Papst Franziskus: „Man muss kämpfen, um zu leben“

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alt11.01.2014: "Wir dürfen nicht mehr auf die blinden Kräfte und die unsichtbare Hand des Marktes vertrauen. ... Diese Wirtschaft tötet. ... Man muss kämpfen, um zu leben – und oft auch nur, um ein wenig würdevoll zu leben." Es sind Passagen wie diese, die zu heftigen Reaktionen auf das Apostolische Schreiben »Evangelii gaudium« des Papstes führten. "Der Papst irrt", titelt Marc Beise, das neoliberale Schlachtross der Süddeutschen Zeitung seine Replik. Für die FAZ sind die "Äußerungen des Papstes repräsentativ für die moderne Unkenntnis vieler Christen über die politische Ökonomie". Die Theologen Kuno Füssel ('ChristInnen für den Sozialismus' und Mitherausgeber von kommunisten.de) und Michael Ramminger sind dagegen der Meinung, dass der Papst mit seiner "Kapitalismusanalyse bis zum Geheimnis des Fetischcharakters von Ware und Kapital vorgedrungen ist".

Die Botschaft des Papstes mit den scharfen kapitalismuskritischen Äußerungen stößt nicht nur in konservativen Kirchenkreisen auf Widerspruch, sondern wird auch von den Intellektuellen des Neoliberalismus heftig kritisiert. Marc Beise, Leiter der Wirtschaftsredaktion der Süddeutschen Zeitung und durch nichts zu erschütternder, gläubiger Verteidiger des Neoliberalismus, kanzelt den Papst ab: „Der Papst irrt“.. , „führt Menschen in die Irre“, „bedient in seiner Verallgemeinerung Ressentiments rund um den Globus“ und „verstellt den Blick auf die positive Kraft des Kapitalismus“. Denn „heute geht es der Bevölkerung in vielen Staaten der Welt besser als vor 20 Jahren“, meint Beise. „Wo das nicht der Fall ist, zerstört nicht der Markt die Menschen.“ Für Beise ist „diese Welt, bei allen Defiziten, die beste, die den Menschen bisher eingefallen ist. Mit genau diesem Wirtschaftssystem ..“ (Marc Beise, Der Papst irrt, SZ, 30.11.2013)

Robert Grözinger, Autor des Buches »Jesus, der Kapitalist«, darf in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung den Papst niedermachen und meint, dass der Papst „seine hochbrisanten Äußerungen“ hätte „lassen sollen“, denn die Kritik an den Märkten würde seine „Unkenntnis offenbaren“. Grözinger: „Es ist nämlich keinesfalls die »Wirtschaft«, die tötet, … Der Schuldige, wenn man denn einen Schuldigen pauschal nennen will, ist vielmehr der Staat. Jener Staat, der zum Beispiel in Argentinien, dem Heimatland des Papstes, durch interventionistische und Eigentumsrechte willkürlich bedrohende Politik Investoren verschreckt und die Wirtschaft so in Stagnation und Niedergang führt. Ein Staat, der Mindestlöhne festlegt und damit Schwache aus dem produktiven Erwerbsleben ausschließt und sie abhängig von einer Wohlfahrt macht, die er ebenfalls reguliert und beherrscht. Der Höchstmieten festlegt und damit den Wohnungsmarkt einschränkt. Ein Staat, der Unternehmen reglementiert und besteuert, bis sie auswandern oder schließen und damit empfindliche Wohlfahrtsverluste für die bisherigen Arbeitnehmer und deren Gemeinden verursacht. … Die Äußerungen des 266sten Papstes sind repräsentativ für die moderne Unkenntnis vieler Christen über die politische Ökonomie einer wirklich freien Marktwirtschaft und wie diese aus ihren Glaubensgrundsätzen erwächst.“ (Robert Grözinger, Wie der Papst in Wirtschaftsfragen irrt, FAZ, 30.12.2013)

Die Wut und Empörung der Verteidiger des Kapitalismus ist nachvollziehbar, meinen die Theologen Kuno Füssel und Michael Ramminger in ihrem untenstehenden Artikel. Beide sind der Befreiungstheologie verbunden. Kuno Füssel ist aktiv in der Initiative »ChristInnen für den Sozialismus« und Mitherausgeber von kommunisten.de. Bis zu seiner Pensionierung im Jahre 2007 war er Lehrbeauftragter an verschiedenen Universitäten und Lehrer für Mathematik, Physik und Religion. Michael Ramminger arbeitet am Institut für Theologie und Politik in Münster.

Sie entwickeln, dass es dem Papst um mehr als die traditionelle Betonung des Vorrangs der Arbeit vor dem Kapital und die Ablehnung von Ausbeutung und Unterdrückung der Arbeiterschaft geht. Der Papst positioniert sich gegen die weit verbreitete Illusion, dass ein florierender Kapitalismus auch den Armen helfen würde: „Das Versprechen lautete: Sobald das Glas voll ist, würde es überlaufen und den Armen nützen. In Wirklichkeit aber geschieht etwas anderes: Sobald das Glas voll ist, wird das Gefäß auf irgendeine magische Weise größer. Daher springt für die Armen nie etwas heraus.“ (Papst Franziskus in La Stampa, 14. Dezember 2013) „Es geht ihm darum, dass große Teile der Weltbevölkerung gemäß der Systemlogik, und nicht durch einen bedauerlichen Unfall, vom gemeinsam produzierten Reichtum ausgeschlossen werden und damit ihre Lebensgrundlage und Existenz verlieren“, schreiben die beiden Autoren.

Während die katholische Soziallehre nur für die »Zähmung des Raubtieres« eintrete, aber nicht sehe, dass dies auf Dauer nicht gelingen kann, weil sie dem Wesen der kapitalistischen Wirtschaftsweise widerspricht, bringe es der neue Papst hingegen auf den Punkt: »Diese Wirtschaft tötet«.

Waren frühere Päpste durch ihren tiefsitzenden Antikommunismus daran gehindert, marxistische Kategorien zur Analyse der Gesellschaft anzuwenden, würde Franziskus mit seiner „Kapitalismusanalyse bis zum Geheimnis des Fetischcharakters von Ware und Kapital“ vordringen. Die beiden Theologen schließen nicht aus, dass Papst Franziskus bald auch den theologischen Nutzen der marxistischen Kategorie der »Entfremdung« entdecke, wie es schon beim »Fetisch« der Fall sei. Zwar distanziere sich der Papst von der »marxistischen Ideologie«, könne diese aber sicherlich von »marxistischer Theorie« auseinanderhalten, „denn »die Unterscheidung der Geister« ist seine gut trainierte Fähigkeit als Jesuit“.

Als weitreichendste Folgerung aus seiner Kapitalismuskritik sehen sie die „Erkenntnis, dass Ausbeutung und ungleiche Verteilung des Reichtums auf der Welt eine der tiefsten Ursachen der Gewalt darstellen.“

Von der Grenzziehung zur Kooperation
Die Krise der kapitalistischen Ökonomie, die aktuellen wie drohenden Kriege, die revolutionären Veränderungen durch technologische und sozialstrukturelle Umwälzungen, das Erreichen der ökologischen Grenzen der kapitalistischen Produktionsweisen, die weltweite ungleiche Verteilung der Lebenschancen und die davon erzeigten Erschütterung der Weltordnung – alles das erfordert eine permanente Neuinterpretation der Welt und das Erkunden neuer Wege der Veränderung. Rassismus, Nationalismus, Antisemitismus und Islamophobie machen sich auf, in das Vakuum einzudringen, das von der sozialen Unsicherheit erzeugt wird. Da eröffnet das Lehrschreiben »Evangelii Gaudium« neue Möglichkeiten der Kooperation von MarxistInnen und ChristInnen zur Verteidigung der Zivilisation.

Auch wenn es manchen KommunistInnen immer noch schwer fallen mag, sich eine Zukunft jenseits des Kapitalismus nicht als ihr alleiniges Werk vorzustellen, so verweisen Geschichte und Gegenwart auf das zwingende Erfordernis des Dialogs auch über – selbst weit gezogene – Grenzen der eigenen Weltanschauungen hinaus. Dies ergibt sich aus der Erkenntnis, dass man sich die Zukunft der Gesellschaft nicht einfach ausdenken kann, sondern dass sie aus der Praxis vieler Menschen entsteht, und in der Auseinandersetzung mit den sie konfrontierenden Problemen. Schon Marx und Engels hatten in ihrer Gemeinschaftsarbeit, »Die Deutsche Ideologie« angemerkt, dass der Kommunismus nicht als ein „Ideal“ verstanden werden solle, nach dem sich die Wirklichkeit zu richten habe, sondern "die reale Bewegung, die die gegenwärtigen Zustände aufhebt".

In den 1960er Jahren verständigten sich ChristInnen und MarxistInnen auf einen Dialog, der sich auf die gemeinsamen Anstrengungen zur Verteidigung des Friedens konzentrierte. Gleichzeitig warnten beide Seiten vor eine »Vermischung der Motive und Begründungen« und betonten die unvereinbaren weltanschaulichen Gegensätzlichkeit und Abgrenzungen.

Angesichts einer Welt, die heute noch komplizierter und gefährdeter ist und in der die schnelle Zurückdrängung der Profitlogik zu einer Überlebensfrage für die Menschheit geworden ist, liegt die Herausforderung nicht in der Abgrenzung, sondern in der Herstellung einer strategischen Kooperation. Die Grundlage dafür liegt im „kategorischer Imperativ, alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“, die Marx in „der Lehre, dass der Mensch das höchste Wesen für den Menschen“ ist, begründet. Wie nahe liegt dies an der Aussage des Theologen Karl Barth, der schrieb: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge, seit Gott Mensch geworden ist.“

In diesem zwar sehr gegensätzlich formulierten gleichzeitig aber konvergierenden Humanismus der Tat, der den Menschen als das höchste Maß aller Dinge versteht, berühren Marxismus und Religion einander, ohne in theoretischer Hinsicht eins zu werden, und eröffnen ein neues, breites Feld des Dialoges und der Kooperation zwischen MarxistInnen und ChristInnen.

Es gilt, den Impuls des Lehrschreibens »Evangelii Gaudium« aufzugreifen, denn MarxistInnen und ChristInnen sind mehr denn je aufeinander verwiesen, wenn eine Gesellschaftsordnung überwunden werden muss, die den Menschen „wie ein Konsumgut betrachtet, das man gebrauchen und dann wegwerfen kann“ und „dazu neigt, alles aufzusaugen, um den Nutzen zu steigern“. (Evangelium Gaudiium)

Leo Mayer
Mitherausgeber kommunisten.de




 

„Diese Wirtschaft tötet“

von Kuno Füssel und Michael Ramminger

Bei der abendlichen Szene seiner Vorstellung als neuer Papst am 13. März 2013 bat Jorge Bergoglio, so sein weltlicher Name, die versammelte Menge, zuerst ihn zu segnen, denn: „Ich bin ein Sünder“. Dies ist keine gekünstelte Bescheidenheitsfloskel. Franziskus sieht sich eben nicht als das alle Glaubensfragen beantwortende unfehlbare Wesen, sondern bekennt seine Endlichkeit und Fehlbarkeit und gibt zu, dass er auch in seiner Zeit in Argentinien, in der er vom Priester (1969) zum Kardinal (2001) aufstieg, vieles falsch gemacht habe. Er lehnt protzige Auftritte und pompöse Rituale ab, lebt bescheiden und ist offen für alle, die seine Nähe suchen, besonders aber für die Armen, Notleidenden und Ausgestoßenen dieser Erde. Wenn dieses Verhalten wenigstens in seiner Kirche Schule machen würde, könnte dies die Welt verändern. Auch wenn er bei Reizthemen wie Abtreibung, Ehescheidung und Homosexualität an der traditionellen Lehre der katholischen Kirche keine Abstriche macht, wird er nicht müde zu betonen, dass er nicht das Recht habe, andere Menschen zu verurteilen und lehnt „geistliche Einmischungen in das persönliche Leben ab“, wie es im Corriere della Sierra vom 20. September 2013 heißt. Er sucht darum bewusst das verstehende Gespräch mit Frauen, die abgetrieben haben, sowie mit Geschiedenen und Homosexuellen. In dieser Hinsicht nimmt er die menschliche Freiheit bedeutend ernster als seine beiden Vorgänger.

Den Papstnamen Franziskus hat er sicher nach reiflicher Überlegung gewählt. Von Franz von Assisi ist der Ausspruch bekannt: „Wer keinen Besitz hat, braucht auch keine Waffen, um ihn zu verteidigen!“ Mit dieser Aussage hatte der Begründer des Franziskanerordens schon im Mittelalter die tödliche Logik des Feudalismus und des später langsam heraufziehenden Kapitalismus entlarvt. Er legt damit offen, dass Reichtumsbildung und Aufrüstung immer Hand in Hand gehen. Die Orientierung des neuen Papstes an Franz von Assisi hat also nichts mit rührseliger Frömmigkeit oder Folklore, sehr wohl aber mit Armut und dem Schicksal der Armen zu tun. Dies geht aus vielen seiner früheren Stellungnahmen und gerade auch der letzten zehn Monate hervor.

Ein vierfaches NEIN
Seine Aussagen systematisiert der Papst in dem programmatischen Lehrschreiben »Evangelii Gaudium«. Dem tödlichen System schleudert Franziskus ein vierfaches Nein entgegen: Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung; Nein zur neuen Vergötterung des Geldes; Nein zu einem Geld, das regiert, statt zu dienen; Nein zur sozialen Ungleichheit, die Gewalt hervorbringt. So lauten die Kapitelüberschriften Nr. 53–60 im Lehrschreiben. Es enthält neben der erwähnten detaillierten Kapitalismuskritik zwei weitere Schwerpunkte: erstens ein Programm der Evangelisierung, d.h. der breiten und intensiven Umsetzung der Botschaft des Evangeliums als Beitrag zur Gestaltung einer menschengerechten Welt, und zweitens Vorschläge und Forderungen zu einer gründlichen und nachhaltigen Reform der kirchlichen Strukturen und ihrer pastoralen, diakonischen und politischen Funktionen, beginnend beim Vatikan und endend bei den Gemeinden vor Ort.

Papst Franziskus pflegt eine konkretisierende und gleichzeitig mitreißende Sprache, die oft präzise und polemisch – auch gegen die eigene Kirche – zuspitzen kann. Seine Argumentations- und Redeformen sind kontextuell und personenbezogen, daher appellativ und auf Handlung drängend. Es geht ihm nie um schöne Formulierungen, sondern um die darin liegende Motivation zu veränderndem Handeln. Vor allem aber ist er ein Meister der metaphorischen Rede. Die enthält natürlich auch ihre Gefahren, was etwa bei der Rede von der Kirche als »Mutter« und den damit verknüpften traditionellen Implikationen offensichtlich wird.

Erinnert sei aber an die oft zitierte, aber nicht interpretierte Metapher, mit der er sich nach der Bekanntgabe seiner Wahl am 13. März 2013 vorstellte: „Ihr habt mich hergeholt vom Ende der Welt.“ Er kommt zwar aus Buenos Aires, im Blick hat er aber das Feuerland (Tierra del fuego), welches das Ende der bewohnten Welt darstellt. Franziskus lässt damit an die Entstehung des Namens denken: Die Indígenas zündeten Dauerfeuer gegen die fortwährend bedrohliche Kälte an. Der Papst will damit sagen, dass er gegen die Kälte einer zerstörerischen kapitalistischen Welt permanent Feuer anzündet und uns alle auch dazu animiert. Die Metapher enthält noch einen zweiten Aspekt: Franziskus kommt aus der Peripherie ins Zentrum und bringt ein differenziertes Bewusstsein für die damit verknüpften Gegensätze und Widersprüche mit. Man muss schon, wie Rainer Hank in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 1. Dezember 2013, von einer besserwisserischen Überheblichkeit geprägt sein, um dem Papst Naivität und grobschlächtigen Antikapitalismus zu unterstellen, der zwar an die Utopie eines christlichen Kommunismus anknüpfe, aber für die Armen noch nie etwas gebracht habe.

Marxistische Kategorien zur radikalen Kapitalismuskritik

Sein neues Lehrschreiben beweist, dass er nicht nur die Dependenztheorie (1) verstanden hat, sondern dass seine Kapitalismusanalyse bis zum Geheimnis des Fetischcharakters von Ware und Kapital vorgedrungen ist (vgl. EG, Kapitel II, 55 sowie sein Schreiben »Wider den Fetischismus des Geldes« vom 16.5.2013). Das war den Päpsten von Leo XIII. (Enzyklika »Rerum novarum«, 1891) bis Johannes Paul II. (Enzyklika »Laborem exercens«, 1981) in ihrer Kapitalismuskritik nie gelungen. Sie hinderte ein tiefsitzender Antikommunismus daran, die Kategorien von Karl Marx anzuwenden. Bis heute verschweigen die Vertreter der katholischen Soziallehre – die in dem Lehrschreiben zwar erwähnt, aber nach der Meinung von Kardinal Karl Lehmann in Zeit Online vom 5. Dezember 2013 vom neuen Papst nicht explizit gewürdigt wird – keineswegs die sogenannten Auswüchse des Kapitalismus und sein Versagen. Sie befürworten daher die »Zähmung des Raubtieres«, sehen aber nicht, dass dies auf Dauer nicht gelingen kann, weil sie dem Wesen der kapitalistischen Wirtschaftsweise widerspricht. Der neue Papst bringt es hingegen auf den Punkt: „Diese Wirtschaft tötet“.

Es geht Bergoglio um mehr als die traditionelle Betonung des Vorrangs der Arbeit vor dem Kapital und die Ablehnung von Ausbeutung und Unterdrückung der Arbeiterschaft. Es geht ihm darum, dass große Teile der Weltbevölkerung gemäß der Systemlogik, und nicht durch einen bedauerlichen Unfall, vom gemeinsam produzierten Reichtum ausgeschlossen werden und damit ihre Lebensgrundlage und Existenz verlieren. Sein Besuch in Lampedusa stellte dieses Bewusstsein nachdrücklich unter Beweis – wobei er zusätzlich noch eine neue Form der Globalisierung, nämlich die »der Gleichgültigkeit« geißelte.

Eine weitreichende Folgerung aus seiner Kapitalismuskritik ist die Erkenntnis, dass Ausbeutung und ungleiche Verteilung des Reichtums auf der Welt eine der tiefsten Ursachen der Gewalt darstellen. Diese Gewalt äußert sich auf verschiedenen Ebenen: Kapitalistische Wirtschaft funktioniert nach dem Gesetz der bedingungslosen Konkurrenz; sie kurbelt permanent die Entwicklung des militärisch-technologischen Komplexes an; sie inszeniert eine Wegwerfgesellschaft, in der nicht nur Lebensmittel, sondern sogar Menschen wie Müll behandelt werden. Seine Schlussforderung ist daher unmittelbar einleuchtend: „Solange die Probleme der Armen nicht von der Wurzel her gelöst werden, indem man auf die absolute Autonomie der Märkte und der Finanzspekulation verzichtet und die strukturellen Ursachen der Ungleichverteilung der Einkünfte in Angriff nimmt, werden sich die Probleme der Welt nicht lösen und kann letztlich überhaupt kein Problem gelöst werden“ (EG, Kapitel IV, 202). Nimmt man den letzten Satz ernst, dann heißt das: Auch die Kirche kann ihre eigenen nicht lösen, wenn sie nicht für eine Bewältigung der genannten Probleme kämpft. Diese Verknüpfung müsste die gesamte pastoral-diakonische Praxis der Kirche umkrempeln.

Sein klares Nein zu einer Wirtschaft der Ausschließung der für die Kapitalverwertung Unnützen und der Vergötzung des Geldes wird an mehreren Stellen durch anthropologische Reflexionen begründet. Es könnte daher der Anschein entstehen, dass die Analyse des Fetischcharakters von anthropologischen Überlegungen überdeckt wird, wie sie sich in letzter Zeit vor allem im Begriff der Gier artikulieren. Selbst wenn es die Gier des Menschen nach Macht und Reichtum nicht gäbe, würde sich das Wesen des Kapitalismus nicht ändern. Der Papst weicht also nicht auf das Gebiet einer theologischen Anthropologie aus, sondern legt die Instrumentalisierung dieses anthropologischen Defizits durch die kapitalistische Wirtschaftsweise offen. Das Kapitalverhältnis aktiviert das latente Laster der Gier und bringt es zu voller Blüte. Die anthropologische Reflexion ist aber auch deswegen nicht abwegig, weil das Kapitalverhältnis vom Menschen erzeugt wird und seine Folgen daher in den Bereich menschlicher Verantwortung fallen. Marx hat mit dem Begriff der Entfremdung in den »Pariser Manuskripten« zum Zusammenhang von Ökonomie und Anthropologie hilfreiche Klärungen vorgenommen. Vielleicht entdeckt Papst Franziskus bald auch den theologischen Nutzen dieses Begriffs, wie es schon beim Fetisch der Fall ist.

Die Armen als Subjekte menschlichen Handelns

Wie ein roter Faden durchziehen das Thema Armut und die Option für die Armen die bisherigen Stellungnahmen des Papstes, so auch das neue Lehrschreiben: „Die Armen sind die ersten Adressaten des Evangeliums“ (EG, Kapitel I, 48). Der Bezug auf sie hat bei Franziskus im Unterschied zu vielen seiner Äußerungen jedoch keinen metaphorischen, sondern einen sozialanalytischen und theologischen Charakter. Der Kampf gegen die Armut ist einer um die Subjektwerdung der Armen. Diese sind nicht das Objekt rührseligen Mitleids und karitativer Betreuung, worauf sich auch problemlos konservative und reaktionäre Kreise der Kirche einlassen können, weil sie mit vielen guten Werken auch etwas für ihr ewiges Leben tun möchten.

Wegen der oft vorkommenden und häufig zitierten »Option für die Armen« sei kurz noch etwas zu deren soziologischem und theologischem Status angemerkt. In den einschlägigen Texten kommt meist die ausführlichere Wendung »vorrangige Option für die Armen« vor. Das bedeutet, dass mit ihr Prioritäten gesetzt werden. Die Situation der Armen und deren Ursachen müssen berücksichtigt werden, bevor eine befreiende Evangelisierung in Gang kommen kann. Bereits Thomas Müntzer predigte seinen Bauern: „Man kann euch nicht von Gott reden, solange ihr in Knechtschaft lebt.“ Nur im Kampf und der Solidarität mit den Armen wird vermieden, dass aus dem Trost des Evangeliums billige Vertröstung wird. Implizit enthält die Option für die Armen auch das Verständnis der Armen als durch das System arm gemachte, also als ökonomische Klasse, was über ihre Wahrnehmung als verelendete Masse weit hinausgeht. Franziskus geht zwar nicht explizit darauf ein, weiß aber sehr wohl, und dies nicht nur aus Lateinamerika, dass die katholische Kirche sich nicht aus den Klassenkämpfen der Gegenwart heraushalten kann. Dafür liefert das Gegeifer seiner Gegner einen nachdrücklichen Beleg. Dies bedeutet keineswegs, dass die katholische Kirche die Reichen verachtet oder sogar ihr Feind ist: „Universale Liebe bemüht sich vielmehr, in Solidarität mit den Unterdrückten auch die Unterdrücker von ihrer Macht, ihren Ambitionen und ihrem Egoismus zu befreien“, heißt es beim peruanischen Befreiungstheologe Gustavo Gutiérrez.

Genau in diesem Sinne benennt Franziskus das Problem der Armut und der Existenz derselben auch als ein zentrales theologisches Problem und damit als eine radikale Herausforderung für das Selbstverständnis der Katholiken. Er schreibt: „Die evangelisierende Gemeinde stellt sich durch Werke und Gesten in das Alltagsleben der anderen, verkürzt die Distanzen, erniedrigt sich nötigenfalls bis zur Demütigung und nimmt das menschliche Leben an, indem sie im Volk mit dem leidenden Leib Christi in Berührung kommt“ (EG, Kapitel I, 24). Was hier in theologischer Sprache formuliert ist, bedeutet nichts anderes, als dass die katholische Kirche ihre eigentliche Existenz in der Solidarität mit den Leidenden und Unterdrückten findet. Jede Kirche, die von diesem Kriterium absieht und die frohe Botschaft nicht als materialistische frohe Botschaft verkündet – Ende von Armut, Ausbeutung und Unterdrückung –, also nicht praktisch werden lässt, verfehlt ihr Wesen.

Der Papst ein Marxist?

Wer seine Kapitalismuskritik, die Option für die Armen und das daraus resultierende Verständnis der Kirche und ihres Dienstes für die Menschen ernst nimmt, kann nicht übersehen, wie nah Franziskus der Praxis und den Grundlinien der Befreiungstheologie ist, auch wenn er mit guten Gründen vermeidet, dies explizit hervorzuheben. Das erkennen seine vielen Gegner im Vatikan, die sich, wie der Präfekt der Glaubenskongregation und Ratzinger-Intimus Erzbischof Gerhard Ludwig Müller, verzweifelt bemühen nachzuweisen, dass der Papst gerade kein Anhänger der Befreiungstheologie sei. Dies kommt in einer schon peinlich zu nennenden Vereinnahmung von Gutiérrez besonders zum Ausdruck. Es ist der allerdings hoffnungslose Versuch, zwischen einer »guten«, weil nichtmarxistischen, und einer »bösen«, weil marxistischen, Befreiungstheologie zu unterscheiden. Franziskus weiß natürlich um die Wirkmächtigkeit des Antikommunismus. Und auf den gegen ihn gerichteten Marxismusvorwurf antwortet er: „Die marxistische Ideologie ist falsch. Aber in meinem Leben habe ich viele Marxisten kennengelernt, die gute Menschen waren. Deshalb fühle ich mich nicht beleidigt.“ Kann man das als Distanzierung verstehen, ohne zu wissen, was er mit »marxistischer Ideologie« meint? Diese kann er sicherlich von marxistischer Theorie auseinanderhalten, denn »die Unterscheidung der Geister« ist seine gut trainierte Fähigkeit als Jesuit. Vor diesem Hintergrund entfaltet er in einem Interview in der italienischen Tageszeitung La Stampa vom 14. Dezember 2013 seine Einschätzung der weit verbreiteten Illusion, dass ein florierender Kapitalismus auch den Armen helfen würde: „Das Versprechen lautete: Sobald das Glas voll ist, würde es überlaufen und den Armen nützen. In Wirklichkeit aber geschieht etwas anderes: Sobald das Glas voll ist, wird das Gefäß auf irgendeine magische Weise größer. Daher springt für die Armen nie etwas heraus.“

Machtkämpfe in der katholischen Kirche

Es ist bedauerlich, dass in der so oft beschworenen kritischen Öffentlichkeit nicht hinreichend wahrgenommen wird, wie sehr der ideologische Klassenkampf in der katholischen Kirche an Fahrt aufgenommen hat. Diese Situation wird sich noch verschärfen, wenn die angekündigten Strukturreformen, allen voran bei der skandalgeschüttelten Vatikanbank und dem Verwaltungsapparat, durchgeführt werden und es an die Streichung von Pfründen und die Einschränkung von Machtpositionen geht: „Eine übertriebene Zentralisierung kompliziert das Leben der Kirche und ihre missionarische Dynamik, anstatt ihr zu helfen“ (EG, Kapitel I, 32), schreibt Franziskus. Im Rahmen der sich daran anschließenden Überlegungen plädiert er für eine stärkere Rolle der nationalen und regionalen Bischofskonferenzen, denen er eine gewisse authentische Lehrautorität zuerkennt, wie es bereits das II. Vatikanische Konzil, das letzte große Reformereignis der katholischen Kirche in den Jahren von 1962 bis 1965, gewünscht hatte. Auch das Papsttum muss reformiert werden, um den aktuellen Erfordernissen der Evangelisierung besser entsprechen zu können. All das weist darauf hin, dass der Papst bereit ist, jene Strukturen in Frage zu stellen, an denen der Großteil der vatikanischen Bürokratie hängt und die das größte Hindernis einer »armen Kirche für die Armen« sind, eine Formel, die Franziskus in direkter Anknüpfung an Papst Johannes XXIII. (1958–1963) geprägt hat.

Ein anderes Thema bleibt neuralgisch. Franziskus ist sich auch bewusst, dass eine Erneuerung der katholischen Kirche ohne eine Rehabilitierung der Frauen und ihrer Bedeutung für das Gedeihen der Kirche unmöglich ist. Glaubhaft betont er immer wieder die Würde der Frau und fordert die Aufwertung ihrer Rolle bei der Gestaltung der Kirche. Aber dann bleibt er doch in der Frage, ob Frauen zum Priester geweiht werden können, ein Gefangener traditioneller Vorbehalte und Fehldeutungen: Frauen wird es in dieser Funktion trotz gravierenden Priestermangels so schnell nicht geben (vgl. EG, Kapitel II, 103 f.).

Viele der derzeitigen Auseinandersetzungen, Neubesetzungen von Ämtern usw. drehen sich für Nichtkatholiken um scheinbar absurde Themen wie die Liturgiegestaltung. Aber dahinter verbergen sich heftige Machtkämpfe, in denen der Papst eine kluge, aber vorsichtige Personalpolitik zur effizienteren Durchsetzung seines Programms betreibt. So wurde beispielsweise der konservative US-amerikanische Kardinal Raymond Leo Burke nicht wieder in die Bischofskongregation berufen, die für Bischofsernennungen und Versammlungen zuständig ist – und dies ist kein Einzelfall.

Allerdings darf all das nicht darüber hinwegtäuschen, dass Franziskus nur über eine begrenzte Hausmacht verfügt. Der italienische Journalist und Vatikan-Berichterstatter Marco Politi entwirft in der italienischen Tageszeitung Il Fatto Quotidiano vom 6. Dezember 2013 ein Szenario: „Bis jetzt ist weder in den Kurien-Abteilungen noch im Weltepiskopat eine kompakte Gruppe von Kardinälen, Bischöfen und Priestern zu sehen, die bereit wären, für Bergoglios Reformen zu kämpfen, wie es die Verfechter der Gregorianischen Reform im Mittelalter oder nach der Wende durch das Konzil von Trient (2) getan haben. Die nationalen Bischofskonferenzen sehen tatenlos zu. Zu viele nehmen die Anstöße von Franziskus passiv entgegen. Viele Konservative warten schweigend darauf, dass er einen Fehltritt tut.“

Dies mag für den Moment stimmen. Aber die römischen Demütigungen und Verfolgungen nicht nur der lateinamerikanischen Kirche des Volkes und der Befreiungstheologie haben die fortschrittlichen Sektoren der Kirche nicht zerstören können. So gibt es berechtigte Hoffnung, dass der vom Papst beklagte „graue Pragmatismus des kirchlichen Alltags bei dem scheinbar alles mit rechten Dingen zugeht, in Wirklichkeit aber der Glaube verbraucht wird“, von einer vitalen Freude am Kampf für Gerechtigkeit und Befreiung abgelöst wird. „Herausforderungen existieren, um überwunden zu werden“, sagt der Papst.



(1) Dependenztheorie (von span. dependencia - Abhängigkeit, Unterordnung; Filiale bzw. port. dependência – Abhängigkeit) ist der Oberbegriff für eine Mitte der 1960er Jahre ursprünglich in Lateinamerika entstandene Gruppe von in ihren Grundannahmen eng verwandten Entwicklungstheorien, die die Existenz hierarchischer Abhängigkeiten (Dependenzen) zwischen Industrie- (Metropolen) und Entwicklungsländern (Peripherien) betonen und die Entwicklungsmöglichkeiten der Dritten Welt durch dieses Hierarchieverhältnis als begrenzt sehen. (Wikipedia)
(2) In den Jahren 1545 – 1563

Zwischenüberschriften und Anmerkungen von der Redaktion

Dieser Artikel wurde am 28.12.2013 auch in der Zeitung jungeWelt unter dem Titel „Dem Kapital an die Wurzel“ veröffentlicht.


 

Marseille-Forum

Am 10. und 11. November treffen sich die progressiven Kräfte Europas in Marseille zum Marseille-Forum, um eine Alternative Zukunft für Europa zu diskutieren. Die Europäische Linke unterstützt dieses Treffen.
Pierre Laurent, Nationalsekretär der Französischen Kommunistischen Partei (PCF):

EL Marseille-Forum PierreLaurent


 

100 Jahre Oktoberrevolution

marxistische linke lädt ein

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Das 20. Jahrhundert war eines der Revolutionen: in Russland, Ungarn, Deutschland, Spanien, China, Mexico, Chile, Cuba und vielen anderen Staaten. Daraus ragen die Oktoberrevolution und Maos Langer Marsch mit dem Sieg der Kommunisten 1949 als epocheprägende Ereignisse heraus. Diese Revolutionen sind Teil des langen Zyklus von Revolution und Gegenrevolution, der mit der französischen Revolution 1789 eröffnet wurde. Ging dieser lange Revolutionszyklus mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion zu Ende?  Was kann Revolution in den Ländern des entwickelten Kapitalismus heute noch heißen?
Wir diskutieren mit

Frank Deppe
Autor des Buches: 1917 | 2017 - Revolution & Gegenrevolution

Sa., 25. November 2017, 15:00 Uhr
Frankfurt a.M.
Gewerkschaftshaus, Wilhelm-Leuschner-Str. 69-71

Hinweis
Mi, 22. November 2017, 20:00 Uhr, Rüsselsheim, Stadtbücherei am Treff
Veranstalter: attac, DGB und Naturfreunden Rüsselsheim


 

Tödliche Agri Kultur - Wie Monsanto die Welt vergiftet

Monsanto-Glifosato

Demnächst entscheidet die EU über die Verlängerung der Zulassung von Glyphosat. Die EU will, dass Monsanto seinen Bestseller weitere zehn Jahre verkaufen darf.

Seit 20 Jahren werden in Argentinien riesige Flächen mit gentechnisch veränderter Soja bepflanzt. In Monokultur. Anfangs war das für die Landwirte, die Saatgutverkäufer und die Chemie-Konzerne ein Freudenfest. Allen voran: Monsanto. Heute ist das Modell Monsanto gescheitert. Nicht für die Investmentfonds, aber für die Landwirte vor Ort und für die Verbraucher in den Städten.

Tödliche Agri Kultur - Wie Monsanto die Welt vergiftet
Ein Film von Gaby Weber

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Marsch ins militärische Kerneuropa

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Frage: Am 10. und 11. November beraten in Marseille Parteien, Initiativen und Organisationen über neue Formen der Zusammenarbeit . Es gibt bereits verschiedene linke Foren und Denkfabriken, transform! ist eine davon. Warum muss jetzt noch ein weiteres Forum entstehen?

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Im Dossier "Linke Strategien" sind Artikel zusammengestellt, die auf kommunisten.de in verschiedenen Rubriken erschienen sind und sich mit Fragen linker Strategie, Neuformierung der Linken, etc. befassen.

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