglichkeiten
Die Einmischung Russlands im Kampf gegen den IS eröffnet aus taktischer Sicht den kurdischen Kräften im Hinblick darauf weitere Möglichkeiten. Selbstverständlich ist Russlands primäres Interesse die Stabilisierung der Macht des Assad-Regimes. Die kurdische Seite hat bislang und wird auch weiterhin eine Ablösung des Assad-Regimes in einem zukünftigen Syrien einfordern. Aber was der kurdischen Seite zu Gute kommt, ist die Tatsache, dass die Einmischung Russland den Spielraum der Türkei im Syrienkonflikt nochmals deutlich einschränkt. Man hört beispielsweise aus Ankara nicht mehr die Forderung nach einer Pufferzone zwischen Kobanê und Afrin. Andererseits spielt Russland auch bei der Bekämpfung anderer islamistischer Gruppierungen wie der Al-Nusra Front eine aktive Rolle, was ebenfalls den KurdInnen zu Gute kommt, weil diese Gruppe ebenfalls durch die Türkei unterstützt werden und der Kanton Afrin nicht durch den IS sondern durch Al Nusra und die Islamische Front direkt bedroht wird. Die Internationale Koalition verschont derzeit diese Gruppierungen, weil diese, trotz ähnlich radikaler Ansichten wie der IS, als Gegengewicht zum Assad-Regime betrachtet werden.

Die Kurdische Bewegung nähert sich also den in Syrien agierenden imperialistischen Mächten aus taktischer Sicht an und versucht bei Interessensüberschneidungen ihre Vorteile zu ziehen. Die bereits zu Beginn des Syrienkrieges ausgerufene „dritte Linie“ wird hierbei weiterhin konsequent verfolgt. Die kurdische Bewegung wird sich also nicht bedingungslos in den Dienst der einen oder anderen imperialistischen Macht in Syrien stellen, sondern wird stets miteinkalkulieren, welchen Vorteil sie für sich selbst bei einer gemeinsamen Operation mit diesen Mächten im Kampf gegen den IS verbuchen kann.


Kannst du uns etwas zu den "Demokratischen Kräften Syriens" (QSD) erzählen, einem kürzlich gegründeten militärischen Bündnis zwischen YPG/YPJ, einigen arabischen und assyrischen Kräften im Norden Syriens (Westkurdistan). Kurdische Vertreter sprechen davon, dass dieser Zusammenschluss wegweisend für eine zukünftige Neuorganisierung Syriens sein könnte. Was meinen sie damit?


Die Perspektive des Rojava Modells ist ganz klar: Es sieht das demokratische Zusammenleben aller Volks- und Religionsgemeinschaften in Rojava, in Syrien und letztlich im gesamten Mittleren Osten vor. Hierfür organisieren sich diese Gemeinschaften einerseits von der Basis aus selbst. Andererseits kommen sie auf unterschiedlichen Ebenen in demokratischen Gremien zusammen und treffen Entscheidungen über die Bedingungen eines gemeinsamen Zusammenlebens. In einem Land, das vom Krieg erschüttert ist, ist es keine große Überraschung, dass sich diese Zusammenarbeit zunächst auf der Ebene der Selbstverteidigung bzw. auf militärischer Ebene vollzieht. Die Demokratischen Kräfte Syriens, kurz QSD, sind eben Ausdruck solch eines Bündnisses.

Dieses Bündnis ist von großer Bedeutung für Syrien. Denn erstmals kommen bewaffnete Kräfte verschiedener Volksgruppen in Syrien auf gleicher Augenhöhe zusammen und bekämpfen alle gemeinsam den IS, eine Gruppierung, die Unheil für sie alle mit sich gebracht hat.

Auf der anderen Seite muss man sich vor Augen halten, dass in Teilen des Nordens Syriens beispielsweise kurdische an arabische und arabische an kurdische Dörfer grenzen. Wenn in der Vergangenheit arabische Dörfer durch die kurdischen Einheiten vom IS befreit worden sind, haben Gegner der Kurdinnen und Kurden ohne stichhaltige Beweise Gerüchte gestreut, dass nun die Kurden die Araber aus ihren Dörfern vertreiben würden. So sollte ein Keil zwischen die unterschiedlichen Gruppen im Norden Syriens geschlagen und die kurdischen Kräfte zu Besatzern deklariert werden. Auch wenn diese Behauptungen völlig aus der Luft gegriffen waren und zumeist aus IS-Kreisen gestreut wurden, ist ihnen mit der Gründung der QSD nun völlig der Boden entzogen worden.

Die Fragen stellte Kerem Schamberger, der unter www.kerem-schamberger.de auch zur Türkei/Nordkurdistan-Thematik bloggt.


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