Marwan Barghuti: „Es wird keinen Frieden geben, solange die israelische Besetzung nicht aufhört“

E-Mail Drucken PDF

20.10.2015: Marwan Barghuti, 56 Jahre alt, führende Persönlichkeit des palästinensischen Widerstands, Mitglied des zentralen Führungsgremiums der PLO und insgesamt 20 Jahre in israelischen Gefängnissen eingekerkert, zuletzt 2004 von einem israelischen Gericht zu fünfmal lebenslänglich und 40 Jahren Gefängnis wegen „Terrorismus“ verurteilt, von manchen aber auch wegen seines Eintretens für eine friedliche Regelung zwischen Israelis und Palästinensern als „palästinensischer Nelson Mandela“ bezeichnet, hat in einem Text aus dem Gefängnis seine Überlegungen zur aktuellen Situation im israelisch-palästinensischen Konflikt zusammengefasst.

Wir veröffentlichen diesen Text in deutscher Übersetzung aus der englischen und französischen Version, die in verschiedenen Publikationen veröffentlicht wurden, in den deutschen Medien aber bisher völlig unbeachtet blieben:

„Die gegenwärtige Eskalation der Gewalt hat nicht mit der Tötung von zwei jüdischen Siedlern begonnen. Sie begann schon lange zuvor und hat sich seit Jahren fortgesetzt. Jeden Tag werden Palästinenser getötet, verwundet, verhaftet. Jeden Tag geht der Siedlungsbau weiter, wird die Belagerung gegen unser Volk im Gazastreifen fortgesetzt, hält Unterdrückung und Erniedrigung an. Obwohl viele heute wollen, dass wir von den potenziellen Folgen einer neuen Spirale der Gewalt überwältigt werden, plädiere ich, wie ich es schon 2002 getan habe, dafür, dass man sich mit den Ursachen befasst: die Verweigerung der Freiheit für die Palästinenser.

Einige haben behauptet, dass der Grund, warum ein Friedensabkommen nicht erreicht werden konnte, der fehlende Wille des verstorbenen Präsidenten Jassir Arafat oder die Unfähigkeit von Präsident Mahmud Abbas war, aber beide waren bereit und in der Lage, ein Friedensabkommen zu unterzeichnen. Das wahre Problem ist, dass Israel sich für die Besetzung statt für den Frieden entschieden und die Verhandlungen als einen Rauchvorhang benutzt hat, um sein koloniales Vorhaben voranzubringen. Jede Regierung der Welt kennt diese einfache Tatsache, und doch behaupten so viele von ihnen, dass die Rückkehr zu den fehlgeschlagenen Rezepten der Vergangenheit uns erlauben würde, Freiheit und Frieden zu erreichen. Es ist sinnlos, das Gleiche immer noch einmal zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.

Es kann keine Verhandlungen geben ohne eine klare israelische Verpflichtung, sich vollständig aus dem palästinensischen Territorium zurückzuziehen, das es 1967 besetzt hat, einschließlich Ost-Jerusalem, ohne eine vollständige Beendigung aller Siedlungspolitik, ohne die Anerkennung der unveräußerlichen Rechte des palästinensischen Volkes einschließlich des Rechtes auf Selbstbestimmung und auf Rückkehr, ohne die Freilassung aller palästinensischen Gefangenen. Wir können nicht koexistieren mit der Besatzung, und wir werden nicht vor ihr kapitulieren.

Wir wurden aufgefordert, geduldig zu sein, und wir sind es gewesen, indem wir dem Abschluss eines Friedensabkommens eine Chance nach der anderen gaben. Es ist vielleicht nützlich, die Welt daran zu erinnern, dass unsere Enteignung, unser erzwungenes Exil und unser Wechsel der Aufenthaltsorte sowie die Unterdrückung, die wir erlitten haben, nun schon fast siebzig Jahre angedauert haben. Wir sind der einzige seit ihrer Gründung noch immer auf der Tagesordnung stehende Punkt der Vereinten Nationen. Man hat uns gesagt, wenn wir friedliche Mittel benutzten und im diplomatischen und politischen Rahmen blieben, würde uns das die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft einbringen, der Besetzung ein Ende zu machen. Und doch verfehlte es diese internationale Gemeinschaft wie schon 1999 beim Ende der Interimsperiode erneut, irgendwelche bedeutsamen Schritte zu unternehmen, weder einen internationalen Rahmens zur Verwirklichung des Völkerrechts und der UNO-Resolutionen zu schaffen noch Maßnahmen zu ergreifen, um der Straflosigkeit ein Ende zu machen, einschließlich Boykott, Investitionsentzug und Sanktionen, wie sie eine entscheidende Rolle gespielt haben, um die Welt vom Apartheid-Regime zu befreien.

Was wird also angesichts des Fehlens einer internationalen Aktion zur Beendigung der Besetzung und der Straflosigkeit oder auch nur eines internationalen Schutzes von uns verlangt? Stillzuhalten und darauf zu warten, dass die nächste palästinensische Familie verbrannt, dass das nächste palästinensisches Kind getötet oder verhaftet, dass die nächste Siedlung gebaut wird? Die ganze Welt weiß, dass Jerusalem die Flamme ist, die den Frieden anregen oder den Krieg auslösen kann. Warum also bleibt die Welt untätig, während die israelischen Angriffe gegen das palästinensische Volk in der Stadt und an den moslemischen und christlichen heiligen Stätten, speziell in Al-Haram Al Sharif (israel. Bezeichnung: Tempelberg), unvermindert weitergehen? Die israelischen Taten und Verbrechen zerstören nicht nur die Zwei-Staaten-Lösung in den Grenzen von 1967 und verletzen das Völkerrecht, sie drohen, einen lösbaren politischen Konflikt in einen niemals endenden Religionskrieg zu verwandeln, der die Stabilität in einer Region unterminieren wird, die bereits Erfahrung mit beispiellosen Erschütterungen hat.

Kein Volk der Erde würde akzeptieren, mit der Unterdrückung zu koexistieren. Naturgemäß streben die Menschen nach Freiheit, kämpfen sie für die Freiheit, opfern sie sich für die Freiheit. Und die Freiheit des palästinensischen Volkes ist seit langem überfällig. Während der ersten Intifada hat die israelische Regierung eine Politik des „Breche ihre Knochen, um ihren Willen zu brechen“ gestartet, aber Generation für Generation hat das palästinensische Volk bewiesen, dass sein Wille nicht gebrochen werden kann und nicht getestet werden muss.

Diese neue palästinensische Generation hat nicht auf Versöhnungsgespräche gewartet, um eine nationale Einheit zu verkörpern, die zu verwirklichen die politischen Parteien verfehlt haben, sondern hat die politischen Spaltungen und die geographische Zersplitterung hinter sich gelassen. Sie hat nicht auf Instruktionen gewartet, um ihr Recht und sogar ihre Pflicht hochzuhalten, der Besatzung Widerstand zu leisten. Sie tut es ohne (Schuss)Waffen, obwohl sie mit einer der stärksten militärischen Mächte der Welt konfrontiert ist. Und doch bleiben wir überzeugt, dass Freiheit und Würde triumphieren und wir siegen werden. Die palästinensische Fahne, die wir mit Stolz bei der UNO gehisst haben, wird eines Tages über den Mauern der Altstadt von Jerusalem wehen als Signal unserer Unabhängigkeit.

Ich habe mich dem Kampf für die palästinensische Unabhängigkeit vor vierzig Jahren angeschlossen und wurde zum ersten Mal mit 15 Jahren verhaftet. Dies hat mich nicht gehindert, für einen Frieden in Übereinstimmung mit dem Völkerrecht und den Resolutionen der UNO zu plädieren. Aber Israel, die Besatzungsmacht, hat diese Perspektive Jahr für Jahr systematisch zerstört. Ich habe zwanzig Jahre meines Lebens in israelischen Kerkern verbracht, einschließlich der dreizehn letzten Jahre, und diese Jahre haben mich in dieser unabänderlichen Wahrheit nur bestärkt: der letzte Tag der Besetzung wird der erste Tag des Friedens sein. Diejenigen, die letzteren verwirklichen wollen, müssen handeln, und handeln jetzt, um ersteren zu beschleunigen.

Marwan Barghuti, Gefängnis Hadarim, Zelle 28“

Übersetzung: Georg Polikeit


siehe auch:

 

marxli-G20

marxistische linke: Jetzt Mitglied werden


G20 Hamburg: Jetzt erst recht! Demonstrationsrecht gegen Polizeiwillkür durchsetzen

G20 Hamburg: Jetzt erst recht! Demonstrationsrecht gegen Polizeiwillkür durchsetzen

07.07.2017: Aus Hamburg kommen Bilder, die wir sonst aus der Türkei kennen. Vermummte Polizei setzt wahllos Knüppel, Wasserwerfer und Pfefferspray gegen Demonstrierende ein, auch gegen Unbeteiligte. Am Boden Liegende werden brutal misshandelt. Bettina Jürgensen zu den Protesten gegen den G20-Gipfel in Hamburg:

Weiterlesen...

Europäische Bürgerinitiative: Glyphosat verbieten

Glyphosat EBI-Logo

Glyphosat ist wahrscheinlich krebserregend. Und 2017 entscheidet die EU: Darf das Ackergift weiter auf unsere Felder gespritzt werden? Monsanto, Bayer und Co. kämpfen mit aller Macht für ihren Bestseller. Wir halten dagegen – mit einer Europäischen Bürgerinitiative (EBI). Bis Ende Juni brauchen wir eine Million Unterschriften!

Gemeinsam haben wir 1.320.517 Unterschriften gesammelt!

Artikel: EU-Kommission und Monsanto stoppen - Glyphosat verbieten!


Logo-Weiloisirgendwiazamhaengd

Das Agrarbündnis BGL/TS will mit diesem Film den Bauern Unterstützung entgegenbringen und aufzeigen, dass die immer intensivere Landwirtschaft, unser Konsumverhalten und falsche politische Weichenstellungen negative Auswirkungen auf die ganze Welt haben.

Filmvorführungen "Weiloisirgendwiazamhängd“
Montag, 5. Juni 2017, 11.00 Uhr,  Breitwand Kino, 82131 Gauting
Montag, 5. Juni 2017, 14.00 Uhr,  Breitwand Kino, 82229 Seefeld
Montag, 25. September 2017, 19.30 Uhr, Pfarrheim St. Severin in Mitterfelden
Dienstag, 17. Oktober 2017, 19.30 Uhr, Kino Herrsching am Ammersee

Trailer zum Film: http://www.weiloisirgendwiazamhaengd.de/


Was nach Hamburg nicht untergehen darf

Was nach Hamburg nicht untergehen darf

ein Kommentar von Max van Beveren   

13.07.2017: Kaum zogen vermummte Gruppen durch Hamburgs Straßen, um Barrikaden zu bauen, Autos anzuzünden und einen Supermarkt zu plündern, war der Aufschrei in den Medien, in der Politik und in den Sozialen Netzwerken riesengroß und ist es nach wie vor. Die inhaltliche Kritik am G20-Gipfel, der weltweite Terror durch Kriegseinsätze, die Ursachen für Flucht und die brennenden Geflüchtetenunterkünften hierzulande verschwinden völlig hinter der Debatte um die gewaltsamen Auseinandersetzungen. Für die Regierenden sind die Gewalttätigkeiten ein willkommener Anlass, um weitere Grundrechtseinschränkungen und undemokratische Gesetze durchzusetzen, die nicht nur die gesamte Linke, sondern auch die restliche Bevölkerung treffen werden.

Weiterlesen...

Mit mut zu etwas Neuem

Mit mut zu etwas Neuem

Interview mit Claudia Stamm und Stephan Lessenich zur Gründung der neuen Partei

Frage: Warum habt Ihr die Initiative zur Gründung einer neuen Partei ergriffen?

Stephan Lessenich: Ich habe wahrgenommen, dass sich der Wind in der Welt und auch hier in Bayern dreht. Dass politische Parteien gerade hier im Freistaat im Angesicht der rechtspopulistischen Entwicklungen nach und nach Positionen geräumt haben, die früher selbstverständlich gewesen wären. Die Fluchtbewegungen der letzten Jahre haben gezeigt, dass wir gesellschaftlich vor großen Herausforderungen stehen.

Weiterlesen...

Dossier "Linke Strategien"

Im Dossier "Linke Strategien" sind Artikel zusammengestellt, die auf kommunisten.de in verschiedenen Rubriken erschienen sind und sich mit Fragen linker Strategie, Neuformierung der Linken, etc. befassen.

Zum Dossier


isw anzeige 150


 

america21 quer 150



Banner

 

Empfohlene Links

Neues Deutschland
Sozialistische Tageszeitung

Zeitschrift LUXEMBURG
Gesellschaftsanalyse und linke Praxis

Zeitschrift Z
Zeitschrift marxistische Erneuerung

Unsere Zeit
Wochenzeitung der DKP

Marxistische Blätter
Die der DKP verbundene Zeitschrift für marxistische Theorie und Politik erscheint alle 2 Monate.