Reallohnverluste ohne Ende

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05.02.2010:Die Nettolöhne je Beschäftigten verminderten sich im vergangenen Jahr um 0,9%, berücksichtigt man die gestiegenen Lebenshaltungskosten von + 0,4%, dann ergibt sich daraus ein Reallohnverlust von 1,3%, d.h. Im Durchschnitt hatte jeder Arbeitnehmer eine Kaufkrafteinbuße von 1,3% hinnehmen müssen. Und das im fünften Jahr  in Folge: Seit 2005 verringerten sich Jahr für die Netto-Reallöhne - auch in den Aufschwungjahren. Insgesamt entstand dadurch in den Portemonnaies ein Loch von 6,4% weniger Kaufkraft, mit der Folge verringerter Nachfrage der  Arbeitnehmerhaushalte.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) kommt in seiner Studie „Reallöhne in Deutschland über mehrere Jahre rückläufig“ zu dem Ergebnis: „Die Netto-Reallöhne sind in Deutschland seit Anfang der 90er Jahre kaum gestiegen. Von 2004 bis 2008 gingen sie sogar zurück, eine in der Geschichte der Bundesrepublik einmalige Entwicklung, denn nie zuvor ging ein durchaus kräftiges Wirtschaftswachstum mit einer Senkung der realen Nettolöhne über mehrere Jahre einher. Maßgeblich hierfür ist nicht etwa eine höhere Belastung der Lohneinkommen durch Steuern und Sozialabgaben, sondern die – auch im internationalen Vergleich – außerordentlich schwache Steigerung der Entgelte. Dieser Befund ist umso bemerkenswerter, als sich die Qualifikation der beschäftigten Arbeitnehmer im Durchschnitt erhöht hat, was für sich genommen einen deutlichen Anstieg der Verdienste hätte erwarten lassen. Im Gegensatz zur Lohnentwicklung sind die Einkommen aus selbständiger Tätigkeit sowie aus Kapitalvermögen in den vergangenen Jahren kräftig gestiegen, sodass die Arbeitnehmerentgelte einen immer geringeren Teil des Volkseinkommens ausmachen“.

Wenn sich im vergangenen Jahr die privaten Konsumausgaben dennoch um 0,4% leicht erhöhten und einen positiven Beitrag zur Konjunktur lieferten, so lag das an der Abwrackprämie. Dadurch erhöhte sich der Posten „Verkehr, Nachrichtenübermittlung“ in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) um 5,2%. Ohne die zusätzlichen Käufe von Personenwagen wäre der private Verbrauch um 1,0% eingebrochen, schätzt das Statistische Bundesamt.

Ausblick 2010: Keine Wende zum Besseren

In diesem Jahr stehen Tarifverhandlungen für 9,4 Millionen Beschäftigte an, unter anderem im Öffentlichen Dienst (Bund und Gemeinden: 1,58 Millionen Beschäftigte) und auch im Metallbereich mit 3,46 Millionen Beschäftigten. Die Unternehmerverbände fordern Nullrunden. Gesamtmetallpräsident Kannegiesser: „Es gibt keinen Verteilungsspielraum“. Wie die Nachfrage nach ihren Produkten steigen soll, zumal auch der Export geschrumpft ist, bleibt das Geheimnis der Unternehmer. Die IG Metall will mit den Metallindustriellen ein „Job-Paket“ aushandeln, das so genannte Kleine Kurzarbeitergeld. Danach soll es möglich werden, die Wochenarbeitszeit in der Branche tarifvertraglich nicht nur, wie jetzt bereits zulässig, von 35 auf 30 Stunden, sondern auf 26 Stunden zu senken. Dafür sollen die Firmen, wenn sie dieses Modell anwenden, für die Laufzeit die Jobs garantieren. Die IG Metall will allerdings, dass es einen Teillohnausgleich für die verkürzte Arbeitszeit gibt. Gedacht ist dabei auch an staatliche Zuschüsse. Ansonsten denkt die IG Metall für die Tarifrunde nur einen Inflationsausgleich an. Im Endeffekt läuft beides auf Lohnverzicht hinaus. Nach Ansicht des Konjunkturforschers und Präsidenten des IMK, Gustav Horn, bedeutet Lohnzurückhaltung „Gift für die Wirtschaft“. Und Heiner Flassbeck, früher Konjunkturforscher am DIW und heute Chefökonom der UN-Organisation für Welthandel und Entwicklung (UNCTAD): „Lohnverzicht kann die Beschäftigung in einem einzelnen Betrieb sichern – gesamtwirtschaftlich führt er tiefer in die Rezession“. Genau diesen Lohnverzicht plant die Bundesregierung in ihrem Jahreswirtschaftsbericht  2010 bereits ein: Nach ihrer  Jahresprojektion steigen die Bruttolöhne- und -gehälter je Arbeitnehmer um 0,9%, was nach Abzug der erwarteten Teuerung von 1,1% bereits ein Minus bedeutet. Erhöhte Sozialabgaben und Steuerprogression noch gar nicht eingerechnet. Die gesamte Brutto-Lohnsumme verzeichnet wegen Auslaufen der Kurzarbeit und erhöhter Arbeitslosigkeit ein Minus von 0,3%. Infolgedessen verringern sich die Konsumausgaben nach der Regierungsprognose um – 0,5%. Wirtschaftsminister Brüderle treuherzig: „Der private Konsum wird 2010 leider keinen Beitrag zum Wachstum leisten“. Woher das wohl kommt?

Sicherlich, die Situation ist kompliziert. „Was also sollen die Gewerkschaften tun?“, fragt Heiner Flassbeck. „Sie können doch keine Lohnerhöhung fordern, so als gäbe es gar keine Krise, hört man allenthalben. Doch, das genau ist der einzige Weg, um die Krise rasch zu überwinden. Nur wenn die Konsumenten in Deutschland – und das sind überwiegend Arbeiter und Rentner – erwarten können, dass ihre Einkommen trotz Krise im normalen Umfang steigen, kann Deutschland aus eigener Kraft die Krise überwinden“.

Text: fresch/isw

(Das nächste isw-Wirtschaftsinfo erscheint Ende März)

 
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