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kiel 080515 sb 214011.06.2015: Noch wurden nicht alle Veranstaltungen durchgeführt, die zum 70. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus und dem Ende des Krieges am 8. Mai 1945 vorbereitet wurden. Mit dem "runden Datum" machten die Gedenkveranstaltungen zur Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz im Januar den Auftakt. Dass diese zeitlich zu den Anfang des Jahres größer werdenden Pegida-Demonstrationen stattgefunden haben, macht die Bedeutung der antifaschistischen Erinnerungsarbeit umso dringender. Initiativen, antifaschistische Bündnisse, Gewerkschaften und Parteien haben in ihren Regionen Veranstaltungen, Kundgebungen, Demonstrationen und Feste organisiert.

Die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes - Bund der Antifaschisten und Antifaschistinnen (VVN-BdA) nahm, wo sie örtlich verankert war, einen hervorragenden Stellenwert bei der inhaltlichen und organisatorischen Durchführung ein. In der VVN-BdA organisierte  Widerstandskämpfer*innen oder deren Kinder vermitteln noch heute erlebte Geschichte, nicht ohne den Bezug zu den aktuellen antifaschistischen und friedenspolitischen Aufgaben herzustellen.

In der Vorbereitung der Bündnisaktivitäten erfolgt die Diskussion über inhaltliche Positionen und gemeinsame Einschätzungen und Forderungen. Hier wird eine mögliche Breite der Meinungen und Aussagen erreicht. Mehr als in Eigenveranstaltungen von Organisationen und Parteien, erfolgt hier der Austausch, die Annäherung oder Übereinstimmung der Positionen zu den Ursachen des Faschismus, zu Widerstand und Befreiung, zu den Schlussfolgerungen für den aktuellen Kampf gegen Krieg, Rechtsentwicklung und Faschismus, sowie gegen den Sozial- und Demokratieabbau.
 
Der 8. Mai ist in vielen Orten jährlich Anlass von Bündnissen und Organisationen aktiv zu werden. Das Datum ist also präsent, gleichwohl wurde zum 70. Jahrestag der Befreiung noch zugelegt. Dabei wurden alte und neue Wege der Zusammenarbeit gegangen. Der antifaschistische Arbeitskreis von ver.di-Nord hatte in seiner Januarsitzung den Antrag gestellt, verd.i-Nord möge die Internetseite www.dasjahr45.de verlinken und die Bezirke ihrer Gewerkschaft ebenso zu verfahren, zudem wurde angeregt, mit der Plakatreihe der VVN-BdA zur Befreiung für Aktionen und Veranstaltungen zu werben, bzw. diesen Tag durch Plakatierung in Erinerung zu rufen.

Ende April wurde in Kiel eine Zeitzeugenveranstaltung durch die Aktion Kinder-und Jugendschutz, die auch das Projekt "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage“ koordinieren, durchgeführt. Marianne und Günther Wilke berichteten über ihre Kindheit und Jugend im Faschismus. Marianne kommt aus einem jüdischen Elternhaus und erlebte die Diskriminierung und Verfolgung als Kind, Günther hat seine Erfahrungen als Kind aus einer Arbeiterfamilie geschildert. Beide sind nach dem Krieg Mitglied der VVN-BdA und der kommunistischen Partei geworden, sind seit Jahrzehnten als aktive Antifaschist*innen in Wedel und Schleswig-Holstein bekannt. Marianne Wilke wurde für ihr Engagement im März 2015 mit dem Bundesverdienstorden ausgezeichnet. An diesen Referenten ging auch die örtliche Presse nicht einfach vorbei, sondern berichtete mit Interview darüber und nahm sich außerdem des Themas mit Berichterstattung zur örtlichen Geschichte an.

Im Kommunalen Kino Kiel wurde über mehrere Wochen eine Veranstaltungsreihe mit Filmen zur Befreiung angeboten. Filme sowjetischer Regisseure, Dokumentationen und Filme über das Jahr der Befreiung in Kiel und Umgebung fanden ein breites Publikum, das in den nachfolgenden Gesprächen auch über aktuelle Fragen der Rechtsentwicklung diskutierte.

kiel 080515 Matthaeus Weiss sb 2078Ein breites Bündnis, das sich auf Einladung des Runden Tisches gegen Rassismus und Faschismus Kiel gebildet hatte, organisierte zum Jahrestag am 8. Mai eine Demonstration. Unterschiedliche Aspekte wurden in den Redebeiträgen dargestellt. Der Beginn der Demonstration am Gedenkstein für die aus Kiel deportierten Sinti und Roma fand mit den Reden der Sprecherin des Runden Tisches gegen Rassismus und Faschismus (Bettina Jürgensen) und des Landesvorsitzenden der Sinti und Roma in SH Matthäus Weiß (Foto) statt. Vom Runden Tisch wurde noch einmal hervorgehoben, dass der 8. Mai der Tag der Befreiung ist und auf die politischen und ökonomischen Ursachen zur Entwicklung des Faschismus hingewiesen. Matthäus Weiß legte dar, dass die Sinti und Roma zwar auch das Ende des Krieges und des Faschismus an diesem Tag erlebten, sie jedoch noch viele Jahre warten mussten, ehe sie von ihrer Befreiung reden konnten und eine Gleichstellung erfolgte. Die Jüdische Gemeinde in Kiel konnte wegen anderer Termine an diesem Tag nicht teilnehmen.

kiel 080515 Christel Pieper vvn sb 2114Auf der Zwischenkundgebung wies die Geschäftsführerin von ver.di auf den Widerstand der Gewerkschaften im Faschismus hin, zog die Verbindung zu aktuellen Kämpfen und Auseinandersetzungen. Christel Pieper (Foto) sprach für die VVN-BdA über die immer noch notwendige Arbeit als antifaschistische Organisation und stellte die Stolperstein-Aktivitäten in Kiel vor. Von der Deutsch-Russischen-unabhängigen Gesellschaft Kiel wurde der Kampf der Sowjetunion gegen den Krieg hervorgehoben und aufgefordert die Millionen Opfer nicht zu vergessen.

Die Abschlusskundgebung am Platz der (roten) Matrosen gab Anlass, an die Flüchtlinge zu erinnern, die nach 1945 in Schleswig-Holstein Zuflucht fanden. Im Redebeitrag des Flüchtlingsrats SH wurde über die aktuelle Situation der Flüchtlinge berichtet und die Ursachen für Flucht, Krieg und Vernichtung der Lebensgrundlagen, benannt. Dr. Björn Elberling, Rechtsanwalt und Nebenklagevertreter für Opfer der Anschläge im NSU-Prozess, informierte über den aktuellen Verlauf des Prozesses und den Umgang mit rechter Gewalt hin.  Von einem Redner des Griechenland-Solidaritätskomitees wurde auf die große Zahl der Opfer während der Besetzung Griechenlands durch die Faschisten hingewiesen und die Forderung nach der Rückzahlung der Gelder begründet. Aufgefordert wurde dazu, weiter gemeinsam aktiv gegen Nazis zu bleiben. Mit der Einladung einer autonomen Gruppe zu einem Sektempfang, Essen für alle, Tanz und Party, unter dem Motto "Wer nicht feiert hat verloren!" wurde die Demonstration beendet.

Wenige Tage später hatten die VVN-BdA, die DKP und die SDAJ in Kiel zu einer gemeinsamen Veranstaltung eingeladen. Mit "Erinnern um zu Handeln" waren insbesondere junge Menschen angesprochen worden. Die Erlebnisse und Erinnerungen eines Kindes, dessen Vater die KZ-Haft überlebte und nach 1945 weiterhin wegen politischer Arbeit verfolgt war, wurden von Christel Pieper, Vorsitzende der VVN in Kiel, geschildert. Bettina Jürgensen, Parteivorstandsmitglied der DKP, stellte die Entwicklung des Faschismus in Deutschland, den Widerstand der Kommunist*innen und die Befreiung dar (s. Anhang). Abschließend machte Pia Wollenberg von der SDAJ-Kiel anhand aktueller antifaschistischer Arbeit deutlich, weshalb der Widerstand gegen Nazis auch heute noch notwendig ist. In der Abschlussmoderation forderte Eva Börnig dazu auf, weiter gemeinsam aktiv und wachsam zu sein.

Sie verabschiedete das Podium und die Teilnehmer*innen mit einem Zitat von Pastor Martin Niemöller:
„Als die Nazis die Kommunisten holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Kommunist.
Als sie die Sozialdemokraten einsperrten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Sozialdemokrat.
Als sie die Gewerkschafter holten, habe ich geschwiegen; ich war ja kein Gewerkschafter.
Als sie mich holten, gab es keinen mehr, der protestieren konnte.“

Text/Fotos: sb

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