Farkha Festival
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Farkha Festival2013 8 kerem 3116 30019.08.2013: Heute ist der letzte Tag des 20. Farkha-Festivals. Eine lange Woche geht zu Ende, aber eigentlich hat noch niemand Lust, jetzt schon zu fahren. In der Früh werden die letzten (Verschönerungs) - Arbeiten auf den Baustellen erledigt und es ist wirklich erstaunlich, wieviel wir in diesen paar Tagen geschafft haben. Auch die Organisatoren des Camps sind beeindruckt und stolz auf uns. Als deutsche Delegation fahren wir vormittags nach Ramallah, um einige Dinge zu erledigen. So haben wir ein Gespräch im PLO-Hauptquartier mit drei Mitgliedern des PPP-Zentralkomitees (u.a. Samir Saif und Nasri Abucesh) über die politische Lage in Europa und Palästina geführt.

Anschließend besuchten wir das Grab von Jassir Arafat. Dort waren bis vor einigen Monaten an beiden Seiten des Gebäudes Zitate aus Gedichten des kommunistischen Schriftstellers und Poeten Mahmoud Darwish über Arafat zu lesen. Diese wurden dieses Jahr entfernt und durch riesige Koransuren ersetzt. Warum, dass kann uns auch die Genossin, die uns begleitet, nicht erklären. Danach sind wir an das erst vor kurzem fertig gestellte Grab und Denkmal eben jenes weltbekannten palästinensischen Dichters Darwish gefahren, der 2008 in Houston gestorben ist.

Unterwegs haben wir mit der uns begleitenden Genossin eine Diskussion über die sog. Tahrir-Bewegung (Freiheitsbewegung). Diese ist eine islamische Glaubensgemeinschaft (Cemaat), die im Untergrund ihre Mitglieder organisiert und für die Wiedereinführung des Kalifats wirbt. Viele Geschäftsleute unterstützen diese Bewegung, die dadurch ökonomisch sehr stark ist. Einmal im Jahr, zum Jahrestag der Abschaffung des osmanischen Kalifats im März 1924, demonstriert die Tahrir-Bewegung mit Tausenden von AnhängerInnen. Gegen die israelische Besatzung bleiben sie tatenlos, denn mit der Wiedereinführung des Kalifats würde diese von alleine verschwinden, so die Argumentation. Eine Schlussfolgerung, die die Anhänger zur Passivität verdammt und somit objektiv der Besatzung in die Hände spielt.

Als wir am Nachmittag wieder zurückfahren, herrscht ein reges Treiben im Camp. Alles läuft auf Hochtouren, um die Abschlusszeremonie zu einem Erfolg werden zu lassen. Trotzdem gibt es noch zwei Workshops: Einen zum Thema „Friedensgespräche“, an dem ich nicht teilnehmen konnte, weil ich in Ramallah war. Allerdings ist klar, dass alle gegen die Friedensgespräche sind. Selbst die PLO-Führung und die Führung der Fatah(!) sei dagegen, so die Mitglieder des ZK der PPP im Gespräch in Ramallah. Einzig und allein die Clique um Präsident Abbas sei dafür.

Der zweite Workshop am heutigen Tag war wirklich ein inhaltliches Highlight des Festivals. Der Vorsitzende von JLAC, dem Jerusalem Legal Aid and Human Rights Center (http://www.jlac.ps/) war gekommen und berichtete über Menschenrechtsverletzungen im alltäglichen Leben.

Die Organisation JLAC kümmert sich um (Menschen-)Rechtsverletzungen in Israel durch die israelische Besatzung, aber auch durch die Palästinensischen Autonomiebehörde. So kümmert sie sich um Fälle von illegalen Häuserzerstörungen durch die israelischen Besatzer, um die Vertreibung von Beduinen von ihren angestammten Lagerplätzen, aber auch um Folter in israelischen und palästinensischen Gefängnissen. In israelischen Gefängnissen ist es, so der Referent, zudem normal, politische Häftlinge, die in Haft durch Krankheit, Alter oder aus sonstigen Gründen sterben würde, in anonymen nummerierten Sammelgräbern zu „bestatten“ und die Leichname nicht den Angehörigen in Palästina zu übergeben. Dagegen hatte JLAC geklagt und erreicht, dass mehr als 100 Tote an ihre Familien übergeben werden mussten. Insgesamt ist JLAC eine der erfolgreichsten Organisationen bei der Durchsetzung von Menschenrechten auf juristischem Wege, so haben sie schon viele gerichtliche Fälle in Palästina und Israel gewonnen und konnten zum Beispiel Hausdemolierungen verhindern oder verzögern.

Der Referent betonte in seiner Einleitung, dass Menschenrechte eigentlich von uns allen im alltäglichen Leben verletzt werden würden. Sprache sei dabei ein zentrales Mittel der unbewussten Menschenrechtsmissachtungen. Zum Beispiel das Wort „barbarisch“. Das gehe auf das Volk der Berber zurück, die mit der jetzigen Bedeutung des Wortes verletzt werden würden. Auch die arabische Bezeichnung für Schwarze, die wörtlich übersetzt „Sklave“ bedeutet, trägt Rassismus und Verletzung der Menschenrechte in sich, auch wenn man sich dessen oftmals nicht bewusst sei.

Nach einem geschichtlichen Rückgriff auf die Entwicklung der Menschenrechte vom Jahr 200 vor Christus bis zur allgemeinen Deklaration der Menschenrechte 1948 schlussfolgerte der JLAC-Vertreter, dass man seine Menschenrechte kennen müsse, um sie als Waffe benutzen zu können. Insgesamt war dies ein sehr spannender Workshop, wobei ich mich frage, ob es nicht ein Kampf gegen Windmühlen ist, in Israel (und auch in Palästina) auf die Einhaltung der Menschenrechte zu pochen, wo doch die Grundlage dieses Staates eine Verletzung der Menschenrechte darstellt, wo Besatzung, Krieg und Mord tagtäglich geschehen.

Gegen 19:00 Uhr begann dann die Abschlussveranstaltung, zu der prominente Gäste erschienen waren. Der parteilose palästinensische Kulturminister Dr. Anwar Abu Eisha, der bis zum Schluss der Veranstaltung blieb, der Bürgermeister der Stadt Salfit, der Armeechef der Region Salfit, der Fatah-Vorsitzende der Region und das PPP-ZK Mitglied Nasri Abu Cesh, der gleichzeitig Botschafter Palästinas in Tansania ist. Der Kulturminister betonte in seiner Rede die Wichtigkeit des Festivals. Das Festival sei eine Unterstützung des Kampfes für ein freies Palästina und vor allem im Kampf gegen die Siedlungen wichtig.

Nasri Abu Cesh betonte die Ablehnung der derzeitigen Friedensgespräche, die bei dem massiven Siedlungsbau keinerlei Grundlage haben würden. Wichtig sei jetzt die internationale Solidarität um Israel zu isolieren.

Auch wir als InternationalistInnen hielten eine Rede (Anhang), in der wir betonten, dass dieses Festival der Beginn der Umsetzung unserer Vorstellungen von einer anderen, einer solidarischen  Gesellschaft sei. „Ohne Hoffnung sind wir verloren“, wie Mahmoud Darwish einst schrieb. Das 20. Farkha-Festival mache uns Hoffnungen und gebe uns Kraft für unseren Kampf in den europäischen Ländern.
 
Auffällig war die große Beteiligung von Frauen an der Veranstaltung, mehr als 70% der 1000 Gäste waren Frauen, vor allem direkt aus Farkha. Ein Grund dafür war, dass am Ende der Veranstaltung die AbsolventInnen der verschiedenen Schularten im Dorf auf der Bühne mit einer Urkunde und einem Geschenk geehrt wurden.

Nach dem Ende der offiziellen Feierlichkeiten gab es auch bei den Freiwilligen unter Tränen erste Verabschiedungen, da einige noch in der Nacht in ihre Städte zurückfahren mussten, um dort am Montag an ihre Arbeitsplätze zurückzukehren. Die Fahne der DKP habe ich an GenossInnen der Israelischen Kommunistischen Partei aus Akko übergeben, die sie dort am Parteigebäude aufhängen wollen.

Ich schreibe diese Zeilen Montag früh, das Camp wacht gerade auf und es liegen noch einige Aufräumarbeiten vor uns, denn in dieser Woche beginnt auch wieder die Schulzeit und wir müssen die von uns genutzte Schule sauber hinterlassen. Dies ist der letzte Bericht vom 20. Farkha-Festival aus Palästina. Für Kritik an den Artikeln bin ich immer offen. Die Umstände, wie diese Berichte entstanden sind, waren immer etwas schwierig: Wenig Zeit, Lärm, Hitze, Ablenkung, keinen Arbeitsplatz – all dies kann dazu geführt haben, dass es (eventuell berechtigte) Kritik gibt, für die ich immer offen bin. Wer Interesse an einer Veranstaltung zu einem Bericht vom Festival, über die aktuelle Lage in Palästina und die linken Kräfte dort hat, der kann mich gerne unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! kontaktieren.

Hoffentlich klappt alles bei der Ausreise in Tel Aviv.

Kerem Schamberger

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